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Bundesliga

29.01.2016 - 16:35 Uhr


Hannover-96-Coach Thomas Schaaf: "Ein Trainer muss viele Facetten beherrschen"

Köln - Die Verpflichtung von Trainer Thomas Schaaf in der Winterpause hat bei Hannover 96 für Aufbruchsstimmung gesorgt. Das 1:2 zum Rückrundenauftakt gegen Darmstadt 98 am vergangenen Wochenende bedeutete aber einen Dämpfer für die Niedersachsen. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Schaaf über die Aufarbeitung der Niederlage, über sein Selbstverständnis als Trainer und über die neue Schnelllebigkeit auch im Fußball.

bundesliga.de: Herr Schaaf, dass Hannover 96 aktuell keine leichte Aufgabe darstellt, war Ihnen wohl schon vor der 1:2-Niederlage gegen Darmstadt klar. Was reizt Sie dennoch an dieser Aufgabe?

Thomas Schaaf: Wenn man viele Jahre in Bremen tätig war, nimmt man zur Kenntnis wie gerade auch die Vereine in der Nachbarschaft, der HSV und Hannover 96, arbeiten. Und 96 hat als Club der Landeshauptstadt des zweitgrößten Bundeslandes gute Voraussetzungen. Wie fantastisch die Atmosphäre in der HDI-Arena sein kann, konnte man zum Beispiel in den beiden Jahren in der Europa League erleben. Diese Voraussetzungen sind das eine Argument. Das andere liegt in der Art und Weise, wie der Club unter den handelnden Personen aufgestellt ist. Man hat hier in den vergangenen Jahren sehr seriös gearbeitet und mit Martin Bader nun einen weiteren Fachmann geholt, der lange im Geschäft ist und über große Erfahrung verfügt. Dieses Gesamtpaket hat mich überzeugt, dass Hannover 96 eine sehr interessante, wenn auch schwierige Aufgabe ist.

bundesliga.de: Club und Umfeld sind mit viel Enthusiasmus in die Rückrunde gegangen. Wie geht man als Trainer vor, wenn sofort eine Enttäuschung folgt?

Schaaf: Wir wollten dieses Spiel unbedingt gewinnen. Aber man muss immer alle Eventualitäten einkalkulieren. Dazu gehört auch, dass man ein Spiel verlieren kann. Es war klar, dass ein großer Fokus auf dieser Partie liegen würde. Alle haben erwartet, dass wir gleich die ersten drei Punkte einfahren. Das hängt mit der allgemeinen, öffentlichen Wahrnehmung von fast allen Aufsteigern zusammen. Einerseits hat jeder gesehen, dass Darmstadt eine sehr unangenehm zu bespielende Mannschaft ist, gegen die sich bisher fast alle Teams der Liga schwergetan haben. Andererseits betrachten die meisten diesen Club noch immer als wahrscheinlichen Absteiger, gegen den man nach dieser Argumentation einfach gewinnen muss.

bundesliga.de: Wie gehen Sie ganz persönlich mit einer solchen Niederlage um, wenn Sie abends alleine im Hotelzimmer sind?

Schaaf: Man weiß, wo die Prioritäten liegen und versucht sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Aber nach einer Niederlage habe ich natürlich richtig schlechte Laune - auch wenn ich weiß und dies meiner Mannschaft immer wieder vermittele, dass eine einzelne Partie nicht über Abstieg oder Nicht-Abstieg entscheiden wird.

bundesliga.de: Ihr Team hat gegen die "Lilien" sehr gut begonnen, sich durch den ersten Gegentreffer aber vom Kurs abbringen lassen. Ist das größte Problem also nicht fußballerischer, sondern psychologischer Art?

Schaaf:  Wir alle wissen, dass Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gerade auch im Fußball wichtige Faktoren sind. Auf einem bestimmten Niveau machen die fußballerischen Fähigkeiten häufig nicht mehr den großen Unterschied aus. Entscheidender ist, ob der einzelne vor Selbstvertrauen strotzt und von sich selbst absolut überzeugt ist. Während der eine einmal am Tor vorbei schießt und sich danach nicht mehr traut es noch einmal zu versuchen, sagt sich der anderen nach sechs Fehlversuchen "Macht nichts, dann ist eben der siebte drin!" Dieses Selbstverständnis und dieses Selbstvertrauen machen den Unterschied aus. Wenn man in einer Situation ist wie der unseren, gibt es verständlicherweise viele Selbstzweifel. Daran müssen wir hart arbeiten und uns so die wichti en Erfolgserlebnisse bescheren.

bundesliga.de: Einige Medien stellen Spekulationen an, wo 96 punkten kann und wo eher nicht...

Schaaf: Davon lebt der Fußball. (lacht)

bundesliga.de: Davon lebt das Geschehen rund um den Fußball...

Schaaf: Ja. Damit aber auch der Fußball selbst. Denn das Interesse an unserem Sport und, wenn man so will, an unserem Business wird damit gehörig befeuert. Wenn die Leute über Ergebnisse spekulieren und Spiel für Spiel Punkt um Punkt durchrechnen bedeutet das, dass man über Hannover 96 redet und mitfiebert. Mit unseren Leistungen müssen wir jetzt dazu beitragen, dass die Fans Rechnungen aufstellen können, die für uns ein gutes Ende in Aussicht stellen.

bundesliga.de: Sie selbst rechnen aber wohl kaum?
Schaaf:
Nein. Unsere Mathematik reicht ganz bewusst nur von Spiel zu Spiel. (lacht)

bundesliga.de: Das nächste Spiel ist Leverkusen: Was macht Ihnen Hoffnung, dass 96 dort nervlich stabiler auftritt?

Schaaf: Hoffnung macht mir die tägliche Arbeit mit meiner Mannschaft. Ich sehe, dass jeder bemüht ist das umsetzen, was wir vorgeben. Wir haben in den vergangenen Wochen gut gearbeitet, wie die erste halbe Stunde gegen Darmstadt auch gezeigt hat. Jetzt müssen wir zusehen, dass wir den Laden auch über 90 Minuten auf die Reihe bekommen und die notwendigen Punkte einfahren.

bundesliga.de: Wird Hiroshi Kiyotake, der die Fähigkeit hat, ein Spiel an sich zu ziehen, wieder zur Verfügung stehen?

Schaaf: Nein. Für Hiroshi kommt Leverkusen leider noch zu früh.

bundesliga.de: Blicken wir einmal über Hannover hinaus: Wie haben Sie die Bundesliga in der ersten Halbserie aus der Position des Beobachters wahrgenommen?

Schaaf: Dass Bayern München vorne weg marschiert, ist nicht unbedingt eine Überraschung. Gut für die Bundesliga ist, dass Dortmund zu alter Stärke und Sicherheit zurückgefunden hat. Ganz unten wiederum tauchen Mannschaften auf, die sich selbst dort vor Saison wohl kaum vermutet hätten. Aber die beiden Aufsteiger haben sich bisher so gut in Szene gesetzt und fleißig Punkte gesammelt, dass einige Arrivierte in der Tabelle nun hinter ihnen stehen.

bundesliga.de: Stichwort "arriviert": 35 Jahre lang hat man Werder Bremen und Thomas Schaaf nur zusammen gedacht. Nach einem zwischenzeitlichen Engagement in Frankfurt arbeiten Sie nun für 96. Gibt es da bisweilen nachdenkliche Momente, dass auch im Fußball kaum etwas Bestand hat?

Schaaf: Ja. Allerdings leben wir in einer Gesellschaft, die sich eher durch ständigen Wandel als durch langfristige Beständigkeit auszeichnet. Und der Fußball bleibt da nicht außen vor, sondern ist Teil dieser Gesellschaft und ist damit mittendrin.

bundesliga.de: Wie gehen Sie um mit dieser zunehmenden Schnelllebigkeit auch im Fußball?

Schaaf: Ich glaube, dass wir alle zusammen darauf achten müssen, dass an gewissen Werten und Tugenden festgehalten wird. Der Fußball und die Geschichten um den Fußball sollen die Menschen auch in Zukunft mitreißen. Das Wichtigste muss aber das bleiben, was auf dem Rasen passiert. Das Geschehen drum herum darf nicht wichtiger werden als das Spiel selbst. Zudem dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass Fußball "nur" Sport ist.

bundesliga.de: "Prinzipiell muss ich nur eines sein: verlässlich sein", haben Sie kürzlich in einem Interview gesagt. Ist das eine Tugend, die Sie heute ein Stück weit vermissen?

Schaaf: Ein Trainer muss viele Facetten beherrschen. Weder darf er immer nur herumbrüllen, noch sollte er stets derjenige sein, der für alles Verständnis aufbringt. Die jeweilige Situation entscheidet, welche Facette gefragt ist. Was ein Trainer aber immer und in jeder Situation ausstrahlen muss, das ist Verlässlichkeit. Die Spieler müssen spüren, dass der Trainer, wenn es hart auf hart kommt, für sie da ist, hinter ihnen steht und versucht, das Optimale aus ihnen herauszuholen. Verlässlich zu sein bedeutet für mich loyal - und jemandem oder einer Sache verpflichtet zu sein. Leider hat man heute bisweilen das Gefühl, dass längst nicht jeder mehr bereit ist. eine derartige Verpflichtung einzugehen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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