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24.04.2013 - 11:46 Uhr


"Die Defensive ist Reals Schwachstelle"

Christoph Metzelder sagt: "Es ist sicher die DNA von Real Madrid, offensiv zu spielen. Was die Defensivarbeit und die defensive Ausrichtung angeht, liegt der Vorteil bei Dortmund."

Cristiano Ronaldo auch im CL-Halbfinale am Boden? Spieler und Fans des BVB hätten bestimmt nichts dagegen

Die "Königlichen" erneut zu besiegen wird eine schwere Aufgabe, sagt Christoph Metzelder, von 2000 bis 2007 für Borussia Dortmund aktiv

Defensiv müsse die Borussia gemeinschaftlich konzentriert arbeiten, um Cristiano Ronaldos (r.) Kreise einzuschränken

Neben Ronaldo sieht der Innenverteidiger in den deutschen Nationalspielern Mesut Özil und Sami Khedira (v.l.) Schlüsselfiguren im Spiel des spanischen Rekordmeisters

Marco Reus und die übrigen Offensiv-Asse des BVB müssen gegen Real effizient in der Chancenverwertung sein, wenn der Einzug ins Finale in Wembley geschafft werden soll

München - Für Borussia Dortmund steht der Höhepunkt der Saison bevor: das Halbfinale der Champions League gegen Real Madrid (Mi., ab 20:30 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio). Nicht nur die BVB-Anhänger sondern natürlich auch die Spieler träumen vom Sieg über die "Königlichen" und dem Einzug ins Endspiel um Europas wichtigste Vereinstrophäe.
Zwischen Dortmund und dem Finale in Wembley stehen 180 Minuten - und Spaniens Rekordmeister. Im Gespräch mit bundesliga.de spricht Ex-BVB-Spieler Christoph Metzelder über bedeutende Partien, Jose Mourinhos Psychospielchen und die Chancen der Borussia auf den Finaleinzug.

bundesliga.de: Christoph Metzelder, Sie haben selbst 2003 als junger Spieler in der Champions League mit dem BVB gegen Real Madrid gespielt. Was für ein Gefühl überwiegt in einer solchen Partie? Nervosität, Motivation?

Christoph Metzelder: Zum einen ist es eine unglaubliche Motivation, auf diesem Niveau gegen einen solchen Gegner im Halbfinale anzutreten. Dieses Spiel ist für den BVB auch der Lohn für eine tolle Saison, die man in der Champions League gespielt hat. Ich mag aber auch nicht mehr die Leute hören, die jetzt davon sprechen, diese Spiele könne man einfach nur genießen. Es geht hier um den Einzug ins Champions-League-Finale. Und wenn man so weit gekommen ist, dann möchte man das als Sportler auch unbedingt erreichen. Daher wird auch eine große Portion Nervosität dabei sein. Bei Real sieht es etwas anders aus, weil sie seit Jahren immer in der Champions League mitspielen und mit Mourinho einen Trainer haben, der auch in solchen Situationen sehr erfahren ist. Ich denke, hier ist Madrid im Vorteil.

bundesliga.de: Geht man als junger Herausforderer wie jetzt der BVB auch mit einer großen Menge Ehrfurcht in ein solches Spiel?

Metzelder: Natürlich weiß man, gegen wen man da antreten muss. Wer gegen Cristiano Ronaldo spielt, der weiß, dass er auf einen der weltbesten Spieler trifft. Er ist einer, der in jeder Sekunde in der Lage ist, einem Spiel mit einer Einzelaktion eine Wende zu geben. Da muss man vor allem als Defensivspieler immer hellwach sein und auch ein bisschen das Glück auf seiner Seite haben. Cristiano nimmt sich auch mal den Ball und haut ihn aus 40 Metern aufs Tor.

bundesliga.de: Kann man die Madrider Mannschaft, gegen die Sie 2003 gespielt haben, mit der jetzigen vergleichen?

Metzelder: Damals waren es wirklich die Galaktischen, gegen die ich mit dem BVB gespielt habe. Die ganz großen Namen wie Raul, Figo, Ronaldo, Zidane. Es war damals aber ein Aufeinandertreffen in der zweiten Gruppenphase, da ging es noch nicht um so viel wie jetzt im Halbfinale. Je weiter die Saison fortgeschritten ist und je näher ein möglicher Titel rückt, desto fokussierter verhalten sich große Teams. Mannschaften wie Real schalten in einem Gruppenspiel vielleicht auch mal einen Gang zurück. Aber wenn es dann um den Pokal geht, entwickeln sie ganz besondere Eigenschaften, die sie auch in einem Duell mit dem BVB für mich zum Favoriten machen.

bundesliga.de: Kommt auch hinzu, dass Real Madrid sich nicht die Blöße geben will, wie schon in der Gruppenphase wieder nicht gegen den BVB zu gewinnen?

Metzelder: Sie werden nach diesen Spielen in der Gruppenphase auf jeden Fall zusätzlich gewarnt sein (1:2-Niederlage und 2:2-Remis, Anm. d. Red.). Die Qualität der Dortmunder ist auch in Madrid absolut angekommen. Dass Jose Mourinho sich den BVB in Fürth angesehen hat, zeigt zum einen, dass die Psychospielchen längst begonnen haben. Zum anderen aber auch, dass Real die Borussia absolut ernst nimmt.

bundesliga.de: Apropos Mourinho: Kann auch er als Trainer in einem solchen Halbfinale den Unterschied ausmachen?

Metzelder: Definitiv! Dass ich zur Einschätzung gekommen bin, dass Real Madrid die Champions League gewinnen wird, hat viel mit dem Faktor Mourinho zu tun. Ich habe den Eindruck, dass er sich mit dem Titel aus Madrid verabschieden will. Mourinho ist ein Trainer, der auf die eigene Mannschaft, auf den Gegner und auch auf die Zuschauer Einfluss nimmt. Ich denke, er wird das auch in den Halbfinalspielen gegen den BVB ausspielen.

bundesliga.de: Der BVB muss zuerst zuhause antreten - ein Nachteil?

Metzelder: Sagen wir es so: Es ist sicher für Real ein Vorteil, dass sie das Rückspiel im Estadio Santiago Bernabeu austragen dürfen. Ich habe in meiner Zeit in Madrid selbst dort immer wieder Spiele erlebt, in denen die unmöglichsten Rückstände noch gedreht wurden. Da entsteht oft in den letzten 20 Minuten noch eine ganz spezielle Stimmung und Eigendynamik. Der Faktor Bernabeu ist sicher in diesem Duell nicht zu unterschätzen.

bundesliga.de: Wo liegen die Vorteile Reals? Was kann der BVB dem entgegenstellen?

Metzelder: Es ist sicher die DNA von Real Madrid, offensiv zu spielen, auch wenn Mourinho das Gesamtgefüge etwas mehr in die Balance gebracht hat. Aber was die Defensivarbeit und die defensive Ausrichtung angeht, liegt der Vorteil bei Borussia Dortmund. Arbeit gegen den Ball hat auch sehr viel mit Demut, mit Unterordnung in den Mannschaftsverbund zu tun. Das defensive Spiel gegen den Ball wird ein großer Vorteil der Dortmunder sein.

bundesliga.de: Was müssen die Dortmunder noch beachten, um gegen Real eine Chance zu haben?

Metzelder: Real Madrid hat sich immer schwer getan gegen deutsche Mannschaften - vor allem in Deutschland. Man muss Madrid ein physisches, schnelles Spiel aufzwingen, sie in Zweikämpfe verwickeln und ihnen ein wenig die Lust am Fußballspielen nehmen. Den Grundstein zu einem Finaleinzug muss der BVB dabei auf jeden Fall in Dortmund legen. Im Rückspiel wird es ganz, ganz schwer.

bundesliga.de: Cristiano Ronaldo ist der Mann im Mittelpunkt bei Real. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die beiden deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Sami Khedira?

Metzelder: Mesut Özil ist ein fantastischer Spieler, der sich in Madrid noch einmal unglaublich entwickelt hat. Da er in Sachen Torabschluss eher uneigennützig agiert, fällt er oft nicht ganz so auf wie etwa Cristiano Ronaldo. Für das Spiel von Real und das Kreieren von Torchancen aber ist Özil unglaublich wichtig. Sami Khedira ist so etwas wie die Lunge von Madrid. Er verrichtet nicht nur die defensiven Aufgaben, was angesichts der enormen Offensivkraft von Real aber absolut wichtig ist. Sondern er rückt auch immer wieder in zweiter Reihe mit nach vorne nach. Beide spielen eine ganz zentrale Rolle im Konzept von Real Madrid.

bundesliga.de: Welcher BVB-Spieler genießt auf der anderen Seite bei Real den größten Respekt?

Metzelder: Mario Götze, Marco Reus, Robert Lewandwoski - das sind mit Sicherheit drei Spieler, die Real auf dem Schirm hat und die die Abwehr von Madrid auch intensiv beschäftigen werden. In einer sonst qualitativ hochwertig besetzten Mannschaft ist die Defensive eigentlich immer ein wenig die Schwachstelle bei Real. Das muss der BVB versuchen zu nutzen.

bundesliga.de: Die Erfahrung spricht in diesem Duell klar für Real Madrid. Kann Borussia Dortmund das durch Enthusiasmus wettmachen?

Metzelder: Mit Sicherheit, das hat der BVB in den letzten Jahren unter Beweis gestellt, auch auf nationaler Ebene. Bei Borussia Dortmund wissen alle, dass sie in diesen Spielen zwei Mal eine herausragende Leistung abrufen müssen. Und dass man mit Faktoren wie Enthusiasmus und Leidenschaft auch eine Mannschaft schlagen kann, die mehr fußballerische Qualität mitbringt. Zumindest kann man sie ganz empfindlich ärgern. Und daher sind dies die Dinge, die Dortmund auf jeden Fall mit in die Waagschale werfen muss.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

Christoph Metzelder vergleicht den Fußball in Deutschland und Spanien

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