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25.06.2012 - 11:24 Uhr


Wie Karl Wald die Engländer quält

Alessandro Diamanti versenkt den Ball im Tor - Joe Hart fliegt in die falsche Ecke

Alessandro Diamanti versenkt den Ball im Tor - Joe Hart fliegt in die falsche Ecke

Penzberg/München - Der Mann, der das Fußball-Drama auf den Punkt brachte, liegt in Penzberg begraben. Alte Weiden säumen die kleine Allee, die auf dem Friedhof zur Urnenhalle führt, und wer das Ehrengrab für die Toten des Zweiten Weltkriegs rechts liegen lässt, danach hinter der Hecke abbiegt, steht vor dem unscheinbaren Stein: Dort ist das Grab von Karl Wald, dem Erfinder des Elfmeterschießens. 2011 starb er im Alter von 95 Jahren.
In England, das ist einer der ersten Gedanken, wäre Wald wohl Staatsfeind Nummer eins. Dramen hätte sich das Mutterland des Fußballs im halben Dutzend ersparen können (auch bei dieser EM...), wäre der Schiedsrichter und gelernte Friseur, geboren am 17. Februar 1916 in Penzberg, Oberbayern, nicht 54 Jahre später vom "Geistesblitz" getroffen worden: Der "Krimi vom Punkt" (Wald), oder, wie in den Statuten der FIFA später stand, "Schüsse von der Strafstoßmarke zur Siegerermittlung", eine Idee, die den Fußball veränderte.

Münzwurf? "Es konnte so nicht weitergehen"



Karl Wald, der seine letzten Jahre in einem Altenheim lebte, hat die Eingebung sportliche Unsterblichkeit verliehen. Häufig dachte er auch im gesetzten Alter verärgert an die Zeiten zurück, in denen es am Ende einer Verlängerung kein sportliches Entscheidungskriterium mehr gab. "Siege per Münzwurf, das waren keine Siege, das war gar nichts! Dermaßen ungerecht war das! Es konnte so nicht weitergehen", erzählte er.

Doch wie das so ist mit revolutionären Neuerungen: Im verkrusteten Schiedsrichterwesen stieß der Vorschlag erst mal auf taube Ohren. Wald, der während des Krieges im Pariser Prinzenpark-Stadion Fußballspiele des Militärs geleitet hatte, testete seine Idee heimlich bei Oster- oder Schulturnieren. Und plötzlich waren Münzwurfe und Wiederholungsspiele vergessen - Hunderte schlugen sich fast um die besten Plätze am Strafraum.

Eine Revolution von unten



Nun mussten nur noch die Granden des Weltfußballs überzeugt werden. Wald setzte auf eine Revolution von unten und präsentierte seinen Vorschlag am 30. Mai 1970 beim 12. Schiedsrichter-Verbandstag des Bayerischen Fußball-Verbandes in München. Die "neumodische Idee" passte dem Präsidenten Hans Huber, eher ein konservativer Vertreter, überhaupt nicht in den Kram, doch Karl Wald kann stur sein: "Herr Präsident, ich habe Ihnen heute einige Stunden sehr diszipliniert zugehört. Ich bitte Sie daher, mir fünf Minuten ebenfalls zuzuhören!"

Es folgte ein flammender Appell für Gerechtigkeit und gegen die unbefriedigende Regentschaft des Zufalls. "Kameraden! Ich bitte Sie, geben Sie dem Antrag grünes Licht, Erfolg rechtfertigt alles. Vielen Dank", schloss Wald damals. Nach 30-minütiger Beratungspause wurde es spannend - und Hans Huber gab nach.

Das Elfmeterschießen trat seinen Siegeszug an, ließ die Deutschen jubeln, aber Niederländer und Engländer verzweifeln. Doch zuvor waren nicht weniger als 47 Sondersitzungen der Regelkommission des Weltverbandes nötig gewesen, um 1976 die wulstige Umschreibung ins Regelwerk aufzunehmen. Und das war eine richtige Entscheidung - zum 90. Geburtstag von Karl Wald gratulierte der FIFA-Präsident Joseph S. Blatter höchstpersönlich.

Wald machte sich nicht nur Freunde



Das Elfmeterschießen bescherte dem Fußball eine ganz neue Dimension von Dramatik, zuletzt war dies wieder im Champions-League-Finale zwischen Bayern München und dem FC Chelsea zu erleben. Kaum auszudenken, Schiedsrichter Pedro Proenca hätte nach 120 Minuten eine Münze aus der Hosentasche gezaubert.

Doch natürlich machte sich Karl Wald nicht nur Freunde. "Das ist, als würde ein großer Krieg nicht mit einem geistigen Kräftemessen am Konferenztisch beendet, sondern mit einer Partie russischem Roulette zwischen ausgewählten Gefreiten auf beiden Seiten", sagte Oscar-Preisträger Sir Peter Ustinov einmal. Inzwischen aber bezweifelt niemand mehr den Sinn der Strafstoß-Lotterie. Außer Bastian Schweinsteiger vielleicht. Stuart Pearce. Uli Hoeneß. Chris Waddle. Und seit Sonntag Ashley Young. Wieder England.
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