Bundesliga

07.06.2017 - 17:32 Uhr


Kölns Vize-Präsident Toni Schumacher: "Dieser 5. Platz ist eine Sensation"

Köln - Der 1. FC Köln hat erstmals seit 25 Jahren einen internationalen Wettbewerb erreicht. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Vize-Präsident und FC-Legende Toni Schumacher über die stetige Weiterentwicklung des Vereins in den vergangenen fünf Jahren, über Visionen für die Zukunft und über sein neues Buch, "Einwurf".

bundesliga.de: Herr Schumacher, haben Sie mittlerweile wieder einen gültigen Reisepass?

Toni Schumacher: (lacht) Sie fragen, weil ich vor einigen Monaten gesagt habe, dass ich meinen Reisepass verlängern müsste, sollte der FC sich für Europa qualifizieren? Ja. Mit meinem Reisepass ist alles okay, schließlich brauchte ich ein gültiges Dokument bereits für unseren China-Trip unmittelbar nach Saisonende.

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bundesliga.de: Bis jetzt waren es Clubs wie die Bayern, der BVB, Wolfsburg oder Schalke, die als Botschafter der DFL nach China gereist sind. Was bedeutet es für den 1. FC Köln, jetzt ebenfalls zu diesem Kreis zu gehören?

Schumacher: Wir wollen die Bundesliga in China noch bekannter machen. Und mit unserem Knowhow können wir unserem Partner, dem FC Liaoning, helfen eine Nachwuchs-Akademie aufzubauen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass der FC durchaus große Erfahrung hat beim Austausch von Wissen mit asiatischen Ländern. Zu Zeiten von Hennes Weisweiler (Trainer beim 1. FC Köln von 1976 bis 1980; d. Red.) sind wir häufig nach Japan gereist. Damals gab es unter anderem einen Spieleraustausch, bei dem auch schon mal junge japanische Jugend-Spieler an unserem Trainingslager teilnahmen. Bei einem dieser Aufeinandertreffen wurde dann Yasuhiko Okudera entdeckt, der 1976 als erster Japaner überhaupt in die Bundesliga wechselte und bis 1980 sehr erfolgreich für den FC spielte.

bundesliga.de: Als Vize-Präsident begleiten Sie die Renaissance des 1. FC Köln seit dem Neustart in der 2. Bundesliga, 2012. Hätten Sie es damals für möglich gehalten, dass der FC gerade einmal fünf Jahre später erstmals seit 25 Jahren wieder international spielen würde?

Schumacher: Nein. Noch vor wenigen Monaten wäre es vermessen gewesen, mit Platz Fünf zu rechnen. Am Ende aber war es eine Punktlandung. Alle anderen haben an diesem letzten Spieltag für uns gespielt. Das Wichtigste aber war, dass wir selbst ebenfalls alles für Europa getan und gegen Mainz gewonnen haben. Wir wussten: Wenn wir gewinnen, spielen wir europäisch! Dass ausgerechnet unser Lieblingsnachbar, Bayer 04 Leverkusen, durch einen 6:2-Erfolg in Berlin dafür gesorgt hat, dass wir als Fünfter direkt qualifiziert sind – dafür noch einmal vielen Dank!

bundesliga.de: Während Ihrer aktiven Zeit war es normal, dass der FC international vertreten war. Was aber bedeuten dieser fünfte Platz und die direkte Europa-Pokal-Teilnahme heute?

Schumacher: Der Verein entwickelt sich und wächst an allen Ecken und Enden. Vor fünf Jahren haben wir mit rund 50 Millionen Euro Umsatz begonnen, heute sind es mehr als 100 Millionen. Damals hatten wir 53.000 Mitglieder, heute sind es 92.000! Alle Logen und alle Werbebanden im Stadion sind ausverkauft. Vor allem aber haben wir eine wunderbare Mannschaft! Trotzdem bleibe ich dabei, dass dieser fünfte Platz eine Sensation ist.

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bundesliga.de: Die Erwartungen der Fans sind jetzt noch einmal gestiegen. Kann das in der kommenden Saison zur Belastung werden?

Schumacher: Vor der abgelaufenen Spielzeit hatte es sich die Mannschaft als Ziel gesetzt, den neunten Platz der Vorsaison zu bestätigen oder vielleicht sogar zu verbessern. Jetzt aber sind wir sensationell Fünfter geworden. Was also sollen wir den Fans nun sagen? Etwa: "Nach Platz fünf machen wir jetzt auch noch das "kleine" Schrittchen auf Platz vier"? Nein. Ich glaube, dass die Fans wissen, dass die nächste Saison schwierig werden kann. Natürlich darf geträumt werden – solange die Verantwortlichen mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben. Dass wir hier nicht durchdrehen, damit sind wir in den vergangenen fünf Jahren ganz gut gefahren. Wir wissen, dass eine Dreifachbelastung auf uns wartet  – berücksichtigt man die Länderspiele unserer Nationalspieler, sogar eine Vierfachbelastung. Trotzdem werden wir gewiss nicht so einkaufen, dass wir jetzt Europa auseinandernehmen. Wir passen auf, nicht in diese Falle zu tappen. Denn die Spieler, die man nun extra für die Mehrfachbelastung holen würde, müssten auch dann weiterbezahlt werden, spielte man ein Jahr später nicht mehr europäisch.

bundesliga.de: Stichwort Mehrfachbelastung: Es hat sich gezeigt, dass Mannschaften, die eher unerwartet einen internationalen Wettbewerb erreichen, in der Bundesliga häufig Schwierigkeiten bekamen, siehe Freiburg, Augsburg oder Frankfurt. Wie will man verhindern, dass es dem FC ebenso ergeht?

Schumacher: Ich habe diese Situation in meinen 15 Jahren als Torwart beim FC selbst oft genug erlebt. Deshalb sehe ich die körperliche Belastung als nicht so gravierend an, wenn man die Trainingsbelastung diesen Gegebenheiten anpasst. Schwierig wird es nur, wenn du vielleicht mittwochs einen Schlag abbekommst, dir dann aber nur drei Tage bleiben, um das auszukurieren. Das kann in der Tat zu knapp sein. Ein größeres Problem sehe ich aber in der mentalen Belastung. Wenn du mittwochs gegen AC Mailand, Fenerbahce Istanbul oder Arsenal spielst, drei Tage später aber gegen die vermeintlich kleineren Bundesligisten ranmusst, kann das zur Kopfsache werden. Dann muss der Trainer den Jungs klarmachen: Freiburg oder Augsburg sind für uns das deutsche Milan. Ich bin aber sicher, dass Peter Stöger das hinbekommt.

bundesliga.de: Stichwort Trainer: Der Erfolg des FC weckt viele Begehrlichkeiten, ob das nun Peter Stöger betrifft oder den besten Torschützen des FC, Anthony Modeste. Wie will man damit umgehen?

Schumacher: Es ist nur natürlich, dass unser Erfolg Begehrlichkeiten weckt. Aber ich bin altmodisch und daher überzeugt, dass Verträge von beiden Seiten erfüllt werden sollten. Einer der wichtigsten Gründe dafür, dass wir diesen Erfolg feiern durften, ist die Tatsache, dass eine ganze Reihe Spieler unseren Weg seit der 2. Bundesliga mitgegangen ist. Heute stehen acht Kölner in dieser Truppe, die einen fantastischen Charakter hat. Deshalb bin ich mir sicher, dass die Mannschaft im Kern zusammenbleiben wird. Ob Tony seinen Vertrag erfüllt oder ein Angebot bekommt, das er annehmen will, wird man sehen – aber das Heft des Handelns liegt bei uns. Im Februar haben wir einen "Angriff" aus China trotz sehr viel Geld, das uns geboten wurde, erfolgreich abgewehrt. Es wäre damals ein falsches Zeichen an die Mannschaft, die Fans, die Mitglieder und an die Öffentlichkeit gewesen, hätten wir unseren besten Torschützen verkauft. Und der zarte Traum von Europa wäre ausgeträumt gewesen.

bundesliga.de:Mitgliederzahlen, Umsatz, fußballerische Entwicklung – Sie haben die Entwicklungsschritte der vergangenen Jahre genannt. Wie aber ist es um die Entwicklung der Infrastruktur beim FC bestellt, über die Sie selbst haben gesagt, dass sich rund ums Geißbockheim nicht viel getan habe seit Ihrer aktiven Zeit?

Schumacher: Einige Projekte, wie das neue Nachwuchsleistungszentrum, sind angestoßen und von der Politik in den ersten Schritten abgesegnet. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass Verbände noch dagegen klagen, so dass sich alles verzögern könnte. Außer Frage steht, dass das Geißbockheim die Heimat des 1. FC Köln ist. So schwer es uns aber fallen würde – sollten wir uns dort nicht erweitern können, müssten wir den Standort überdenken. Es kann nicht sein, dass sich unsere Jungs noch immer in denselben Kabinen umziehen, in denen ich mich vor 40 Jahren umgezogen habe. Wir hinken hier vielen Vereinen um Jahre hinterher. Wir müssen sehen, dass wir auch in diesem Bereich wieder auf Ballhöhe kommen.

bundesliga.de: Wie steht es um das Stadion?

Schumacher: Wir haben lange zusammengesessen und diskutiert. Mit dem Ergebnis, dass ein größeres Stadion in jeder Hinsicht unabdingbar ist. Will man wettbewerbsfähig bleiben, dann müssen die Voraussetzungen stimmen. Und in Bezug auf das Stadion bedeutet das eine Erhöhung der Kapazität. Eine Machbarkeitsstudie haben wir in Zusammenarbeit mit der Stadt bereits in Auftrag gegeben. Deren Ergebnis wird in Kürze vorliegen. Sollte eine Erhöhung der Kapazität in Müngersdorf nicht möglich sein, muss man nach einer anderen Lösung suchen. Denn dafür zu arbeiten, dass der 1. FC Köln auch in Zukunft gut aufgestellt ist, das ist unsere Pflicht als Vorstand.

bundesliga.de: Lassen Sie uns nun noch über Sie ganz persönlich sprechen. Der 1. FC Köln war und ist Ihre große Liebe, eine Liebe aber auch mit Schmerzen und Verletzungen. So haben sich die Wege 1987, nach Veröffentlichung Ihres ersten Buches, "Anpiff", für lange Zeit getrennt...

Schumacher: Sagen Sie's direkt. Rausgeschmissen haben sie mich und mir damit die rotweiße Brille von der Nase gerissen (lacht). In der Tat gab es von beiden Seiten in der Folge nicht nur Nettigkeiten. Ich durfte kein Mitglied beim FC werden und einiges mehr. Und da ich so erzogen bin, meine Rechnungen immer zu begleichen, habe ich als TV-Experte später dem einen oder anderen beim FC auch einmal etwas zurückgezahlt.

bundesliga.de: Nicht viele Liebende finden nach einer so bitteren Trennung 25 Jahre noch einmal zusammen...

Schumacher: Daran sieht man, wie unsterblich diese Liebe ist! Und als Werner Spinner (Präsident 1. FC Köln; d. Red.) mich im April 2012 gefragt hat, ob ich nicht zurückkommen und helfen wolle in dieser kritischen Phase beim FC, gab es für mich überhaupt keine andere Möglichkeit als "Ja!" zu sagen.

bundesliga.de: Nun haben Sie ein zweites Buch geschrieben, "Einwurf". Einen Skandal wie damals "Anpfiff" sollte das allerdings diesmal nicht auslösen können...

Schumacher: Ja, ich habe mich noch einmal getraut. Obwohl ich das nie vorhatte. Jetzt können Sie mich ja nicht mehr rausschmeißen, schließlich bin ich ordnungsgemäß gewählt worden. (lacht)

bundesliga.de: Was hat Sie zu "Einwurf" bewegt?

Schumacher: Als Vizepräsident besuche ich im Jahr rund 60 Fan-Clubs. Mir wird dort immer wieder die Frage gestellt, wie genau das damals abgelaufen ist, als man mich am 3. März 1987, einem Aschermittwoch, erst beim FC, und dann drei Tage später, an meinem Geburtstag, auch bei der Nationalmannschaft rausgeworfen  hat. Und was alles passiert ist in den 25 Jahren bis zu meiner Rückkehr zum FC. Das war einer der Gründe für "Einwurf". Viele fragen jetzt, ob dieses Buch wieder ein Enthüllungsbuch sei. Ich antworte, dass "Einwurf" definitiv ein Enthüllungsbuch ist. Jedoch nicht laut wie "Anpfiff", sondern leiser aber sehr intensiv. In den beiden letzten Kapiteln enthülle ich mich und kehre mein Innerstes nach außen. Hier spreche ich über die dunklen Phasen in meiner Karriere und über das, was ich immer meine "grauen Wölfe" genannt habe.

bundesliga.de: War es schwierig für Sie sich so zu öffnen?

Schumacher: Ich habe das bei meiner Frau und einer guten Freundin von ihr getestet. Und zunächst war es tatsächlich etwas schwierig, jemand anderen so nah an mich heranzulassen. Dieser Seelen-Striptease verrät Dinge, die bis jetzt niemand wusste. Wenn du am Spieltag aufläufst, trägst du ein unsichtbares Superman-Kostüm und scheinst unverletzlich. Wie es aber in dir aussieht, das weiß niemand. Und vielleicht will es auch niemand wissen. Das einzige, was zählt, ist, dass du auf dem Rasen funktionierst. Heute hat wahrscheinlich fast jeder Verein einen Psychologen im Stab und auch die U-Teams werden bereits mental betreut.  Damals aber musste man alles mit sich selbst ausmachen. Deshalb habe ich bereits als Neunzehnjähriger mit autogenem Training begonnen, um mir in schwierigen Situationen selbst helfen zu können.

bundesliga.de: Erzählen konnte man das damals aber wohl kaum jemandem?

Schumacher: Stimmt. Die meisten hätten wohl gesagt "Das ist ein Psycho! Hat der eine Macke? Muss der auf die Couch?" Schwäche zu zeigen, das war damals nicht möglich in diesem Geschäft. Das mit "Einwurf" einmal auszusprechen und zu thematisieren, das ist mir wichtig.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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