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26.04.2013 - 12:12 Uhr


"Wir sollten es nicht kleinreden"

BVB-Torjäer Robert Lewandowski erzielte gegen Real Madrid einen Viererpack

BVB-Torjäer Robert Lewandowski erzielte gegen Real Madrid einen Viererpack

München - Nach den beiden deutschen Glanzlichtern im Champions-League-Halbfinale stellt sich aktuell die Frage, ob die Wachablösung im europäischen Fußball bereits stattgefunden hat. Steht die Bundesliga tatsächlich schon über der spanischen Primera Division? bundesliga.de hat sich in den wichtigsten deutschen Sportredaktionen umgehört und wirft auch einen Blick ins Ausland.
Jean-Julien Beer (Chefredakteur kicker):

"Wir neigen ja im deutschen Fußball schnell dazu, alles nur als Momentaufnahme zu nehmen, weil die anderen ja angeblich so viel besser sind. Auf den ist-Zustand im April 2013 trifft das aber nicht mehr zu, dass die Spanier oder Engländer besser wären. Dortmund hat ManCity und Real schon in der Gruppenphase so beherrscht, dass die über weite Strecken des Spiels nicht wussten, wie ihnen geschieht. Und zwar daheim und auswärts. Das hat dann schon etwas mit fußballerischer Klasse und taktischer Qualität zu tun. Bayern gegen Juventus Turin, Arsenal oder Valencia - das waren auch keine Duelle auf Augenhöhe. Die Engländer sind alle schon lange raus, Barca und Real verdauen eine fußballerische Lehrstunde. Wenn es jetzt erstmals ein deutsches Finale in der Champions League gibt, ist das eine Wachablösung - und zwar eine mit guter Perspektive. Mit dem Financial Fair Play werden die Möglichkeiten der deutschen Teams steigen, und zuletzt haben es weder Manchester noch Barcelona geschafft, Mario Götze zu verpflichten. Der bleibt für 37 Millionen lieber in der Bundesliga. Stattdessen kommt Guardiola zu uns. Wir sollten uns darüber freuen und das wertschätzen, statt es klein zu reden."


Matthias Brügelmann (Chefredakteur SPORT BILD):

"Die Siege haben mich nicht überrascht. Die Höhe schon. Deutschland gegen Spanien 8:1 - das ist schon eine Hausnummer. Zumindest die Bayern sind durch. bei Dortmund ist es nicht ganz so sicher, aber wenn der BVB ein Tor schießt, dann genügt das auch. Ich rechne aber schon mit einem deutsche Finale. Wenn man bedenkt, dass die Nationalmannschaft 1996 den letzten Titel, und seit 2001 keine deutsche Mannschaft die Champions League gewonnen hat, dann ist das nur eine Momentaufnahme, die allerdings Hoffnung macht. Von einer Wachablösung würde ich sprechen, wenn Deutschland bei der WM im kommenden Jahr die Spanier besiegt, und die Bundesliga die Leistung aus dieser Saison bestätigt und auch im kommenden Jahr einen europäischen Wettbewerb gewinnt. Fakt ist, Bayern und Dortmund gehören zu den Top fünf in Europa - und in der Form dieser Woche sogar zu den Top zwei."


Walter M. Straten (Sportchef BILD):

"Ich hatte auf eine gute Ausgangsposition gehofft, aber 8:1 gegen Spanien - das ist der Wahnsinn. Die Bayern sehe ich schon mit beiden Beinen im Finale. Barcelona wirkt müde und angeschlagen. Die Mannschaft ist offensichtlich nicht hundertprozentig fit. Die Gefahr für Dortmund ist größer. Der BVB steht mit eineinhalb Beinen im Finale. Aber wie Jürgen Klopp gestern in der PK sagte, wenn der BVB es nicht schafft, haben wir wenigstens ein spektakuläres Rückspiel gesehen. Von einer Wachablösung zu sprechen, so weit würde ich nicht gehen. Aber es zeigt sich eine Tendenz. Wenn man die Leistungen dieser Saison in der kommenden aber annähernd berstätigt, dann vielleicht. Die Bayern gehören auf jeden Fall zur europäischen Spitze, interessant ist, wo der Weg des BVB hinführt. Mario Götze ist schon weg, Robert Lewandowski will weg. Das wären zwei tragende Säulen, die fehlen. Da muss man abwarten, wie sich das entwickelt. Auf jeden Fall aber sind wir näher dran an der Primera Division."


Santiago Segurola (stellvertretender Sportchef der Marca/Spanien):

"Der spanische Fußball hat ein großes Problem: Real und Barcelona sind leistungsmäßig zu weit weg von den anderen Clubs. Es kann nicht sein, dass Real Madrid wie in der letzten Saison mit 100 Punkten Meister wird und Messi und Ronaldo fast 100 Tore schießen. Der Klassenunterschied zu den restlichen Clubs in der Liga ist riesengroß. Die Probleme kommen dann in der Champions League, wenn sie auf Gegner wie Bayern und Dortmund treffen. Dann haben Barca und Real Probleme mit dem Tempo und der Physis. Die Bayern sind jetzt drauf und dran, den anderen Clubs davonzuziehen, doch dafür müssten sie nach zwei Finalniederlagen diesmal das Endspiel der Champions League gewinnen. Und es gibt noch ein zweites großes Problem im spanischen Fußball. Der Fan wird als reiner Konsument angesehen, der nur 90 Minuten zum Spiel kommen soll. Das Training findet fast immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Spieler von Real und Barca besuchen keine Fanclubs und geben auch keine Einzelinterviews. Das Verhältnis zwischen Verein und Anhängern ist also sehr distanziert. In der Bundesliga partizipieren die Fans viel stärker an ihren Clubs, so dass auch der emotionale Zusammenhalt viel größer ist. Ohnehin ist die Bundesliga in ihrer Organisationsstruktur die Nr. 1 in Europa. Die Stadien sind voll, die Eintrittspreise günstig und die Gästefans können ihre Reisen verlässlich planen."


Alessandro de Calo (Gazzetta dello Sport/Italien):

"In der Champions League ist der deutsche Fußball momentan bestimmend. Nachdem wir die Bayern gesehen haben, wie sie Barcelona überrollt haben, nun also das schwarz-gelbe Scheibenschießen gegen Real. Vor allem in der zweiten Halbzeit kam die unglaubliche Kraft der Dortmunder zum Tragen - und vor allem zwei Personen standen dabei im Schaufenster. Einer davon ist natürlich Lewandowski, der vier Tore erzielte, wobei das dritte das Prädikat "Weltklasse" verdient. Der Pole ist ein wahrer Terminator, alles was in den Strafraum gelangt, bekommt er unter Kontrolle - man weiß nicht wie. Selbst dreckige Bälle verwandelt er in Gold. Der zweite ist Jürgen Klopp, der die Mannschaft als junger Trainer übernommen hatte, sie nach seinen Vorstellungen formte – und nun Mourinho buchstäblich überrollt hat. Während Real Madrid lediglich über kurze Passagen sein Spiel aufzieht und höchstens einige Kapitel eines Buches schreiben kann, ist der BVB ein wahrer Roman. Einer, der eine große Zukunft hat - zumindest solange Klopp dort Cheftrainer bleibt. Es könnte nämlich sein, dass Real-Präsident Florentino Perez nach dem designierten Abgang von Mourinho nach der Saison Klopp mit Gold überhäuft und ihn nach Madrid holen will. Auch er hat gesehen, wie die vergleichsweise kleine Borussia den Milliardären von Real Madrid eine große Fußball-Lehrstunde verpasste. Es ist jetzt zwölf Jahre her, dass eine deutsche Mannschaft die Champions League gewonnen hat - wie es scheint, ist der Augenblick einer Neuauflage gekommen."
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