Bundesliga

30.03.2017 - 18:20 Uhr


Schalkes Thilo Kehrer: "Wenn die Chance endlich kommt, muss man bereit sein"

Gelsenkirchen - Thilo Kehrer ist einer der Shootingstars der Rückrunde. In nur wenigen Wochen hat sich der 20-Jährige als rechter Außenverteidiger beim FC Schalke 04 nahezu unverzichtbar gemacht. Vor dem Derby gegen den BVB spricht der frisch gebackene U21-Nationalspieler im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über seinen langen Weg aus den Jugend-Teams in die Profi-Mannschaft, über die Chancen der Königsblauen, eine beinahe schon verlorene Saison doch noch zu retten und über das direkte Aufeinandertreffen mit den Dortmunder Angreifern.

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bundesliga.de: Herr Kehrer, wäre es übertrieben zu sagen, dass die ersten Wochen des Jahres sehr aufregende Wochen für Sie waren und weiterhin sein werden...

Thilo Kehrer: Nein. Ich denke, das kann man durchaus so sagen. Ich bin aber sehr froh, dass es so gelaufen ist wie bisher. So darf es ruhig weitergehen.

bundesliga.de: Bundesliga, Europa League und jetzt auch U21-Nationalmannschaft: Wie steckt ein 20-Jähriger das weg, körperlich, aber gerade auch mental?

Kehrer: Man versucht so gut wie möglich zu regenerieren, also ausreichend zu schlafen, adäquat zu essen etc. Anders könnte man Spiele mit dieser Intensität wohl nicht spielen. Als junger Spieler muss man sich erst einmal an das Tempo gewöhnen, und ich muss zugeben, dass ich nach meinen ersten beiden Partien ein wenig erschöpft war. Aber ich denke, das ist normal. Mittlerweile ist es von Spiel zu Spiel besser geworden, und meine Muskulatur erholt sich nun an den Folgetagen sehr schnell. Was die mentale Belastung betrifft: Für mich waren diese Wochen bisher einfach nur große Freude. Ich freue mich sehr, dass ich mich endlich zeigen, beweisen und einen Beitrag zum Erfolg der Mannschaft leisten kann.

bundesliga.de: Auf diese Chance mussten Sie lange warten, immerhin standen Sie schon Ende 2014 erstmals im Profi-Kader. Haben Sie während dieser langen Zeit bisweilen mit Ihrer Situation gehadert?

Kehrer: Ja. Es gab durchaus Phasen, in denen ich unzufrieden war und vielleicht sogar ein Stück weit gezweifelt habe. Ich habe mich dann gefragt, warum es jetzt so und nicht anders läuft und wieso ich keine Chance bekomme, obwohl ich gut trainiert habe. In diesen Momenten war aber entscheidend, dass ich letztlich immer an mich geglaubt und mich darauf konzentriert habe, was ich selbst beeinflussen kann. Und das ist die tägliche Arbeit auf dem Trainingsplatz. Dort muss man alles geben und Extraschichten machen. Das habe ich getan. Denn wenn die Chance endlich kommt, muss man bereit sein.

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bundesliga.de: Aus heutiger Profi-Sicht: Wie groß ist der Schritt von einer U19, in der fraglos bereits sehr guter Fußball gespielt wird, bis in die Bundesliga?

Kehrer: Der größte Unterschied ist das Spieltempo, die Schnelligkeit, mit der die Aktionen aufeinander folgen. Und auch körperlich ist es noch mal ein deutlicher Schritt von der U19 in die Bundesliga – wenn ich auch sagen kann, dass uns Norbert Elgert (Trainer der Schalker U19, mit der Kehrer 2015 Deutscher Meister wurde; d. Red.) darauf sehr gut vorbereitet hat. Deshalb glaube ich, dass auf Schalke dank der Qualität der Ausbildung der Schritt von den Jugendmannschaften zu den Profis nicht ganz so groß ist wie möglicherweise bei anderen Clubs.

bundesliga.de: Auch Leroy Sané war Teil der U19, die Sie als Kapitän zur Deutschen Meisterschaft geführt haben. Sie beide sollen gut befreundet sein, haben Sie noch regelmäßigen Kontakt?

Kehrer: Ja, wir haben fast jeden Tag Kontakt, via Whatsapp oder auch via Facetime. (lacht, weil er zugibt Sané während des Interviews eine kurze Nachricht geschrieben zu haben; d. Red.) Leroy geht es in Manchester sehr gut. Er freut sich, dass er bei Pep Guardiola dazu lernen und sich weiter entwickeln kann und ist im Moment mit seiner Situation sehr zufrieden.

bundesliga.de: Haben Sie ihm während der gemeinsamen U19-Zeit bereits zugetraut, dass er so schnell den ganz großen Erfolg haben würde?

Kehrer: Vielleicht haben Außenstehende das so nicht erwartet. Ich habe Leroy das aber zugetraut, ich konnte ja jeden Tag im Training sehen, was er draufhat. Dass seine Karriere innerhalb einer Saison aber so explodieren würde, habe wohl selbst ich nicht voraussehen können.

bundesliga.de: Ähnliches lässt sich auch über Sie sagen, schließlich haben Sie in dieser Saison bereits rund 20 Pflichtspiele absolviert. Haben Sie das Gefühl, es jetzt geschafft zu haben, oder befürchten Sie, dass der Traum vom Profi-Fußball noch platzen könnte?

Kehrer: Ich mache mir wenig Gedanken darüber, ob ich es schon geschafft habe oder ob der Traum vielleicht doch noch platzen könnte. Ich denke, ich bin auf einem sehr guten Weg und genieße die Momente so, wie sie kommen. Und selbstverständlich tue ich alles dafür, diesen Weg erfolgreich weiter gehen zu können.

bundesliga.de: Sie haben während der Zeit in der „Knappenschmiede“ auch Abitur gemacht. Wie waren Ihre Pläne für den Fall, dass es mit dem Profi-Fußball nichts werden würde?

Kehrer: Das Abitur war bzw. ist genau für diesen Fall gedacht. Weitere Pläne hatte ich noch nicht. Ich war aber schon immer sportbegeistert und habe mich früher an so ziemlich allen Sportarten versucht. Deshalb stand für mich immer fest, dass ich in irgendeiner Funktion im Sport arbeiten möchte, falls es mit dem Fußball nicht klappen sollte.

bundesliga.de: Was würden Sie jungen Spielern raten, damit der Weg in den Profi-Fußball nicht zur Sackgasse wird?

Kehrer: Mein dringlichster Rat wäre sich mit den Menschen zu umgeben, die dich schon immer begleitet haben, Familie und langjährige Freunde also. Menschen, bei denen man sich sicher ist, dass sie immer nur das Beste für dich wollen. Und man sollte sich grundsätzlich nicht zu sehr davon beeinflussen lassen, was andere oder vielleicht auch die Öffentlichkeit sagen. Es gilt vielmehr sich darauf zu konzentrieren, dass man täglich alles dafür tut sich immer noch zu verbessern.

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bundesliga.de: Können Sie heute die Meinungen der Medien ausblenden?

Kehrer: Ich lese überhaupt keine Berichte, die mich betreffen. Mein Papa hat zu U17-Zeiten mal ein paar Artikel aufgehoben, und schon damals habe ich ihm gesagt, dass ich nicht gerne etwas über mich lese. Später, während der Zeit in der U19, hat Norbert Elgert uns sehr eindringlich vermittelt, dass manche Medien dich hypen, wenn es gut läuft, dich aber genauso schnell fallen lassen, wenn du mal ein paar schlechte Spiele machst. Darauf sollte man vorbereitet sein. Im Übrigen weiß ich selbst sehr genau, wann ich ein gutes oder auch ein schlechtes Spiel gemacht habe. Das bespreche ich mit den Leuten, mit denen ich täglich zu tun habe, mit dem Trainer und mit den Mannschaftskameraden.

bundesliga.de: Wie zufrieden sind Sie aktuell mit sich selbst?

Kehrer: Ich denke, dass ich gut reingekommen bin und ordentliche Leistungen gezeigt habe. Darauf kann ich aufbauen. Aber ich weiß auch, dass ich noch viel Luft nach oben habe.

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bundesliga.de: Nun spielen Sie aller Voraussicht nach Ihr erstes Derby als Profi gegen den BVB. Sind Sie nervöser als in den Wochen zuvor?

Kehrer: Ich bin grundsätzlich eher weniger nervös. Es sind meist nur ein paar Minuten im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Stadion, in denen ich die Anspannung stärker spüre. Spätestens aber, wenn es zum Aufwärmen raus auf den Platz geht, ist bei mir jede Nervosität verflogen. Dann bin ich ganz aufs Spiel und auf meine Aufgabe fokussiert. Und das wird vor dem Spiel gegen den BVB kaum anders sein.

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bundesliga.de: Sie sind gebürtiger Schwabe. Wie weit haben Sie verinnerlicht, dass es für Schalke-Fans wohl kein wichtigeres Spiel gibt als dieses Derby?

Kehrer: Ich bin nun im sechsten Jahr auf Schalke, und schon früher, bei den Jugendspielen gegen den BVB, habe ich spüren können, welche Brisanz in dieser Paarung liegt und welche Bedeutung sie für die Fans hat.

bundesliga.de: Gibt es einen BVB-Star, an dem Sie sich besonders gerne abarbeiten würden?

Kehrer: Ich nehme es so, wie es kommt. Wer dann mein Gegenspieler ist...(hält kurz inne)...

bundesliga.de: ...der hat keinen besonders schönen Tag?

Kehrer: Das ist mein Ziel. (lacht)

bundesliga.de: Noch vor vier Wochen, nach dem 2:4 in Gladbach, schien für Schalke die ohnehin wechselvolle Saison endgültig gelaufen. Jetzt sind die Aussichten wieder weit freundlicher. Wundern Sie sich noch darüber, wie schnell die Stimmung auf Schalke umschlagen kann?

Kehrer: Nein. Das wundert mich nicht mehr. Ich trainiere bereits seit 2014 mit der Profi-Mannschaft und erlebe eigentlich in jedem Jahr wieder aufs Neue, dass die Stimmung im Umfeld nach einer Niederlage richtig schlecht sein, aber nach nur zwei guten Spielen auch schnell ins genaue Gegenteil umschlagen kann. Umso wichtiger ist es, dass wir intern immer die Ruhe bewahren und uns nicht beeinflussen lassen davon, was Drumherum passiert. Wir müssen immer unser Ding durchziehen.

bundesliga.de: In der Europa League wartet Ajax Amsterdam. Das ist keine leichte, aber doch eine lösbare Aufgabe. Denken Sie hin und wieder an die Eurofighter von 1997?

Kehrer: Ja. Und ab und zu sprechen wir im Mannschaftskreis darüber. Es gibt ja ein paar Leute im Staff, die damals schon dabei waren. Und ein junger Spieler wie ich ist natürlich neugierig und will wissen, wie es damals war, als Schalke den UEFA-Cup gewinnen konnte. Ich höre jedenfalls sehr gerne zu, wenn die Beteiligten von diesem Triumph erzählen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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