Bundesliga

15.03.2016 - 11:44 Uhr


Wagner - vom glücklosen Joker zum "Dach der Liga"

Seinen ganz speziellen Jubler hat sich Sandro Wagner ausgedacht - in dieser Saison konnte er ihn schon zehn Mal anwenden

Mit Wucht fliegt Wagner an und köpft den Ball genau in den Winkel. Augsburgs Keeper Marwin Hitz hat keine Chance

Gemeinsam sind sie U21-Europameister geworden, beim Gastspiel in München überwindet Wagner auch Weltmeister-Keeper Manuel Neuer

Köln - Jubeln hatte Sandro Wagner fast schon verlernt. Ganze sieben Tore waren dem Stürmer in den vergangenen vier Jahren in der Bundesliga oder 2. Bundesliga gelungen, nur selten stand er in der Startelf. Alles vergessen. Beim SV Darmstadt 98 blüht der einstige Junioren-EM-Held in dieser Saison so richtig auf - und hat mittlerweile schon einen persönlichen Bundesliga-Rekord aufgestellt.

Die Arme ausgebreitet, die Hände in Hüfhöhe und dann mit versteinerter Miene kräftig durchatmen - Wagner hat sich seine ganz eigene Art, seine Tore zu feiern, kreiert. Und nie zuvor durfte er sie so oft zeigen, wie in der aktuellen Saison. Zehn Mal hat der lange Stürmer bereits zugeschlagen, damit seine bisherige Bundesliga-Topmarke, 2010/11 mit fünf Toren beim SV Werder Bremen aufgestellt, verdoppelt. Erstmals in neun Profijahren war er zweistellig erfolgreich.

Lilien-Rekord ist möglich

Für die Lilien ist der im Sommer von der Hertha gekommene Stürmer zur Lebensversicherung im Kampf gegen den Abstieg geworden. Allein in der Rückrunde hat er schon sechs Mal getroffen, zuletzt beim 2:2 gegen den FC Augsburg - nur drei Spieler schlugen im bisherigen Jahr 2016 in der Bundesliga öfter zu. Mit zehn Toren ist er zudem der mit Abstand beste Goalgetter des Aufsteigers, Kapitän Aytac Sulu und Marcel Heller liegen bei je sechs. Und sogar der ewige Saison-Rekord der Hessen ist noch drin: Peter Cestonaro erzielte 1981/82 insgesamt 16 Tore für die Lilien.

Ein Grund für Wagners Höhenflug ist seine enorme Einsatzbereitschaft. Der 28-Jährige kämpft auf dem Platz wie kaum ein anderer. Bereits 752 Zweikämpfe hat er in dieser Saison bestritten. Einzig Ingolstadts Matthew Leckie geht in der Bundesliga öfter ins Eins-gegen-Eins. Und Wagner hängt sich immer voll rein, öfter auch über die Grenzen des Erlaubten hinaus. 63 Fouls hat er schon begangen - die meisten aller Spieler in der Bundesliga. Außerdem ist Wagner eiskalt vor dem Tor. Von acht Großchancen hat er sieben genutzt.

Einstmals ewiger Joker

Zu Saisonbeginn saß Wagner bei den Hessen noch auf der Bank. Doch durch seinen Einsatz und mit seinen Toren hat er sich seinen Stammplatz als Keilstürmer gesichert. Das war in der Vergangenheit selten der Fall. Bei Hertha BSC kam er von 2012-2015 zwar auf 71 Einsätze in der Bundesliga und der 2. Bundesliga (7 Tore), doch durfte er nur ganz selten über 90 Minuten ran, wurde zumeist erst spät in der 2. Halbzeit eingewechselt. "Ich bin kein guter Einwechselspieler. In fünf oder zehn Minuten Einsatzzeit komme ich einfach nicht in ein Spiel rein, daher lasse ich mich auch nicht an meiner Torquote als Joker messen", hat Wagner in einem Interview mit 11Freunde einmal gesagt.

Dabei hatte der gebürtige Münchner eigentlich schon früh in seiner Karriere bewiesen, dass er ein Topstürmer sein kann. Nach seiner Jugendzeit beim FC Bayern München, spielte er beim MSV Duisburg eineinhalb starke Jahre in der 2. Bundesliga, erzielte zwölf Tore. Zudem glänzte er 2009 bei der U21-Europameisterschaft. An der Seite der späteren Weltmeister Benedikt Höwedes, Mesut Özil, Manuel Neuer, Sami Khedira und Mats Hummels erzielte er beim 4:0 im Finale gegen England zwei Tore. Doch dann warf ihn ein Kreuzbandriss lange Zeit zurück.

Heute ein wahres Kopfballmonster

In Darmstadt spielt der 28-Jährige nun endlich sein volles Potenzial aus - und nutzt auch seine physischen Stärken. Mit 1,94 Metern Größe und 90 Kilogramm Gewicht ist Wagner der Prototyp eines Keilstürmers. Dennoch hatte er vor der laufenden Saison nur drei Kopfballtore in der Bundesliga erzielt. Jetzt ist er zu einem wahren Kopfballmonster geworden, der Riese ist das "Dach der Liga". Sechs Mal beförderte er in dieser Saison den Ball bereits per Kopf ins Netz, mehr als jeder andere Spieler in der Bundesliga. Und auch europaweit ist er damit top: in Europas großen Ligen traf nur Gareth Bale öfter per Kopf (sieben Mal).

Sandro Wagner würde den Waliser in Diensten von Real Madrid gerne noch überflügeln - und so die Lilien zum Klassenerhalt schießen.

Hier geht es zum Video: Karriere mit Umwegen

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