2. Bundesliga

01.08.2016 - 13:11 Uhr


Christian Hochstätter: "Wir werden den Aufstieg versuchen - so schnell wie möglich"

Bochum - Seit drei Jahren lenkt Christian Hochstätter die Geschicke des VfL Bochum. Unter seiner Regie ist der Club wieder eine feste Größe in der 2. Bundesliga geworden, auch wenn quasi in jedem Jahr ein personeller Umbruch zu meistern ist. Über die Ziele und Perspektiven des Vereins spricht Hochstätter im ausführlichen Interview mit bundesliga.de ebenso wie über Lust und Frust seiner eigenen Arbeit.

bundesliga.de: Christian Hochstätter, für den VfL Bochum war es ein intensiver Transfersommer mit zehn Abgängen und bislang neun Neuverpflichtungen.

Christian Hochstätter: Es war so nicht geplant, das muss man ganz ehrlich sagen. Bei Simon Terodde haben wir früh versucht, den Vertrag zu verlängern. Bei Janik Haberer bestand lange die Hoffnung, mit Hoffenheim eine Lösung zu finden. Und auch Onur Bulut hätten wir gern langfristig gehalten. Er hat uns aber mitgeteilt, dass er den nächsten Schritt machen und in der Bundesliga spielen möchte. Dann steht man vor der Wahl, den Spieler ein Jahr lang zu halten und dann ablösefrei gehen zu lassen. Oder man generiert eine Ablösesumme, und dafür haben wir uns genau wie bei Terodde entschieden. Bei anderen Spielern, die wie Haberer auf Leihbasis bei uns waren, hatten wir keinen Zugriff.

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bundesliga.de: Können Sie Kritik verstehen, dass der VfL sich bei Leihspielern wie Haberer keine Kaufoption gesichert hat?

Hochstätter: Leute, die das jetzt kritisieren, wussten zum Teil vor einem Jahr noch gar nicht, wer Janik Haberer überhaupt ist. Er hat damals in der vierten Liga gespielt. Der VfL hat ihm eine Plattform geboten, die er für sich genutzt hat. Aber er hat eben auch etwas für diesen Verein getan. Im Übrigen muss man festhalten, dass der VfL einer der wenigen Zweitligisten in dieser Saison ist, von dem drei Spieler nach oben in die Bundesliga gewechselt sind.

bundesliga.de: Sollte man als VfL-Fan ein stückweit stolz sein, wenn Spieler über Bochum den Sprung in die Bundesliga schaffen?

Hochstätter: Das gehört auch zu unserer Philosophie. Nicht, dass wir Spieler unbedingt verkaufen wollen, aber deren Qualität so zu steigern, dass sie Bundesligareife erlangen. Der eine Fan ist vielleicht stolz, der andere eher enttäuscht, weil eine Mannschaft gerade zusammengewachsen ist. Wir hatten uns grundsätzlich vorgenommen, das Kollektiv zu halten, um unsere Spielphilosophie umzusetzen. Das geht leichter, wenn Spieler die Art unseres Trainings und unseres Spiels schon gewohnt sind. Ist das nicht der Fall, kann es mal holprig werden. Auf der anderen Seite haben wir die Verträge unserer Defensive frühzeitig verlängert. Damit stand defensiv ein Grundgerüst. Dass wir uns in der Offensive neu aufstellen müssen, kam wie gesagt außerplanmäßig.

bundesliga.de: Wie groß ist Ihr eigener Spaßfaktor, wenn Sie Jahr für Jahr neu aufbauen zu müssen?

Hochstätter: Mir macht die Aufgabe beim VfL Bochum richtig Spaß! Es ist eine tolle Herausforderung, von der ersten Minute an. Dieser Verein hat sich in den letzten drei Jahren stark entwickelt. Wir haben es in dieser Zeit geschafft, auch unsere wirtschaftliche Situation deutlich zu verbessern, obwohl sie noch nicht optimal ist. Wenn man sieben oder acht Millionen Verbindlichkeiten hat, lachen andere Clubs darüber. Aber ich bin als Vorstand für den Bereich Sport verantwortlich und arbeite mit dem Geld meines Klubs so, wie ich es mit meinem eigenen mache. Es ist uns gelungen, aus einem Verein, der gegen den Abstieg gespielt hat, wieder eine feste Größe in der 2. Bundesliga zu machen mit der Ambition, auch wieder aufzusteigen. Auf diese Entwicklung können alle Mitarbeiter dieses Vereins stolz sein.

bundesliga.de: Der eine oder andere Fan hätte es noch lieber gesehen, wenn das Geld zum Beispiel aus dem Terodde-Transfer direkt wieder in die Mannschaft geflossen wäre.

Hochstätter: Teil unserer Philosophie ist es, auf die Jugend zu setzen. Wir werden in dieser Saison aller Wahrscheinlichkeit nach die jüngste Mannschaft der 2. Bundesliga stellen. Es ist klar zu erkennen, was der Verein will und welchen Weg er geht. Und das Wichtigste überhaupt ist, dass sich der Fan damit identifizieren kann. Was dabei rauskommt, werden wir ab dem 6. August sehen.

bundesliga.de: Relativ jung, mit Entwicklungspotenzial, deutschsprachig und flexibel einsetzbar – entspricht dies etwa dem Anforderungsprofil der Neuzugänge in diesem Sommer?

Hochstätter: Das könnte ich so unterschreiben. Es liegt auch darin begründet, dass wir uns auf dem deutschen Markt am besten auskennen. Wenn man alle Märkte beobachten will, benötigt man im Scouting eine entsprechende Manpower. Da wir die nicht in dem Umfang wie andere Vereine haben, gehen wir auch hier neue Wege und suchen nach Lösungen, bei denen wir schnell sein können. Und schnell müssen wir sein, weil wir nicht das große Geld haben. Wir suchen kreative Lösungen mit jungen, dynamischen Spielern. In den letzten Jahren ist uns das ganz gut gelungen. Ich hoffe, wir haben dieses Mal ein ähnlich glückliches Händchen.

bundesliga.de: Für Marco Stiepermann haben Sie ausnahmsweise auch eine Ablöse gezahlt.

Hochstätter: Wir wollten bewusst für einen Spieler Geld in die Hand nehmen, der mit 25 Jahren noch jung genug ist, aber trotzdem über genügend Erfahrung, gerade auch in der 2. Bundesliga verfügt.  Eine junge Mannschaft braucht eine gewisse Stabilität. Sie braucht Spieler, die auch in Stresssituationen wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Wir werden zwar einen jungen Altersschnitt haben. Aber Riemann, Celozzi, Bastians und Perthel sind 27 Jahre alt, Losilla ist 30 Jahre, Hoogland 31 Jahre – das sind Spieler, die Erfahrung einbringen. Sie können unsere jungen Spieler weiter nach vorne bringen.

bundesliga.de: Stiepermann ist auch einer, den Sie in der neu formierten Mannschaft als Führungsspieler sehen?

Hochstätter: Er muss diese Rolle natürlich auch annehmen. Man wird nicht Führungsspieler, weil der Trainer es sagt. Du musst diese Rolle mit Leistung, aber auch mit deiner Persönlichkeit untermauern. Wir trauen Marco diese Entwicklung zu. Ich persönlich bin sogar sicher, dass er auch mit 25 Jahren noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung ist. Mit seiner fußballerischen Qualität müsste er eigentlich schon in der Bundesliga spielen.

bundesliga.de: Die Testspiele legen nahe, dass der Trainer schon früh eine Art Stammelf gefunden hat, in der sich defensiv die bewährten Kräfte aus der letzten Saison wiederfinden.

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Hochstätter: Das ist wenig verwunderlich, weil sie sich bereits als Stammspieler bewiesen haben. Und sie gehen durch eine Vorbereitung unter Gertjan Verbeek ganz anders als Spieler, die aus anderen Clubs neu zu uns gekommen sind. Die meisten kennen die Art, wie Verbeek trainiert, so nicht. Andere Trainer legen in der Vorbereitung mehr Wert auf Ausdauer. Das trainiert unser Coach nicht im Sinne von Waldläufen, sondern alles mit Ball. Und er arbeitet sehr viel an den Geräten im Kraftraum. Wenn du das nicht gewohnt bist, wirst du nach drei Wochen merken, dass die Beine müde werden. Dazu kommt unsere Art, Fußball zu spielen: Du musst nach vorne denken, mutig denken. Das ist innerhalb von drei Wochen kaum zu schaffen.

bundesliga.de: Die Art des mutigen Offensivfußballs haben Sie als VfL-DNA beschrieben. Wie viel dieser DNA steckt denn in der aktuellen Mannschaft?

Hochstätter: In den Testspielen ist es uns teilweise sehr gut gelungen, das zu zeigen. Es fehlt noch ein Tick, das hat aber auch mit der körperlichen Verfassung zu tun. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass du deine Top-Fitness erst nach fünf Spielen hast. Die bekommst du erst, wenn du wirklich an die Grenze und darüber hinausgehst. Aber ganz generell: Auf diese VfL-DNA, von der wir sprechen, wird der VfL vom Jugend- bis zum Lizenzspielerbereich immer Wert legen. Zumindest so lange ich als Vorstand tätig bin, wird das so sein. Ich bin davon überzeugt und glaube an den Erfolg. Reaktiver Fußball ist nicht das, was ich sehen will.

bundesliga.de: Wie groß ist Ihre Hoffnung, mit dieser attraktiven Spielweise auch mehr Zuschauer ins Stadion zu locken? Der Trainer und auch Sie hatten Ende der letzten Spielzeit mangelndes Interesse der Bochumer beklagt.

Hochstätter: Man darf natürlich nicht vergessen, dass diese Stadt und dieser Verein in den letzten sechs Jahren in der 2. Bundesliga auch Enttäuschungen erlebt haben. Die Fans jetzt zurückzugewinnen, ist nicht ganz einfach. Es scheint seine Zeit zu dauern. Darüber kann man sich ärgern, und wir waren der Meinung, dass wir das mal kundtun müssen. Aber jetzt geht es darum, diese Herausforderung anzunehmen. Man wird nie unabhängig vom Ergebnis sein. Aber dieser Verein muss in dieser Stadt wieder eine Größe sein. Die Marke VfL Bochum 1848 muss wieder so sein, dass die Menschen stolz sind auf diesen Verein und sich damit identifizieren – auch dann, wenn es sportlich mal nicht optimal läuft.

bundesliga.de: Muss sich der VfL Bochum auch als Verein mit mehr Selbstbewusstsein präsentieren?

Hochstätter: Wir müssen selbstbewusster werden, was aber nicht in Arroganz ausarten darf. Wir müssen authentisch bleiben. Aber wir müssen uns auch nicht klein machen, weil rechts und links von uns die großen Klubs sind. Ich sehe neben diesen Vereinen eine echte Chance für uns, sonst würde ich diesen Job nicht machen. Wir in Bochum haben etwas zu bieten. Und das müssen wir auch so sagen, zeigen und es entsprechend untermauern. Ich spüre, dass vieles in die richtige Richtung geht. Wenn man zusammen etwas erreichen will, kann daraus Großes entstehen. Wenn jetzt jeder beim VfL hinter dieser Philosophie und diesem Projekt steht, dann ist es auch möglich, wieder aufzusteigen.

bundesliga.de: Ein großes Ziel – schon für die aktuelle Saison?

Hochstätter: Wann wir dieses Ziel erreichen, kann ich nicht sagen. Es ist ja kein Geheimnis, dass es eher jedes Jahr schwieriger wird, aufzusteigen. 1860 München spielt zum Beispiel seit zwölf Jahren in der 2. Bundesliga und hat Leute, die richtig viel Geld hineingeschossen haben. Aber wir werden den Aufstieg versuchen – so schnell wie möglich.

bundesliga.de: Wo sehen Sie die Favoriten im Kampf um den Aufstieg?

Hochstätter: Natürlich muss man mit den beiden Erstliga-Absteigern Hannover und Stuttgart allein schon aufgrund ihres Budgets rechnen, auch wenn der Druck zugleich enorm hoch ist. Aber die 2. Bundesliga ist unglaublich ausgeglichen. Und es gelingt auch Vereinen mit einem kleinen Etat der Aufstieg, wie Fürth, Paderborn oder zuletzt Darmstadt 98. Das müssen wir uns immer vor Augen halten, denn so etwas ist auch mit dem VfL Bochum möglich.

bundesliga.de: Was geben Sie aktuell als Zielsetzung für die neue Spielzeit aus?

Hochstätter: Natürlich wollen wir wieder eine gute Rolle spielen, das ist doch ganz klar! Wir haben im letzten Jahr nicht über unsere Verhältnisse gespielt. Da sind wir Fünfter geworden und die Tabelle lügt am Ende einer Saison nicht. Wenn man allerdings wie wir durch den Abgang unserer Offensive 40 Tore verliert, dann tun sich auch andere Vereine schwer, das zu kompensieren. Und zwar Vereine, die deutlich mehr Geld haben. Aber ich bin überzeugt, dass wir wieder eine ordentliche Mannschaft zusammengestellt haben. Gerade für ein junges Team wird es aber auch wichtig sein, wie wir starten.

bundesliga.de: Sie haben angesprochen, dass nach dem Umbruch der Start noch etwas holprig sein könnte.

Hochstätter: Wir haben nur dann die Chance, eine gute Rolle zu spielen, wenn wir auch bis zum Kaderplatz 22 oder 23 als Mannschaft funktionieren. Aber wir müssen den jungen Spielern auch die Geduld und die Zeit geben, sich zu entwickeln. Wir müssen ihnen zugestehen, Fehler zu machen. Sonst wäre es Heuchelei, auf junge Spieler zu setzen. Sie werden Fehler machen, aber sie werden sich auch entwickeln. Und das gilt auch für den mentalen Bereich.

bundesliga.de: Was meinen sie konkret?

Hochstätter: Wir haben viele junge Leute, die sich zum Teil noch von äußeren Faktoren beeinflussen lassen. Daran müssen wir arbeiten. Die Spieler müssen so stabil werden, dass sie ihren Job professionell machen. Und man muss den jungen Spielern erklären, was Professionalität bedeutet. Wenn man sich als Persönlichkeit weiterentwickeln will, dürfen einen äußere Faktoren im Vorfeld eines Spiels nicht stören. Im mentalen Bereich sehe ich vielleicht sogar das größte Entwicklungspotenzial. Die Stabilität im Kopf ist ganz entscheidend. Wie reagiere ich unter Stress? Wie viele Fehler mache ich, kann ich das minimieren? Daran arbeiten wir sehr intensiv auch mit Hilfe zweier Sportpsychologen.

Video: Die Rekorde der 2. Bundesliga

bundesliga.de: In diesem Bereich hat bei fast allen Vereinen ein Umdenken stattgefunden. Zu Ihrer aktiven Zeit war das noch ganz anders.

Hochstätter: Wir haben das damals gar nicht zugelassen. Ich habe das auch für mich persönlich lange Zeit abgewehrt. Zu meiner Zeit haben Spieler es auch als Schwäche gesehen. Heute sehe ich das komplett anders. Ich glaube, in der Sportpsychologie steckt ganz viel Potenzial. Und der Fußball hinkt gegenüber anderen Sportarten um Lichtjahre hinterher. Wir beim VfL haben im Dezember im Trainingslager damit begonnen und führen das jetzt fort.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

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