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27.06.2012 - 13:45 Uhr


Auferstanden aus Ruinen

Wettskandale erfolgreich verdrängt: Nationalkeeper Gianluigi Buffon überzeugt mit starken Leistungen

Die Stimmung bei den "Azzurri" vor dem Halbfinale könnte kaum besser sein

Mit diesem Elfmeter von Alessandro Diamanti schaffte Italien den Halbfinal-Einzug

München - Paolo steht an der Wursttheke seines Feinkostladens in Mailand und schimpft wie ein Rohrspatz. Auf die Frage nach dem Zustand des italienischen Fußballs macht er gestenreich deutlich, was er von ihm hält. Wettskandale, Zuschauerschwund und fehlende internationale Erfolge haben dem "Calcio" so zugesetzt, dass Paolo nur noch widerwillig über das einstmals nationale Heiligtum spricht. Das war vor dem Beginn der Europameisterschaft.
Vier Wochen später haben sich nicht nur bei Paolo die Dinge grundlegend geändert. Die "Squadra Azzurra"? Spielt begeisternden Fußball! Die Skandale? So schlimm auch wieder nicht! Dabei scheint der Text der ehemaligen DDR-Hymne ("Auferstanden aus Ruinen") bestens zum italienischen "Rinascimento" (Wiedergeburt) zu passen.

Denn Paolo steht stellvertretend für viele Milllionen Italiener, bei denen der positive Auftritt ihrer Nationalelf während der EM offenbar als eine Art Kopfwäsche gewirkt hat. Mit jedem guten Spiel von Andrea Pirlo und Co. verflüchtigten sich die negativen Gedanken über die unschönen Begleiterscheinungen der vergangenen Jahre und machten Platz für eine nationale Euphorie, die sich langsam der WM-Stimmung von vor vier Jahren nähert.

Vom Zwangsabstieg zum WM-Gewinn



Offenbar fühlen sich die italienischen Profis besonders wohl, wenn sie schon vor dem Beginn eines Turniers abgeschrieben sind. Im deutschen Sommermärchen 2006 hatten ähnlich düstere Szenarien ein negatives Bild auf die "Azzurri" geworfen. Damals musste Rekordmeister Juventus Turin sogar zwangsabsteigen, nachdem sich die damalige Vereinsführung der Bestechlichkeit schuldig gemacht hatte.

Die Nationalelf, gespickt mit zahlreichen Juve-Spielern, startete verhalten in die WM, hatte einige Male das Glück auf ihrer Seite - und war spätestens nach dem Halbfinal-Triumph gegen Deutschland nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Rücken zur Wand durchzustarten, die negative Berichterstattung als Motivationsspritze zu nutzen - das scheint System zu haben: "Wenn schon jedermann den Glauben an Italien verloren hat, holt es am Ende doch immer das Beste aus sich heraus", sagte Paolo Rossi, WM-Held von 1982, bereits im Mai. "So kann das auch diesmal wieder kommen."


Buffon muss sich rechtfertigen



Dabei kamen die kriminelle Machenschaften ausgerechnet wenige Tage vor dem EM-Start ans Tageslicht und erschütterten die italienische Öffentlchkeit. Die Staatsanwaltschaft drang bis ins Team vor und Nationaltrainer Cesare Prandelli musste den wegen Bestechung angeklagten Domenico Criscito kurzfristig aus dem Kader werfen. Gegen Abwehrspieler Leonardo Bonucci, der möglicherweise auch am Donnerstag gegen Deutschland aufläuft, wird ermittelt.

Dass sich Kapitän Buffon, der Held des Elfmeterschießens im Viertelfinale gegen England, noch kurz vor dem ersten Spiel für 14 Schecks im Gesamtwert von 1,5 Millionen Euro rechtfertigen musste, die mit seiner Unterschrift versehen in einem Wettbüro in Parma gefunden worden waren - keinen Fan interessiert es noch. Im Schlamassel fühlt sich die "Squadra Azzurra" wohl.

Auch Paolo hat längst wieder den Glanz in den Augen, wenn er über Buffon, De Rossi oder Pirlo erzählt. Vor dem Halbfinale gegen die deutsche Elf sind Skepsis und Pessimismus verflogen, nicht nur wegen der ausgesprochen positiven Bilanz in offiziellen Spielen. Jetzt, wo die nationale Euphorie den negativen Trend überlagert hat, wird Italien Europameister - da sind sich Paolo und Millionen Italiener sicher.

Johannes Fischer
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