Bundesliga

13.04.2016 - 12:14 Uhr


Thorgan Hazard zu Gladbachs Zielen: "Wir brauchen jetzt Auswärtspunkte!"

Mönchengladbach - Thorgan Hazard spielt eine hervorragende Rückrunde. Dennoch ist es auch dem Belgier in den vergangenen Monaten nicht gelungen, Borussia Mönchengladbach zu einem Auswärtssieg zu führen. Vor dem Spiel bei Hannover 96 spricht Hazard im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über Borussia Auswärtsschwäche, über seinen Bruder Eden, der bei bei Chelsea eine schwierige Saison erlebt, und über die bevorstehende Europameisterschaft.

bundesliga.de: Herr Hazard, Borussia ist zuhause eine Macht, auswärts aber meist ein Punktelieferant. Was sind die Gründe für diese Diskrepanz?

Thorgan Hazard:Natürlich könnte man sagen, dass Heimspiele grundsätzlich leichter zu spielen sind als Auswärtsspiele. Zuhause kennt man jeden Grashalm, und die Unterstützung der Fans ist fantastisch. Aber das allein kann und darf nicht der Grund dafür sein, dass wir auswärts so lange nicht gewonnen haben. Wir hatten sicherlich häufig auch Pech, in Wolfsburg und auf Schalke hätten wir Minimum einen Punkt verdient gehabt. Stattdessen mussten wir jedes Mal mit leeren Händen nach Hause fahren. Das ist sehr bitter. Und was das vergangene Wochenende betrifft: Dass es in Ingolstadt sehr schwer werden würde, wussten wir. Das ist eine Mannschaft, die mit großer Aggressivität spielt. Und das meine ich absolut positiv.

bundesliga.de: Am Freitagabend muss Borussia nach Hannover. Was erwarten Sie für eine Partie?

Hazard: Es wäre völlig falsch Hannover zu unterschätzen. Es mag für die Mannschaft zwar kaum noch möglich sein, die Klasse zu halten. Aber man hat am vergangenen Wochenende in Berlin gesehen, dass der Trainerwechsel den Spielern neues Selbstvertrauen gegeben hat. Deshalb bin ich überzeugt, dass Hannover eine schwierige Aufgabe wird. Dennoch ist Fakt, dass wir dort unbedingt gewinnen wollen. Bei fünf ausstehenden Partien bleiben uns nur noch zwei Heimspiele (INFOGRAFIK: Restprogramm der Europakandidaten). Deshalb brauchen wir jetzt Auswärtspunkte!

bundesliga.de: Die dann verbleibenden Gegner in der Fremde heißen Bayern München und Darmstadt 98 - zwei zwar unterschiedliche, aber doch gleichfalls sehr schwierige Aufgaben. Halten Sie die Champions-League-Qualifikation da noch für realistisch?

Hazard: Auf jeden Fall! Ich denke, wir haben es immer noch in der Hand. Zum Beispiel muss Leverkusen noch auf Schalke und am vorletzten Spieltag bei uns antreten. Erst einmal aber sollen jetzt aus den beiden Partien in Hannover und zuhause gegen Hoffenheim Punkte her!

bundesliga.de: Sie persönlich spielen alles in allem eine hervorragende Rückrunde, während Sie in der Vorrunde meist nur eingewechselt wurden. Was hat sich geändert?

Hazard: Ich spiele einfach öfter und länger. (schmunzelt) In der Hinrunde hat die Mannschaft ab dem 6. Spieltag hervorragend performt. Also hat auch bei uns die alte Regel gegolten "Never change a winning team".  Das hat es schwierig für mich gemacht, zu Einsätzen zu kommen. Und wenn man nur zehn oder gar fünf Minuten spielt, kann man kaum zeigen, warum der Trainer im nächsten Spiel nicht auf einen verzichten sollte. Später hatten wir sehr großes Verletzungspech, so dass der Trainer anders planen musste. Vor dem Spiel gegen Bremen (5:1; Anm. d. Red.) hat er zu mir gesagt, dass ich sehr gut trainiert hätte und er mich nun spielen sehen möchte. Ich habe ein gutes Spiel gemacht und seitdem immer in der Startaufstellung gestanden. Jetzt hoffe ich, dass das auch weiter der Fall sein wird.

bundesliga.de: Was geht in einem Profi vor, der weiß, dass er ein sehr guter Fußballer ist, sein Können aber über Wochen oder Monate, aus welchen Gründen auch immer, nicht abrufen kann?

Hazard: Ich bin niemand, der dann an sich zweifeln würde. Vielmehr versuche ich in jedem Training, sehr hart zu arbeiten und dem Trainer zu beweisen, dass er auf mich zählen kann. Wenn dann Gründe wie eine Siegesserie der Mannschaft dazu führen, dass der Trainer das Team zunächst nicht ändern möchte, kann ich das auf jeden Fall akzeptieren.

bundesliga.de: Während Sie bei Borussia immer besser werden, macht Ihr Bruder Eden, in der vergangenen Saison noch "Englands Fußballer des Jahres", bei Chelsea eine schwierige Zeit durch. Was ist geschehen?

Hazard: Es sind einige Dinge zusammen gekommen, sodass diese Saison wirklich nicht die meines Bruders ist. Er hatte eine Reihe kleinerer Verletzungen, die ihn immer wieder zurückgeworfen haben. Zudem hat die gesamte Mannschaft in dieser Saison große Probleme, so dass u. a. Guus Hiddink als neuer Trainer für José Mourinho verpflichtet wurde. Ich glaube, dass es nach einer Saison wie der vergangenen mit dem Meistertitel und der Wahl zu "Englands Fußballer des Jahres" ein Stück weit sogar normal ist, dass dann eine weniger gute Saison folgen kann. Noch eine alte Fußball-Regel: "Es ist schwierig an die Spitze zu kommen, aber noch schwieriger, an der Spitze zu bleiben." (schmunzelt)

bundesliga.de: Haben Sie häufig Kontakt, und können Sie Eden dann aufbauen?

Hazard: Wir sind vier Brüder und haben alle miteinander häufig Kontakt. Das ist aber nicht davon abhängig, ob es sportlich gut oder weniger gut läuft. Wir sprechen dann längst auch nicht nur über Fußball, sondern genauso über die Familie, die Eltern usw. Zudem bin ich überzeugt, dass Eden schon bei der EURO in Frankreich wieder seine ganze Klasse zeigen wird.

bundesliga.de: Auch Kylian, der zweitjüngste der vier Hazard-Brüder, hat mittlerweile den Weg ins Ausland gewählt...

Hazard: Kylian spielt seit dieser Saison für Ujpest FC, ein Team aus Budapest. Er hatte bei Waregem in Belgien nicht allzu viele Einsatzzeiten bekommen, so dass er sich für diesen Schritt entschieden hat. Mit mehr als 20 Einsätzen läuft es dort bisher gut für ihn. Er ist sehr zufrieden, und ihm gefallen sowohl der Club als auch die Stadt.

bundesliga.de: Eden wird definitiv mit Belgien zur Europameisterschaft reisen. Wie stehen Ihre Chancen?

Hazard: Viel wird von den kommenden fünf Spielen abhängen. Wenn ich sehr gut spiele, die Mannschaft gewinnt und wir gemeinsam etwas erreichen, sehe ich durchaus Chancen für mich. Allerdings weiß ich auch, dass der Trainer (Marc Wilmots; Anm. d. Red.) sehr viele gute Spieler zur Auswahl hat.

bundesliga.de: Wäre es das erste Mal, dass Sie gemeinsam mit Eden im belgischen Team stehen würden?

Hazard: Ja. Ich wurde bisher dreimal eingeladen, und jedes Mal war Eden verletzt. Es wäre fantastisch, wenn wir nun ausgerechnet bei einer Europameisterschaft zusammen im Nationalteam stehen würden.

bundesliga.de: Belgien gilt manchen Kritikern – im Gegensatz zur WM 2014 – als gar nicht mehr so ganz geheimer Favorit. Wie sieht man sich selbst?

Hazard: Wir haben sehr viele gute Spieler, von denen die meisten in den großen Ligen und eine wichtige Rolle in ihren Clubs spielen. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir bis vor kurzem in der FIFA-Weltrangliste an erster Stelle gestanden haben, auch wenn uns aktuell Argentinien überholt hat. Niemand sollte aber vergessen, dass unsere Gruppe mit Italien, Irland und Schweden alles andere als leicht ist. Das Auftaktmatch gegen Italien ist deshalb besonders wichtig und kann schon wegweisend sein.

bundesliga.de: Ist die Mannschaft reifer als 2014?

Hazard: Ich denke schon. Die Weltmeisterschaft 2014 war für dieses Team das erste große internationale Turnier. Das war eine sehr wichtige Erfahrung, die jeden Einzelnen weitergebracht hat. Aber auch die Erwartungshaltung und damit der Druck sind gewachsen. Nichtsdestotrotz hoffe und glaube ich, dass wir weit kommen können in diesem Turnier.

bundesliga.de: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Hazard: Die deutsche Mannschaft ist Weltmeister und schon deshalb ein großes Team. Man hat zwar gesehen, dass die Elf von Joachim Löw seitdem einige kleinere Schwierigkeiten hatte. Aber auch ich weiß, dass die deutsche Mannschaft schon immer eine Turnier-Mannschaft ist. (lacht) Und die Gruppe mit der Ukraine, Polen und Nordirland sollte zu machen sein. Ich mache mir jedenfalls keine Sorgen um Deutschland.

bundesliga.de: Es scheint aber, als würde die deutsche Mannschaft ohne Gladbacher Borussen ins Turnier gehen?

Hazard: Das wäre schade. Patrick Herrmann hat seine Verletzung wohl die Nominierung gekostet. Das tut mir leid für ihn. Ich denke aber, dass Lars Stindl eine sehr gute Saison spielt, und auch Mahmoud Dahoud hat sich hervorragend entwickelt. Ich kenne natürlich nicht die Pläne des deutschen Bundestrainers. In der Vergangenheit sind aber ganz zum Schluss immer wieder einmal Spieler nominiert worden, die kaum jemand auf dem Zettel hatte. In Belgien war das zum Beispiel bei der WM 2014 mit Divock Origi so.

bundesliga.de: Haben Sie einen Favoriten bzw. einen Geheimtipp?

Hazard: Ich habe zwei Favoriten. Frankreich und Belgien! Über Belgien habe ich schon einiges gesagt. Und ich denke, dass auch Frankreich mittlerweile wieder über eine sehr gute Generation verfügt. Das ist eine noch junge Mannschaft, aber auch eine mit sehr viel Talent. Und mein Geheimtipp? Ich würde sagen die Türkei. Das mag zunächst überraschen. Die Mannschaft hat zuletzt aber eine sehr ordentliche Serie hingelegt, und niemand sollte sie unterschätzen. Auch der Schweiz traue ich einiges zu. Und für meine Mannschaftskollegen Yann Sommer, Granit Xhaka und Nico Elvedi würde ich mich sehr freuen.

bundesliga.de: Sollten Sie nicht nominiert werden, würden Sie sich dann als Fan ein Spiel ihres Bruders anschauen?

Hazard: Warum nicht?! Wahrscheinlich würde ich mich für die Partie gegen Schweden entscheiden, dann könnte ich vielleicht gleich auch noch Oscar Wendt sehen. Das wäre klasse. Aber soweit sind noch nicht. Noch hoffe ich, dass ich selbst auch dabei bin!

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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