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2. Bundesliga

30.12.2013 - 10:00 Uhr


Jeder kann ein kleiner Held werden

Zu Saisonbeginn zierte der KIEZHELDEN-Schriftzug das Trikot des FC St. Pauli (© imago)

Die Fans des FC St. Pauli setzen ein Zeichen gegen Homophobie

Voller Einsatz auf und neben dem Platz: Kapitän Fabian Boll (M.) engagiert sich auch für soziale Projekte

Hamburg - Ob Bundesliga, 2. Bundesliga oder sogar in den Niederungen der Regionalliga - die St.-Pauli-Fans halten ihrem Verein die Treue. Dem Club, der schon immer das Image hatte, "der etwas andere Verein" zu sein.

Volker Ippig, der aus den besetzten Häusern der Hafenstraße mit dem Holland-Rad zum Spiel rüber radelte und seine Profi-Karriere unterbrach, um freiwillige Aufbauarbeit in Nicaragua zu leisten; Holger Stanislawski, von allen kurz "Stani" genannt, der 18 Jahre lang dem Club als Spieler und Trainer, aber auch als Manager im Praktikum und Mitglied des Vorstands die Treue hielt; Corny Littmann, Theater-Impressario, der dem finanziell angeschlagenen Verein das Fortbestehen sicherte - sie stehen stellvertretend für Viele, die dem "anderen Club" ein Gesicht gegeben haben.

Totenköpfe und Vereinswappen, die Vereinsfarben Braun und Weiß prägen das Viertel rund um den Stadtteilclub, den Kiez. Bei Heimspielen zittern nicht nur die gut 30.000 im Stadion mit ihrem Verein, sondern auch in den zahlreichen Kneipen rund ums Millerntor ist man live dabei, wenn "Pauli" spielt.

Club und Fans eine Einheit

Auch in fremden Stadien freut sich zumindest der Schatzmeister, wenn die Braun-Weißen zu Gast sind. Denn nicht nur tausende Fans begleiten ihr Team zu den Auswärtsspielen, sondern auch Anhänger der "Freibeuter der Liga" aus der Region freuen sich, ihren Verein einmal live erleben zu können. Immerhin gehört der Zweitligist zu den acht beliebtesten Clubs in Deutschland. Unvergessen, wie im beschaulichen Burghausen die braun-weiß und schwarz gekleideten Punks und Anarchos aus der Millionenstadt von einer Trachtenkapelle empfangen wurden.

Club und Fans bilden eine Einheit. Beim Stadionumbau wurde bewusst darauf geachtet, dass entgegen dem allgemeinen Trend die Zahl der Stehplätze höher ist als die der Sitzplätze. Und selbst in finanziell schwierigen Zeiten war der Wunsch der Fans, die Namensrechte an der Arena nicht in bare Münze umzuwandeln, den Vereins-Oberen ein Befehl.

"Football has no gender"

Doch nicht nur emotional, auch räumlich bilden Club und Fans eine Einheit. So hat der Verein Fanräume e. V. Räumlichkeiten in der Gegengerade bezogen. In den Fanräumen ist unter anderem der Fanladen, das Fanprojekt des FC St. Pauli, beheimatet. Außerdem bieten die Fanräume allen Gruppen und Fans nicht nur an Spieltagen eine Anlaufstelle. Der Fanladen ist nicht zu verwechseln mit dem Merchandising Shop, der natürlich ebenso ins Stadion integriert ist wie ein Kindergarten.

Im Fanladen treffen sich Fans und Vertreter von Fanclubs zum Austausch, dort werden Auswärtsfahrten organisiert und Choreos geplant. In der Fanszene wurden weit beachtete Aktionen gegen Rassismus und Homophobie entwickelt und umgesetzt. Der Schriftzug "Football has no gender" ist ebenso fester Bestandteil des Stadions wie die Regenbogenfahne der Homosexuellen-Bewegung auf dem Dach der Arena. Anti-Rassismus und der Kampf gegen Homophobie und Sexismus sind nur wenige Meter vom weltweit bekannten Rotlichtviertel entfernt keine Lippenbekenntnisse, sondern werden ebenso aktiv gelebt wie Integration der Menschen aus den verschiedensten Ländern der Erde in den Verein und die Multi-Kulti-Gesellschaft im Stadtteil St. Pauli.

Suppe vom Kapitän

"Wir sind Teil des Stadtteils", sagt Dorit Moysich, Projektleiterin des Sozialmarketings, "und der Stadtteil und seine Bewohner auch Teil des Vereins. Aus diesem Grund haben wir im Juli beschlossen, den Fans etwas zurückzugeben." Die Idee für KIEZHELDEN war geboren. KIEZHELDEN ist die soziale Seite des FC St. Pauli, eine interaktive Spendenplattform.

Ob Mannschaftskapitän Fabian Boll im "CaFee mit Herz" Suppe für Obdachlose ausgibt, Skater eine Heimat suchen, Lampedusa-Flüchtlingen mit kostenlosem Eintritt zu einem Spiel der Profis etwas Ablenkung geboten wird... KIEZHELDEN helfen bei Koordination und Aufbau der Strukturen und stehen mit Ratschlägen hilfreich zur Seite.

"Jeder kann ein kleiner Held sein"

"Jeder kann in seinem Kiez ein kleiner Held sein", sagt Moysich. "Und diese Helden suchen wir. Wir stellen über die Plattform KIEZHELDEN unsere Erfahrung, unser Netzwerk zur Verfügung." Über die Spendenplattform KIEZHELDEN kann jeder Spender zielgerichtet sein ausgewähltes Projekt unterstützen. Sponsor Relentless als Ermöglicher der KIEZHELDEN sorgt dafür, dass jede Spende zu 100 Prozent in die Projekte fließt. Die Bandbreite ist groß und reicht vom Hospiz "Leuchtfeuer" über Obdachlosenhilfe bis hin zu dem seit längerem geplanten FC St. Pauli-Museum.

Auch die Profis beteiligen sich an den Projekten. "Die Mannschaft hat schon spontan in der Kabine Geld für unsere Aktionen gesammelt", freut sich Moysich, die das Projekt aber nicht auf den Stadtteil rund um die weltberühmte Reeperbahn beschränkt sehen will.

Kiez ist überall

"Jeder lebt doch irgendwie in seinem Kiez und kennt die Bedürfnisse in seinem Stadtteil. Sie können sich gern bei uns melden, wenn sie zum Beispiel eine Idee haben, dafür aber noch kein Geld oder Mitstreiter. Wir helfen dann so gut wir können." Diese Rufe verhallen nicht ungehört. "Selbst aus New York gab es schon Anfragen."

Und auch die von Ex-Profi Benjamin Adrion mit Unterstützung der Welthungerhilfe ins Leben gerufene Aktion "Viva con Agua" findet ihren Platz auf der Plattform "kiezhelden.com". Ins Leben gerufen vor acht Jahren in Havanna hat "Viva con Agua" mittlerweile in Lateinamerika, Afrika und Asien Brunnen gebaut, um schwerpunktmäßig Kindergärten und Schulen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Was könnte sinnbildlich besser für den "etwas anderen Verein" und sein Projekt KIEZHELDEN stehen, das laut Moysich ein hehres Ziel verfolgt. "Wir wollen die Welt ein wenig besser machen."

Jürgen Blöhs

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