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2. Bundesliga

16.04.2014 - 10:23 Uhr


Neururer: "Stress? Ich fahre pfeifend zum Training"

Peter Neururer übernahm am 8. April 2013 zum zweiten Mal das Traineramt beim VfL Bochum

"Wenn man es positiv angeht, kann man damit umgehen", sagt der 58-Jährige über den Stressfaktor in seinem Job

"Früher habe ich mich aufgeregt, wenn einem meiner Spieler der Ball versprungen ist", sagt Neururer, der 2012 einen Herzinfarkt erlitt

Bochum - Permanenter Druck, hoher Aufwand, immer im Fokus - da scheinen bei dem einen oder anderen Coach die Nerven im Abstiegskampf blank zu liegen. Aber es geht auch anders. Peter Neururer, Chefcoach des VfL Bochum, versteht seinen Job nicht als Stressfaktor: "Wenn man es positiv angeht, kann man damit umgehen."

Neururer ist ein "alter Hase" der Trainerbranche, der in seiner langen Karriere schon einiges erlebt hat. Seinen Beruf hat er dabei unabhängig von Tabellenplätzen immer als Glück empfunden, das auch ein stetig gestiegener Aufwand nicht schmälern kann. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 58-Jährige über die heutige Rolle des Trainers im Verein, das Verhältnis zu den vierten Offiziellen und die Notwendigkeit von Anti-Stress-Programmen. Außerdem hält der erfahrene Bundesliga-Coach ein Plädoyer für einen respektvollen Umgang - und redet seinen Kollegen ins Gewissen.

bundesliga.de: Peter Neururer, viel Arbeit, großer Druck, jede Menge Stress - ist der Trainerjob schwieriger geworden als in früheren Jahren?

Peter Neururer: Für mich bedeutet dieser Job keinen Stress, allenfalls während der 90 Minuten des Spiels. Aber sonst überhaupt nicht! Der Aufwand um den Fußball herum ist vielleicht größer geworden. Der Trainerjob ist eine Ganztagsbeschäftigung geworden. Er fängt morgens um 8 Uhr an und endet auch mal um 1 Uhr nachts. Aber für mich ist das kein Stress, das gehört einfach mit dazu. Aufwand und Arbeit muss man nicht immer gleich mit Stress verbinden.

bundesliga.de: Es ist also auch eine Frage der Einstellung?

Neururer: Wenn man es positiv angeht, dann kann man damit umgehen. Es gibt dabei natürlich Dinge, die weniger Spaß machen, das ist keine Frage. Aber vom Grundsatz her empfinde ich meine Trainertätigkeit nicht als Stress. Ich fahre morgens pfeifend zum Training und ich fahre nachmittags oder abends pfeifend wieder zurück.

bundesliga.de: Teilen Sie den Eindruck, dass sich Cheftrainer heute in einer noch exponierteren Stellung befinden als früher?

Neururer: Grundsätzlich sehe ich das eher nicht so. Nach meiner Auffassung hat sich nicht viel geändert in den letzten Jahren. Nur wenn es um die Schuldfrage bei Misserfolg geht, da könnte man davon sprechen. Es gibt heute Sportdirektoren, die im Verein die Entscheidungen treffen. Aber wenn es nicht läuft, geht am Ende meist der Trainer.

bundesliga.de: Es gibt immer wieder Trainer, die sich Auseinandersetzungen mit den vierten Offiziellen liefern. Ist das für Sie ein Stressfaktor während des Spiels?

Neururer: Es hängt ganz vom Verhalten des vierten Offiziellen ab und der Art und Weise, wie Dinge übermittelt werden. Wenn ich die "Coaching Zone" verlasse und er weist mich einfach darauf hin, ist das völlig okay. Aber es gibt auch Schiedsrichter, die in provokanter Art in so einem Gespräch versuchen, sich selbst in den Vordergrund zu stellen und mich dabei zu reglementieren. Das geht mit mir nicht.

bundesliga.de: Spieler können sich auf dem Platz auspowern - wie kompensieren Trainer den Druck und Stress während der 90 Minuten?

Neururer: Für mich braucht es da nichts Besonderes. Der nächste Pass, der ankommt, das nächste Tor - das reicht dann schon. Da hat sich bei mir auch etwas verändert, nicht zuletzt im Zuge meiner Verletzung, wie ich es nenne. Früher habe ich mich aufgeregt, wenn einem meiner Spieler der Ball versprungen ist.

bundesliga.de: Und wie gehen Sie heute damit um?

Neururer: Heute rege ich mich über technische Fehler nicht mehr auf, weil ich darauf in dem Moment keinen Einfluss habe. Ich kann es ja nicht mehr ändern, wenn es geschehen ist. So bin ich gelassener geworden. Bei mir wird zudem auch niemand erleben, dass ich respektlos werde. Auch nicht Schiedsrichtern gegenüber, selbst wenn ich mal meine Meinung deutlich sage.

bundesliga.de: Zuletzt haben sich Ihre Kollegen Christian Streich und Gertjan Verbeek sehr deutlich die Meinung gesagt. Ohne es inhaltlich zu bewerten - was denken Sie über den Disput, den viele auch als Ausdruck von Stress im Abstiegskampf interpretiert haben?

Neururer: Das ist eine Sache der Persönlichkeitsmerkmale. Das hat im engeren Sinne nichts mit dem Job oder der Belastung zu tun. Ich finde es generell nicht gut, dass der Eindruck einer Zwistigkeit zwischen zwei Fußballlehrern entsteht und so etwas in der Öffentlichkeit so eskaliert. Das passt nicht und wirft ein schlechtes Bild auf den Berufsstand des Fußballlehrers. Man sollte immer seriös und respektvoll miteinander umgehen. Das gilt übrigens auch für die Bemerkungen von Kollegen, die eine Mannschaft übernehmen und ihr erstmal einen schlechten körperlichen Zustand attestieren. Das ist ein Affront dem Vorgänger gegenüber. So etwas gehört sich nicht. 

bundesliga.de: Könnten Methoden zur Stressbewältigung in der Trainer-Ausbildung helfen, um zum Beispiel einem Burnout vorzubeugen?

Neururer: Der Begriff des Burnout tritt mir in den letzten Jahren ein wenig zu inflationär auf. Natürlich gibt es schlechte Tage und auch ich kann mal einen schlechten Tag erwischen. Wenn ich meine Ziele als Trainer allerdings aufgrund der mentalen Situation nicht mehr erreiche, dann sollte ich mich fragen, ob der Job noch der richtige für mich ist. Und zwar deshalb, weil ich schwer krank bin. Und diese Krankheit ist dramatisch, absolut schlimm. Dann ist es besser, sich auf die Heilung zu konzentrieren. Aber dagegen mit irgendwelchen Methoden und Rezepten vorzugehen, das ist für mich persönlich nicht der richtige Weg.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

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