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06.06.2014 - 17:24 Uhr


"Brasilien ist das Wunderland des Fußballs"

Reiner Calmund war von 1988 bis 2004 Manager und Geschäftsführer von Bayer Leverkusen

Calmund holte brasilianische Talente wie Emerson, Ze Roberto und Paulo Rink (v.l.n.r.) in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen

Der 65-Jährige sieht die DFB-Elf nicht als Top-Favorit: "Unsere Gruppe ist schwerer als viele denken"

München - Kein anderer deutscher Fußball-Funktionär hat über Jahrzehnte so große Brasilien-Erfahrung sammeln können wie Reiner Calmund. In seine Zeit bei Bayer 04 Leverkusen fallen die größten Erfolge des Clubs wie der Gewinn des UEFA-Pokals 1988 oder die Champions League-Finalteilnahme 2002. Mit Jorginho, Lucio, Emerson und Juan verpflichtete er zudem Spieler, die in Leverkusen allesamt zu Topstars reiften und es schließlich sogar zu Kapitänen der Selecao brachten (Diashow: Bayers Brasilianer).

Im Interview mit bundesliga.de spricht Calmund über die Weltmeisterschaft, liefert eine sportliche Einschätzung der Favoriten und erinnert sich noch einmal an seine eigenen Brasilien-Trips und die dortigen Erlebnisse.

bundesliga.de: Herr Calmund, die WM in Brasilien - ist das für jeden Fußballfan die Erfüllung seines größten Wunschtraums?

Reiner Calmund: Brasilien ist ein Land zum Verlieben. Das ist unbestritten. Religion, Fußball, Karneval, Samba und die spezielle Lebensfreude sind die Top-Five der Brasilianer. England ist zwar das Mutterland des Fußballs, Brasilien ist mit seinen fünf WM-Titeln jedoch Rekord-Weltmeister und das Wunderland des Fußballs.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie WM-Gastgeber Brasilien ein?

Calmund: Brasilien ist nach dem Confed-Cup Sieg im letzten Jahr und mit dem fußballverrückten Publikum als zwölftem Mann im Rücken der große Favorit. Aber: Der Druck von den Straßen und Tribünen kann für die Brasilianer, die ein sehr junges und relativ unerfahrenes Team stellen, zu stark sein. Wir hatten in Leverkusen 15 brasilianische Nationalspieler mit vielen WM-Einladungen. Wenn die ein Einladungsschreiben für ein WM-Turnier bekamen, dachten sie, der liebe Gott hätte sie nominiert. Die springen dann hoch in die Luft, doch ganz oben fällt ihnen ein: Wenn wir mit der Selecao nicht den WM-Titel holen, müssen wir zum Gesichts-Chirurgen.

bundesliga.de: Die Brasilianer scheinen mehr denn je gelernt zu haben, sich nicht nur auf ihre spielerische Klasse zu verlassen. So wurden im Confed-Cup-Endspiel 2013 gegen Spanien 27 leichte Fouls gezählt, die den Spielfluss der Spanier zerstören sollten; ist die Mischung aus brasilianischem Samba-Fußball und taktischer Cleverness so etwas wie eine Titel-Garantie?

Calmund: Das ist und war auch in früheren Zeiten die Erfolgs-Taktik des Rekord-Weltmeisters. Brasilien hat seine Titel nicht nur mit Samba-Fußball gewonnen. Taktische Disziplin und knallharte Abwehrarbeit sind im Spiel der Südamerikaner nicht wegzudenken. Die alte Weisheit "Mit guten Angreifern gewinnst du Spiele, mit erstklassigen Defensivspielern Titel" gilt weltweit. Beim 2:0-Finalsieg in Tokio gegen Deutschland war Ronaldo mit seinen beiden Toren zwar der große Star, doch Innenverteidiger Lucio wurde für seine weltmeisterliche Leistung von allen gefeiert. Auch beim WM-Erfolg 1994 in den USA über Italien waren Romario und Bebeto die Lieblinge der Selecao-Fans. Doch die Basis zum WM Titel legten ganz klar Jorginho, Cafu, Marcio Santos und Aldair in der Abwehr. Im defensiven Mittelfeld bildeten der bullige zweikampfstarke Mauro Silva und der kluge Stratege und Kapitän Dunga damals ein Traum-Duo.

bundesliga.de: Wer sind ihre Favoriten?

Calmund: Unsere Gruppe ist schwerer als viele denken. Die USA waren bei der letzten WM Gruppensieger vor England und ich habe unseren glücklichen 1:0 Viertelfinalsieg gegen die Amerikaner in Südkorea noch nicht vergessen. Ghana war bei den letzten beiden Turnieren das einzige afrikanische Nationalteam, das die K.o.-Runde erreichte. 2010 mussten wir im Gruppenspiel unbedingt gewinnen, und ich war damals heilfroh, dass wir uns mit einem knappen 1:0-Sieg für das Achtelfinale qualifizieren konnten. Ghana schied übrigens erst im Viertelfinale unglücklich gegen Uruguay aus. Auf meine Favoriten Niederlande, Weltmeister Spanien, Angstgegner Italien, Geheim-Tipp Chile und Top-Favorit Brasilien können wir erst sehr spät im Wettbewerb treffen.

bundesliga.de: Sie haben in der Vergangenheit wie kaum ein anderer deutscher Fußball-Funktionär Brasilien-Erfahrung sammeln können; was kommt dort auf die europäischen und damit vor allem auf die deutschen Spieler zu? Welche Rolle schreiben Sie dem Klima zu für den Ausgang der WM?

Calmund: Mir wird viel zu viel über die Klima-Problematik gesprochen. Die wird es beispielsweise im feucht-tropischen Manaus geben, allerdings nicht in den Spielorten der Deutschen. Während der WM liegen die Temperaturen für unsere Mannschaften im Normalbereich. Zum Auftakt gegen Portugal in Salvador werden 27 Grad vorausgesagt. In Fortaleza gegen Ghana kann das Quecksilber vielleicht ein paar Grad höher klettern. Wenn es in die K.o.-Runden geht, sind die Temperaturen in den Fußball-Metropolen wie Sao Paulo und der Hauptstadt Brasilia optimal. Klimatische Probleme kann es für die südamerikanischen Nachbarn geben. Ob in Uruguay, Chile oder Argentinien - höchstens 15 Grad gibt es dort in dieser Zeit. Da wird die Umstellung aus dem südamerikanischen Winter schwieriger als die für die Europäer aus unserem frühen Sommer. Also: Bange machen gilt nicht. Am Wetter werden Jogis Jungs nicht scheitern.

bundesliga.de: Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihre erste Dienstreise für Bayer Leverkusen nach Brasilien?

Calmund: Es war eigentlich eine Urlaubsreise nach Rio. Ich lernte damals Heinz Prellwitz kennen, einen Deutschen, der seit vielen Jahren in Brasilien lebte. Heinz war Journalist, Fotograf und PR-Mann bei adidas, vor allen Dingen aber ein großer Kenner der Szene dort und ein fantastischer Mensch. Gemeinsam mit ihm und Berti Vogts besuchten wir ein Abschiedsspiel von einem Nationaltorwart in Maracana. Der unbekannte Tita begeisterte uns, wir verpflichteten ihn nach ein paar weiteren Spielbeobachtungen für vergleichsweise lächerliche 500.000 Dollar. Tita war dann maßgeblich an unserem UEFA-Cup-Sieg beteiligt. Dank Heinz Prellwitz und der Arbeit unseres Chef-Scouts Norbert Ziegler konnten wir über die Jahre einen Anker in Brasilien werfen, der bombenfest hielt.

bundesliga.de: Gibt es eine besondere Anekdote, die Sie von Ihren Reisen zum Besten geben können?

Calmund: Einmal gab es einen Fast-Absturz mit einem Lear-Jet auf dem Flug von Rio nach Porto Alegre. Nach der Landung ist es uns mit zitternden Knien dennoch gelungen, den Weltklassespieler Emerson für Bayer 04 zu verpflichten.

bundesliga.de: Von allen Brasilianern, die Sie nach Leverkusen geholt haben - wer war der Beste?

Calmund: Mit Jorginho, Emerson, Lucio und Juan holten wir vier Spieler, die während ihrer Zeit bei Bayer 04 Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft wurden. Das waren Weltklassespieler, in Brasilien rangierten die in der Wichtigkeitsskala direkt hinter dem Staatspräsidenten. Natürlich muss man aber auch Tita als positiven Schlüssel zu unseren Brasilien-Transfers und Ze Roberto - er ist hinter Claudio Pizarro der ausländische Rekordspieler der Bundesliga - nennen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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