Bundesliga

15.01.2016 - 22:35 Uhr


Kölns Trainer im Interview: "Da hat sich der Stöger aber getäuscht"

Köln - Der 1. FC Köln hat eine starke Vorrunde gespielt und sich mit bisher 24 Punkten deutlich gegenüber der Vorsaison gesteigert.Im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht FC-Trainer Peter Stöger über das vermeintlich schwierigere zweite Jahr nach dem Aufstieg, über die Weiterentwicklung seiner Mannschaft und über die im Umfeld des Clubs immer wieder einmal aufkommende Ungeduld.

bundesliga.de: Herr Stöger, dass wir an einem 12. Januar ein Interview in Köln führen können ist nicht selbstverständlich, fast alle anderen Bundesliga-Clubs weilen zwecks Rückrundenvorbereitung in vermeintlich wärmeren Gefilden. Was hat den FC bewogen, zuhause zu bleiben?

Peter Stöger: Zum einen hat eine Rolle gespielt, dass ich während meiner bisherigen Zeit in Köln keinen richtig strengen Winter erlebt habe und wir auch hier beste Trainingsbedingungen vorfinden. Zum anderen startet die Rückrunde für uns am 23. Januar, so dass insgesamt kaum drei Wochen für die Vorbereitung zur Verfügung stehen. Da man sich nach der Pause an den ersten drei, vier Trainingstagen ohnehin erst einmal wieder eingewöhnen muss und durch An- und Abreise zwei weitere Tage verlieren würde, haben wir uns entschieden, in Köln zu bleiben. Wäre die Vorbereitung vier oder fünf Wochen lang wie im Sommer, hätten wir schon aus Gründen der Abwechslung ebenfalls ein Trainingslager bezogen. Sicherlich sind wir mit unserer Entscheidung ein kleines Risiko eingegangen. Im Nachhinein können wir aber sagen, dass wir mit den Umständen sehr zufrieden sind.

bundesliga.de: Sehr zufrieden sein können Sie auch mit der Vorrunde des FC, der das ungeschriebene Gesetz vom Vorjahres-Aufsteiger, für den das zweite Jahr das schwierigere ist, bisher eindrucksvoll widerlegt hat...

Stöger: Es stimmt, dass viele meinen, das zweite Jahr sei das schwierigere. Ich habe vor der Saison aber gesagt, dass ich diese Einschätzung nicht teile - mit dem Risiko, dass man später hätte sagen können "Da hat sich der Stöger aber getäuscht". Ich glaube, die Erfahrungswerte des ersten Jahres helfen einem Aufsteiger, die richtigen Rückschlüsse daraus zu ziehen, was weniger und was gut funktioniert hat. Unsere Jungs hatten vor dem ersten Jahr nur wenig Bundesligaerfahrung, haben sich diese Erfahrungswerte und Mechanismen, die in der Bundesliga andere sind als in der 2. Bundesliga, im ersten Jahr aber erarbeitet. Davon profitieren wir nun.

bundesliga.de: Bisweilen wird auch angeführt, dass die Begeisterung im zweiten Jahr etwas abflauen könnte...

Stöger: Dazu kann ich nur sagen, dass wir am Standort Köln in der 2. Bundesliga große Begeisterung durch die FC-Fans gespürt haben, dass wir sie im ersten Bundesliga-Jahr gespürt haben und sie auch jetzt, im zweiten Jahr spüren. Und ich bin ganz sicher, dass es im dritten Jahr nicht anders sein wird.

bundesliga.de: Ihre Einschätzung hat sich in der Tat bestätigt. Im Vergleich zum Vorjahr hat der FC fünf Punkte mehr auf dem Konto. Trotzdem kommt im Umfeld immer wieder einmal so etwas wie Ungeduld auf. Ist das ein typisch kölsches Problem?

Stöger: Ich hatte kürzlich die Möglichkeit, darüber mit einem der ganz besonders erfolgreichen Bundesliga-Trainer sprechen zu können. Der hat mir geraten "Gewöhn’ Dich besser daran. Es ist völlig egal, wo Du arbeitest, wen Du trainierst und was Du gerade mit Deinem Club erreicht hast - für einige wird es vom Gefühl her immer ein bisschen zu wenig sein". Dieser Einschätzung müssen wir uns in Köln auch stellen. (lacht)

bundesliga.de: Frustriert Sie solches Unverständnis?

Stöger: Nein. Überhaupt nicht. Und ich möchte zunächst betonen, dass wir in der Stadt größte Unterstützung erfahren. Aber zum einen ist es doch so: Wenn man einmal ein Spiel oder auch eine ganze Saison Revue passieren lässt, ist es gerade im Fußball häufig so, dass sich tatsächlich das Gefühl einstellt, dass mehr möglich gewesen wäre. Da gab es klare Torchancen, die man vergeben hat, oder auch Gegentreffer, die man hätte verhindern können usw. Wahrscheinlich wäre in der Vorrunde auch für uns noch etwas mehr möglich gewesen. Das ist aber bei den meisten Clubs nicht anders.

bundesliga.de: Und zum anderen?

Stöger: ...habe ich gelernt, dass jeder seinen eigenen Blick auf den Fußball hat. Wir akzeptieren, wenn der eine oder andere sagt, dass noch mehr drin gewesen wäre. Ich verhehle aber nicht, dass es gut tut, wenn sich auch Leute äußern, die vielleicht etwas mehr Abstand zum und damit einen weniger emotionalen Blick auf den FC haben. In der Liga erfahren wir häufig sehr große Wertschätzung und bekommen ein sehr positives Feedback, dass wir mit unserer Arbeit versuchen, in Köln in kleinen Schritten wieder etwas aufzubauen. Dabei geht es weniger um die bisherigen 24 Punkte und die Arbeit des Trainerteams, als darum, wie sich der FC als Club in den vergangenen zwei, drei Jahren per se nach außen präsentiert hat.

bundesliga.de: De facto hat der FC das geschafft, was sich ein Aufsteiger des Vorjahres nur wünschen kann: Man hat sich nicht nur auf gutem Niveau stabilisiert, sondern sogar deutlich gesteigert...

Stöger: Würde man sich das eine oder andere Gespräch von Jörg Schmadtke und mir von vor zweieinhalb Jahren noch einmal anschauen, würde man in der Tat sehen, dass es damals unser Wunsch war, dass unsere Reise zweieinhalb Jahre später dorthin führen würde, wo wir heute tatsächlich stehen. Möglicherweise sind wir sogar den einen oder anderen Schritt weitergekommen, als wir das damals für möglich gehalten haben. Denn es geht nicht nur darum, was wir sportlich erreicht haben, sondern auch um die Rahmenbedingungen und darum wie sich der Club wirtschaftlich entwickelt hat. Trotzdem wissen wir, dass wir uns trotz der 24 Punkte auf gar keinen Fall zurücklehnen dürfen. Wir benötigen eine gute Rückrunde, um unser wichtigstes Ziel zu sichern - die Zugehörigkeit zur Bundesliga.

bundesliga.de: In den Wochen vor dem Sieg über den BVB wurde viel über eine „Stürmer-Krise“ geschrieben. Hat es Sie damals geärgert, dass es entsprechend nicht ähnlich viele Schlagzeilen über die gute, viertbeste Defensivleistung der Liga gab?

Stöger: Defensive ist nicht ganz so sexy wie Offensive. (schmunzelt)

bundesliga.de: Man sagt ihr aber nach, dass sie Meisterschaften gewinnt, während die Offensive „nur“ einzelne Spiele entscheidet...

Stöger: Stimmt. Über die Wertigkeit einer gut funktionierenden Defensive gibt es nichts zu diskutieren. Die größten Emotionen lösen aber nun einmal erzielte Tore aus. Nichtsdestotrotz geht es darum, einer Mannschaft eine Struktur zu geben und Sicherheit zu vermitteln. Nur so kann sie sich weiterentwickeln. Das bedeutet richtig viel Arbeit für alle. Da ist es etwas mühsam, gegenüber Kritikern immer wieder darauf verweisen zu müssen, dass wir in der vergangenen Saison mehr als ein Dutzend Mal und auch in dieser Spielzeit bereits wieder fünf Mal zu null gespielt und von den letzten sieben Vorrunden-Spielen nur eins verloren haben. Aber das sind letztlich Fakten.

bundesliga.de: Wie gehen Sie mit solchen "mühsamen" Diskussionen um?

Stöger: Ich habe gelernt, meine Energie so zu bündeln, dass ich mich mit Dingen, die ich nicht wirklich beeinflussen kann, nicht allzu sehr und vor allem allzu lange beschäftige. Trotzdem habe ich ein grundsätzliches Verständnis für die Medien und ihre Arbeit. Der FC ist ein Club, der wahrscheinlich jeden Menschen in Köln zumindest ein Stück weit interessiert. Und jeder, der mit dem FC zusammenarbeitet - also auch die Journalisten - muss seinen Job machen. Keine Story zu haben, verkauft aber nun mal keine Zeitung. Also muss man irgendeinen Ansatz finden. Im Idealfall ist es etwas Positives, etwa das Dortmund-Spiel. Wenn man aber ein paarmal nicht trifft, ist der Ansatz negativer Natur. Ich würde mir - wie Sie gesagt haben - wünschen, dass man dann auch darüber berichtet, dass wir wenig Gegentreffer bekommen haben. Damit verkauft man aber offensichtlich keine Zeitung. Wie gesagt, ich habe ein gewisses Verständnis und bin ganz sicher nicht nachtragend.

bundesliga.de: Umso mehr dürfte Ihnen, gerade aber auch Ihren Stürmern der Sieg gegen den BVB gut getan haben...

Stöger: Auch mit "nur" 21 Punkten wäre die Hinrunde für uns okay gewesen. Die 24 Punkte, vor allem aber die Art und Weise, wie dieser Sieg zustande gekommen ist, haben uns aber in der Tat richtig gut getan. Wir sind gegen einen Gegner zurückgekommen, von dem man weiß, dass es wahrlich leichtere Aufgaben gibt, als gegen dieses Team einen Rückstand aufzuholen. Und angesichts der angesprochenen Stürmerdiskussion, die für mich übrigens nur schwer nachvollziehbar war, habe ich mich für unsere Torschützen, Tony Modeste und Simon Zoller, besonders gefreut. Mir war bewusst, dass die beiden mit einem guten Gefühl in die Pause gehen würden. Das war mir mehr wert als die drei Punkte. Denn sonst hätten die Jungs vielleicht trotz einer sehr ordentlichen Vorrunde 14 Tage lang ein Gefühl von Unzufriedenheit und Fragen wie „"Habe ich wirklich genug gezeigt?" mit sich herumgetragen.

bundesliga.de: Sehen Sie die Tatsache, dass in dieser Transferperiode kein Stürmer verpflichtet werden soll, als besonders großen Vertrauensbeweis für die Angreifer, die schon da sind?

Stöger: Wir sind von der Qualität unserer Stürmer absolut überzeugt. Tony Modeste hat sieben Treffer erzielt, Simon Zoller in weit weniger Einsätzen vier. Das ist für mich vollkommen okay. Wir wissen zudem, dass Yuya Osako ein anderer Stürmertyp, vor allem aber ein richtig guter Fußballer ist. Wir müssen ihn nur dahin bringen, dass er effizienter wird. Philipp Hosiner wiederum hatte bei seinen Einsätzen Möglichkeiten zu treffen, hat diese Chancen aber leider nicht verwertet. Das ist nicht ideal, aber ich werfe ihm das nicht vor. Ein Problem wäre es, wenn er sich diese Chancen gar nicht erst erarbeitet hätte. Und ich weiß, dass er solche Chancen normalerweise verwertet.

bundesliga.de: Was erwarten Sie sich in Sachen Torgefahr von anderen Spielern?

Stöger: Man kann in der Tat nicht alles nur an den Stürmern festmachen. Es ist klar, dass die Offensive von den anderen Bereichen unterstützt werden muss und dass auch aus der zweiten Reihe etwas mehr kommen sollte. Trotzdem habe ich nicht bei Jörg Schmadtke im Büro gesessen und gesagt „Jörg, unsere Offensive funktioniert nicht. Wir müssen unbedingt etwas machen“. Selbst wenn man eigentlich aber der Meinung ist, aktuell keinen neuen Spieler zu benötigen, kann es dennoch zu einer Situation kommen, in der plötzlich jemand auf dem Markt und für uns realisierbar ist, von dem wir überzeugt sind, dass er uns weiterbringen kann. Das ist aber reine Theorie. Wir sind von unserem Kader überzeugt. Und ich denke, dass uns die Hinrunde bestätigt hat. Wie auch die Tatsache zeigt, dass wir im Sommer, als wir relativ kurzfristig Miso Brecko und Slawomir Peszko verloren haben, dennoch nicht nachjustiert haben.

bundesliga.de: Mit Filip Mladenovic gibt es bisher eine Neuverpflichtung. Können Sie kurz skizzieren, mit welcher Maßgabe Sie aktuell bei Transfers vorgehen?

Stöger: Wir möchten zwanzig Spieler im Kader haben, von denen man bedenkenlos jeden jederzeit bringen kann. Diesem Zustand nähern wir uns.

bundesliga.de: Wäre es demnach eine Idealvorstellung, dass es so etwas wie eine „Erste Elf“ nicht mehr gibt?

Stöger: Ich glaube, dass es immer wichtig sein wird, Fixpunkte im Team zu haben. Ein Gerüst, das die Ausrichtung vorgibt. Für uns ist die Ausgeglichenheit des Kaders aber das Wichtigste. So erreichen wir, dass sich keiner von denen, die richtig gut unterwegs sind, ausruht und vielleicht meint, er könnte es auch mal etwas gemütlicher angehen lassen. Mag sein, dass woanders mehr Wert darauf gelegt wird, dass die Top-Topspieler, wie ich sie nenne, ihr Level permanent halten können. Wir haben viele richtig gute Spieler, aber wir haben keine Weltstars im Kader. Weltstars machen aber nun mal den Unterschied aus.

bundesliga.de: Welcher Ihrer Spieler hat den größten Sprung gemacht?

Stöger: Ich tue mich ein wenig schwer damit, einen einzelnen Spieler herauszuheben, weil viele meiner Spieler einen sehr guten Herbst gespielt haben. Jeder im Kader ist in der Lage, Bundesliga zu spielen, sonst wäre er überhaupt nicht bei uns. Sicherlich könnte man aber Dominique Heintz nennen, der aus der 2. Bundesliga zu uns gekommen ist. Er ist ein Fixpunkt der Mannschaft geworden und erledigt seine Aufgabe sehr gut. Das heißt nicht, dass wir ihm das nicht zugetraut hätten. Der eine oder andere hat aber möglicherweise gedacht, dass Dominique die Lücke, die Kevin Wimmer zunächst hinterlassen hat, nicht so schnell schließen würde.

bundesliga.de: Wenn Sie die Vorrunde aus objektiver Sicht Revue passieren lassen: Was ist bei Ihnen besonders hängen geblieben und was erwarten Sie von der Rückrunde?

Stöger: Was Hertha bisher gezeigt hat, ist überragend. Hut ab! Diese Mannschaft hat ihre Stabilität und ihre Spielanlage gefunden und agiert sehr effizient. Vorne hat man mit Kalou und Ibisevic zwei abgebrühte Jungs, die das richtig gut machen. Das kommt für mich auch gar nicht so überraschend. Schon in der Rückrunde der vergangenen Saison konnte man sehen, dass Pal Dardai das Team stabilisiert hat, so dass die Mannschaft jetzt den nächsten Schritt machen kann. Auch die beiden Aufsteiger machen einen sehr guten Job. Und beim FC Bayern München wiederum möchte man fast von einer eigenen Kategorie sprechen. Nichtsdestotrotz hat mir auch gefallen, was Borussia Dortmund bisher zeigt.

bundesliga.de: Haben Sie in der Vorrunde auch etwas gesehen, aus dem Sie Rückschlüsse für Ihr eigenes Team ziehen können?

Stöger: André Schubert hat die Chance, die er bei Borussia Mönchengladbach bekommen hat, grandios genutzt. Die Borussia sollte aber auch ein warnendes Beispiel sein und uns daran erinnern, dass wir permanent konzentriert arbeiten müssen. Dass selbst ein solches Klasse-Team fünf Spiele am Stück und zudem den Erfolgstrainer der vergangenen Jahre verliert, zeigt, was in der Bundesliga passieren kann. Ebenso muss der letzte Tabellenplatz, den Borussia Dortmund in der vergangenen Saison kurzzeitig innehatte, ein Fingerzeig dafür sein, dass wir nie etwas leicht nehmen dürfen, sondern immer hundertprozentig fokussiert sein müssen. Wir sind gewarnt, und es heißt immer vorsichtig zu sein.

bundesliga.de: Müssen Sie angesichts dieser realistischen Einschätzung schmunzeln, wenn man Sie bereits als Arséne Wenger von Köln sehen möchte, der seit 20 Jahren den FC Arsenal coacht?

Stöger: Ich möchte es so formulieren: Denjenigen, die das vielleicht nicht gerne sehen würden, kann ich versichern, dass so etwas ganz sicher nicht passieren wird. (lacht) Wir sind aber auf einem sehr guten Weg, der dem Club sehr gut tut. Und ich kann immer wieder nur betonen, dass es für mich keinen anderen Gedanken gibt als den an den 1. FC Köln. Ich bin vor zweieinhalb Jahren hierher gekommen, um den FC wieder in die Bundesliga zu bringen. Danach ging es zunächst darum, die Klasse zu halten. Jetzt möchten wir uns in der Bundesliga etablieren, wie groß oder klein die notwendigen Schritte von Jahr zu Jahr auch sein mögen. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Umso wichtiger ist es, dass ich mich in dieser Stadt mit ihren Menschen und deren Lebenseinstellung sehr wohl fühle. Ich werde nie vergessen, dass ich mich hier vom ersten Augenblick an niemals fremd gefühlt habe.

 

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Übersicht: Exklusive Interviews mit den Größen der Bundesliga

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