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25.06.2012 - 14:42 Uhr


"Jetzt ist Deutschland dran"

Die "Squadra Azzurra" steht zum ersten Mal seit 2000 wieder in einem EM-Halbfinale

Coach Cesare Prandelli übernahm die Mannschaft nach der WM 2010

Alessandro Diamanti verwandelt den entscheidenden Elfmeter zum 4:2-Sieg Italiens

Kyiw - "Maestro" Andrea Pirlo federte beschwingt durch die Katakomben des Olympiastadions, als ihn doch noch jemand auf seinen "Panenka" ansprach. "Der Elfmeter? Der war doch einfach", sagte der alles überragende Regisseur der "Azzurri" über seinen frechen Lupfer, der half, Italien ins EM-Halbfinale gegen Deutschland zu bringen (Spielbericht).
Und ebenso selbstbewusst, wie er zuvor seinen Schuss vom Punkt versenkt hatte, erklärte Pirlo: "Deutschland hat eine tolle Mannschaft, aber wir glauben, dass wir bei diesem Turnier den ganzen Weg gehen werden."

"Wir haben keine Angst"



Daran, dass es gegen den Lieblingsgegner so kommen wird, zweifelt in Italien jetzt kaum jemand mehr. Deutschland hat ein gutes Team, ja. Aber Italien hat diesen unvergleichlichen Pirlo, den großen Torhüter Gianluigi Buffon - und die Geschichte. "Löws Truppe muss mit einer bösen Erinnerung umgehen. Wenn es darauf ankommt, haben wir die Deutschen fast immer besiegt. Von Mexiko 1970 bis Dortmund 2006", schrieb die "Tuttosport". Sieben Turnierspiele - Deutschland gewann keines. "Wir haben keine Angst", sagte Riccardo Montolivo, der eine deutsche Mutter hat, "sie verlieren oft gegen uns, wenn es drauf ankommt."

Montolivo veschoss als einziger Italiener seinen Elfmeter. Als er dann mit ansehen musste, wie Wayne Rooney England mit 2:1 in Führung brachte, hatte er den Glauben ans Weiterkommen fast verloren. Doch dann schritt Pirlo über den Rasen, zum Punkt. Andrea Pirlo, der 33 Jahre alte "Architekt" Italiens, dessen Haltbarkeitsdatum viele schon für abgelaufen hielten. Sein Blick verriet nicht den Hauch von Unsicherheit. Die Größe des Moments - Pirlo spürte sie nicht.

Pirlo macht den Panenka



Anlauf, Englands Torwart Joe Hart zuckte. "Ich sah, wie er sich zu früh bewegte", berichtete Pirlo später, "dann habe ich mich entschieden, genau so zu schießen." Dann? Beim Anlaufen? Im Bruchteil einer Sekunde? So kalt ist keine Hundeschnauze. Pirlo ist kälter. Er hob den Ball ins Netz, wie Antonin Panenka, als er die Tschechoslowakei 1976 gegen Deutschland zum Europameister machte. "Pirlos Elfmeter war ein Kunstwerk", schrieb "La Repubblica".

Selbst Trainer Cesare Prandelli konnte es kaum glauben, als er den Elfmeter sah: "Um ehrlich zu sein, war ich sehr überrascht. Aber ein Top-Spieler wie Pirlo kann halt mit so einem Druck umgehen", sagte Prandelli am Tag nach dem Spiel: "Und durch die Art und Weise, wie er den Elfmeter geschossen hat, hat er den Druck auf die Engländer noch erhöht."

Für England war Pirlos Elfmeter das Signal: Italien kann nicht verlieren. Unmittelbar danach traf Ashley Young nur die Latte, den nächsten Elfmeter der "Three Lions" von Ashley Cole hielt Buffon fest - und Alessandro Diamanti besiegelte nach torlosen 120 Minuten den 4:2-Sieg der "Azzurri".

Pirlo und Buffon - wie 2006, als Deutschland im WM-Halbfinale an Buffon verzweifelte und Pirlos Pass auf Fabio Grosso das Sommermärchen jäh beendete. "Jetzt ist Deutschland dran", jubelte die "Gazzetta dello Sport", der "Corriere dello Sport" schrieb: "Deutschland, du musst jetzt Angst haben!" Auch Dino Zoff, beim WM-Finalsieg 1982 gegen Deutschland im italienischen Tor, meint, dass die Deutschen sich "in Acht nehmen" müssten: "Die Azzurri haben Kraft und Fantasie - sie können jeden Gegner in Schwierigkeiten bringen", sagte er.

"Gut genug, um sie zu schlagen"



Noch vor wenigen Wochen hätte sich Zoff mit einer solchen Aussage in der Heimat lächerlich gemacht. Der jüngste Manipulationsskandal störte Italiens Vorbereitung, Razzien im Mannschaftsquartier und verhaftete Nationalspieler inklusive. Ministerpräsident Mario Monti dachte laut über einen Fußball-Stopp für zwei, drei Jahre nach, Nationaltrainer Prandelli kokettierte mit einem EM-Verzicht. Mancher Tifoso erinnerte sich an die verpatzte WM 2010 mit dem Aus in der Vorrunde, und pflichtete bei. Und jetzt? Auf den Tag genau zwei Jahre nach dem 2:3 gegen die Slowakei in Südafrika fand Italien in Kyiw seinen Stolz wieder - und "die schönste Nationalmannschaft" seit 2006 (Gazzetta).

"Wir haben zwei Jahre für dieses Spiel gearbeitet und hatten Geduld mit dieser Mannschaft. Wir haben uns entschieden, Fußball zu spielen", sagte der stolze Prandelli, der den Catenaccio endgültig beerdigte und damit in Italien "eine Kulturrevolution" (Gazzetta) durchsetzte. "Wir hätten es eigentlich in 90 Minuten erledigen müssen, wir waren viel besser", sagte Pirlo treffend.

Gegen Deutschland, das sagten alle Spieler, werde es "schwer" - auch, weil die Squadra vor dem Treffen am Donnerstag in Warschau zwei Tage weniger Zeit zum Regenerieren hat. Zumindest Abwehrchef Giorgio Cheillini, der gegen England verletzt fehlte, könnte am Donnerstag sein Comeback feiern. "Deutschland ist der Favorit", sagte Prandelli, "aber meine Spieler kann nichts zerstören. Wir sind gut genug, um sie zu schlagen."
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