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20.05.2012 - 18:44 Uhr


"Platz 2 ist kein Zustand"

Fehlschütze Bastian Schweinsteiger (l.) und Kapitän Philipp Lahm erleben mit ihrem Team und allen Fans in der heimischen Arena ein blaues Wunder

FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge erinnert sich in seiner Rede an die Finalniederlage 1999 gegen Manchester United

Einer der drei Matchbälle: Arjen Robben (r.) scheitert in der Verlängerung per Elfmeter an Petr Cech

Thomas Müller (M.) trifft zur Führung, ist aber nach Abpfiff einfach nur fassungslos

Präsident Uli Hoeneß hat nach den drei 2. Plätzen keine Lust auf "Vize-Bayern"

München - Wirkliche Erklärungen hatte beim Bankett des FC Bayern im Münchner Postpalast noch keiner parat, es sind bisher Zustandsbeschreibungen. Und zwar solche, die schmerzen.
"Wir sitzen heute mit leeren Händen da, das stimmt mich traurig", sagte Karl-Heinz Rummenigge in seiner obligatorischen Ansprache mitten hinein in die allgemeine Trauer (XL-Galerie: Bankettrede).

"Das tut unglaublich weh!"



Und der FCB-Boss erinnerte sogleich an die letzte leidvolle Erfahrung ähnlichen Ausmaßes, nämlich die ebenso unfassbare Niederlage 1999 in Barcelona gegen Manchester United: "Das war damals auch unglaublich brutal. Aber ich habe das Gefühl, das heute ist noch bitterer, noch brutaler und eigentlich auch überflüssiger. Das tut unglaublich weh!" Er hätte diese Rede so nie führen wollen, aber es sei nun einmal die Wahrheit (FCB erlebt "Alptraum dahoam").

"Das ist keine Niederlage, die man an einem Abend abstreift", erklärte Sportdirektor Christian Nerlinger: "Die wird einen verfolgen, weil es eine historische Chance war. Die Mannschaft und alle Beteiligten sind total niedergeschlagen und frustriert." Thomas Müller, der mit seinem Treffer zum 1:0 der umjubelte Held hätte werden können, schrieb auf seiner Facebook-Seite am Sonntagmorgen: "Ich habe kein Auge zugemacht. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass wir dieses Spiel nicht gewonnen haben. Soooooooooooo bitter!"

"Grausam. Es ist ein Riesenproblem, dass du es nicht fassen kannst. Ich habe keine Erklärung, wieso wir verloren haben", war auch Club-Präsident und FCB-Macher Uli Hoeneß maßlos enttäuscht. "Eigentlich fühlt man sich gar nicht als Verlierer. Chelsea weiß doch jetzt noch nicht, warum sie gewonnen haben."

Die verflixten Mätchbälle



Die Bayern aber wissen, warum sie eben nicht gewonnen haben. Ob Spieler oder Verantwortliche - alle führten selbstkritisch aber auch ungläubig die mangelhafte Chancenverwertung an. Immer wieder war von den "drei Matchbällen" die Rede, die man einfach nicht genutzt hätte. Führung kurz vor Schluss, Elfmeter in der Verlängerung, Führung beim Elfmeterschießen.

Hoeneß war in einer sportlichen Krise Anfang 2011 der Erste, der das "Finale dahoam" als großes Ziel ausgegeben hatte. Eine ganze Saison hatte der FC Bayern dem Titel in der "Königsklasse" untergeordnet. Er hatte den Verlust der Meisterschaft gegen Dortmund irgendwie akzeptiert, er hatte die Klatsche gegen den BVB im Pokal weggesteckt. Alles in der Hoffnung auf die Erfüllung des Traums vom Henkelpott. Es wäre der fünfte Triumph der Vereinsgeschichte im wichtigsten europäischen Wettbewerb gewesen und - viel wichtiger - der erste einer Mannschaft im eigenen Stadion.

"Habe keinen Jens Jeremies gesehen..."



Statt einer rauschenden Party in rot und weiß erlebte ganz München an diesem 19. Mai 2012 sein blaues Wunder. Mit der tragischen Figur Bastian Schweinsteiger, mit einem Pechvogel Arjen Robben, dem Hoeneß Trost spendete. "Wenn er festgelegt ist als Nummer-eins-Schütze, dann schießt er den Elfmeter", so der 60-Jährige zu der Szene in der 95. Minute. Der Niederländer hatte sich wie schon in der Bundesliga gegen Dortmund mutig den Ball geschnappt - erneut ohne Erfolg. "Am liebsten würde ich jetzt eine Woche auf einer unbewohnten Insel verbringen", gestand Robben.

Zu möglichen Konsequenzen aus der bitteren Stunde konnte und wollte Hoeneß sich noch nicht äußern. "Aber man kann nicht sagen, es ist alles in Ordnung, wenn man drei Titel verspielt. Dann hat man gewisse Probleme. Das kann einmal passieren, zweimal, aber dreimal? Vielleicht muss man sich fragen, warum das passiert ist." Und weiter: "Vielleicht haben wir nicht genug Spieler, die so etwas erzwingen wollen. Ich habe keinen Jens Jeremies gesehen, der dem Gegner schon beim Einlaufen in die Waden beißt."

Mit dem Fakt, dass der Rekordmeister nun bereits zum zweiten Mal in Folge am Saisonende ohne Titel dasteht, kann der Präsident am allerwenigsten leben. "Wir haben immer über Leverkusen (2002 drei Mal Zweiter, Anm. d. Red.) gelächelt, jetzt sind wir in einer ähnlichen Situation", bekannte Hoeneß: "Auf die Dauer habe ich keine Lust, Platz 2 zu belegen, das ist kein Zustand, den ich akzeptieren kann."

Tim Tonner
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