Bundesliga

25.08.2016 - 08:30 Uhr


Gladbachs Raffael: "Borussia verfügt über den besten Kader seit Jahren"

Mönchengladbach - Ein Lautsprecher ist Raffael ganz sicher nicht. Und doch zählt der Brasilianer zu den unbestrittenen Führungsspielern bei Borussia Mönchengladbach. Denn Raffael geht mit Leistung und einer nicht zu erschütternden positiven Denke voran – selbst dann, wenn es mal nicht ganz rund läuft. Vor dem Bundesligastart gegen Bayer 04 Leverkusen spricht der 31-jährige im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über Borussias Ambitionen, über die Bedeutung der Rotation in der kommenden Saison und über sein Selbstverständnis als Führungsspieler.

bundesliga.de: Raffael, die Champions League ist erreicht, die erste Hürde im DFB-Pokal genommen. Jetzt kann die Bundesliga losgehen, und mit Bayer 04 Leverkusen kommt gleich ein echter Prüfstein in den Borussia Park.

Raffael: Ich freue mich riesig, dass jetzt endlich auch die Bundesliga losgeht und wir mit einem Heimspiel starten dürfen. Gegen Bayer 04 Leverkusen zu spielen bedeutet immer eine schwierige Aufgabe. Aber die Spiele von Borussia gegen Bayer bieten meist auch sehr guten Fußball, weil beide Mannschaften offensiv spielen und Tore schießen wollen.

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bundesliga.de: Einige Experten, etwa Ihr ehemaliger Mitspieler und jetziger Trainer von Hertha BSC, Pal Dardai, glauben gar, dass Bayer 04 in dieser Saison das Zeug zum Meister hat...

Raffael: So weit würde ich wohl nicht gehen. Die Meisterschaft läuft nur über den FC Bayern, daran wird sich in der neuen Saison nichts ändern. Ich glaube aber, dass eine ganze Reihe Teams auf Augenhöhe sind. Die Abstände zwischen ihnen werden auf jeden Fall wieder enger als in der vergangenen Saison. Und selbstverständlich wird dabei auch Bayer 04 Leverkusen eine sehr gute Rolle spielen.

bundesliga.de: Und welche Rolle trauen Sie Borussia zu?

Raffael: Ich denke, dass auch wir zu den besagten Teams auf Augenhöhe zählen.

bundesliga.de: Borussia hat mit Xhaka, Stranzl, Brouwers und Nordtveit viel Erfahrung verloren, dennoch glauben nicht wenige, dass der aktuelle Kader der beste seit Jahrzehnten ist.

Raffael: Ich bin ebenfalls davon überzeugt, dass Borussia über den besten Kader seit vielen Jahren verfügt. Wir sind in der Breite noch besser aufgestellt als in der vergangenen Saison. Und mittlerweile hat der Trainer für nahezu jede Position drei, wenn nicht sogar vier Variationsmöglichkeiten. Das macht uns für die Gegner noch weniger ausrechenbar und gibt uns zudem die Chance Verletzungen - zu denen es hoffentlich aber gar nicht erst kommt - besser kompensieren zu können.

bundesliga.de: Kann dieser sehr breite Kader aber auch ein Problem werden, weil – wie z. B. gegen Bern – die eine oder andere bisherige Stammkraft bisweilen nicht einmal im 18er Kader stehen wird...

Raffael: Zunächst möchte ich dazu sagen, dass es meiner Meinung gar nach keine Alternative zu einem so breit aufgestellten Kader gibt, wenn man in drei Wettbewerben vertreten ist und dort nicht nur dabei, sondern auch erfolgreich sein möchte. Im Übrigen wird in einer so langen Saison mit so vielen Spielen jeder seine Einsatzzeiten bekommen. Nehmen wir doch das Beispiel Julian Korb. Gegen Bern war er zwar nicht im 18er-Kader. Schon im DFB-Pokal gegen Drochtersen/Assel stand er aber in der Startelf und war mit seinem Treffer sogar unser Matchwinner.

bundesliga.de: In Bern waren Sie der Matchwinner, mussten aber im Pokal lange auf der Bank Platz nehmen. Kein Problem für einen Vollblut-Fußballer wie Sie?

Raffael: Überhaupt nicht. Diese Rotation wird der Mannschaft in jeder Hinsicht gut tun. Zum einen, weil es so keine unzufriedenen Spieler geben wird. Zum anderen, weil ich sicher bin, dass jeder mit fortlaufender Saison und zunehmender Belastung sogar froh sein wird, wenn er die eine oder andere Pause bekommt.

bundesliga.de: Ihre Rolle nicht nur als Torschütze und Stratege auf dem Platz, sondern gerade auch als Leader wurde von außen bisher ein wenig unterschätzt. Kürzlich aber hat ein Sportmagazin mit "Big Boss Raffael“ getitelt, dabei ist es doch gar Ihr Ding im Mittelpunkt zu stehen...

Raffael: Weil wir mit u. a. Martin Stranzl und Roel Brouwers sehr erfahrene Spieler verloren haben, deren Wort in der Mannschaft großes Gewicht hatte, stehe ich als ebenfalls erfahrener Spieler nun noch mehr in der Verantwortung als bisher. Ich bin aber niemand, der auf dem Platz oder in der Kabine häufig das Wort ergreifen oder gar herumschreien würde. Ich übernehme Verantwortung, indem ich immer versuche mit meiner Leistung voranzugehen. Natürlich habe auch ich schon mal einen schlechteren Tag. Aber ist es mein Naturell, auch dann immer positiv zu bleiben und den anderen so Mut zu machen, wenn es mal nicht so gut läuft.

bundesliga.de: Trainer André Schubert hat nach Ihrem Gala-Auftritt in Bern mit einem Schmunzeln erzählt, dass er sich während der Vorbereitung ein wenig Sorgen um Ihre Form gemacht habe, dass ihm aber alle, die Sie schon länger kennen, gesagt hätten ‚Ganz ruhig bleiben, wenn es darauf ankommt, ist Raffael da’...

Raffael: Das habe ich auch gehört. Und es stimmt, dass es im Laufe der Vorbereitung manchmal etwas dauert, bis ich voll da bin. Daran musste sich der Trainer wohl erst gewöhnen. (lacht) Ich selbst mache mir da nie Sorgen und denke auch in solchen Phasen immer positiv. Dass es dann natürlich gleich im ersten Pflichtspiel so gut für mich laufen würde wie in Bern, damit hätte aber auch ich so früh in der Saison nicht unbedingt gerechnet.

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bundesliga.de: Sie haben beim 3:1 im Hinspiel eigentlich zwei Treffer erzielt. Der zweite nach einer beeindruckenden Direktabnahme wurde aber leicht abgefälscht und deshalb als Eigentor gewertet. Ärgert Sie so etwas?

Raffael: Im ersten Moment habe ich mich schon ein wenig geärgert, weil ich auch der Meinung bin, dass es ein schöner Treffer war, und ein solcher Schuss, der nur leicht abgefälscht wird, normalerweise dem eigentlichen Schützen zugeschrieben wird. Aber Enttäuschung und Ärger verfliegen bei mir schnell. Wichtig war doch in erster Linie, dass wir uns mit dem 3:1-Sieg eine sehr gute Ausgangsbasis fürs Rückspiel erarbeitet hatten.

bundesliga.de: Beide Treffer waren Beispiele für Ihr außergewöhnliches Können. Kein Wunder also, dass Sie im Sommer wohl lukrative Angebote anderer Clubs hatten. Was hat den Ausschlag gegeben, dennoch bei Borussia zu verlängern?

Raffael: Ich gehe nun in mein viertes Jahr mit Borussia, und bisher war jede Saison für den Verein wie auch für mich persönlich ein Erfolg. Sportlich könnte es also kaum besser laufen. Und dasselbe gilt fürs Private. Meine Familie und ich sind in den vergangenen drei Jahren hier heimisch geworden und fühlen uns rundum wohl.

bundesliga.de: Sich heimisch fühlen – das scheint - mehr noch als bei anderen Spielern - für Ihre Leistungen unverzichtbar?

Raffael: Ich glaube, da ist etwas dran. Ich brauche dieses Gefühl von Harmonie, wenn ich meine besten Leistungen abrufen will.

bundesliga.de: Leistungen, die sich vor denen der anderen ganz großen Bundesliga-Stars ganz sicher nicht verstecken müssen. Bedauern Sie bisweilen, dass Sie nie für einen der zwei, drei besten Clubs der Welt und nie für die Selecao gespielt haben?

Raffael: Ich bin Brasilianer. Und jeder weiß, dass es für einen brasilianischen Fußballer nichts Größeres gibt als einmal für die Selecao zu spielen. Mittlerweile bin ich aber 31, und wenn mein Vertrag bei Borussia 2019 zunächst einmal ausläuft, werde ich 34 sein. Da ist mir bewusst, dass weder das eine noch das andere wohl noch passieren wird. Es ist aber nicht so, dass ich damit hadern würde. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere, so wie sie bisher gelaufen ist. Und wenn ich fit bleibe, möchte ich noch eine ganze Zeitlang spielen, und das gerne auch nach 2019 noch bei Borussia.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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