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24.10.2012 - 12:12 Uhr


Ronaldo? "Wir stehen hier auf pöhlen und nicht auf posen!"

Er war dabei: Lars Ricken (v.) erlebte den "Torfall von Madrid" hautnah mit

Im anschließenden Spiel gab es für Dortmund nichts zu holen, Real siegte 2:0. "Clarence Seedorf bin ich nur hinterhegehechelt", sagt Ricken (r.) über seinen Gegenspieler (M.)

2003 traf Real in Dortmund erst in der Nachspielzeit zum Ausgleich. Ricken (Nr. 18) und der BVB überstanden die Zwischenrunde nicht

Die Theatralik von Cristiano Ronaldo, hier im Einsatz für Portugal, gefällt Ricken ganz und gar nicht. Bei einem Freundschaftsspiel von Real in Dortmund wurde er "vom ganzen Stadion ausgepfiffen", erinnert sich Ricken

Der ehemalige Mittelfeldspieler (l.) ist mit Moderatorin Andrea Kaiser verheiratet

301 Bundesligaspiele (49 Tore) und 73 Europapokalspiele (14 Tore) absolovierte Ricken für den BVB

Sein wichtigstes Tor schoss er im Champions-League-Finale 1997 - beim letzten internationalen Titel des BVB

Dortmund - Vier Mal traf Borussia Dortmund in der Champions League bislang auf Real Madrid - und Lars Ricken ist neben Stefan Reuter der einzige BVB-Profi, der in allen Partien dabei war: Der heutige BVB-Jugendkoordinator Ricken weiß, wie sich ein Duell mit den "Königlichen" anfühlt und war sogar beim legendären "Torfall von Madrid" dabei.
Obwohl er selbst weder im Halbfinale 1998, noch in der Zwischenrunde 2003 gegen Real gewinnen konnte, traut er seinen Nachfolgern im Kracherduell (Mittwoch, ab 20:30 Uhr im Live-Ticker / Liga-Radio) eine Menge zu, wie er im Gespräch mit bundesliga.de verrät. Außerdem spricht er über hoffnungslose Zweikämpfe mit Clarence Seedorf, Reals Defensiv-Schwächen und das polarisierende Auftreten von Superstar Cristiano Ronaldo.

bundesliga.de: Herr Ricken, was schießt Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an den "Torfall von Madrid" denken?

Ricken: Das Spiel ist mir noch sehr präsent, weil es wirklich eine außergewöhnliche Situation war. Was dabei viele vergessen - das war das Halbfinale, es ging um sehr viel. Die Anspannung war schon vorher sehr hoch, und dann sitzt du plötzlich eine Stunde lang in der Kabine und fragst dich, wann du endlich spielen kannst. Du hörst, es sei ein Tor umgefallen und denkst, dann wird halt schnell ein neues aufgestellt. Und dann vergeht Minute um Minute. Unglaublich! Leider wurde unser Protest damals nicht angenommen und wir haben das Spiel 0:2 verloren.

bundesliga.de: Dortmund hatte ein Jahr zuvor die Champions League gewonnen. Waren es damals zwei Duelle auf Augenhöhe gegen die "Königlichen"?

Ricken: Es wäre damals eher ein kleines Wunder gewesen, wenn wir wieder ins Endspiel eingezogen wären. Die Mannschaft hatte nur noch sehr wenig mit dem Team zu tun, das im Jahr zuvor den Champions-League-Titel geholt hatte. Sie war qualitativ nicht mehr so stark. Real hingegen hatte auch damals klangvolle Namen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich Clarence Seedorf ganz schön hinterher gehechelt bin.

bundesliga.de: Und dann gab es noch ein Duell mit Madrid in der Zwischenrunde 2003, bei dem Sie auch dabei waren.

Ricken: Da hatten wir Real im Rückspiel in Dortmund am Rande einer Niederlage. Erst in der Nachspielzeit hat Madrid noch den Ausgleich geschossen und wir mussten uns nach dieser Runde verabschieden. Wenn man es so sieht, haben wir jetzt gegen die Spanier noch etwas gut zu machen.

bundesliga.de: 2003 hatte Madrid den Ruf der "Galaktischen" und lief mit Stars wie Figo, Zidane, Raul und Ronaldo auf. Wie geht man in so ein Spiel? Ist man vielleicht sogar etwas eingeschüchtert vor den großen Namen?

Ricken: Nein, eigentlich nicht so sehr. Ich hatte bis 2003 zum Beispiel ja auch selbst schon einiges mitgemacht und erlebt. Zidane hatten wir mit dem BVB 1997 schon den Champions-League-Titel geklaut, als er noch bei Juventus Turin gespielt hat. Es war für uns damals ein Stück Normalität, gegen so große Teams oder so große Spieler anzutreten, weil es eben nicht das erste Aufeinandertreffen war. Aber man muss auch sagen, dass wegen der "Galaktischen" im Umfeld ein riesiges Brimborium geherrscht hat.

bundesliga.de: Was denken Sie, wie das Aufeinandertreffen mit Cristiano Ronaldo und Co. für die heutige Mannschaft sein wird, die eben noch nicht so viel Erfahrung in der Champions League gesammelt hat?

Ricken: Dass die Jungs auch gegen die großen Mannschaften nicht zuviel Respekt an den Tag legen, das haben sie ja schon bewiesen. Erst in der Bundesliga gegen Bayern München, gegen die man die letzten fünf Pflichtspiele gewonnen hat. Und jetzt auch vor kurzem bei Manchester City. Das ist ja keine Zirkustruppe, aber der BVB hat dort fantastisch gespielt. Das zeichnet diese Mannschaft auch aus: Diese absolute Gier, etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Ich bin mir sicher, dass die Spieler da am Mittwoch wieder richtig Bock drauf haben. Und dann ist es auch relativ egal, wer ihnen gegenüber steht.

bundesliga.de: Wird dem Team die Derbyniederlage gegen Schalke noch im Trikot stecken?

Ricken: Natürlich wäre es schöner gewesen, mit einem Derbysieg und Euphorie im Umfeld in das Spiel zu gehen. Aber zum einen ist es ein anderer Wettbewerb. Zum anderen kannst du die Derbyniederlage zumindest ein Stück vergessen machen, wenn du jetzt gegen Real ein gutes Spiel machst und vielleicht sogar gewinnst. Mit so einem Spiel kannst du viele negative Gedanken relativ schnell wieder wegwischen.

bundesliga.de: Kann man so auch gegen Real so offensiv spielen wie bei City oder sollte man lieber einen Gang zurück schalten?

Ricken: Da Real in der Defensive nicht zuletzt durch den Ausfall von gleich drei Außenverteidigern Probleme hat, könnte ich mir vorstellen, dass die Borussia durchaus mutig auftreten wird. Wenn man früh attackiert und Real sich nicht wie gewohnt durchs Mittelfeld kombinieren kann, wird ihnen das nicht gefallen.

bundesliga.de: Die Defensive von Real galt schon zu Ihrer aktiven Zeit nicht unbedingt als das Prunkstück der Mannschaft - vor allem im Vergleich zur geballten Offensivpower.

Ricken: Früher war das sicher noch extremer als jetzt, da hat man auf die Abwehr stark vernachlässigt. Inzwischen hat Madrid mit Spielern wie Pepe, Fabio Coentrao, Sergio Ramos oder Marcelo auch defensiv internationale Superstars im Kader. Aber im Vergleich zur Offensive ist die Defensive vielleicht doch eher für einen Fehler gut.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie Real zurzeit generell ein? Sprechen wir vom besten Team Europas?

Ricken: Sie haben in der vergangenen Saison vor allem in der spanischen Meisterschaft eine überragende Saison gespielt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass sie sich darauf im Moment etwas ausruhen. Ich weiß nicht, ob es zurzeit eine souveränere Mannschaft gibt in Europa als Bayern München. Auf diese Stufe würde ich Real Madrid im Moment nicht stellen. Daher glaube ich auch fest, dass am richtigen Tag für Borussia Dortmund gegen Real etwas drin ist.

bundesliga.de: Trotz Superstar Cristiano Ronaldo?

Ricken: Ich mag das Gehabe von Ronaldo nicht wirklich. Er polarisiert mit seiner Art extrem. Als er vor drei Jahren beim Freundschaftsspiel des BVB gegen Real in seiner bekannten Revolverheld-Manier einen Freistoß geschossen hat, hat ihn das ganze Stadion ausgepfiffen. Aber parallel haben alle ein Foto gemacht, es war ein einziges Blitzlichtgewitter. Ich selbst bin ein Junge des Ruhrgebiets. Und wie es schon die "Pöhler"-Kappe von Jürgen Klopp aussagt - wir stehen hier auf pöhlen und nicht auf posen!

bundesliga.de: Wagen Sie zum Ende noch einen Tipp?

Ricken: Ich tippe auf einen klaren 1:0-Sieg für Borussia Dortmund.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte
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