2. Bundesliga

12.05.2017 - 19:00 Uhr


Hannovers Trainer Andre Breitenreiter: "Unser Ziel ist es, direkt aufzusteigen"

Hannover - Seit Andre Breitenreiter das Traineramt bei Hannover 96 Mitte März übernommen hat, zeigen sich die Niedersachsen deutlich stabiler. Dafür stehen nicht zuletzt acht Spiele, in denen man ohne Gegentreffer blieb. Vor dem Gipfeltreffen mit dem VfB Stuttgart spricht Breitenreiter im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über seine ersten Maßnahmen bei 96, über die große Qualität der 2. Bundesliga und über eine außergewöhnliche Konstellation in der Bundesliga.

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bundesliga.de: Herr Breitenreiter, am vergangenen Wochenende gelang 96 der erste Auswärtssieg unter Ihrer Regie und wohl eines der besten Saisonspiele überhaupt. Auf den Punkt genau, zum Gipfeltreffen mit dem VfB Stuttgart, scheint 96 nicht nur erfolgreich, sondern auch überzeugend Fußball zu spielen...

Andre Breitenreiter: Ich denke, dass die Mannschaft über die gesamte Saison erfolgreich Fußball gespielt hat. Zudem haben wir in den vergangenen Wochen deutlich an Stabilität gewonnen, haben achtmal zu Null gespielt und sind seit neun Spielen ungeschlagen. Die Mannschaft zeigt unter Druck positive Reaktionen und hat so bewiesen, dass sie diesem Druck standhalten kann, etwa in den Spielen gegen Union Berlin, Eintracht Braunschweig oder zuletzt in Heidenheim. Zwei Partien bleiben nun noch, und wir hoffen, dass es dann reicht für den direkten Aufstieg.

bundesliga.de: Mit einem Sieg gegen den VfB wäre zumindest der Relegationsplatz wohl schon einmal sicher...

Breitenreiter: Selbstverständlich wollen wir das Spiel gegen den VfB erfolgreich gestalten. Unser Wunsch und unser Ziel sind es aber, die Relegation zu vermeiden und am letzten Spieltag direkt aufzusteigen.

bundesliga.de: Was für ein Spiel erwarten Sie gegen den aktuellen Tabellenführer?

Breitenreiter: Diese Partie ist ein absolutes Spitzenspiel. Hier treffen zwei Top-Mannschaften aufeinander, und ich wünsche mir ein tolles, unterhaltsames Spiel für die Zuschauer – möglichst mit einem erfolgreichen Ende für uns.

bundesliga.de: Spielt Ihre Mannschaft auf der Zielgeraden der Saison den Fußball, der Ihnen seit Amtsantritt Mitte März wohl vorschwebt?

Breitenreiter: Jeder Trainer hat seine Ideen, die er auf sein Team und dessen Spiel übertragen möchte. Wenn man eine Mannschaft aber mitten in der Saison übernimmt, ist es wichtig, erst einmal an den Dingen zu arbeiten, die man in kurzer Zeit verbessern kann. Vieles, was die Mannschaft zuvor gezeigt hat, war bereits gut. Wir wussten um die großen Offensiv-Qualitäten des Kaders und haben zunächst darauf geachtet, dass wir auch die notwendige Stabilität konstant auf den Platz bringen können. Die Jungs haben das in der Folge prima umgesetzt, mit dem Resultat, dass wir viele Spiele zu null bestreiten und in den vergangenen sieben Spielen 17 Punkte holen konnten. Und so wollen wir den Weg in den letzten beiden Spielen nun auch zu Ende gehen. Zur neuen Saison, wenn wir größeren Einfluss auf die Kaderzusammenstellung nehmen können, wird es dann einfacher unsere Spielphilosophie auf die Mannschaft zu übertragen.

bundesliga.de: Was sind die ersten Überlegungen, wenn man eine Mannschaft erst spät in der Saison übernehmen kann?

Breitenreiter: Ich handele grundsätzlich aus fester Überzeugung. Als Horst Heldt mich angerufen hat, habe ich mir kurz Gedanken gemacht, ob die Aufgabe bei Hannover 96 die richtige für mich ist, habe dann aber schnell entschieden, dass dieses Angebot eine große Chance für mich ist. Ich darf nicht nur bei meinem Heimatverein arbeiten, sondern bin vor allem fest davon überzeugt, dass wir hier perspektivisch sehr erfolgreich arbeiten und kurzfristig das Ziel Aufstieg realisieren können.

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bundesliga.de: Schon beim FC Schalke 04 haben Sie mit Horst Heldt zusammengearbeitet, wohl nicht immer ganz reibungslos. Waren sie verblüfft, als er an Sie herangetreten ist?

Breitenreiter: Horst Heldt und ich haben in der vergangenen Saison auf Schalke sehr erfolgreich miteinander gearbeitet. Und das in einer Extremsituation, da schon sehr früh bekannt war, dass mit Christian Heidel zur neuen Saison ein neuer Manager kommen würde. Selbstverständlich haben Horst und ich bisweilen kontrovers diskutiert und möglicherweise angesichts des sehr intensiven Austauschs in der Kommunikation nicht immer alles richtig gemacht. Dass er mich angerufen und gefragt hat und dass ich nicht gezögert habe zuzusagen, ist aber wohl Beleg genug dafür, dass wir im Sinne von Hannover 96 perfekt zusammenarbeiten.

bundesliga.de: Sie haben 96 als "Herzensangelegenheit" bezeichnet. Eine solche Nähe ist sicher hilfreich, kann sie aber auch hinderlich sein?

Breitenreiter: Ich habe mein Engagement nicht davon abhängig gemacht, ob 96 für mich eine Herzensangelegenheit ist oder nicht. Ich bin viel zu sehr Profi, um nicht genau einschätzen zu können, ob ein Angebot für mich der richtige Schritt ist, um erfolgreich zu arbeiten. Die Möglichkeiten mit 96 habe ich für mich als sehr positiv bewertet, das war und das ist das entscheidende Kriterium. Selbstverständlich schließt das aber nicht aus, dass es ein großes Plus an Lebensqualität bedeutet, wenn man in der Heimat arbeiten kann und die Wege zur Familie sehr kurz sind.

bundesliga.de: Vor allem Ihr Sohn soll großer 96-Fan sein...

Breitenreiter: Alle in meinem Umfeld sind glücklich, dass ich nun Trainer bei Hannover 96 bin. Dass mein Sohn in 96-Bettwäsche schläft, wurde von einigen Medien bereits kolportiert, stimmt aber auch. Als ich Trainer des FC Schalke 04 bzw. des SC Paderborn war, hatte er allerdings auch eine Affinität für diese Clubs. Er ist nun mal in erster Linie für den Papa und erst dann für den entsprechenden Club. 96-Fan ist er aber immer geblieben. Unsere Familie hat nun einmal eine lange rote Vergangenheit. (lacht) Wir sind schon immer 96er, und in diesem Sinne ist 96 tatsächlich eine Herzensangelegenheit.

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bundesliga.de: Paderborn, Schalke, Hannover: Sie kennen sowohl die Bundesliga als auch die 2. Bundesliga sehr gut. Wie ist zu erklären, dass sich nach einem Abstieg oft gerade gefühlt etablierte Bundesligisten schwertun, die neue Klasse anzunehmen?

Breitenreiter: Ich kann das nur sehr allgemein beantworten, da ich noch keine Mannschaft nach einem Abstieg in die 2. Bundesliga vom ersten Tag an begleitet habe. Der Fußball in der Zweiten Liga ist sicherlich ein etwas anderer als der in der Bundesliga. Aber auch in der 2. Bundesliga wird qualitativ hochwertiger Fußball gespielt, und die deutsche Zweite Liga ist die beste zweite Liga der Welt. Kein Team kann seine Spiele hier im Vorbeigehen gewinnen. Es bedarf derselben taktischen Disziplin und desselben Engagements wie in der Bundesliga, wenn man erfolgreich sein will. Der VfB Stuttgart und Hannover 96 sind beide von Saisonbeginn an oben dabei und zeigen, wie man die 2. Bundesliga angehen muss. Andere Absteiger hatten diesbezüglich in der Vergangenheit deutlich größere Probleme.

bundesliga.de: In welchen Punkten genau unterscheidet sich der Fußball der 2. Bundesliga von dem der Bundesliga?

Breitenreiter: Das Spiel in der Bundesliga ist deutlich schneller, die Ballkontaktzeiten sind kürzer. Und in einigen, eher weniger gefährlichen Zonen des Feldes mag man in der Bundesliga die eine oder andere Sekunde mehr Zeit und vielleicht etwas mehr Raum haben. Auch die individuelle Technik ist qualitativ hochwertiger, und der entscheidende Unterschied spielt sich so etwa 30 Meter vor dem Tor ab, bei der Präzision des letzten Passes und des Abschlusses. In der 2. Bundesliga dagegen bleibt einem über das gesamte Spielfeld hinweg kaum einmal Zeit oder Raum, weil dort aggressiver agiert wird und dementsprechend mehr Zweikämpfe stattfinden. Wer erfolgreich sein will, muss diese Zweikämpfe annehmen, sich durchzusetzen und darüber hinaus die eigene, höhere spielerische Komponente auf den Platz bringen

bundesliga.de: 96-Präsident Martin Kind leidet immer wieder darunter, dass es nahezu unmöglich ist, den Erfolg eines Profi-Fußballclubs ähnlich strategisch zu planen wie den eines Unternehmens. Wie lassen sich die Risiken minimieren?

Breitenreiter: Investiert man beispielsweise in einen Automobilkonzern die Summe x, kann man in der Regel ungefähr vorhersagen, welchen Gewinn dieses Investment bringt. Beim Fußball aber haben wir es mit Menschen zu tun. Und die unterliegen Formschwankungen, aus welchen Gründen auch immer. So ist es zum Beispiel möglich, dass Mainz 05 mit einem Gesamtetat von x Millionen Euro beim FC Bayern München punkten kann, der einen zehnmal so hohen Etat haben mag. Das ist Fußball, das macht diesen Sport so spannend und so reizvoll. Minimieren lassen sich mögliche Risiken aber durch eine akribische Kaderplanung. Man muss sehr genau darauf achten, welche Spielertypen und Charaktere zur Identität eines Vereins passen. Die Spieler müssen über eine hohe Eigenmotivation verfügen und immer bereit sein, sich verbessern zu wollen.

bundesliga.de: Was bedeutet das konkret für den zukünftigen Kader Ihrer Mannschaft?

Breitenreiter: Für die eine oder andere Position benötigen wir Zuwachs, wenn wir in der kommenden Saison besser aufgestellt sein wollen. Das sagt aber nichts aus über die Arbeit meiner Vorgänger. Jeder Trainer hat seinen eigenen Blickwinkel und seine eigene Philosophie. Ein "Richtig oder falsch" gibt es hier nicht. Wir alle wollen den nachhaltigen Erfolg, also müssen wir die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen und die verfügbaren Ressourcen nutzen. Das muss unser Anspruch an die eigene Professionalität sein. Noch aber ist das Zukunftsmusik. Jetzt zählt erst einmal nur das Spiel gegen den VfB.

bundesliga.de: Lassen Sie uns zum Abschluss bitte noch über die Bundesliga-Saison sprechen, die in wenigen Tagen Geschichte ist. Was war für Sie die größte Überraschung?

Breitenreiter: Die Stärke der beiden Aufsteiger! Beide liegen auf Europa-Pokal-Kurs, Leipzig hat die Champions League bereits sicher, der SC Freiburg steht zwei Spieltage vor Saisonschluss auf dem fünften Platz. Ich bin nicht sicher, ob es diese außergewöhnliche Konstellation überhaupt schon einmal in der Bundesliga gegeben hat. Bei beiden Vereine wird stets mit großer Ruhe gearbeitet, und es freut mich sehr, dass dieses Vorgehen von Erfolg gekrönt ist.

bundesliga.de: Gibt es für Sie auch eine negative Überraschung?

Breitenreiter: Überraschend ist sicherlich, dass eine ganze Reihe von Vereinen mit hohen Ambitionen trotz zum Teil großer Investitionen in ihre Kader den eigenen Ansprüchen nicht gerecht worden ist. Das war so wirklich nicht zu erwarten.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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