Bundesliga

29.07.2016 - 09:06 Uhr


Heidel: "Schalke strahlt eine riesige Kraft aus und muss sich als Einheit verstehen"

Gelsenkirchen - Nahezu ein Vierteljahrhundert war Christian Heidel für die sportlichen und wirtschaftlichen Geschicke des 1. FSV Mainz 05 mitverantwortlich und hat den Club in dieser Zeit in der Bundesliga etabliert. Mit dem FC Schalke 04 wartet nun eine Aufgabe auf den 53-Jährigen, die zu den spannendsten, aber wohl auch zu den schwierigsten in der Bundesliga zählt. Im ausführlichen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Heidel, Vorstand Sport und Kommunikation bei S04, über seine Beweggründe für den großen Karriere-Schritt, über seine ersten Erfolge im neuen Job und darüber, wie er Schalke weiterentwickeln will.

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bundesliga.de: Herr Heidel, Schalke hat als Vertreter der Bundesliga kürzlich das Reich der Mitte besucht. Wie hat China auf Schalke reagiert?

Christian Heidel: Diese Reise war ein großartiges Erlebnis. China ist in vielerlei Hinsicht ein faszinierendes Land. Ich habe noch nie so viele Hochhäuser gesehen, wo noch dazu an jedem Balkon Wäsche zum Trocknen hängt (lacht). Am meisten überrascht war ich aber darüber, wie viele Menschen in Guangzhou in einem Schalke-Trikot herumlaufen. Und wir hatten in beiden Testspielen ein sehr begeisterungsfähiges Publikum in gut gefüllten Stadien.

bundesliga.de: Welche Bedeutung hat China für Schalke 04 und für die Bundesliga?

Heidel: Ich glaube, dass ein Club wie Schalke 04 die Pflicht hat, die Bundesliga und sich selbst in China bekanntzumachen und auf einem so großen Markt wie China präsent zu sein. Deshalb war es sehr wichtig, die Marke Schalke 04 dort zu präsentieren. Mein Eindruck war, dass das blendend funktioniert hat. Mag sein, dass die klimatischen Verhältnisse mit der hohen Luftfeuchtigkeit und gefühlt 44 oder 45 Grad nicht einfach waren. Alle Spieler haben das aber hochprofessionell durchgezogen. Jedem war bewusst, dass diese Reise nicht bereits zur Vorbereitung im klassischen Sinne zählt, sondern dass sie einem anderen Zweck dient.

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bundesliga.de: Schalke 04 hat zudem eine Kooperation mit Guangzhou R&F auf den Weg gebracht. Würden Sie die bitte kurz skizzieren?

Heidel: Ich möchte den Begriff Kooperation nicht zu hoch hängen. Es stimmt aber, dass es Meetings gegeben hat, bei denen zunächst einmal ein zukünftiger Austausch darüber beschlossen wurde, wie die Jugend auf Schalke und in China gefördert wird. Unsere Knappenschmiede etwa ist in China längst ein Thema. Die Chinesen sind sehr interessiert und haben große Pläne. Ziel ist es nicht, nur endlich einmal eine WM auszutragen, sondern irgendwann sogar Weltmeister werden zu können. Und ich bin überzeugt, dass es auch bei 1,4 Milliarden Chinesen Talente gibt, die gefördert und ausgebildet werden müssen. Dabei können wir den Club unterstützen.

Video: Schalke 04 in China

bundesliga.de: Die Repräsentation des Clubs in China war längst nicht Ihre erste Amtshandlung für Schalke. Vorher hatten Sie schon Naldo und Breel Embolo verpflichtet...

Heidel: Wir wollten zeigen, dass Schalke in der Lage ist solche Transfers zu realisieren. Dass wir Pläne und Ideen haben, und dass bei uns auch Dinge möglich sind, die vielleicht nicht jeder für machbar gehalten hat. Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Als ich mitbekommen habe, dass Naldo verfügbar ist, war ich überzeugt davon, dass diese Verpflichtung dem Verein und der Mannschaft sehr gut tun würde. Gleichzeitig war dieser Transfer ungewollt auch eine Probe, ob so etwas auf Schalke funktioniert, ohne dass es vorzeitig bekannt wird. Denn dann – da bin ich ziemlich sicher – hätten wir es wohl nicht hinbekommen. Diese Prüfung hat der Verein mit Auszeichnung bestanden, der Wechsel wurde tatsächlich erst nach Unterzeichnung öffentlich.

bundesliga.de: Und Embolo?

Heidel: Das ist eine Verpflichtung aus mehreren Gründen. Zum einen sind das sportliche Gründe: Dass der Junge richtig gut Fußball spielen kann, weiß man nicht erst seit heute. Es kommt nicht von ungefähr, dass José Mourinho ihn unbedingt zu Manchester United holen wollte. Zudem sehen wir auch in ihm eine zukünftige Identifikationsfigur auf Schalke, wie es etwa Benedikt Höwedes, Leroy Sané oder beispielsweise Ralf Fährmann sind. Eine solche Rolle hatte Embolo beim FC Basel auch inne. 80 Prozent aller verkauften Trikots waren dort mit seinem Namen bedruckt. Er ist ein sehr offener Typ, der viel lacht und es einem leicht macht ihn zu mögen.

bundesliga.de: Für diesen Transfer sind Sie während der EM ins Quartier der Schweizer Nationalmannschaft gereist, im Privatflieger von Schalke-Präsident Clemens Tönnies...

Heidel: Clemens Tönnies hat mir vom ersten Tag an seine Unterstützung angeboten, sollte ich sie benötigen. Als ich gespürt habe, dass wir bei Embolo nicht länger warten konnten, weil sonst die Gefahr durch die Konkurrenz zu groß gewesen wäre, gab es keine andere Möglichkeit, sehr schnell von Düsseldorf nach Montpellier zu kommen. Deshalb habe ich Clemens Tönnies beim Wort genommen und ihn gefragt, ob es ausnahmsweise okay wäre, seine flugtechnischen Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen. Seine prompte Antwort war "Das Moped kommt vorbei“ - er nennt seinen Flieger liebevoll "Moped“. So konnten wir um 13 Uhr abfliegen und waren um 18 Uhr bereits zurück. In den wenigen Stunden dazwischen waren der Transfer unter Dach und Fach und der Vertrag unterschrieben, übrigens mit Zustimmung des Schweizer Verbandes.

bundesliga.de: Der 1. FSV Mainz war für Sie 24 Jahre mehr als nur ein Arbeitsplatz. Wie groß war trotz der Vorfreude auf Schalke die Wehmut?

Heidel: Wie groß die Wehmut war - das kann man kaum beschreiben. Denn ich habe Mainz ja nicht verlassen, weil ich dort unglücklich gewesen wäre. Das war eine rein private Lebensentscheidung, weil ich gespürt habe, dass ich noch einmal etwas anderes machen möchte. Ich wollte noch einmal in einer anderen Region neu anfangen, neue Menschen kennenlernen und neue Dinge erfahren. Noch vor zwei Jahren hätte ich garantiert 'nein' gesagt. Trotzdem war mir immer bewusst, dass ich diesen Weg gehen möchte, sollte sich dieses Gefühl einmal einstellen. Das ändert aber nichts daran, dass ich nicht einen einzigen Tag dieser 24 Jahre in Mainz missen möchte. Und es war immer mein Bestreben den Mainzern einen Verein zu übergeben, auf den sie stolz sein können. Ich hoffe, das ist mir gelungen.

bundesliga.de: In der Branche sind Wechsel eher die Regel als die Ausnahme, so dass viele diesbezüglich längst Routine haben. Auf Sie trifft das nicht zu. Gab es anfangs daher Nervosität oder vielleicht sogar Selbstzweifel?

Heidel: Selbstzweifel überhaupt nicht, Nervosität und Unsicherheit vielleicht zu Beginn ein bisschen. Aber gerade diese Unsicherheit habe ich mir gewünscht. Ich wollte etwas machen, bei dem ich am Abend nicht zwingend weiß, was am nächsten Morgen um 9 Uhr auf mich zukommt. In Mainz wusste ich nach 24 Jahren alles. Alles war geregelt. Natürlich habe ich viele gute Freunde zurücklassen müssen. Aber die werde ich auch jetzt nicht verlieren. Als die Anfrage von Schalke kam, habe ich überlegt "Schalke? Was wäre sonst vielleicht eine Aufgabe für Dich?". Und mir ist sehr schnell klar geworden, dass Schalke exakt die Herausforderung ist, die mich reizt. Und das sage ich gewiss nicht, um mich bei den Menschen auf Schalke beliebt zu machen. In den bisherigen nur knapp drei Monaten auf Schalke habe ich bereits viele interessante Typen kennengelernt, ich bin dabei eine neue Stadt zu erkunden und einen Verein zu verstehen, der für mich eine riesengroße Herausforderung darstellt. 

bundesliga.de: Wie nehmen Sie Schalke in Ihren ersten Wochen im Amt wahr?

Heidel: Zunächst einmal habe ich festgestellt, dass Schalke eine riesige Kraft ausstrahlt. Und ich sehe jeden Tag aufs Neue, dass der Verein in vielerlei Hinsicht top organisiert ist. Was den kaufmännischen Bereich betrifft, kann ich nur sagen "Hut ab!". Andererseits war ich etwas überrascht, dass man im fußballerisch-organisatorischen Bereich ein wenig den Anschluss verloren hat. Etwa was die Arbeitsbedingungen für Mannschaft und Trainer betrifft. Da scheint mir einiges nicht mehr ganz zeitgemäß.

bundesliga.de: Was meinen Sie im Einzelnen?

Heidel: Während die Trainingsplätze top sind, sind die Arbeitsbedingungen vor und nach dem Training für Trainer und Mannschaft nicht ideal. Heutzutage besteht der Trainer-Staff nicht mehr nur aus einem Chef- und einem Co-Trainer, sondern aus einem Team von Trainern. Also sollte jeder Einzelne einen eigenen Arbeitsplatz mit Internetzugang etc. haben. Bei uns aber gab es bis dato nur einen Tisch, etwa doppelt so groß wie ein Küchentisch, um den man Schulter an Schulter gesessen hat. Aber auch die Arbeitsbedingungen für die Spieler waren nicht ideal. Die Arbeit eines Fußball-Profis besteht nicht nur aus 90 Minuten Training am Tag und dem Spiel am Wochenende. Auch die regelmäßige Pflege, die taktischen Besprechungen, regelmäßige Sitzungen etc. gehören dazu. All das lässt sich aber nur professionell durchführen, wenn die Rahmenbedingungen adäquat sind.

>>> Zum Artikel: Der Bundesliga Media Day beim FC Schalke 04

bundesliga.de: Lässt sich das alles kurzfristig ändern?

Heidel: Wir sind diese Themen vom ersten Tag an angegangen. Ich glaube, dass auf Schalke noch nie so schnell Mauern eingerissen wurden,  wie das aktuell der Fall ist.

bundesliga.de: Buchstäblich eingerissen?

Heidel: Und nicht nur eine (lacht). Als erstes haben wir ein provisorisches Trainer-Büro eingerichtet, damit jeder Trainer einen eigenen Arbeitsplatz bekommt. Für die Mannschaft gibt es nun einen Besprechungsraum, in dem die Spieler nicht auf Bistrostühlen und neben Kühlschrank und Herdplatte sitzen müssen. All das mag noch Interimscharakter haben. Bis Ende Dezember aber wollen wir optimale Bedingungen schaffen. Und das bedeutet einen komplett neuen Trakt.

bundesliga.de: Ist es bei diesen Umstrukturierungen ein Vorteil, dass nicht nur der Sportdirektor, sondern auch der Trainer ein Neu-Schalker ist?

Heidel: Das macht einen Neubeginn sicherlich einfacher. Da Markus (Weinzierl; d. Red.) und ich beide neu sind, ist es leicht für uns zu sagen, dass wir dieses oder jenes ändern möchten. Ein Beispiel: Wir haben gerade einen Kameraturm am Trainingsgelände installieren lassen. Der war zwei Tage lang die große Attraktion beim Training und bei den Fans. In Mainz gibt es einen solchen Turm schon seit zwei Jahren. Von Anfang an hatten Markus und ich in unseren Gesprächen den Eindruck, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und dieselbe Art des Arbeitens wollen. Ein akribisches Arbeiten, das alle Möglichkeiten ausschöpft, die der Fußball heute hergibt. Also Trainingsanalytik, medizinischer Bereich etc. All das bzw. das Zusammenspiel dieser Dinge muss hier noch verbessert werden. Denn ich glaube, dass man so zehn bis zwanzig Prozent mehr an Leistung erzielen kann.

bundesliga.de: Welche Möglichkeiten sehen Sie mittelfristig?

Heidel: Schalke 04 hat knapp 150.000 Mitglieder, darüber hinaus unzählige Sympathisanten und verfügt über eines der schönsten Stadien Europas, das immer ausverkauft ist. Die Basis, um sehr erfolgreich Fußball zu spielen, ist also gegeben. Die Möglichkeiten sind vielleicht nicht so gut, um den FC Bayern München anzugreifen. Aber sie sind doch so, dass Schalke 04 immer in der Lage sein sollte in der Spitze der Bundesliga mitzuspielen. An uns liegt es die vorhandenen Kräfte zu bündeln und auf die Straße sprich auf den Platz zu bringen.

bundesliga.de: Was bedeutet das für die kommende Saison?

Heidel: Man kann auf Schalke nicht in die Saison gehen und sagen "Wir möchten die Klasse halten" oder "Wir wollen einen einstelligen Tabellenplatz erreichen". Dass Schalke immer den Anspruch haben muss, um die europäischen Plätze, möglichst die Champions League-Plätze mitzuspielen, ist völlig klar. Es geht aber trotzdem immer auch um Entwicklung und Nachhaltigkeit. Dafür aber muss sich jeder in diesem Club, vom Vorstand bis zu den Fans, vom ersten Tag an als Einheit verstehen. Das Vorbild müssen wir sein. Wir müssen diese Einheit vorleben, damit die Mannschaft es versteht. Damit die Zuschauer es verstehen. Schalke soll alles andere als langweilig werden, Schalke soll begeistern und weiterhin emotionalisieren. Aber wir wollen auch, dass man am Saisonende nicht wieder abwertend sagt: "Typisch Schalke". Typisch Schalke muss in Zukunft für andere Dinge stehen.

Video: Das ist die Kathedrale des FC Schalke 04

bundesliga.de: Was fehlt der Mannschaft dazu noch?

Heidel: Hier kann jeder kicken. Was ich aber etwas vermisse, ist das defensive Grundverständnis. Die Spieler müssen lernen, dass es großen Spaß machen kann, defensiv gut zu stehen. Das bedeutet nicht, dass man defensiv spielen muss. Den Ball zurück erobern, das muss Spaß machen, und dann soll die Post soll nach vorne abgehen. Wenn man dann aber bei einem Ballverlust nicht gut steht, wird man am Endergebnis kaum große Freude haben. Schalke hat in der vergangenen Saison 50 Gegentore kassiert. Das ist zu viel. Die Bayern und unsere Nachbarn machen das weit besser. Defensives Grundverständnis ist doch der Grund dafür, dass weine Mannschaft wie Mainz 05 in der Bundesliga Sechster werden kann. Weil dort die defensive Grundordnung stimmt und bei Ballverlust jeder einzelne genau weiß, was er zu tun hat. Das hat mit Automatismen zu tun. Und an denen wird der Trainer arbeiten.

bundesliga.de: Sie sprechen die "Nachbarn" an: Sie waren in der Vergangenheit durch die Verbindung zu Jürgen Klopp immer ein gern gesehener Gast im Signal Iduna Park. Mittlerweile dürfte Ihr Image-Faktor in BVB-Kreisen aber gesunken sein...

Heidel: Das kann ich verschmerzen (lacht). Keiner sollte glauben, dass ich ein solches Derby nicht ernst nehme. Ich bin selbst viel zu sehr Fußballverrückter, der genau spürt, wie wichtig dieses Derby für Schalke 04 ist. Auch für mich wäre ein Derbysieg etwas sehr emotionales, wohlwissend, wie schwer das werden wird. Umgekehrt werden die Dortmunder sicher jetzt nicht sagen: "Klasse, der Heidel ist jetzt da. Jetzt finden wir Schalke richtig toll. (lacht) Nein. Das wird es wohl kaum geben, und dafür habe ich jedes Verständnis. Und dennoch darf das alles nie etwas mit Hass zu tun haben. Ich werde ganz sicher nie mit irgendwelchen  derartigen Gefühlen nach Dortmund fahren.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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