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21.05.2013 - 14:45 Uhr


Freund: "Der Druck lastet haushoch auf den Bayern"

Steffen Freund sieht den FC Bayern München im Finale gegen Borussia Dortmund klar in der Favoritenrolle

Der 43-Jährige (r.) spielte selbst von 1993 bis 1998 in "schwarz-gelb" und gewann mit den Westfalen 1995 und 1996 die Meisterschaft sowie 1997 die Champions League und den Weltpokal

Darüber hinaus holte der defensive Mittelfeldspieler (l.) 1996 im Wembley-Stadion mit der DFB-Elf den EM-Titel

Seit Sommer 2012 arbeitet der Ex-Profi in England als Co-Trainer für die Tottenham Hotspur (Copyright: Imago)

München - Ein deutsches Endspiel in der Champions League - und das ausgerechnet im Mutterland des Fußballs: Für England-Experte Steffen Freund ist das deutsche Finale zwischen seinem Ex-Club Borussia Dortmund und dem FC Bayern München am Samstag (ab 20:15 Uhr im Live-Ticker) in London der verdiente Lohn für die "saubere Arbeit" der Bundesliga-Aushängeschilder.
Im Interview mit bundesliga.de spricht der heutige Co-Trainer von Tottenham Hotspur über die Rollenverteilung und den damit verbundenen Druck vor dem Spiel der Spiele, den brisanten Wechsel von Mario Götze und die atmosphärische Wucht des neuen Wembley-Stadions.

bundesliga.de: Herr Freund, die Champions League endet in diesem Jahr erstmals mit einem deutschen Finale. Hätten Sie damit vor der Saison gerechnet?

Steffen Freund: Nein, natürlich nicht. Wer am Anfang der Saison darauf gewettet hätte, der hätte damit sicherlich ein kleines Vermögen gemacht.

bundesliga.de: Der FC Bayern München hat in der Bundesliga eine Rekordsaison hinter sich, Ihr ehemaliger Verein Borussia Dortmund hat gerade in der "Königsklasse" für viel Furore gesorgt. Wer ist am 25. Mai der Favorit?

Freund: Das ist ganz klar der FC Bayern München. Das ist aber auch aus den Resultaten der vergangenen Jahre abzulesen: Die Bayern stehen zum dritten Mal in vier Jahren im Finale. Im vergangenen Jahr haben sie zuhause sehr, sehr unglücklich verloren, waren gegen Chelsea klar die bessere Mannschaft. 2010 sind sie Inter Mailand verdient unterlegen. In dieser Saison haben die Münchner aber auf allen Ebenen überzeugt, und das macht sie nun zum absoluten Favoriten.

bundesliga.de: Bayern und der BVB stellen aktuell auch den Stamm der Nationalelf: Ist dieses spezielle Finale damit in erster Linie ein Produkt der guten Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball seit 2000?

Freund: Die Nachwuchsarbeit ist ein Teil des Erfolgs. Aber ich denke, dass man hier erst einmal ganz klar die Verantwortlichen beider Vereine nennen muss, die sehr sauber gearbeitet haben. Vor allem Borussia Dortmund hat aufgeholt und den FC Bayern in den vergangenen zwei Jahren in die Schranken gewiesen, was so sicher nicht zu erwarten war. Das ist in allererster Linie auch Jürgen Klopp gutzuschreiben. Der Trainer ist immer der Kopf der Mannschaft, der dafür sorgt, dass auf dem Feld das umgesetzt wird, was er einfordert. Klopp hat diese Mannschaft über Jahre hinweg aufgebaut und geformt. Er ist da für mich eine ganz, ganz wichtige Konstante. Bei den Bayern ist es hingegen schwer, eine einzelne Person hervorzuheben, weil sie in der Champions League schon seit Jahren ganz vorne dabei sind. Aber obwohl sie schon so erfolgreich sind, wollen sie sich immer weiter verbessern: Erst wurde Matthias Sammer verpflichtet, dann Pep Guardiola. Man geht an die größten Namen im Weltfußball heran. Die Münchner sind sicherlich auf einem guten Weg, auch weiterhin auf europäischer Ebene und damit eben auch weltweit ganz oben mitzuspielen.

bundesliga.de: Mario Götze wechselt im Sommer von Dortmund nach München. Das Finale ist sein letztes Pflichtspiel in "schwarz-gelb". Wird ihn das beflügeln oder eher bremsen - vorausgesetzt natürlich, er wird rechtzeitig fit?

Freund: Die Situation ist für ihn nicht einfach, denn es gibt gerade einen unglaublichen Wirbel um ihn. Mario ist noch sehr jung, so dass das seine Leistung durchaus beeinflussen könnte. Ich würde mir aber wünschen, dass er - wenn er denn spielt - ein überragendes Spiel macht, weil er einfach ein absolutes Supertalent ist. Dass der FC Bayern ihn nun für eine hohe Summe aus seinem Vertrag herauskauft, sagt ja eigentlich schon alles. Eines ist aber klar und gilt außerdem für alle Spieler im Endspiel: Sie wollen unbedingt gewinnen. Da es sein letztes Spiel für Dortmund ist, wäre es sicher das Schönste für ihn, sich als Champions-League-Sieger zu verabschieden, um dann in der nächsten Saison mit den Bayern erfolgreich zu sein.

bundesliga.de: Was erwarten Sie in Wembley für ein Spiel? Sehen wir spielerische Highlights oder wird es eher kampfbetont? Beim 1:1 im letzten Bundesliga-Duell ging es ja schon ganz schön zur Sache...

Freund: Ich befürchte, dass es eher heißblütig und kampfbetont zugehen wird. Die Bayern sind zwar Favorit, aber abgesehen von wenigen Ausnahmen hat die Borussia gegen sie zuletzt ganz gut ausgesehen. Das steckt auch in den Hinterköpfen der Mannschaften.

bundesliga.de: Für den BVB ist es ja die erste Finalteilnahme in der "Königsklasse" seit 1997, wohingegen die Bayern zwar schon 2010 und 2012 im Endspiel standen, dort aber jeweils den Kürzeren zogen. Was wiegt womöglich schwerer: Das Dortmunder Lampenfieber oder die Münchner Angst vor einem erneuten Scheitern?

Freund: Die Vorzeichen für den BVB sind eigentlich ähnlich wie 1997. Das war damals zwar kein deutsches Endspiel, aber Juventus Turin war die absolute Topmannschaft in Europa, und uns hat man nur Außenseiterchancen zugeschrieben. Aber in einem einzigen Spiel ist der Außenseiter immer in der Lage, den Favoriten zu schlagen. Und genau das ist die Gefahr, die man gerade anscheinend auch in München spürt: Man hat in den vergangenen Jahren gesehen, dass mit Dortmund wieder ein absoluter Topkonkurrent herangewachsen ist. Deshalb ist die Borussia definitiv nicht chancenlos.

bundesliga.de: Die Bayern haben die Meisterschaft schon in der Tasche und stehen im Pokalfinale, für die Borussia ist es die einzige Titelchance in dieser Saison. Wer hat den größeren Druck?

Freund: Der Druck lastet haushoch auf den Bayern. Dortmund will natürlich nicht als Verlierer vom Platz gehen und hat deshalb auch einen gewissen Druck. Was die Gesamtkonstellation im Vorfeld betrifft, muss der FC Bayern dennoch die größere Bürde tragen, hat das bisher in dieser Saison aber auch bravourös gemacht.

bundesliga.de: Sie selbst haben den Henkelpott 1997 mit den "Schwarz-Gelben" gewonnen. Inwiefern bereitet man sich auf so ein Finale anders vor als auf "normale" Spitzenspiele?

Freund: In der grundsätzlichen Planung von Jürgen Klopp und Jupp Heynckes dürfte es da keine großen Unterschiede geben: Man spielt ja schon die gesamte Saison international, ist erfahrungsgemäß eine Nacht vor dem Spiel vor Ort und absolviert das Abschlusstraining dann wie gewohnt im Stadion. Trotzdem ist das Finale vom Gefühl her mit keinem anderen Spiel zu vergleichen. Das ist etwas ganz besonderes, das man nur selten erlebt, und das wird man auch in der direkten Vorbereitung spüren, wenngleich es größtenteils die gleichen Abläufe sind. Es geht schließlich um die Krone in Europa.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass sich die beiden Trainer für dieses besondere Spiel auch eine besondere Taktik einfallen lassen?

Freund: Das kann ich mir durchaus vorstellen. Beide Trainer haben ihre Topformationen ja schon im letzten Bundesliga-Spiel auflaufen lassen, um den Rhythmus zu halten. Und nun haben sie noch eine Woche Zeit, um in die Tiefe zu gehen, die letzten Duelle zu analysieren und an den Details zu arbeiten.

bundesliga.de: Sie arbeiten seit dem vergangenen Sommer in London: Wie wird das deutsche Finale in England aufgenommen?

Freund: Die Vorberichterstattung über Bayern und den BVB läuft hier in den Sportsendungen rauf und runter. Dass deutsche Mannschaften hier ständig in den Nachrichten sind, ist schon ungewöhnlich. Man hat bereits die beiden Halbfinals mit sehr viel Respekt beobachtet und schaut nun auch sonst etwas mehr in Richtung Bundesliga.

bundesliga.de: Ist der internationale Stellenwert der Bundesliga dadurch gestiegen?

Freund: Unbedingt. Denn zwei Teams im Endspiel zu haben, das ist eigentlich etwas, was in den vergangenen Jahren nur die Engländer geschafft haben. Das ist etwas Schönes für Deutschland und erhöht ohne Frage das Interesse an der Bundesliga.

bundesliga.de: Sie selbst haben sicherlich gute Erinnerungen an Wembley, wo Sie 1996 mit dem DFB-Team Europameister wurden. Vor einigen Jahren wurde das Stadion an gleicher Stelle komplett neu errichtet. Wie unterscheidet sich das neue denn atmosphärisch vom alten Wembley?

Freund: Das ist schon ein Riesenunterschied. Das altehrwürdige Wembley war Tradition, das war Kult und mit 80.000 Zuschauern einfach eine tolle Atmosphäre. Jetzt hat man dort ein neues Wembley hingestellt - mit Dreifachtribünen, komplett überdacht und mit 90.000 Plätzen. Das ist schon eine Größenordnung, die ihresgleichen sucht. Die Stimmung wird dort am 25. Mai sicherlich kochen. Alleine der Name Wembley sagt eigentlich schon alles.

Das Gespräch führte Stefan Missy
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