2. Bundesliga

28.07.2016 - 11:35 Uhr


Peter Neururer im Interview: "Das ist weltweit die attraktivste 2. Liga"

Köln - Der Countdown läuft. Am Freitag, 5. August, wird die 2. Bundesliga mit dem Hit 1. FC Kaiserslautern gegen Hannover 96 eröffnet. Im Interview mit bundesliga.de benennt Peter Neururer seine Aufstiegsfavoriten und die Vereine, die für eine Überraschung sorgen könnten. Der frühere Trainer u.a. von Schalke 04, des 1. FC Köln, des VfL Bochum, von Hannover 96 und Fortuna Düsseldorf spricht darüber, wo die Gefahren für die Topfavoriten lauern und welche Fehler sie nicht begehen dürfen.

bundesliga.de: Vor jedem Saisonstart einer 2. Bundesliga heißt es, es wäre die stärkste 2. Bundesliga aller Zeiten. Gilt das in diesem Jahr mehr denn je?

Peter Neururer: Für mich ist es die prominenteste 2. Bundesliga aller Zeiten. Das würde ich schon sagen. In der 2. Bundesliga tummeln sich sehr viele Traditionsvereine, ehemalige Bundesligisten, Mannschaften, die in der Champions League und im Europapokal gespielt haben. Jetzt sind der VfB Stuttgart und Hannover 96 herunter gekommen. Namhafter geht es ja kaum noch. Es ist die attraktivste 2. Liga weltweit. Das sieht man auch an den Zuschauerzahlen.

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bundesliga.de: In der vergangenen Saison haben die Aufsteiger FC Ingolstadt und Darmstadt 98 in der Bundesliga den Klassenerhalt geschafft. Sie waren konkurrenzfähig. War auch das ein Indiz für die sportliche Klasse der 2. Bundesliga?

Neururer: Ja. Hut ab davor, wie besonders Darmstadt die Klasse gehalten hat. Es hat natürlich auch mit anderen Komponenten zu tun. Denn die Darmstädter Mannschaft, die aufgestiegen ist, war nicht identisch mit der, die den Klassenerhalt gepackt hat. Sie haben viele neue Spieler mit Bundesliga-Erfahrung geholt. Alleine mit der Aufstiegsmannschaft hätten sie es wohl nicht geschafft.

bundesliga.de: Worauf sind Sie vor der neuen Saison vor allem gespannt?

Neururer: Ich bin gespannt, wie die Bundesliga-Absteiger Hannover 96 und VfB Stuttgart auf die neue Lage reagieren. Sie gehen als Topfavoriten in die 2. Bundesliga und müssen sich daran gewöhnen, dass in dieser Liga ein anderer Fußball gespielt wird als in der Bundesliga. Wenn sie das schnell begreifen, werden sie die Topfavoriten bleiben und demzufolge auch aufsteigen. Wenn sie es nicht begreifen, gibt es schlimme Beispiele von Vereinen, die durchgereicht wurden.

bundesliga.de: Wenn wir die beiden von Ihnen genannten Favoriten durchgehen: Hannover 96 setzt auf einen jungen Trainer aus den eigenen Reihen und gestandene Profis unter den Neuzugängen. Der VfB Stuttgart hat einen etablierten Coach verpflichtet und einige vielversprechende Talente.

Neururer: Talente würde ich die Spieler nicht mehr nennen. Mit dem Begriff wäre ich vorsichtig. Ein Simon Terodde ist seit zehn Jahren Profi. Der VfB hat gute Leute geholt. Und die Klassifizierung der Trainer lassen wir auch einmal außen vor. Ob junge oder etablierte Trainer - die Trainer müssen passen. Genauso wie die Mannschaft passen muss. Entscheidend sind Mannschaft und Vereinsführung. Dann wird man sehen, ob eine Symbiose entsteht und die Ziele erreicht werden. Das gilt sowohl für die Aufstiegskandidaten als auch für die Mannschaften, die andere Ziele haben.

bundesliga.de: Wie schwer wird es für die beiden Bundesliga-Absteiger?

Neururer: Sie müssen wissen, dass sie in der 2. Bundesliga grundsätzlich immer als Favorit zuhause wie auswärts starten. Sie werden - egal wie gut sie sind - von den Gegnern anders angesehen. Sie müssen eine andere Vorgehensweise finden als in den letzten Bundesliga-Jahren.

bundesliga.de: Der VfB Stuttgart bringt mit Kevin Großkreutz nun sogar einen amtierenden Weltmeister in die 2. Bundesliga ein. Die Schwaben hatten in den letzten Jahren immer gegen den Abstieg gespielt. Jetzt ist er eingetreten. Kann so ein Abstieg auch die Chance für einen Neuanfang sein?

Neururer: Nein. Grundsätzlich ist ein Neuaufbau in der 2. Bundesliga der größte Schwachsinn aller Zeiten. Die 2. Bundesliga ist von den Strukturen ähnlich aufgebaut wie die Bundesliga. Es gibt keine Möglichkeit zu einem Neuaufbau in der 2. Bundesliga. Es gibt nur die Möglichkeit - wie es Eintracht Braunschweig ordentlich gemacht hat - das kurzweilige Verbleiben in der Bundesliga in Verbindung mit einem Bundesliga-Aufstieg aber auch einem Abstieg so zu nutzen, dass daraus kein Schaden entsteht. Wenn man dann eine Mannschaft mit den Geldern, die dazu gekommen sind, aufbaut und sie vielleicht mittelfristig in der Lage ist, die Rückkehr zu schaffen, hat man gut gearbeitet. Ob bei Braunschweig in diesem Jahr der Aufstieg kommt, ist eine andere Frage. Paderborn hat es im vergangenen Jahr falsch gemacht, deshalb wurden sie durchgereicht. Darmstadt 98 steht möglicherweise auch Gleiches wie Braunschweig bevor. Sie werden wahrscheinlich die Bundesliga nicht noch einmal halten. Aber die Konzeption innerhalb des Vereins ist so, dass sie danach die Möglichkeit haben, sich mindestens in der 2. Bundesliga zu etablieren.

bundesliga.de: Wie schwer es ist, die Rückkehr in die Bundesliga zu schaffen, zeigen im Moment die Beispiele des 1. FC Nürnberg und des 1. FC Kaiserslautern. Der Club hat den Trainer und viel Substanz an Spielern verloren. Haben Sie die Franken dennoch als Aufstiegskandidat auf der Rechnung?

Neururer: Die Nürnberger werden meiner Meinung nach mit dem Aufstieg leider nichts zu tun haben. Das Gleiche gilt für den VfL Bochum, der mit Simon Terodde seinen stärksten Angreifer an einen Mitkonkurrenten (den VfB Stuttgart, die Red.) abgegeben hat. Bochum und Nürnberg können oben mitspielen, aber für den Aufstieg wird es nicht reichen.

bundesliga.de: Wer ist ein Kandidat für die Aufstiegsplätze? Wer könnte das Überraschungsteam werden?

Neururer: Hannover und Stuttgart sind die Favoriten. Ich glaube, dass Eintracht Braunschweig und Union Berlin eine wesentliche Rolle spielen können. Ewald Lienen hat mit St. Pauli einen riesengroßen Schritt gemacht, auch die Paulianer können sich oben etablieren. Danach wird es schon eng.

bundesliga.de: Verfolgen Sie auch noch, was neben Ihren Ex-Vereinen Hannover und Bochum auch die früher von Ihnen trainierte Fortuna aus Düsseldorf macht?

Neururer: Ja. Die Fortuna ist auf einem guten Weg. Sie haben die richtigen Schlüsse gezogen und mit Friedhelm Funkel einen, der den sportlichen Bereich gut im Griff hat. Auch auf der Manager-Ebene hat die Fortuna reagiert. Ich glaube, dass der Verein gut aufgestellt ist. Sie haben gute Talente geholt. Düsseldorf kann sich wieder nach oben entwickeln.

bundesliga.de: Kommen wir abschließend auf die sehr unterschiedlichen Aufsteiger zu sprechen - der Traditionsverein Dynamo Dresden, der Underdog Erzgebirge Aue und der Durchstarter Würzburger Kickers. Welche Rolle trauen Sie diesen Clubs zu?

Neururer: Aue wird wie alle Jahre wieder das einzig realistische Ziel Klassenerhalt ausgeben. Pavel Dotchev (der Trainer von Aue, die Red.) würde ich es aus ganzem Herzen gönnen. Er hat dort mit einer fantastischen Arbeit den Wiederaufstieg mit einer Mannschaft geschafft, von der dies eigentlich nicht erwartet wurde. Das war großartig. Sie haben die Chance drinzubleiben, es wird aber schwer. Dynamo Dresden ist auf dem richtigen Weg, sich auf Dauer zu etablieren. Aber der Abgang der beiden Torjäger wird Probleme bringen. Wenn sie die Abgänge kompensieren können, dann glaube ich, dass Dresden die Liga hält und vielleicht auch einmal irgendwann den Weg von Leipzig gehen kann. Aber das ist ein Blick in die ganz weit entfernte Zukunft. Was Würzburg geleistet hat, ist absolute Klasse. Bernd Hollerbach (der Coach von Würzburg, die Red.) ist clever genug, keine unrealistischen Ziele auszugeben. Sie werden solide Arbeit ableisten und haben eine gute Chance, den Klassenerhalt zu packen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

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