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23.06.2012 - 15:11 Uhr


Weltrekord-Siegeszug schürt die Euphorie

Nur nicht abheben: Marco Reus (2.v.r.) und Jerome Boateng (r.) bejubeln den Treffer zum 4:1

Bundeskanzlerin Angela Merkel fieberte auf der Tribüne mit - anschließend besuchte sie das Team in der Kabine

Philipp Lahm erzielte die Führung - in ähnlicher Manier wie er 2006 gegen Costa Rica getroffen hatte

Jogi Löw (r., mit Khedira) hat erneut ein gutes Gespür bei der Aufstellung bewiesen

Gdansk - In der Kabine gab es ein großes Hallo, als die Bundeskanzlerin freudestrahlend zum Gratulieren vorbeischaute. Aber nicht nur "Edelfan" Angela Merkel zeigte sich von der deutschen Nationalmannschaft begeistert. Knapp 27 Millionen vor den TV-Geräten und Hunderttausende Anhänger auf den Straßen feierten in Deutschland einen Weltrekord-Siegeszug, an dessen Ende am 1. Juli in Kyiw das lang ersehnte Happy End stehen soll.
Dass bei der Ankunft im Hotel "Dwor Oliwski" gegen Mitternacht kurz der Strom ausgefallen war, war auf diesem Weg nur eine kleine Panne. "Das ist die helle Freude. Wir stehen zum vierten Mal in Folge unter den letzten Vier bei einem großen Turnier, das ist einfach eine Klasseleistung - und es ist noch nicht zu Ende. Dieser Mannschaft ist so oder so alles zuzutrauen", sagte ein stolzer DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Neuer Weltrekord: 15 Pflichtspiele in Folge gewonnen



Er bejubelte ausgelassen mit der Kanzlerin den hochverdienten 4:2 (1:0)-Erfolg gegen überforderte Griechen auf der Tribüne in Gdansk.

Die Entwicklung der DFB-Auswahl seit dem EM-Desaster 2004 und ein Weltrekord - noch nie hatte eine Nationalmannschaft 15 Pflichtspiele in Folge gewonnen - ließen selbst Bundestrainer Joachim Löw ins Schwärmen geraten. Es klang fast schon wie eine Drohung an die Konkurrenz, als er unterstrich: "Es ist die jüngste Mannschaft des Turniers, sie hat eine großartige Perspektive."

Das Halbfinale am Donnerstag in Warschau gegen Italien oder England soll nur ein Zwischenstopp sein. Das Team gehe die Aufgabe "sehr, sehr selbstbewusst" an, betonte Kapitän Philipp Lahm und ergänzte: "Wir zählen zu den Favoriten. Wenn man schaut, wer im Halbfinale der Champions League stand, dann waren das zehn Spieler von uns. Das kann außer Spanien niemand aufweisen."

Löw beweist glückliches Händchen



Dennoch wollte Löw bei allem Stolz auf sein Team die kollektive Euphorie nicht überkochen lassen. Alle vier Halbfinalisten seien "berechtigterweise Titelanwärter. Sie können alle auf einem ähnlichen Niveau spielen. Es entscheiden Kleinigkeiten in solchen Spielen. Das sind alles große Nationen", warnte er - wohlwissend, dass die DFB-Auswahl 2006 gegen Italien (0:2 n.V.) und 2010 gegen Spanien (0:1) im Halbfinale sowie 2008 gegen Spanien (0:1) im Endspiel gescheitert war.

Diesmal soll der große Wurf gelingen. Löw wäre ein Denkmal gewiss, zumal der 52-Jährige momentan mit seinen Entscheidungen immer richtig zu liegen scheint. In der Vorrunde überraschte er mit den Personalien Mats Hummels und Mario Gomez - und hatte Erfolg. Gegen Griechenland waren die Wechsel auf Miroslav Klose, Marco Reus und Andre Schürrle "der Schlüssel zum Erfolg".

Zwar habe es ihm "schon ein bisschen weh getan", dem dreifachen Torschützen Mario Gomez, einem Lukas Podolski und Thomas Müller mitteilen zu müssen, dass sie erst mal nur Ersatz sind. "Aber ich musste frischen Wind bringen. Das war der Tag der Veränderungen, die Zeit war reif. Manchmal spürt man so etwas", so begründete Löw die Umstellungen.

Und wieder lag er mit seinem "Bauchgefühl" goldrichtig: "Es ist sehr gut aufgegangen." Klose (68.) und Reus (74.) trugen sich sogar in die Torschützenliste ein.

Khedira stellt alle in den Schatten



Dass es kurzzeitig auch für die Kanzlerin "sehr aufregend" wurde, lag daran, dass Georgios Samaras (55.) überraschend die Führung von Philipp Lahm ausglich. Doch der bärenstarke Sami Khedira, der sogar den "Man of the Match" Mesut Özil, vor allem aber den fahrig wirkenden Bastian Schweinsteiger in den Schatten stellte, sorgte mit seinem 2:1 (61.) schnell dafür, dass Merkel nicht allzu lange "bibbern" musste.

Auch Löw hatte zu diesem Zeitpunkt längst seine Contenance wiedergefunden, nachdem er in der 25. Minute erst wutentbrannt die Ersatzbank malträtiert hatte und danach sogar kurz im Kabinengang verschwunden war. "Ich habe mich einfach geärgert. Wir hatten zuvor drei, vier Chancen, aber kein Tor gemacht. Das waren eben die Emotionen, die rausgekommen sind", sagte er.

Am Ende überwog die Zufriedenheit damit, "dass wir von der Spielanlage sehr gut gespielt haben und nicht in Hektik verfallen sind. Die Griechen waren mit vielen Dingen, die wir gemacht haben, überfordert."

Merkel zu Besuch in Kabine



So sah es auch Expertin Merkel: "Es war ein tolles Spiel. Glückwunsch, weiter so." Diese Einschätzung teilte sie der Mannschaft auch beim rund zehnminütigen Kabinenbesuch nach dem Spiel mit - verbunden mit dem ausdrücklichen Wunsch, die DFB-Auswahl möge doch bitte das Finale erreichen. Erst dann kann die Kanzlerin wieder persönlich die Daumen drücken - beim Halbfinale muss sie passen, EU statt EM ist angesagt.

Welche Überraschung Löw bei dieser Partie möglicherweise wieder aus dem Hut zaubert, ist offen. Gomez und Co. hoffen, wieder von Beginn an zum Einsatz zu kommen. Ihre "Degradierung" nahmen sie zumindest sportlich. "Ich war darüber natürlich nicht erfreut, aber ich musste das akzeptieren", sagte Gomez. Es sei für Löw "eine schöne Situation. Er kann eigentlich bringen, wen er will. Es funktioniert."

Diese Ansicht teilt auch Lahm. "Wir haben einen sensationellen Kader. Jeder muss um seinen Platz kämpfen." Auch der erneut sehr souverän auftretende Mats Hummels stellte fest, dass die Breite des Kaders phänomenal ist. "Wenn nicht gerade 23 Mann ausfallen, haben wir auf jeden Fall eine super Truppe auf dem Platz."
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