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19.02.2014 - 09:48 Uhr


Reinartz: "Überall bröckelt es ein bisschen"

Stefan Reinartz (l., hier im Zweikampf mit Thiago Silva) war nach der 0:4-Pleite im Champions-League-Achtelfinale gegen Paris Saint-Germain bedient. (© imago)

Nach Spielschluss war der Frust und die Enttäuschung den Leverkusener Spielern deutlich anzumerken. "Wir waren in der Kabine alle sehr angeschlagen", sagte Reinartz

Eine spielentscheidende Szene: Spahics Platzverweis nach dem Duell gegen den Pariser Lucas (l.). "Ab dem Zeitpunkt ging es nur noch um Schadensbegrenzung"

Leverkusen - Wieder hat Bayer 04 Leverkusen in einem entscheidenden Spiel auf internationalem Parkett Lehrgeld zahlen müssen. Im Achtelfinal-Hinspiel kassierte die in allen Belangen unterlegene Werkself eine 0:4-Heimniederlage gegen den französischen Meister Paris St. Germain. 

Nach der Pleite analysierte Bayers defensiver Mittelfeldspieler Stefan Reinartz, der in der 46. Minute für Kapitän Simon Rolfes eingewechselt wurde, messerscharf die aktuellen Defizite des Bundesliga-Zweiten.

Frage: Herr Reinartz, Bayer Leverkusen hat das Achtelfinal-Hinspiel mit 0:4 gegen Paris St. Germain verloren. Wie war die Stimmung in der Kabine?

Stefan Reinartz: Wir waren in der Kabine alle sehr angeschlagen. Wir ärgern uns darüber, dass wir es schaffen, solche Spiele, die wir uns mühsam erarbeitet haben, komplett aus der Hand zu geben.

Frage: Was meinen Sie damit?

Reinartz: Es fühlt sich so ein bisschen nach Sisyphos an. Wir rollen den Stein das ganze Jahr in 34 Bundesliga-Spielen und sechs Spielen der Gruppenphase den Berg hoch, und wenn wir fast oben sind, schaffen wir es, den Stein wieder runterzukegeln. Das ist einfach nur bitter.

Frage: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Reinartz: Schon in den letzten Wochen waren die Leistungen der Mannschaft meistens nicht unter der Decke. Heute auch nicht. Paris ist dann eine Mannschaft, die das kaltblütig ausnutzt.

Frage: Sie haben jetzt drei harte Spiele und Niederlagen hinter sich. Wie kann man jetzt wieder in die Erfolgsspur zurückfinden?

Reinartz: Arbeiten. Damit sollten wir schleunigst wieder anfangen. Im Zweikampfverhalten haben wir sehr viel Luft nach oben. Das hat man gegen Paris auf internationalem Niveau gesehen. Eigentlich hat sich das auch schon durch die letzten Spiele gezogen. Daran müssen wir ansetzen.

Frage: Zurück zum Spiel. Sie kamen in der zweiten Halbzeit zum Einsatz. Wie dankbar ist so eine Einwechslung beim Stand von 0:3?

Reinartz: Es ist ein bisschen undankbar und schwierig. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass wir in der zweiten Halbzeit besser in die Zweikämpfe gekommen sind. Wir hatten auch ein paar Halbchancen, ich selbst auch. Nach dem Platzverweis gegen uns wurde es heftig, weil Paris sehr ballsicher ist. Mit der roten Karte ging das Spiel dahin. Wenn Du dann einen Mann weniger bist und alle auf dem Zahnfleisch gehen, dann ist nichts mehr zu retten. Wir sind wie die Hasen hinterher gelaufen. Vielleicht sah es für die Zuschauer auch noch so aus, als würden wir nicht kämpfen oder nicht laufen. Aber ab dem Zeitpunkt ging es nur noch um Schadensbegrenzung.

Frage: Hat das frühe Gegentor die Mannschaft komplett aus dem Konzept gebracht?

Reinartz: Ich hatte in der ersten Halbzeit von draußen das Gefühl, dass irgendwie nicht so ein positiver Drive in der Mannschaft war. Ich weiß nicht, ob wir uns als Mannschaft von Anfang an durch letzten Ergebnisse haben beeinflussen lassen oder durch das frühe Gegentor. Wir haben nicht gezeigt, dass wir der Herr im Haus sind, die Zweikämpfe annehmen und auch einmal einem weh tun.

Frage: War der Respekt zu groß?

Reinartz: Bei der Frage habe ich so ein Deja-Vu-Erlebnis, weil ich die Frage schon öfter gestellt bekommen habe und sie ja auch durchaus berechtigt ist. Ich habe nur leider keine gute Antwort darauf.

Frage: Mit welcher Zielsetzung gehen Sie nun ins Rückspiel?

Reinartz: Auch darauf müssen wir uns noch eine gute Antwort überlegen. Es ist schon klar, dass wir im Rückspiel mehr als ein Wunder brauchen. Im Moment kann ich noch nicht so richtig daran glauben, weil der Klassenunterschied gerade zu heftig und zu groß war. Wir haben erst einmal andere Aufgaben vor der Brust, auf die wir uns konzentrieren müssen.

Frage: Leverkusen hat nun sechs der letzten acht Pflichtspiele verloren. Wie bewerten Sie die Ergebnisse der letzten Wochen?

Reinartz: Die Ergebnisse sind nicht gut, die Leistungen oft auch nicht. Wahrscheinlich sollten wir jetzt auch anfangen, solche Spiele wie in Mönchengladbach ein Stück weit zu hinterfragen. Wir haben da zwar gewonnen, es aber auch nicht der schiere Wahnsinn, was wir da gespielt haben. Wir sollten jetzt anfangen, wieder hart zu arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass die Zweikampfhärte ist der Mannschaft ein Stück weit verloren gegangen ist. Auch im Passspiel die Schärfe. Überall bröckelt es ein bisschen. Das hat sich nun auch in den Ergebnissen niedergeschlagen. Vorher war das nicht der Fall, vielleicht war die Situation deshalb trügerisch. Jetzt ist es durchgebrochen.

Frage: Was meinen Sie, wenn Sie die Situation als "trügerisch" bezeichnen?

Reinartz: Manchmal gewinnt man Spiele knapp und glaubt dann, dass man eine neue Qualität hat. Dann verliert man Spiele und weißt nicht warum. Manchmal wäre ich lieber Tennisspieler. Da weiß man immer, woran man ist. Da zählt jeder Punkt. Beim Fußball wird man in beide Richtungen belogen. Am Samstag hätten wir gewinnen müssen. Wir wurden aber auch schon in Spielen belogen, die wir gewonnen haben. Es ist manchmal schwer, den Überblick zu behalten.

Frage: Heißt das im Umkehrschluss, dass Bayer 04 in der Hinrunde über seinen Verhältnissen gespielt hat und, um in Ihrem Bild zu bleiben, sich belogen hat?

Reinartz: Wir haben definitiv nicht über unseren Verhältnissen gespielt. Wir spielen immer nur so gut, wie wir spielen können. Am Ende der Hinrunde hat sich das schon durch die beiden Niederlagen ein bisschen relativiert. Wir haben ein paar Spiele gewonnen, die wir nicht zwingend hätten gewinnen müssen und haben ein paar verloren, die wir nicht zwingend verlieren mussten.

Frage: Ist die Mannschaft insgesamt mental angeschlagen, wenn jetzt selbst erfahrenen Führungsspielern wie Lars Bender gegen Schalke oder Simon Rolfes gegen Paris spielentscheidende Fehler unterlaufen?

Reinartz: Da will ich nicht für andere sprechen, das weiß ich nicht. Wir haben keine junge Mannschaft. Wir haben alle schon unsere Fehler gemacht. Ich glaube nicht, dass es gestandene Spieler so sehr mitnimmt. Ich hatte das Gefühl, dass die Mannschaft heute in der ersten Halbzeit der Glaube gefehlt hat, das Ding noch zu drehen. Es ist müßig darüber zu diskutieren, wer Fehler gemacht hat und wer nicht. Das war nicht entscheidend.

Aufgezeichnet von Tobias Gonscherowski

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