2. Bundesliga

03.01.2015 - 10:07 Uhr


Kleeblatt Campus: Büffeln im V.I.P.-Raum

Neun Spieler aus dem Profikader der SpVgg Greuther Fürth sind mit dabei und studieren am Kleeblatt-Campus

Wissensvermittlung aus erster Hand vom Experten: Christian Pfennig, Direktor der Unternehmens- und Markenkommunikation der DFL, referierte auf dem Kleeblatt Campus über das Marketing der Bundesliga

Der Kleeblatt Campus ist die erste Hochschule auf dem Gelände eines Profivereins

Fürth - Der Kleeblatt Campus der SpVgg Greuther Fürth ist die erste Hochschule auf dem Gelände eines Profivereins. Hier studieren junge Menschen aus ganz Deutschland - und gleich neun Spieler aus dem Profikader der Spielvereinigung.

Es ist kalt geworden in Fürth. So kalt, dass Tobias Auer morgens die Scheiben freikratzen muss, wenn er sich auf den Weg zur nagelneuen Geschäftsstelle der Fürther macht. Auer, der aus einer Tasse mit Vereinssymbol und dem eigenen Namen trinkt, hat in Salzgitter Sportbusiness studiert. Bevor sein Knie kollabierte, steuerte der gebürtige Krefelder beim damaligen Bundesligisten KFC Uerdingen auf eine Karriere als Profi hin. Es ist also kein Zufall, dass der drahtige 32-Jährige ausgesucht wurde, als es darum ging, ein Projekt zu betreuen, das sich der Verzahnung von Theorie und Praxis im Profifußball verschrieben hat. Der "Kleeblatt-Campus", der ersten Hochschule auf dem Gelände eines Profivereins.

Starker Praxisbezug

Im Auftrag der Münchner Sportbusiness Campus GmbH und der Steinbeis-Hochschule in Berlin können hier Abiturienten und Nicht-Abiturienten verschiedene Abschlüsse vom Bachelor bis zur einjährigen Weiterbildung erlangen. Neben den Inhalten, die Gastprofessoren und -dozenten übernehmen, gehört zum Studium ein starker Praxisbezug.

Wir sind mittlerweile am Stadion der Spielvereinigung angelangt. Nun, nach dem letzten Heimspiel der Vorrunde, ist der V.I.P.-Bereich verwaist: blankpolierte Bistrotische, ein Tresen, von dem aus die Hostessen am Freitagabend mit frisch gefüllten Gläsern aufbrechen werden, um den Durst der Kleeblatt-Fans zu stillen, die ein paar Euro mehr für ihr Ticket gezahlt haben. "Hier geht es familiärer als bei anderen Vereinen zu", sagt Auer, der auch schon bei anderen Profivereinen gearbeitet hat. Aber noch nie bei einem, in dessen V.I.P.-Bereich Vorlesungen für insgesamt knapp 40 Studierende stattfinden.

Prominente Gastredner

Hier, wo nur eine Glasfassade die Tische vom Spielfeld trennt, sitzen also die Studierenden und lauschen den Vorträgen in Recht oder Marketing. Die enge Anbindung an den Sport hat auch zur Folge, dass der ein oder andere Prominente zu Gastvorträgen vorbeikommt: Christian Pfennig, Direktor der Unternehmens- und Markenkommunikation der DFL, referierte über das Marketing der Bundesliga, DFB-Sportdirektor Hans-Dieter Flick über die Weltmeisterschaft. Und Landwirtschaftsarchitekt Rainer Ernst, der das "Campo Bahia“ in Brasilien entworfen hat, war auch schon hier.

So weit, so schön. Was aber treibt einen Zweitligisten an, sich dem Hochschulwesen zu öffnen? Auf diese Frage hat Auer natürlich gewartet. Und als exzellenter Verkäufer seines Projekts fängt er mit dem Punkt an, den er selbst als "am wenigsten romantisch" klassifiziert: "Wir erhöhen natürlich auch die Stadionauslastung“ berichtet er. Ein Vorlesungs-Tag bringt der Spielvereinigung bares Geld ein, genau, wie wenn sie die Räumlichkeiten an diesem Tag an ein Autohaus vermieten würden. Schließlich kostet ein Bachelor-Platz um die 28.000 Euro für drei Jahre, die Weiterbildung ein Siebtel davon.

Studium als nächster logischer Schritt

So viel dazu. Was nun folgt, sind die ideellen Gründe - schließlich stehen die Studiengänge nicht nur Externen offen sondern auch den eigenen Spielern. Auch den Jugendspielern, sofern sie mindestens 18 Jahre alt sind. "Wir definieren uns ja als Ausbildungsverein und begleiten die Jugendlichen bis zum Abitur", erläutert Auer. "Da ist es doch der nächste logische Schritt zu sagen: Es gibt auch noch ein Studium."

Dass die Sorge um den Nachwuchs das entscheidende Motiv für die Gründung des Kleeblatt-Campus war, behauptet aber niemand in Fürth, wo sich derzeit fünf Geschäftsstellen-Mitarbeiter im Campus weiterbilden. "Einer unserer Mitarbeiter, der sich hier fortbildet, forscht zum Beispiel ausschließlich zum Thema "Zweitmarkt im Ticketing.“ Was ein wenig sperrig klingt, ist eines von vielen Beispielen dafür, wie rasant sich die Branche in den vergangenen Jahren ausdifferenziert hat. Zur Jahrtausendwende legte ein Bundesligist zu Beginn der Saison die Eintrittspreise fest – das war`s zum Thema Ticketing. Heute stellen Portale wie "Viagogo“ die Clubs vor Herausforderungen.

Neun Spieler aus Profikader sind eingeschrieben

Einer, der in den letzten Monaten besonders viel über seinen Verein gelernt hat, ist Stephan Fürstner. Er ist ein reflektierter, intelligenter Vertreter seiner Zunft, keiner mit dem man nur über schnelle Autos sprechen kann. Seit 2008 ist der gebürtige Münchner beim Kleeblatt. "Und trotzdem habe ich viele Einblicke erst bekommen, seitdem ich mich hier am Campus eingeschrieben habe.“

"Fürste“, der selbst erstaunt klingt, als er das sagt, ist einer von neun Profis, die am Campus einen eigenen Kurs belegen. "Ich glaube, ich bin durchaus repräsentativ für viele im Profikurs“, sagt der Mittelfeldspieler, der unter anderem zusammen mit Wolfgang Hesl, Stephan Schröck, Thomas Pledl und zwei Profis vom Eishockeyteam "Nürnberg Ice Tigers“ studiert. "Ich würde gerne nach dem Karriereende weiter im Fußball arbeiten, weiß aber, dass es heute nicht mehr reicht, einfach Ex-Spieler zu sein.“ Anfangs, berichtet Fürstner, sei es ihm schwergefallen, stundenlang zuzuhören, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, zu Hause eine Arbeit zu schreiben. "Ich bin ja schon ein paar Jahre aus der Schule raus und musste erst wieder lernen, wie man lernt.“

"Hinter Profifußball steckt viel harte Arbeit"

Mittlerweile ist Holger Schwiewagner in Auers Büro gekommen. Der Fürther Geschäftsführer hat in Nürnberg studiert, ehe ihn Präsident Helmut Hack zum Marketingleiter in Fürth machte. "Ich muss im Nachhinein sagen, dass in meinem Studium damals weitgehend jeder Praxisbezug gefehlt hat“, sagt er nachdenklich. Und dass man heutzutage gar nicht mehr anders könne, als sich lebenslang fortzubilden. "Vor drei, vier Jahren hat sich noch kaum einer über Datenschutz Gedanken gemacht hat. Heute verschicken auch wir selbstverständlich interne Dokumente nur noch verschlüsselt.“

Auch Schwiewagner ist froh, dass es den Kleeblatt Campus gibt. Auch wenn er seither oft schmunzeln muss: "Viele junge Leute dachten offenbar, dass Profifußball nur eine tolle, glamouröse Sache ist. Seit sie hier studieren, wissen sie, dass da auf allen Ebenen viel harte Arbeit dahintersteckt.“

Aus Fürth berichtet Christoph Ruf

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