Bundesliga

14.07.2016 - 16:00 Uhr


Thorgan Hazard: "Meine Batterien sind jetzt voll aufgeladen"

Mönchengladbach - Thorgan Hazard geht in seine dritte Saison bei Borussia Mönchengladbach. Schon in der Rückrunde der vergangenen Saison und nun auch in den ersten Vorbereitungsspielen auf die neue Spielzeit hat der Belgier eindrucksvoll bewiesen, dass er endgültig angekommen ist bei Borussia. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Hazard über die EM und das enttäuschende Abschneiden der belgischen Nationalmannschaft , über die Wichtigkeit von Trainingslagern für den Mannschaftsgeist und über die Vielseitigkeit des neuformierten Borussen-Kaders.

bundesliga.de: Herr Hazard, neben der Erholung dürfte die Sommerpause für Sie auch eine große Enttäuschung gebracht haben...

Thorgan Hazard: Sie spielen auf die EM und das frühe Ausscheiden der belgischen Mannschaft an. Ja, das war eine große Enttäuschung. Das erste Spiel unserer "Roten Teufel" gegen Italien habe ich mir im Stadion in Lyon angeschaut. Nachdem wir aber 0:2 verloren hatten, habe ich beschlossen, dass ich wohl kein Glücksbringer für die Mannschaft und meinen Bruder Eden bin, und habe mir die restlichen Spiele im Fernsehen angeschaut.

bundesliga.de: Das hat aber nur vorübergehend geholfen...

Hazard: Stimmt. Aber nach dem Lyon-Spiel habe ich sehr schöne Ferien mit meiner Familie verbracht. Das hat mir wirklich gut getan. Meine Batterien sind jetzt voll aufgeladen.

bundesliga.de: Mussten Sie Ihren Bruder Eden trösten?

Hazard: Wir haben uns einen Tag bei unseren Eltern getroffen, dort sind alle vier Brüder zusammen gekommen. Natürlich war Eden sehr enttäuscht. Umso mehr, weil man angesichts des Tableaus durchaus gute Chancen gehabt hätte, das Finale zu erreichen. Eden hat dann aber versucht abzuschalten, weil seine Ferien ohnehin sehr kurz ausfallen und er sich bei Chelsea unter dem neuen Trainer Antonio Conte neu beweisen muss.

bundesliga.de: Hatten Sie als technisch sehr starker Spieler das Gefühl, dass bei der EM Taktik Spielfreude verdrängt hat?

Hazard: In der Tat waren die meisten Spiele sehr von der Taktik geprägt, so dass es nur wenige, echte Fußball-Spektakel gegeben hat. Ich glaube allerdings, das hat auch daran gelegen, dass viele Spieler, von denen man normalerweise Spektakel erwarten könnte, nach einer langen Saison mit vielen Spielen in drei Wettbewerben schlichtweg nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte waren. Trotzdem gab es auch ein paar Spiele, die man sich sehr gut anschauen konnte.

Video: Die verrückte Saison der Fohlen

bundesliga.de: Borussia hat bereits vor zwei Wochen das Training wieder aufgenommen. Bereitet sich ein Profi-Fußballer auch auf die Saison-Vorbereitung vor, oder lässt man es in den wenigen freien Wochen auch mal schleifen?

Hazard: Am Saisonende bekommen wir für die Ferien einen Trainingsplan. Dieser Plan hat aber tatsächlich zunächst einmal zwei Wochen ausspannen vorgesehen. Allerdings mache ich in den Ferien immer irgendeinen Sport. Mal spiele ich Tennis, mal tobe ich am Strand herum - es muss nicht immer Fußball sein. (lacht) Nach diesen zwei Wochen aber geht das Trainingsprogramm in Eigenverantwortung los. Dann absolviert man jeden Tag sein Pensum, um zum Trainingsauftakt bereits einen gewissen Fitness-Stand zu haben. Gerade vor dieser Saison halte ich das für sehr wichtig. Borussia hat deshalb als einer der ersten Vereine das Training aufgenommen, um topfit in die Playoff-Spiele zur Champions League gehen zu können.

>>> Alle Vorbereitungsspiele der Bundesligisten in der Übersicht

bundesliga.de: Davor steht das Trainingslager am Tegernsee an. Hat man daran Freude, dass man ein paar Tage in einer Bilderbuch-Landschaft trainieren kann, oder empfindet man ein Trainingslager grundsätzlich eher als Qual?

Hazard: Am ehesten stört mich an Trainingslagern, dass ich tagelang von meiner Familie getrennt bin. Ansonsten habe ich damit aber keine Schwierigkeiten. Fußball-Profi ist der Beruf, den ich mir ausgesucht habe. Und der Sinn von Trainingslagern steht ohnehin außer Frage. Hier kann sich die neuformierte Mannschaft finden und kommt wieder in ihren Rhythmus. Und in den freien Stunden lernt man die Neuzugänge besser kennen, wenn man zum Beispiel gemeinsam etwas unternimmt.

bundesliga.de: Haben Sie das Gefühl, dass Sie in den bisherigen zwei Jahren in Deutschland und in der Bundesliga nicht nur besser, sondern auch professioneller geworden sind?

Hazard: Professioneller auf jeden Fall in dem Sinne, dass ich nach zwei Jahren alle Abläufe verinnerlicht habe, auch sonst jeden und alles im und um den Club herum kenne und mein Deutsch immer besser wird. Zudem hat sich mein fußballerisches Niveau durch die internationalen Spiele gesteigert. All das zusammen hilft dabei, sich ausschließlich auf die eigene Leistung konzentrieren zu können.

bundesliga.de: Borussia hat sich mit unter anderem Vestergaard, Kramer, Strobl und Benes gut verstärkt. Ist der Kader trotz der Abgänge von Xhaka, Stranzl und Co.in der Breite noch stärker als in der vergangenen Saison?

Hazard: Ich denke, dass sich alles erst einmal neu einspielen muss, buchstäblich auf dem Platz und im übertragenen Sinne im Gefüge der Mannschaft. Martin Stranzl war ein absoluter Anführer, obwohl er nur noch wenige Einsätze hatte. Jetzt werden andere mehr Verantwortung übernehmen. Raffael ist so ein Spieler. Raffa ist zwar abseits des Platzes alles andere als ein Lautsprecher, zeigt aber auf dem Platz jedem wo es lang geht. Oder Andreas Christensen. Der ist zwar gerade einmal zwanzig Jahre alt, tritt aber auf dem Platz so souverän auf, als hätte er schon zehn oder mehr Profi-Jahre auf dem Buckel.

bundesliga.de: Eine Zeitung hat errechnet, dass Trainer André Schubert wegen der Vielseitigkeit der Spieler für jede Position nicht nur zwei oder drei, sondern vier Optionen hat. Fürchten Sie um Ihre Einsatzzeiten?

Hazard: Wir haben einen großen Kader und sind eine sehr gute Mannschaft. Da ist es normal, dass die Konkurrenz groß ist. Das war in der vergangenen Saison nicht viel anders. Trotzdem hat jeder seine Einsatzzeiten bekommen, wenn auch wegen der leider langwierigen Verletzungen einiger Kollegen. Ich selbst zum Bespiel habe in der Hinrunde kaum, in der Rückrunde aber fast immer gespielt. Es wird erneut einen harten Konkurrenzkampf geben, aber jeder Spieler wird gebraucht und zu Einsätzen kommen. Nicht zuletzt, weil beinahe jeder so vielseitig einsetzbar ist.

>>> Zum Interview mit Gladbachs neuem Abwerchef Jannik Vestergaard

bundesliga.de: Schubert will häufig rotieren, eine klassische Start- bzw. Stammelf soll es nicht mehr geben. Was halten Sie davon?

Hazard: Fußball-Profis sind nun mal Wettkampf-Typen, da will jeder am liebsten alle Spiele absolvieren. Aber im Laufe einer Saison mit vielleicht annähernd 50 Spielen muss jeder so vernünftig sein einzusehen, dass eine Pause hin und wieder einfach Sinn macht. Wenn einer aber 15 Spiele am Stück pausieren muss, wird er die Rotation wohl eher nicht mögen. (lacht)

bundesliga.de: Hinter der Entscheidung, ohne klassische Stammelf in die Saison zu gehen, steht die Idee, immer genau die Spieler einzusetzen, die der jeweilige Gegner erfordert. Muss man heute, wenn man nicht Bayern München, Real Madrid oder der FC Barcelona ist, das eigene Spiel von Woche zu Woche verändern?

Hazard: Im modernen Fußball gibt es keine leichten Spiele mehr. Wer nicht immer 100 Prozent abruft, wird keinen Erfolg haben. Das hat nicht zuletzt die EM mit den sehr guten, so aber kaum erwarteten Leistungen von Wales und Island gezeigt. Da macht es in der Tat Sinn, Spieler mit eben den individuellen Fähigkeiten aufzubieten, nach denen das jeweilige Spiel bzw. der jeweilige Gegner verlangt.

bundesliga.de: Borussias Saisonziel bleibt dasselbe wie in den vergangenen Spielzeiten, der einstellige Tabellenplatz. Welches persönliche Ziel haben Sie sich gesetzt?

Hazard: So viel zu spielen, wie nur eben möglich. Wie ich schon erwähnt habe, habe ich mich in den vergangenen zwei Jahren sehr gut bei Borussia eingelebt. Ich kann mich jetzt voll darauf konzentrieren, im Training Gas zu geben, so dass ich für den Trainer so oft wie möglich eine Option bin. Natürlich möchte ich auch wieder Treffer erzielen, eine echte Torquote habe ich mir aber nicht gesetzt – wobei es schon schön wäre, die vier Bundesliga-Tore aus der vergangenen Saison diesmal zu toppen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Weitere Artikel

© 2016 DFL Deutsche Fußball Liga GmbH