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01.01.1970 - 01:00 Uhr


"Das waren die Götter in Weiß" - Eintracht Frankfurt gegen Real Madrid

Erwin Stein (l.) erzielte bei der 3:7-Niederlage der Underdogs aus Frankfurt gegen Real Madrid zwei Tore. Hier trifft Stein gegen den VfB Stuttgart

Eintracht Frankfurt war 1960 das erste deutsche Team, das in ein europäisches Endspiel einzog

2008 werden die "Legenden von 1960" während eines Freundschaftsspiels zwischen Madrid und Frankfurt geehrt. Die Medien feierten das damalige Finale als "Sammlerstück"

Frankfurt/Main - Zum ersten Mal qualifizierte sich 1960 eine deutsche Mannschaft für das Finale im Pokal der Landesmeister: Eintracht Frankfurt, damals noch eine lupenreine Amateurmannschaft, stellte sich den Weltstars von Real Madrid - es wurde ein Spiel der Superlative. Es fielen die meisten Tore vor der größten Kulisse in der Geschichte europäischer Endspiele. Im Interview mit bundesliga.de erzählt Erwin Stein, der in der Partie zwei Tore erzielte, von diesem Jahrhundertspiel und den damaligen Rahmenbedingungen. Im zweiten Teil spricht Eintracht-Legende Erwin Stein über das Endspiel gegen Real Madrid.
Der Tag des Finales: Um die 130.000 Zuschauer versammelten sich im Hampden Park zu Glasgow, um Zeugen eines besonderen Spiels zu werden. Unter ihnen auch der 18-jährige Alex Ferguson, der der Legende nach als Folge dieses Aufeinandertreffens mit dem Fußballspielen begann. Zehntausende hatten keinen Zutritt mehr bekommen und versammelten sich um das Stadion. Sie wollten wenigstens hören, was sich im Inneren tat.

bundesliga.de: Herr Stein, Sie kannten die Stimmung im Stadion schon aus den Halbfinals. Wie war sie im Endspiel?

Erwin Stein: Es war höllisch laut. Der berühmte "Hampden Roar" war zu hören. Ein anschwellender Gesang, dessen Schall gegen die umliegenden Häuser geworfen wurde und doppelt so laut wieder ankam. Damals machte man sich noch nicht im Stadion warm, sondern lief dort direkt zum Spiel auf und war mit dieser Stimmung konfrontiert.


Real Madrid war zu dieser Zeit das Maß der Dinge im Clubfußball. Der legendäre Präsident Santiago Bernabeu hatte sich eine Weltauswahl aus Spitzenfußballern zusammengestellt, darunter Alfredo Di Stefano, Ferenc Puskas, Gento, Canario und Luis del Sol. Im Endspiel 1960 trafen zwei Welten aufeinander.


bundesliga.de: Die Eintracht war zur Zeit des Finales fast ausschließlich eine Rhein-Main-Auswahl. Wie war es für Sie, die großen Stars des Weltfußballs zu treffen und gegen sie zu spielen?

Erwin Stein: Für mich waren das die Götter in Weiß. Der Respekt war riesig, und hätte einer von ihnen zu mir gesagt, dass ich ihm die Tasche aus dem Bus holen soll - ich hätte es ohne zu zögern gemacht. Auf dem Bankett nach dem Spiel haben wir uns noch Autogramme geholt.

bundesliga.de: Durch einen Treffer von Richard Kress ging die Eintracht aber erst mal mit 1:0 in Führung. Glaubten Sie einen Moment an ein Wunder?

Erwin Stein: Ja, schon. Wir hatten schließlich auch die Glasgow Rangers geschlagen, warum sollten wir nicht noch einen Favoriten besiegen?

bundesliga.de: Dann kamen die Spanier aber doch auf und zogen davon. Sie schossen in der zweiten Halbzeit noch zwei Tore. Wie fühlten sich diese Treffer an?

Erwin Stein: Für mich waren das natürlich besondere Momente. Ein Tor schoss ich sogar mit meinem schwachen linken Fuß. Den habe ich sonst nur zum Stehen gehabt. In der zweiten Hälfte ging es hin und her, und wir merkten an der Reaktion der Zuschauer, dass wir ein außergewöhnliches Spiel ablieferten. In ernsthafte Gefahr brachten wir Real Madrid aber nicht mehr.


Die Stimmen zum Spiel überschlugen sich in Superlativen. Sir Bobby Charlton sagte zum Beispiel: "Mein erster Gedanke war, dieses Spiel ist ein Schwindel, geschnitten, ein Film, weil diese Spieler Dinge taten, die nicht möglich sind, nicht real, nicht menschlich!" Und in der "History of the European Cup" ist dieses Endspiel wie folgt beschrieben: "Als Wettkampf war das Finale schon zur Pause vorbei, aber als Darbietung der höchsten Kunstfertigkeit, die der Fußball anzubieten hat, ist es zu einem Sammlerstück geworden." Eintracht Frankfurt hatte das Finale zwar klar mit 3:7 verloren, aber zusammen mit Real Madrid ein fußballerisches Kunstwerk geschaffen. Kein Wunder, dass die Mannschaft triumphal in der Heimat begrüßt wurde.


bundesliga.de: Nach geschlagener Schlacht kehren die Helden in die Heimat zurück. Bei der Ankunft in Frankfurt sollen ja 100.000 Menschen zum Empfang gekommen sein.

Erwin Stein: Das kommt hin, die ganze Stadt war auf den Beinen. Wir fuhren in einem offenen Bus bis zum Römer und überall jubelten uns die Menschen zu. Das Spiel wurde über eine Kamera auf dem Dach des Stadions im Fernsehen übertragen und in ganz Deutschland wahrgenommen. Wir waren ja die Ersten, die ein europäisches Endspiel erreicht haben.

bundesliga.de: Wie hat Sie das Finale in Ihrem weiteren Leben beeinflusst?

Erwin Stein: Noch heute werde ich darauf angesprochen und ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte. Dieses Spiel hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Unsere ehemaligen Gegner von Real Madrid haben wir noch öfter getroffen. Das letzte Mal 2010 auf Einladung der UEFA, zuvor beim Finale 2002 zwischen Bayer Leverkusen und Real Madrid. Bei einem Empfang gab es für uns von der gesamten Fußballprominenz Standing Ovations, darunter auch Sir Alex Ferguson. Aus diesen Treffen ist auch eine Freundschaft zu meinem damaligen Gegenspieler Jose Santamaria entstanden.

bundesliga.de: Zum Abschluss noch ein Tipp zum deutschen Champions-League-Finale. Wer gewinnt Ihrer Meinung nach und warum?

Erwin Stein: Die Bayern gewinnen. Das steht für mich zu 99 Prozent fest. Sie sind unheimlich diszipliniert und Jupp Heynckes hat die Spieler dazu gebracht, dass sie sich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellen.

bundesliga.de: Herr Stein, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Alexander Dionisius


"Abschlusstraining auf dem Golfplatz" - Erwin Stein über die Endspiel-Vorbereitung

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