Bundesliga

14.03.2016 - 10:00 Uhr


Patrick Herrmann: "Die Champions League auf der Tribüne zu erleben, war das Schlimmste"

Mönchengladbach. Die vergangenen Monate waren eine körperliche und auch mentale Tour de Force für Patrick Herrmann. Im Interview mit bundesliga.de spricht der Flügelstürmer von Borussia Mönchengladbach über die bittere Zeit nach seiner schweren Verletzung, über seine zunehmende Rolle als Führungsfigur bei Borussia und über Ehrlichkeit im Fußball.

bundesliga.de: Herr Herrmann, eine Zeitung hat gerade über Sie geschrieben: "Herrmann hat eine Woche in eigener Sache gekrönt und die Herzen berührt...der Mittelfeldspieler kehrt nach auskuriertem Kreuzbandriss ins Team zurück, schießt sofort ein Tor und muss am Ende weinen..." Das sind große Emotionen und ein großes Lob...

Patrick Herrmann: Nach der langen, für mich sehr schwierigen Verletzungspause waren die letzten Tage in der Tat eine sehr aufregende Zeit. Schon der erste Kurzeinsatz in Augsburg war für mich extrem schön. Und wenn man dann drei Tage später zu Hause gegen Stuttgart 32 Sekunden nach seiner Einwechslung, direkt vor der Nordkurve, ins gegnerische Tor trifft, bricht wirklich alles aus einem heraus. Das ist einer der Momente, von denen man als Fußballer träumt.

bundesliga.de: Ihre emotionale Tour de Force und damit auch das Zitat gingen aber noch weiter: "...drei Tage später führt er in Wolfsburg vor, wie ein Fußballspieler ehrlich bleibt, in Würde verliert und trotzdem zufrieden abtritt..."

Herrmann: So richtig habe ich erst einige Tage später durch die Berichterstattung in den Medien begriffen, was aus dieser kleinen Szene geworden ist.

bundesliga.de: Beschreiben Sie diese "kleine Szene" bitte noch einmal...

Herrmann: Gerne. Beim Spiel in Wolfsburg liegen wir 1:2 hinten, und ich werde etwa 20 Minuten vor Schluss eingewechselt. Im gegnerischen Strafraum will ich zum Kopfball hochsteigen, erhalte plötzlich aber einen Stoß und falle zu Boden. Dann spüre ich noch, dass irgendetwas meinen Fuß streift. Als ich wieder nach oben blicke, sehe ich, dass die Wolfsburger aufgeregt auf den Schiedsrichter einreden. Und im ersten Moment denke ich "Super, Elfmeter für uns!". Tatsächlich aber wollte der Schiedsrichter einen Eckball für uns geben und fragt mich, ob ich den Ball berührt habe. Daraufhin habe ich gesagt "Ich habe etwas am Fuß gespürt, und wahrscheinlich war das tatsächlich der Ball". Also hat der Schiedsrichter den Eckball zurückgenommen und auf Abstoß entschieden. Für mich war die Sache damit erledigt. Dass das im Nachhinein für solches Aufsehen sorgen würde, habe ich nicht erwartet.

bundesliga.de: Ist Ihnen heute bewusst, dass Sie persönlich mit dieser fairen Geste mehr gewonnen haben als vielleicht mit einem Hattrick?

Herrmann: Lieber hätte ich einen Punkt oder besser gleich drei Punkte aus Wolfsburg mitgebracht. (lacht) Nein, mal ernsthaft. Niederlagen gehören zum Sport. Und ebenso sollten Ehrlichkeit und die Fähigkeit, etwaige Niederlagen mit Anstand zu ertragen, dazu gehören. Natürlich kann es in der Hitze des Gefechts auf dem Platz mal hoch her gehen. Und es gibt immer auch mal Schiedsrichterentscheidungen, die man nicht versteht. Aber wenn die Dinge für einen selbst so klar sind wie in der Szene in Wolfsburg, und der Schiedsrichter zudem offensichtlich gesehen hatte, dass nach mir niemand mehr am Ball war, muss man das ehrlich zugeben und fair hinnehmen.

bundesliga.de: Bevor Sie diese bewegenden, schönen Momente erleben durften, mussten Sie nach Ihrem Kreuzbandriss im Oktober aber durch eine sehr schwierige Phase gehen...

Herrmann: In der Tat, das war sogar die schwierigste Phase meiner bisherigen Karriere,...

bundesliga.de: ...in der Sie zudem eine riskante Entscheidung getroffen haben.

Herrmann: Das ist völlig richtig. Und die Entscheidungsfindung hat viele schlaflose Nächte mit sich gebracht. Bei mir war damals das hintere Kreuzband gerissen. Während bei einem Riss des vorderen Bandes eine Operation unumgänglich ist, besteht bei einem Riss des hinteren Bandes die Möglichkeit die Verletzung konservativ, also ohne Operation zu behandeln. So macht man es zumindest bei Nicht-Leistungssportlern. Gelingt diese konservative Methode, bedeutet das eine Pause von "nur" etwa vier Monaten, während man bei einer Operation eher acht bis neun Monate oder sogar länger ausfällt. Hätte die konservative Methode nicht funktioniert, hätte ich nach diesen vier Monaten also doch noch operiert werden müssen und wäre demnach womöglich mehr als ein Jahr ausgefallen.

bundesliga.de: War die kleine Hoffnung auf die bevorstehende Europameisterschaft auch ein Grund, dass Sie sich gegen eine Operation entschieden haben?

Herrmann: Das war auf keinen Fall der Hauptgrund. Ich hatte die kürzere Ausfallzeit bei einer konservativen Behandlung in erster Linie im Hinblick auf die Vorbereitung auf die neue Saison im Hinterkopf – und ein ganz klein wenig auch im Hinblick auf die Europameisterschaft. (lacht).

bundesliga.de: Wer oder was hat Sie in dieser schwierigen Zeit aufgefangen?

Herrmann: Meine Freundin und mein kleiner Hund. Und ich gebe zu, dass meine Freundin einiges aushalten musste. Ich war psychisch wirklich in einer schlimmen Verfassung. Und das war ziemlich belastend.

bundesliga.de: Was hat letztlich den Ausschlag für die Entscheidung für die konservative Variante gegeben?

Herrmann: Ich habe zunächst einige Ärzte in ganz Deutschland aufgesucht, um mich umfassend beraten zu lassen. Resultat: Die eine alleingültige Lösung gibt es nicht. Beim vorderen Kreuzband sagt jeder Arzt "Das muss operiert werden". Beim hinteren aber gehen die Meinungen auseinander. Der eine plädiert für eine Operation, während der andere sagt "Ich würde das nicht operieren lassen, aber am Ende bleibt es natürlich Ihre Entscheidung". Und welchen Rat befolgt man dann? Das hat zu den schon erwähnten, schlaflosen Nächten geführt. Ausschlaggebend für meine Entscheidung war schließlich, dass ich, obwohl ich bereits verletzt war - wie sich erst später herausgestellt hat - noch einige Spiele absolviert und gemerkt habe, dass es irgendwie auch so geht. Also habe ich mich zunächst für eine stabilisierende Schiene entschieden und dann nach einiger Zeit begonnen die Knie-Muskulatur wieder aufzubauen. Und ich muss sagen, bisher fühlt sich das Knie wirklich gut an. Ich habe nicht das Gefühl, dass es irgendwie instabil wäre.

bundesliga.de: Wie schwer war es die Zeit im Kraftraum zu verbringen, während die Mannschaft auf dem Rasen stand?

Herrmann: Schön war, dass man die Jungs überhaupt mal gesehen hat, weil man jeden Tag auf dem Vereinsgelände war. Da ist man sich hin und wieder zwangsläufig über den Weg gelaufen. Alles andere als schön dagegen war, dass ich sie die meiste Zeit aber nur aus der Ferne, durch die Scheibe des Reha-Zentrums, gesehen habe. Man selbst quält sich auf dem Stepper, während die Jungs mit dem Ball auf dem Rasen ihren Spaß haben – das war sehr bitter. Da hat es gut getan, dass ich – man muss andererseits sagen leider – im Kraftraum schnell Gesellschaft bekommen habe mit Nico Schulz, André Hahn, Tony Jantschke und Martin Stranzl. Das hat es ein wenig erträglicher gemacht, weil man hin und wieder auch mal flachsen konnte.

bundesliga.de: Was war das Schlimmste in dieser Phase?

Herrmann: Das Schlimmste war, die Champions League bis auf eine Partie nur auf der Tribüne erleben zu können. Champions League zu spielen ist für jeden Fußballer der ganz große Traum. Und wer weiß, ob und wann diese Möglichkeit so noch einmal kommt. Da hat man in der Vor-Saison so viel in diesen Traum investiert und hart dafür gearbeitet, und dann war doch alles umsonst. Das ist wirklich Mist, ganz großer Mist.

bundesliga.de: Können Sie jetzt wieder völlig ungehemmt in ein Spiel gehen?

Herrmann: Ja. Ab und zu zwickt es zwar ein bisschen, aber das ist ganz normal nach einer derartigen Verletzung. Angst oder dass ich in einem Zweikampf zurückziehe, gibt es nicht.

bundesliga.de: Diesen Einsatzwillen kann Borussia im Saisonendspurt gut brauchen, denn vor allem auswärts springt trotz großen Aufwands wenig Zählbares heraus...

Herrmann: Das stimmt. Wir sind noch nicht gefestigt genug und haben einige Spiele sehr unnötig verloren, wie zuletzt in Wolfsburg. Es kann nicht sein, dass wir zuhause gegen Stuttgart ein überragendes Spiel machen, auch in Wolfsburg gut spielen, aber von dort dann überhaupt nichts mitnehmen. Das geht nicht.

bundesliga.de: Mehr als 40 Gegentore zeigen, dass die Probleme in der Defensiv-Arbeit legen...

Herrmann: Über 40 Gegentore - das ist definitiv zu viel, auch wenn wir andererseits sehr viele Treffer erzielen. Sicherlich spielen wir unter André Schubert offensiver als das zuvor der Fall war, so dass für den Gegner mehr Räume entstehen. Daraus müssen wir jetzt aber schnell lernen.

bundesliga.de: Borussias Defensive befindet sich allerdings auch im Umbruch, mit Martin Stranzl wird der Abwehrchef und eine der wichtigen Führungsfiguren aufhören. Ist Ihnen bewusst, dass aus "Flaco", dem "dürren Jungen", wie man Sie auch ruft, mit 25 Jahren und acht Jahren im Verein allmählich einer der neuen Meinungsmacher werden kann?

Herrmann: Das ist mir bewusst. Ich merke, dass ich nicht mehr als der junge Spieler gesehen werde, der gerade mal ein paar Spiele gemacht hat. Mittlerweile habe ich knapp 170 Bundesliga-Partien absolviert, alle für die Borussia. Das ist schon eine Hausnummer. Ich kenne den Club heute in- und auswendig, kenne jeden Mitarbeiter, die Fans und jeden Winkel. Da spürt man durchaus, dass man allmählich zu einer Säule des Teams heranwächst.

bundesliga.de: Mögen Sie diese Rolle?

Herrmann: Ich bin sicher nicht der Typ, der viel auf dem Platz herumschreit. Aber ich vertrete, zum Beispiel in der Kabine, deutlich meine Meinung, wenn das notwendig ist. Und ich glaube, die Jungs wissen, was sie an mir haben.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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