Bundesliga

03.03.2016 - 16:49 Uhr


Helmer: "BVB wird die Bayern nicht mehr abfangen"

Thomas Helmer bestritt 190 Bundesliga-Spiele für den BVB und 191 für die Bayern

Köln - Sechs Jahre lang spielte Thomas Helmer für Borussia Dortmund, sieben Jahre für Bayern München. Mit dem BVB wurde er Pokalsieger, mit den Bayern gewann er drei Meisterschaften und zwei DFB-Pokale. Kaum jemand kennt die beiden deutschen Topvereine, die am Samstagabend im absoluten Spitzenspiel der Bundesliga in Dortmund aufeinander treffen, so gut wie der 49-Jährige. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der Europameister von 1996 die Stärken und Schwächen der beiden Kontrahenten.

bundesliga.de: Herr Helmer, glauben Sie, dass bei den Spielern von Borussia Dortmund der Stachel der 1:5-Niederlage aus dem Hinspiel noch sehr tief sitzt?

Thomas Helmer: Nein. Ich glaube dadurch, dass die Saison für den BVB so gut läuft, haben die Spieler die Niederlage schnell überwunden. Sie wissen, was sie dort falsch gemacht haben. Ich denke auch, dass Thomas Tuchel am Samstag anders aufstellen wird. Vielleicht sehen sie die Niederlage sogar positiv, weil sie für den weiteren Saisonverlauf sehr lehrreich war.

"Die Bayern haben einen Vorteil an Offensiv-Power"

bundesliga.de: Was haben die Dortmunder Ihrer Meinung nach im Hinspiel falsch gemacht?

Helmer: Die defensive Aufstellung und die Taktik waren etwas seltsam. Sokratis hat rechts verteidigt, das war eine für ihn ungewohnte Position.

bundesliga.de: Meinen Sie, dass der BVB die Mittel hat, um den FC Bayern zu schlagen?

Helmer: Die Dortmunder spielen - ähnlich wie die Bayern - sehr passsicher und wechseln sehr schnell die Seiten. Gegen Hoffenheim meine ich den Unterschied der Dortmunder zu den Bayern gesehen zu haben. Im Vergleich zu den Bayern fehlen ihnen meiner Ansicht nach die Spieler, die auf den Außenpositionen mit dem notwendigen Tempo in die Eins-gegen-Eins-Situationen gehen. So wie Coman, Robben oder Ribery. In dem Bereich haben die Bayern einen Vorteil an Offensiv-Power. Aber Dortmund macht in dieser Saison seine Punkte, und das machen sie super. Sie haben in den Bundesliga-Spielen die Qualität, um sich durchzusetzen.

bundesliga.de: Juventus Turin hat vor zehn Tagen in der Champions League als Heimmannschaft beim 2:2-Unentschieden nach 0:2-Rückstand vorgemacht, dass auch die Bayern verwundbar sind. Taugt das Spiel als Beispiel, wie man den Bayern Probleme bereiten kann?

Helmer: Nein. Die Bayern waren eine Stunde mindestens eine Klasse, wenn nicht sogar zwei Klassen besser. Sie haben Juventus schwindelig gespielt und wurden dann auch müde. Dann passiert der eine oder andere Konzentrationsfehler. In der Bundesliga wird das selten bestraft. Das hat man am letzten Wochenende beim Bayern-Spiel in Wolfsburg wieder gesehen, als der VfL zumindest einmal acht Torschüsse abgegeben hat. Aber wenn die alle genau in die Tormitte auf Manuel Neuer abgefeuert werden, lacht der sich auch kaputt. Das hat Juventus besser gemacht. Dafür sind die Italiener auch gut genug. Aber trotzdem hatten sie im Grunde genommen keine Chance.

bundesliga.de: Die Bayern haben trotz der Niederlage gegen Mainz in der Bundesliga 20 von 24 Partien gewonnen. Sie haben auch im vierten Jahr in Folge diesen Hunger, alles gewinnen zu wollen. Besteht darin ihre größte Leistung?

Helmer: Ja. Man muss diese Mentalität wirklich anerkennen. Das hat man beim Darmstadt-Spiel sehen können. Darmstadt hat es richtig gut gemacht, die Bayern hatten ihre Probleme. Trotzdem haben die Bayern immer weiter Gas gegeben und sind marschiert. Dieser Wille, immer wie selbstverständlich nach vorne zu powern, ist imponierend.

"Dortmund hat nichts zu verlieren"

bundesliga.de: Als Ex-Profi wissen Sie ja bestens, wie die Spieler ticken und Kabinengespräche ablaufen. Glauben Sie, dass die Spieler des BVB sich intern noch Titelchancen ausrechnen?

Helmer: Die Spieler rechnen natürlich noch ein bisschen. Auch nach dem von Ihnen angesprochenen 1:5 aus dem Hinspiel wollen sie vor 80.000 Zuschauern die Bayern schlagen. Sie haben auch die Möglichkeit und die Qualität dazu. Dortmunds Plus ist, dass die Mannschaft nichts zu verlieren hat. Sie wird auf jeden Fall Zweiter. Ich glaube aber nicht, dass sie die Bayern noch abfangen werden. Aber sie sind natürlich hochmotiviert.

bundesliga.de: Sind die Bayern in der Defensive durch die vielen Ausfälle verwundbarer?

Helmer: Die Ausfälle sind für die Bayern eine Schwächung. Absolut. Die Innenverteidiger fehlen. Aber Joshua Kimmich macht seine Sache erstaunlich gut. Auch das zweite Tor in Turin würde ich ihm nicht anlasten. Er ist ein intelligenter Spieler, spielt überragend. Den würde ich auch sofort verpflichten. Dortmund ist offensiv in der Luft aber jetzt auch nicht so "überragend". Die Lufthoheit haben sie eigentlich nicht. Und das Kopfballspiel ist eh nicht Dortmunds große Stärke.

bundesliga.de: Wie stark schätzen Sie die BVB-Defensive ein?

Helmer: Die Defensive von Dortmund müsste mit Hummels und Sokratis eigentlich stabiler sein. Die Bayern machen es trotzdem gut, weil sie die Offensiv-Power nach vorne haben. Für die Bayern gilt das Rezept: Angriff ist die beste Verteidigung.

"Das Rennen um die Torjägerkanone ist offen"

bundesliga.de: Zumal ein Spieler wie Arjen Robben gegen die Borussia besonders gerne trifft.

Helmer: Ich habe unter der Woche in meiner Sendung mit Olaf Thon und Peter Neururer darüber gesprochen. Es ist der Wahnsinn. Ribery und Robben sind beide schon über 30 Jahre alt, sie kommen nach Verletzungen zurück und haben trotzdem noch diese Geschwindigkeit und Power. Normalerweise verliert man mit zunehmendem Alter und Verletzungen an Geschindigkeit. Das ist schon stark.

bundesliga.de: Wie gefällt Ihnen das Wettschießen der beiden Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang und Robert Lewandowski?

Helmer: Das ist richtig cool. Lewandowski ist vielleicht der komplettere Stürmer, aber auch Aubameyang trifft regelmäßig. Er schießt auch die Elfmeter. Ich sehe das Rennen um die Torjägerkanone als relativ offen an.

bundesliga.de: Welches Ergebnis tippt Thomas Helmer beim Duell seiner beiden Ex-Vereine?

Helmer: Ich traue Dortmund auf jeden Fall zu, das Spiel nicht zu verlieren. Wenn die beiden gegeneinander spielen, bin ich immer diplomatisch. Aber es wäre schon schön, wenn den Bayern mal ein bisschen Paroli geboten würde.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

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