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2. Bundesliga

25.04.2013 - 15:43 Uhr


Ronny: Der Spieler der Saison

Mit bis dato 16 Saisontoren und elf Vorlagen hat Ronny enormen Anteil am Aufstieg der Hertha. Entsprechend gefeiert wird der Brasilianer von seinen Teamkollegen

Ronny gilt als Freistoßspezialist. In dieser Saison verwandelte er schon fünf Mal einen ruhenden Ball

Der Brasilianer kommt 2010 nach Berlin, tut sich anfangs jedoch schwer in der Hauptstadt Fuß zu fassen

Zwei Jahre lang spielt Ronny gemeinsam mit seinem Bruder Raffael (r.) in Berlin. Erst nach dessen Abgang im Jahr 2012 avanciert er jedoch zum Star

Berlin - Ein paar Minuten nach Schlusspfiff der Partie gegen den SV Sandhausen, mit der die Hertha den Aufstieg perfekt gemacht hatte, werden gerade die ersten Bierduschen verteilt. Außenstürmer Sami Allagui, gewiss nicht gerade der langsamste Herthaner, hat es auf Ronny abgesehen. Doch der legt auf der blauen Tartanbahn des Olympiastadions einen Sprint hin, der das Publikum zu einem Raunen veranlasst. Allagui hat keine Chance. Er ist Rekordhalter, Ballkünstler, Zirkusfußballer, schlampiges Genie und Herthas Aufstiegsgarant: Dor wer ist eigentlich dieser Ronny Heberson Furtado de Araujo?
Auch wenn es den brasilianischen Regisseur später doch noch erwischte: Die Szene zeigte, wie viel Tempo der 26-Jährige aufnehmen kann. Wenn es denn sein muss. Denn das Laufduell forderte sogleich Spötter heraus. Die merkten an, dass Ronny während der 90 Minuten zuvor sich nicht ein einziges Mal so lauffreudig präsentiert hatte. Das mag übertrieben sein, beruht aber auf einer langen Vorgeschichte.

Nur der kleine Bruder von Raffael?



Als der Brasilianer 2010 aus Portugal an die Spree wechselte, hatte er zunächst verletzungsbedingt monatelang nicht gespielt. Folgerichtig war er alles andere als fit. Unübersehbar schleppte Ronny mehrere Pfund Übergewicht mit sich herum. Für einen Spieler, der eigentlich als Linksverteidiger geholt wurde, geradezu fatal. Schon bald hieß es im Umfeld der Hertha: Ronny wurde ohnehin in erster Linie verpflichtet, damit sich sein älterer Bruder Raffael in der Hauptstadt heimischer fühlt.

Der war damals bei der Hertha der unangefochtene Spielmacher, der Zehner. Ronny hingegen musste in Sonderschichten an seiner Fitness arbeiten. Es sollte bis zum 17. Spieltag dauern, ehe er zu seinem ersten Zweitligaeinsatz über die volle Spielzeit kam. Inzwischen hatte er fast zehn Kilo abgenommen. Der damalige Hertha-Coach Markus Babbel lobte ihn als "Klassespieler, der das Spiel lesen kann". Trotzdem müsse an dessen Fitness noch weiter gearbeitet werden. Bis zum Ende der letzten Hertha-Aufstiegssaison blieb der Brasilianer bestenfalls ein Ergänzungsspieler.

Ein Brasilianer, der für das Besondere steht



Das war in dieser Spielzeit anders. Dass der Hauptstadtclub schon vier Spieltage vor Schluss als Aufsteiger feststeht, geht zu einem gebührenden Teil auf Ronnys Konto (So feiert die Hertha). Mit bis dato 16 Toren und 11 Assists war er der überragende Spieler der Liga. Dabei kann man leicht vergessen, dass zu Saisonbeginn nicht einmal klar war, ob Ronny Stammspieler sein würde. Hertha-Coach Jos Luhukay wollte eigentlich ein 4-4-2 ohne echten Zehner aufbieten, doch schnell hatte es sich der Niederländer anders überlegt und für seinen Spielmacher das System auf 4-2-3-1 umgestellt.

Dass der Brasilianer fußballerisch für das Besondere steht, war nicht nur seinen insgesamt vier Trainern bei Hertha (Babbel, Michael Skibbe, Otto Rehhagel und Luhukay) immer klar. Auch die Fans hatten Ronny, trotz athletischer und auch taktischer Defizite, schnell ins Herz geschlossen. "Ronny Ronny Ronny", "Ronnymagie" oder "Oh Ronny" heißt es auf einschlägigen Hertha-Blogs. Vom "Zauberkünstler" war da die Rede, vom "Hoffnungsträger". Aber auch vom "Zirkusfußballer" und vom "schlampigen Genie". Denn trotz aller Bewunderung für Ronnys Schussstärke, für seine Zauberpässe und seine Spielübersicht gab es noch immer Zweifel an der professionellen Einstellung des Linksfußes.

"Für Ronny laufe ich gerne ein paar Schritte mehr"



Doch mit dem Abgang seines Bruder Raffael im vergangenen Sommer, der inzwischen von seinem neuen Club Dynamo Kiew an Schalke 04 ausgeliehen wurde, hat Ronny nochmal einen Schub gemacht. Der 26-Jährige beerbte seinen ein Jahr älteren Bruder als Spielmacher. Nicht immer gelingt ihm alles, aber er hat sich der Verantwortung, die auf ihm lastet, gestellt. Das erkennen auch seine Mitspieler an. "Für Ronny laufe ich gerne ein paar Schritte mehr", lobt Herthas Vize-Kapitän Peer Kluge "Weil ich weiß, dass er ein Spiel für uns gewinnen kann."

Ronny Heberson Furtado de Araujo - so exaltiert sein Spiel manchmal anmutet, klingt auch der Name des Ballkünstlers aus Fortaleza. Dabei wirkt er neben dem Platz eher schüchtern. Was auch mit seinen noch mangelhaften Deutschkenntnissen zu tun haben mag. Interviews gibt Ronny nur mit Dolmetscher. Trotzdem gefällt es ihm in der deutschen Hauptstadt: "Es ist sehr schön hier, die Parks, die Ausgehmöglichkeiten, das Flair", erklärt Ronny auf seiner Webseite, "Berlin hat etwas ganz Besonderes."

Ronny und die Rekorde



Etwas ganz Besonderes wird auch Ronny zugeschrieben: Mit sagenhaften 210,9 Kilometern pro Stunde soll er mit seiner linken Klebe vor sieben Jahren in Portugal einen Freistoß versenkt haben. Aus knapp 17 Metern traf er in einem Ligaspiel seines damaligen Klubs Sporting Lissabon beim Provinzclub Naval 1° Maio ins Netz. Es wäre der inoffizielle Weltrekord für den härtesten Schuss der Welt. Ein Physikprofessor hat allerdings Zweifel angemeldet: Eine solche Geschwindigkeit sei physikalisch unmöglich, erklärte Metin Tolan von der Technischen Universität Dortmund in einem Beitrag für den Südwestfunk.

Fest steht aber: Ronny kann nicht nur hart, sondern dabei auch platziert schießen. Nicht umsonst erzielte er diese Saison bereits fünf direkte Freistoßtore - sechs wären neuer Rekord. Ronnys Vater Caetano de Araujo erklärte kürzlich dem Magazin "Focus", er habe seinem Sohn schon als Kind beigebracht, mit nur drei Zehen des linken Fußes zu schießen, damit würde er dem Ball besonderes Tempo und bessere Flugeigenschaften verleihen.

"Hier habe ich meine beste Zeit"



Nicht nur der Vater ist für ihn sehr wichtig. Selber zweifacher Vater, holte Ronny kürzlich den Rat der gesamten Familie ein, als es um die Frage ging: Vertragsverlängerung in Berlin oder Vereinswechsel? Selbst Bruder Raffael wurde gefragt - und riet ihm zum Bleiben. Auch wenn die Hertha mit ihrem Angebot finanziell bis an die Schmerzgrenze ging, ist klar: Woanders hätte der Mittelfeldmann mehr verdienen können.

Insofern dürften es mehr als die üblichen Floskeln gewesen sein, als ein glücklicher Ronny die Verlängerung seines Kontraktes bis 2017 begründete: "Ich wollte immer bei Hertha bleiben. Hier habe ich bisher meine beste Zeit." In Berlin hoffen sie nun, dass Ronny seine Künste nächste Saison auch im Oberhaus zeigt (Die Reaktionen zum Aufstieg). Und damit dem Aufsteiger zum Klassenerhalt verhilft.

Andre Anchuelo
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