Bundesliga

07.04.2017 - 23:45 Uhr


Yann Sommer: "Wer jetzt nicht punktet, kommt in groSSe Schwierigkeiten"

Mönchengladbach - Yann Sommer spielt eine exzellente Rückrunde. Mehrmals rettete der Keeper Borussia Mönchengladbach wichtige Punkte, wie zuletzt beim 0:0 in Frankfurt, als der Schweizer Nationaltorwart einen Elfmeter halten konnte. Vor dem Rhein-Derby gegen den 1. FC Köln spricht Sommer im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über seine schwierige Hinrunde, darüber, wie er sich das notwendige Selbstvertrauen wieder neu erarbeitet hat, und er erinnert sich noch einmal an das "Tor des Jahres" des Kölners Marcel Risse.

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bundesliga.de: Herr Sommer, Borussia scheint mit bisher vier Punkten aus den beiden ersten Spielen der englischen Woche wieder zurück in der Spur...

Yann Sommer: Ich hoffe. Der Sieg gegen Hertha war für uns sehr wichtig. Man sieht, wie eng die Teams in der Tabelle zusammenstehen. Wer jetzt nicht punktet, kommt in große Schwierigkeiten. Andererseits ist nach oben immer noch etwas möglich, wenn man einen Lauf hat.

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bundesliga.de: Tatsächlich sind es noch sieben, acht Teams, die in beide Richtungen denken müssen ...

Sommer: Dass die Bundesliga eine Liga mit großer Leistungsdichte ist, habe ich schon sehr schnell gespürt, als ich im Sommer 2015 zur Borussia gekommen bin. Aber dass es einmal so eng werden und viele namhafte Mannschaften dabei sein würden, das ist schon eine Überraschung. Von diesen Teams erwartet man normalerweise mehr, jetzt aber stecken sie alle im selben Strudel.

bundesliga.de: So bekommt beinahe jedes Spiel Final-Charakter. Wie wirkt sich das auf die Psyche der Spieler aus?

Sommer: Das bedeutet Druck, ganz klar. Vor allem, wenn man den Anspruch hat einen internationalen Platz zu erreichen – was für uns nach dem Sieg gegen Hertha wieder möglich scheint. Wir nehmen uns viel vor, müssen aber auch versuchen ein Stück weit gelassen zu bleiben und jedes Spiel mit Freude anzugehen. Wenn man sich selbst zu viel Druck macht, verkrampft man schnell. Ich hoffe aber, dass es uns gelingt, in den letzten Wochen der Saison noch einmal richtig durchzustarten.

Video: Yann Sommer rettet das Remis

bundesliga.de: Wie hilft Ihnen der Mentaltrainer, mit dem Sie arbeiten, bei der Bewältigung des Drucks?

Sommer: Ich arbeite mit meinem Mentaltrainer seit fünf, sechs Jahren. Diese Zusammenarbeit ist für mich ein sehr guter Austausch, weil er anders auf die Dinge schaut als es zum Beispiel die eigene Familie tut, die man sonst um Rat fragen würde. Der Coach hilft mir zum Beispiel bei der Vorbereitung auf besondere Spiele, bei denen es um sehr viel geht.

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bundesliga.de: Nach dem sehr guten Start in die Rückrunde haben Sie gewarnt: "Wir sind jetzt in einer Situation, in der du schnell mal denkst, dass es auch mit ein paar Prozent weniger geht – und genau das darf uns nicht passieren". Mit den Niederlagen in Hamburg, gegen die Bayern und dem Europa-League-Aus gegen Schalke schien genau das aber dann doch passiert zu sein...

Sommer: Es gibt einfach Tage, an denen es nicht läuft. Natürlich spielt nach den vielen englischen Wochen eine gewisse Müdigkeit eine Rolle, nicht zuletzt im Kopf. Das hat man unserm Spiel in Hamburg angemerkt. Das Zusammenspiel hat nicht funktioniert, wir waren lethargisch, und es hat ganz einfach die Power gefehlt, die man sonst von uns gewohnt ist. Wenn dann noch ein Spiel wie das Europa-League-Rückspiel gegen Schalke dazu kommt, in dem wir viel Pech hatten, ist das für den Kopf nicht einfach. Wenn man so ausscheidet, durch einen Platzfehler und eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung, dann sollte es wohl einfach nicht sein. Aber die Enttäuschung, die war sehr groß.

bundesliga.de: Wie wirken sich die englischen Wochen auf einen Torhüter aus, der körperlich nicht so beansprucht wird wie ein Feldspieler?

Sommer: Unser Trainer hat den Nationalspielern und damit auch mir nach den Länderspielen drei Tage Pause gegeben, das hat sehr gut getan. Denn auch als Torwart spürt man die Belastung sehr wohl. Man ist viel unterwegs, wird mental sehr beansprucht und hat denselben, wenn nicht noch einen größeren Druck als ein Feldspieler.

bundesliga.de: Wie haben Sie diese Pause verbracht?

Sommer: Ich war mal wieder zuhause bei meinen Eltern in der Schweiz, das ist immer noch einer der Orte, an denen ich mich am wohlsten fühle. Durch die vielen englischen Wochen ist dafür sonst nur selten Zeit. Ich habe dort auch meine Freunde getroffen, und man spricht kaum über Fußball. Das tut auch mal gut. Aus einem solchen kurzzeitigen Tapetenwechsel ziehe ich neue Kraft.

bundesliga.de: Unter anderem für das Rhein-Derby, mittlerweile Ihr sechstes. Fühlt der Schweizer, was jetzt im Rheinländer vor sich geht?

Sommer: Es stimmt, dass dieses Spiel für jemand, der aus einer anderen Region hierherkommt, zunächst einmal eine andere Bedeutung haben mag. Aber Derby bleibt Derby, überall auf der Welt! Und jedes Derby hat seinen Reiz. Im Übrigen wird einem die Bedeutung sehr schnell klar, wenn man erst einmal hier ist. Man spürt jedes Mal aufs Neue die große Intensität und weiß, dass es für beide Vereine um viel Prestige geht. Schon in den Tagen zuvor wird man immer wieder darauf angesprochen, und für jeden Profi sind das die schönsten Spiele in seiner Karriere.

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bundesliga.de: Werden Sie auch noch auf Marcel Risses spektakulären Siegtreffer aus dem Hinspiel angesprochen, der später zum "Tor des Jahres" gewählt wurde, oder ist das abgehakt?

Sommer: Eigentlich fand ich es ein bisschen respektlos, überhaupt nur auf die Idee zu kommen, aus dieser Position direkt aufs Tor zu schießen. (lacht) Nein, im Ernst, ich bin als Torhüter immer noch überzeugt, dass das ein richtiger Mist-Ball war, mit einer Flugbahn, die kaum zu berechnen war. Auf jeden Fall aber war das ein sehr schönes Tor, selbst, wenn wir dadurch in letzter Minute verloren haben. Wie gesagt, solche Tage gibt es. Da läuft es einfach nicht, und du verlierst ein Derby auf diese Weise. Allerdings muss ich auch sagen, dass das damals vom Selbstvertrauen her nicht gerade meine stärkste Phase war.

bundesliga.de: Mittlerweile sind Sie aber wieder in bestechender Form und haben Ihrem Team wichtige Punkte gerettet, wie beim 0:0 in Frankfurt.

Sommer: Das ist nur schwer zu erklären. Ich habe in der Hinrunde gespürt, dass ich mich davon habe anstecken lassen, als es insgesamt für die Mannschaft nicht so gut funktionierte, als die Stabilität und das Selbstvertrauen allgemein gefehlt haben. Das hatte ich so in meiner bisherigen Karriere bisher noch nicht erlebt. Ich habe Tore bekommen, die einerseits keine Riesenböcke von mir waren, aber bei denen man sich andererseits gefragt hat "hätte ich den vielleicht doch halten können?". Und dann gerät man in eine Abwärtsspirale, ...

bundesliga.de: ...die zum Trainerwechsel geführt hat.

Sommer: Und plötzlich hat man der Mannschaft wieder angemerkt, dass das Selbstvertrauen und damit die Stabilität zurückkehren. Und das sieht man jetzt auch mir und meinen Leistungen an.

bundesliga.de: In Frankfurt haben Sie am vergangenen Wochenende Ihren ersten Elfmeter in der Bundesliga überhaupt gehalten, während Sie in der Schweiz häufiger gegen den Schützen bestehen konnten...

Sommer: Das stimmt. Man muss aber sagen, dass wir gerade im vergangenen Jahr viel zu viele Elfmeter verursacht haben. Und in der Regel ist der Ball eben eher drin als dass er gehalten wird. Natürlich war die Situation in den vergangenen Monaten ein wenig unangenehm für mich, weil man immer wieder über diese Statistik gesprochen hat. Gut, dass dieses Thema mit dem gehaltenen Elfer in Frankfurt nun vom Tisch ist.

bundesliga.de: Für das Thema Frankfurt per se gilt das nicht, denn in zweieinhalb Wochen empfängt die Borussia die Eintracht zum DFB-Pokal-Halbfinale. Tut man den Frankfurtern Unrecht, wenn man sagt, dass sie das beste Los waren im Vergleich zu den beiden anderen Halbfinalisten Bayern und Dortmund?

Sommer: Ich sehe in einem solchen Spiel, einem Halbfinale, gar keinen großen Unterschied, wenn es darum geht, auf welche Mannschaft man trifft. Allerdings ist es natürlich schön, dass wir ein Heimspiel haben. Aber in diesem einen Spiel, in dem es um den Einzug in ein Finale geht, wird jede Mannschaft alles, was möglich ist, investieren, um dieses Ziel auch zu erreichen. Wir haben zudem gerade erst erlebt, dass wir in Frankfurt gegen die Eintracht wirklich ein sehr schlechtes Spiel gemacht haben. Umso wichtiger ist es, dass wir jetzt zuhause, vor unseren Fans, die Chance haben, das Finale in Berlin zu erreichen. Wenn man bereits im Halbfinale steht, muss es das Ziel sein, diesen Wettbewerb zu gewinnen – egal, wer dann der Gegner ist.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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