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09.04.2014 - 17:04 Uhr


Wahnsinn ohne Happy End

Borussia Dortmund scheidet trotz einer bärenstarken Leistung gegen Real Madrid aus der Champions League aus. Lukasz Piszczek (r.) tröstet hier Kevin Großkreutz

"Von einer Million Möglichkeiten, auszuscheiden, war das die Beste", sagte Trainer Jürgen Klopp

Oliver Kirch (2.v.r.), der beim BVB überraschend als einziger Sechser auflief, zeigte eine überragende Leistung

Dortmund - Jürgen Klopp stand auf dem Rasen, schaute zu den Fans, die Händen hinter die Ohren gehalten, als wolle er sagen "Könnt ihr noch lauter?" Da stand das Stadion schon Kopf und feierte minutenlang mit Standing Ovations eine Mannschaft, die sich gerade aus der Champions League verabschiedet hatte. Aber wie!

Klopp stellte sich vor die Tribüne und applaudierte selbst seinen Jungs, die Real Madrid mit zwei Toren und einem Pfostenschuss fast eine historische Pleite zugefügt hätten. Dieser 2:0-Sieg einer Dortmunder Mannschaft, die in dieser Konstellation zuvor noch nie zusammen gespielt hatte, war auch ohne Happy End ganz großer Fußball. "Von einer Million Möglichkeiten, auszuscheiden, war das die Beste", stellte Borussias Trainer fest und niemand mochte ihm widersprechen.

Reus trotzdem enttäuscht

Natürlich war die Enttäuschung unfassbar groß nach dieser Partie, vor allem beim Doppeltorschützen Marco Reus (im Interview): "Es war alles drin in diesem Spiel. Das war Wahnsinn. Aber am Ende zählt dann eben doch, dass wir es nicht geschafft haben." Allerdings da war auch dieser berechtigte Stolz, die Startruppe aus Madrid an den Rand des Scheiterns gebracht und sie eine Halbzeit lang fast vorgeführt zu haben. "Die erste Halbzeit war eine Demonstration von uns, das kann man so selbstbewusst sagen. Real hatte nach dem vergebenen Elfmeter keinen einzigen Torschuss, wir haben fantastisch gespielt", lobte Mats Hummels.

Leidenschaft, Einsatz und Willen waren endlich wieder auf die Lockerheit und Leichtigkeit getroffen, die es für spielerische Glanzstunden braucht. Und das mit einer Mannschaft, in der vermeintliche Reservisten ebenfalls groß aufspielten. Milos Jojic etwa darf sich seit Dienstagabend durchaus als Hoffnungsträger auch für die neue Saison fühlen. Bei seinem Startelf-Debüt überzeugte der 21-jährige Serbe als permanenter Pendler zwischen Offensive und Defensive mit Dynamik, Laufstärke und sicherem Passspiel.

Extralob für Kirch

Aber auch andere Spieler zeigten gegen Madrid auf der großen Fußballbühne, dass der von Verletzungen geplagte BVB für den Endspurt der Saison immer noch gute Alternativen in seinem Kader hat, die man bislang so vielleicht kaum auf der Rechnung hatte. So sortierte Oliver Kirch nach Klopps Umstellung auf ein 4-1-4-1-System als alleiniger Sechser aggressiv und ballsicher die Zentrale und verdiente sich ein Extralob seines Trainers (BVB-Spieler in der Einzelkritik): "Olli Kirch hat die größte Entwicklung durchgemacht, die ich je bei einem 30-Jährigen gesehen habe." Und in der Abwehr bewies mit dem 34-jährigen Manuel Friedrich ein weiterer Routinier, dass auch ein Weltklassestürmer wie Benzema im Kopfballduell seine Grenzen hat.

Einer allerdings mutierte an diesem Fußballabend zum tragischen Helden. Und es war kein Zufall, dass Jürgen Klopps erster Gang unmittelbar nach dem Abpfiff zu Henrikh Mkhitaryan geführt und er seinen Spielmacher fest an sich gedrückt hatte. Der Armenier hatte mit Tempo, Tricks und großem Laufpensum aufgespielt, wie man es sich von ihm erhofft. Nur im Abschluss hakte es einmal mehr, an diesem Abend aber entscheidend.

Mkhitaryan: "Ich möchte mich entschuldigen"

Im richtigen Moment gestartet, den Keeper umkurvt und dann den Pfosten getroffen - hätte Mkhitaryan in der 65. Minute das 3:0 erzielt, wäre "Real tot gewesen", wie BVB-Boss Aki Watzke vermutete (Pressestimmen). Drei Minuten später hatte der 25-Jährige eine weitere Großchance vergeben und war nach dem Spiel das personifizierte Elend. "Ich möchte mich bei meinen Mitspielern entschuldigen", erklärte er mit leiser Stimme.

Aufmunterung für den sensiblen Kicker gab es aber nicht nur von Jürgen Klopp. Lukasz Piszczek riet ihm, "so weiterzumachen wie bisher. Er ist ein Klassefußballer. Und bin ich mir sicher, dass er schon bald wieder trifft." Auch Kevin Großkreutz ließ keinen Zweifel aufkommen: "Wir können alle stolz sein, jeder Einzelne auf sich und seine Leistung. Da muss keiner mit sich hadern. Wir haben als Mannschaft ein sensationelles Spiel gezeigt."

Fantastische Stimmung im Signal Iduna Park

Möglich wurde dieser Fußball-Wahnsinn in Schwarz-Gelb nicht zuletzt durch eine Unterstützung von den Rängen, die mit dem Begriff vorbildlich nur allzu unzureichend beschrieben wäre. "Die Zuschauer waren absolute Weltklasse und haben uns das ganze Spiel über gepusht", freute sich Marco Reus. Mats Hummels schwärmte von einer "der fantastischsten Atmosphären, die ich je erleben durfte" - Ehrenrunde und La Ola nach dem Abpfiff inklusive.

Geht es nach Kevin Großkreutz, verspricht dieser Abend und dieses Zusammenspiel zwischen Mannschaft und Anhängern auch für die nächsten Wochen noch Großes. Denn da lebt ja noch dieser Traum der Borussia, Mitte Mai im altehrwürdigen Berliner Olympiastadion wieder im Pokal-Endspiel zu stehen und den Pott heim nach Dortmund zu holen. Schon am kommenden Dienstag wird im heimischen Stadion das Halbfinale gegen Wolfsburg angepfiffen. "Wenn es so weitergeht, dann wird es schwer, und hier zuhause nochmal zu schlagen", glaubt Großkreutz. "Wenn Fans und Mannschaft so eine Einheit bleiben wie in diesem Spiel gegen Real, dann können wir auch ins Pokalfinale einziehen und wieder nach Berlin fahren."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte

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