2. Bundesliga

10.05.2016 - 12:14 Uhr


FCN-Coach René Weiler: "Diese Entwicklung hatte man nicht erwarten können"

Nürnberg - Dass der 1. FC Nürnberg am Ende dieser Spielzeit über die Relegation nun die Chance zum Aufstieg hat, hätten zu Saisonbeginn wohl selbst die größten Optimisten unter den "Club"-Fans kaum geglaubt. Trainer René Weiler aber ist es nach schwierigem Start in kürzester Zeit gelungen eine kampf- und spielstarke Elf zu formen, die zwischenzeitlich gar 18 Spiele ungeschlagen war. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de lässt der Schweizer diese Entwicklung noch einmal Revue passieren, er skizziert seine Arbeitsweise und spricht über den aufstrebenden Fußball der Eidgenossen und die bevorstehende Europameisterschaft.

bundesliga.de: Herr Weiler, der Saisonstart des FCN war nicht nur wegen des unmittelbaren Auftakts mit dem 3:6 in Freiburg wenig verheißungsvoll. Und doch hat der FCN nun die Chance aufzusteigen. Zeigt das, wie sehr der Profi-Fußball Tagesgeschäft ist, und dass in der Berichterstattung etwas mehr Gelassenheit vonnöten wäre?

René Weiler: Das kann ich nur unterschreiben. Diese Aufgeregtheit nervt mich immer wieder. Wenn man sieht, mit welcher Mannschaft wir im vergangenen Sommer gespielt haben und mit welcher Mannschaft wir heute spielen, ist das wegen Abgängen oder etwaiger Verletzungen nicht die Mannschaft, mit der wir 18 Spiele in Folge ungeschlagen waren und sehr erfolgreich Fußball gespielt haben. Ich könnte aber auch den VfB Stuttgart nennen, der mit dem Abstieg beinahe schon nichts mehr zu tun hatte, zuletzt aber nur noch verloren hat. Auch dort fehlten verletzungsbedingt viele wichtige Spieler.

bundesliga.de: Wann haben Sie erstmals gespürt, dass der FCN trotz des weniger guten Saisonstarts ein Wort in Sachen Aufstieg würde mitreden können?

Weiler: Im Herbst hatten wir eine Phase mit nur vier Punkten aus fünf Spielen. Diese vier Punkte resultierten aus vier Unentschieden, in denen wir durchweg die bessere Mannschaft waren, aber schlichtweg Pech hatten. Damals habe ich gespürt, dass sich eine gewisse Stabilität einstellt, die Abläufe zu greifen beginnen und die Mentalität der Mannschaft stimmt. Und das zeigt sich bekanntlich vor allem dann, wenn es Rückschläge gibt. Wir sind dann sukzessive besser geworden und konnten so das Selbstvertrauen tanken, das im Fußball einfach notwendig ist.

bundesliga.de: Erlebt es ein Trainer oft, dass eine Mannschaft sich innerhalb nur einer halben Saison so gut entwickelt?

Weiler: Ich gebe zu, dass ich selbst ein Stück weit überrascht war. Diese Entwicklung hatte man so, in dieser kurzen Zeitspanne und in dieser Schnelligkeit, nicht erwarten können und schon gar nicht erwarten dürfen. Grundsätzlich habe ich jedoch stets das Selbstvertrauen, dass wir zusammen in der Lage sind, Dinge voranzutreiben und zu entwickeln.

bundesliga.de: Was überwiegt nun am Ende einer langen Saison: die Freude, in der Relegation die große Chance auf die Bundesliga zu haben oder die Enttäuschung, den direkten Aufstieg verpasst zu haben?

Weiler: Da sind wir noch einmal bei den Medien. Es waren vorwiegend die Medien, die von verpassten Chancen gesprochen haben, und das Umfeld hat das aufgenommen. Und plötzlich macht sich dann nach einer solchen Saison Enttäuschung breit, weil man den zweiten Platz nicht erreicht und auswärts in Braunschweig und beim Karlsruher SC verloren hat - wohlgemerkt bei Teams, die um den Aufstieg kämpfen wollten. 

bundesliga.de: Heißt das, dass die Verhältnismäßigkeit verloren geht?

Weiler: Da geht mir vor allem der Sinn für die Realität verloren. Für mich als Trainer entsteht so eine Situation, die ich nicht mag. Denn ich muss meinen Spielern wiederholt vor Augen führen, wo wir herkommen und wo wir heute tatsächlich stehen. Um Himmels willen! Wenn Braunschweig zwölf Heimspiele nicht verliert und etwa den Ligakrösus Freiburg dominiert, man bei uns aber von einer ganz bitteren Niederlage und einer verpassten Chance spricht, habe ich damit ein Problem. Aber das ist Fußball. Und man muss lernen, damit umzugehen.

bundesliga.de: Wie schwer ist es, die Konzentration in dieser Woche hoch zu halten?

Weiler: Die einzige Problematik ist, dass wir das letzte Spiel einerseits gewinnen wollen, sich andererseits aber keiner meiner Spieler verletzen sollte. Da mag sich manch einer in der einen oder anderen Situation vielleicht - auch nachvollziehbar - denken "Warum soll ich jetzt voll durchziehen, wenn es doch vor allem darauf ankommt, dass ich in der Relegation fit bin?" Und da wir vor allem auch über die Athletik kommen, mag es sein, dass unsere Stärke so ein Stück weit auf der Strecke bleiben kann. Das lässt sich leider kaum steuern.

bundesliga.de: Hat in der Relegation der Unterklassige das Momentum auf seiner Seite, weil man durch ständige Erfolge etwas erreicht hat und dort antreten darf, während der Oberklassige wegen Erfolglosigkeit dort antreten muss?

Weiler: Ich glaube nicht, dass man das so sagen kann. Mag zwar sein, dass wir im ersten Augenblick das Momentum auf unserer Seite haben. Hätte aber etwa Leipzig noch Relegation spielen müssen, hätte das wohl anders ausgesehen, weil dort die Enttäuschung groß gewesen wäre, den direkten Aufstieg noch verpasst zu haben. Bekommen wir in der Relegation einen Club, der lange und relativ sicher über dem Strich gestanden hat, ist das Momentan wiederum eher auf unserer Seite. Treffen wir jedoch auf eine Mannschaft, die sich am letzten Spieltag noch spektakulär auf Platz 16 retten kann, wäre es umgekehrt. Nein. Das Momentum im Fußball ist eine flüchtige Angelegenheit und kann sich ab Anpfiff innerhalb weniger Minuten immer wieder ändern.

bundesliga.de: Sind Sie überrascht, dass Sie definitiv auf einen großen Traditionsclub treffen?

Weiler: Natürlich hätte man vor der Saison vielleicht eher an Darmstadt oder an Ingolstadt denken können. Letztlich aber gibt es für mich in der Bundesliga ohnehin keine Kleinen mehr. So ist Mainz zum Beispiel für mich kein kleiner Club. Der Verein und die Mannschaft sind grundsolide und absolut stabil, man verfügt über ein tolles Stadion und ist längst etabliert.

bundesliga.de: Sollte es nicht klappen mit dem Aufstieg, müsste man beim FCN dann wieder von vorne beginnen, weil die Mannschaft ob der wirtschaftlichen Notwendigkeiten auseinanderbrechen würde?

Weiler: Diesbezüglich bin ich der falsche Ansprechpartner. Man müsste wohl eher jemand fragen, der die wirtschaftlichen Belange en détail kennt. Es stimmt aber wohl, dass man womöglich erneut wichtige Spieler verlieren würde und sich neu aufstellen müsste. Wenn man einer Mannschaft aber ständig Substanz entzieht, hat das sicherlich Auswirkungen auf die Leistung. Aber mit dieser Thematik befasse ich mich nur am Rande. Ich bin zurzeit fokussiert auf die Spiele, die anstehen.

bundesliga.de: Wie geht man als Trainer damit um, wenn einem etwa im Laufe einer Saison durch Verkäufe Substanz entzogen wird, wie im vergangenen Winter, als Sie Alessandro Schöpf ziehen lassen mussten?

Weiler: Man hat keine andere Wahl als das zu akzeptieren. Das sind Dinge, die man im Fußball lernen muss. Man hadert kurz, konzentriert sich dann aber sehr schnell wieder auf das Wesentliche und versucht, mit den Gegebenheiten erneut das Maximum zu erreichen. Wir investieren jedenfalls alles, damit wir auch in der neuen Saison gut aufgestellt sind.

bundesliga.de: Lassen Sie uns über Ihre Art, auf solche Herausforderungen zu reagieren und damit auch über Sie persönlich sprechen: Was zeichnet Sie besonders aus?

Weiler: Ich bin vollkommen! (lacht herzhaft) Nein, mal ernsthaft: Ich finde es sehr schwierig, sich selbst zu analysieren. Natürlich bin ich überzeugt von dem, was ich mache. Und ich denke, dass sich meine Fähigkeiten ein Stück weit auch ablesen lassen an den Resultaten der Vereine, mit denen ich arbeiten durfte. Dennoch halte ich es für schwierig zu erklären, wie man im Einzelnen tickt und das dann vielleicht auch noch lobend herauszustellen.

bundesliga.de: Versuchen wir es anders: Sie haben einen Hochschluss-Abschluss in "Kommunikation, Management und Leadership". Lässt sich das dort Erworbene in die tägliche Arbeit mit den Spielern einbringen?

Weiler: Ich bevorzuge in aller Regel den Praktiker vor dem reinen Theoretiker. Wenn aber der Praktiker keinen theoretischen Hintergrund aufweisen kann, habe ich damit auch meine Probleme. Ich würde ja auch nicht zu einem Arzt gehen, der möglicherweise sogar ein ordentlicher Operateur ist, aber keine echte medizinische Ausbildung hat. Es schadet also sicher nicht, wenn man in die tägliche praktische Arbeit theoretisches Wissen einfließen lassen kann.

bundesliga.de: Wie macht sich dieses theoretische Fachwissen in der Arbeit mit der Presse bemerkbar?

Weiler: Wie heißt es doch so schön: Wissen ist Macht. Und je mehr man weiß, desto leichter wird man ehemalige Fehler erkennen und in der Zukunft vermeiden können. Fehler, die man einmal gemacht hat, macht man in der Regel kein zweites Mal, wenn man um die Konsequenzen weiß, die diese Fehler in der Praxis bedeuten.

bundesliga.de: "Positiv denken, das ist mein Lebensmotto", so ein von Ihnen überliefertes Zitat...

Weiler: Das stimmt. Trotzdem kann ich meiner Mannschaft nicht einfach nur sagen "Jungs, denkt positiv! Ich kann euch zwar nicht sagen, wie wir den Gegner bezwingen können, aber denkt positiv!" (lacht) Da ist schon mehr notwendig. Trotzdem halte ich eine positive Denke für unerlässlich, im Fußball und im Leben per se.

bundesliga.de: Suchen Sie bisweilen den Rat besonders erfahrener Kollegen?

Weiler: Es ist wichtig, dass man zunächst seinen eigenen Weg findet. Selbstverständlich bin ich aber nicht so vermessen, dass ich in gewissen Situationen nicht den Rat älterer und erfahrenerer Kollegen suchen und annehmen würde. Diese Kollegen haben bereits soviel erlebt, dass sie nachvollziehen können, in welcher Gefühlslage man sich in einer bestimmten Situation im Laufe einer Saison wiederfinden kann.

bundesliga.de: Ein weiteres Lebensmotto von Ihnen soll lauten "Man erreicht nur, was man verdient, und nicht, was man herbeisehnt"...

Weiler: Das ist doch auch so.

bundesliga.de: Aber ist das nicht eine ziemlich romantische Sicht der Dinge, die vielleicht auf den Fußball zutrifft, aber nicht auf das Leben, wo oft diejenigen viel erreichen, die besonders skrupellos sind?

Weiler: Ich gehe immer davon aus, dass alles fair und ehrlich zugeht. Natürlich haben Sie Recht. Das ist ein Problem, bisweilen auch im Fußballgeschäft. Dann wird versucht, ein bestimmtes Ziel mit unlauteren Mitteln zu erreichen. Ich glaube allerdings, dass das nur auf kurze Sicht funktioniert. Langfristige Ziele kann man meiner Meinung nach so nicht erreichen. Wer nachhaltigen Erfolg sucht, der erzielt diesen nur, wenn er hart und korrekt dafür arbeitet.

bundesliga.de: Harte Arbeit - ist die auch der vornehmliche Grund für den Aufschwung des Schweizer Fußballs in den vergangenen Jahren?

Weiler: Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren viel in den Fußball-Nachwuchs investiert. Dafür verantwortlich zeichnet vor allem Hansruedi Hasler, der ehemalige technische Direktor des Schweizer Fußballverbandes, der hervorragende Aufbauarbeit geleistet und den Nachwuchsbereich professionalisiert hat. Das machen die Schweizer beziehungsweise die besten Vereine der Schweiz richtig gut. Zudem, das sagt man uns schon länger nach, gilt unsere Trainerausbildung als eine der besten, wenn nicht die beste Europas. Und berücksichtigt man noch, dass die kleine Schweiz zuletzt wiederholt bei EM und WM dabei war bzw. ist, sehe ich darin durchaus ein Qualitätsmerkmal.

bundesliga.de: Ist die Bundesliga die erste Option, die man als ehrgeiziger, deutschsprachiger Schweizer Fußballer oder Trainer im Kopf hat?

Weiler: Der deutsche Fußball ist der Fußball, der die deutschsprachigen Schweizer am meisten fasziniert. Das kann ich so bestätigen.

bundesliga.de: Apropos deutschsprachig: Ist Sprache für Sie ein zentraler Punkt, wenn Sie Spieler für den FCN suchen?

Weiler: Nein. Wenn einer richtig gut Fußball spielt, ist die Sprache kein Problem. Bringt einer allerdings fußballerische Defizite mit, kann Sprache zum zusätzlichen und großen Handicap werden.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie das Leistungsgefälle zwischen Bundesliga und Schweizer Super League ein?

Weiler: Dass die Bundesliga die stärkere Liga ist, das steht außer Frage. Es gibt in der Schweiz drei, vier Unternehmen, die bereit sind, richtig viel Geld in ihre Clubs zu investieren. Sie haben dementsprechend Möglichkeiten gute Spieler zu verpflichten. Nichtsdestotrotz ist in der Schweizer Liga selbstverständlich weit weniger Dichte vorhanden als in der Bundesliga, so dass auch das Gefälle zwischen den drei, vier besten und den folgenden Clubs viel größer ist.

bundesliga.de: Was erwarten Sie bei der EM von der Schweiz?

Weiler: Die EM ist ein fantastisches Fußballfest, bei dem alle Teams hochmotiviert sein werden. Die Schweiz wird sicherlich nicht zu den Topfavoriten gehören - ganz im Gegensatz zu Deutschland. Selbstverständlich fiebere ich aber mit den Schweizern mit und hoffe, dass die Mannschaft vielleicht etwas erreicht, das sie bisher noch nie erreichen konnte. Sensationell wäre ein Aufeinandertreffen mit Deutschland in einem der K.o.-Spiele. Mit Ausnahme einer solchen Begegnung wünsche ich aber auch der deutschen Mannschaft alles Gute für Frankreich!

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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