Bundesliga

11.08.2016 - 10:23 Uhr


Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc: "Wir möchten den ersten Titel der Saison"

Bad Ragaz - Michael Zorc ist seit 38 Jahren bei Borussia Dortmund, zunächst als Jugendspieler, ab 1981 als Profi und seit 1998 schließlich als Sportdirektor des Vereins. Vor der Supercup-Partie im SIGNAL IDUNA PARK gegen den FC Bayern München spricht Zorc im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Saisonvorbereitung und die China-Reise des BVB, über die Personalien Mario Götze und André Schürrle und darüber, wie sich seine Arbeit seit dem Amtsantritt verändert hat.

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bundesliga.de: Herr Zorc, die Vorbereitung neigt sich allmählich dem Ende zu, mit dem Supercup gegen den FC Bayern wartet das erste Highlight. Wo steht der BVB vor dem Kräftemessen mit den Bayern?

Michael Zorc:Das kann niemand seriös vorhersagen. Es ist in Turnierjahren eine Herausforderung für den Trainerstab, die nach und nach eintrudelnden Spieler auf ein gemeinsames Level zu führen. Wir haben Profis, die sind erst seit einer Woche wieder im Training und Spieler, die sind schon seit fünf Wochen dabei. Das geht den Bayern natürlich ganz genauso. Wir fühlen uns jedenfalls gut, freuen uns auf dieses Spiel und möchten den ersten offiziellen Titel der Saison im SIGNAL IDUNA PARK gewinnen. In der Vergangenheit ist uns das häufig gelungen. Und dennoch hatten diese Supercup-Siege keine Aussagekraft für die komplette Saison.

bundesliga.de: Ist das schon eine echte Kraftprobe, oder glauben Sie, dass beide Trainer auch noch ein wenig experimentieren werden?

Zorc:Beides. Es geht um einen offiziellen Titel. In 209 Ländern wird dieses Duell gespannt verfolgt. Aber beide Trainer befinden sich mit ihren Mannschaften dennoch mitten in der Vorbereitung. Auch das gehört zur Wahrheit.

bundesliga.de: Kein anderer deutscher Verein hat zur neuen Saison so viel Geld bewegt wie der BVB. War das die turbulenteste Sommerpause, die Sie als Manager bisher erlebt haben?

Zorc: Wir haben in etwa so viel durch Transfers eingenommen wie wir am Ende ausgegeben haben. Da gibt es keine große Differenz. Es war sicher ein spannender, arbeitsintensiver Sommer - ja. Aber es war eben auch eine Sondersituation, weil wir drei Stammspieler im Kader hatten, deren Vertrag nur noch eine Restlaufzeit von einem Jahr hatte. 2017 hätten sie uns alle ablösefrei verlassen können. Das wollten wir nicht. Und mal ganz ehrlich: Es wäre vor wenigen Jahren noch absolut undenkbar gewesen, dass drei Spieler mit lediglich einem Jahr Vertrag rund 100 Millionen Euro einbringen. 

bundesliga.de: Nach den Abgängen von Hummels, Gündogan und Mkhitaryan, glaubten einige Medien an eine sehr schwierige Saison für Dortmund. Wenige Wochen später, nach den Verpflichtungen von Mario Götze und André Schürrle, sprachen dieselben Medien von einer Kampfansage an die Bayern. Ihre eigene Gefühlslage dürfte kaum von solchen Ausschlägen geprägt gewesen sein.

Zorc: Ich denke nicht in Extremen, wie es manch ein Medium tut. Intern waren wir immer vorbereitet, wussten, was wir noch machen möchten, haben die Ruhe bewahrt und unsere Vorstellungen nach und nach umgesetzt.

bundesliga.de: Ganz ohne Risiko sind die Verpflichtungen von Götze und Schürrle nicht, da sie schwierige Zeiten hinter sich haben. Wie erleben Sie die beiden aktuell?

Zorc: Gut integriert, fokussiert, fröhlich, engagiert. Sie freuen sich, ein Teil der Mannschaft zu sein. Und die Mannschaft freut sich über ihre Qualität. Dass unser Team auch menschlich funktioniert, haben Sie ja unlängst selbst beobachten können. Der eine oder andere Spieler hat ja Videos von den Einführungsritualen der Neuen gepostet. Andre hat gesungen, Mario gekellnert. Alle hatten ihren Spaß.

bundesliga.de: Waren Sie und die anderen Verantwortlichen sofort sicher, Schürrle und Götze verpflichten zu wollen, oder gab es auch Zweifel jenseits aller sportlichen Qualität?

Zorc: Wir waren alle überzeugt, sonst hätten wir die Transfers nicht getätigt.

bundesliga.de: Welche Faktoren sind es grundsätzlich, die Sie vor einem Transfer abklopfen?

Zorc: Je mehr Informationen man im Vorfeld über einen Spieler hat - desto besser. Egal, ob es um Technik, Athletik oder Charakter geht.

bundesliga.de: Ist im Zweifel charakterliche Qualität sogar wichtiger als die fußballerische?

Zorc: Wenn jemand nicht kicken kann, wird ehrlich gesagt der beste Charakter der Welt nicht helfen.

bundesliga.de: Neben Schürrle und Götze hat der BVB auch hochinteressante, sehr junge Spieler verpflichtet hat, etwa  Ousmane Dembele oder Emre Mor. Wird sich bei so viel jugendlichem Ungestüm der Fußball, den Trainer Thomas Tuchel spielen lässt, gegenüber dem der vergangenen Saison verändern?

Zorc: Wir sind in der Offensive sehr gut aufgestellt. Mit erfahrenen Spielern, jungen Spielern, schnellen Spielern, technisch starken Spielern. Der Konkurrenzkampf ist gewünscht, wir können uns in den verschiedenen Wettbewerben sehr flexibel ausrichten. Der Trainer hat viele neue Variationsmöglichkeiten.

bundesliga.de: Ousmane Dembelé war während der China-Reise beim 4:1 gegen Manchester United einer der herausragenden Spieler. Was trauen Sie dem jungen Franzosen zu?

Zorc: Er setzt sich selbst keine Limits. Und ich werde das auch nicht machen. Ousmane bringt das Rüstzeug für eine große Karriere mit, aber er ist auch gerade erst 19 Jahre alt. Jetzt liegt es an ihm. Er muss sicher auch noch viel lernen.

bundesliga.de: Einer, der schon viel Erfahrung hat, ist Gonzalo Castro, bei dem man nicht nur im Spiel gegen ManU den Eindruck hatte, dass er in seinem zweiten Jahr beim BVB die Lücke bei den Führungsspielern schließen könnte, die Ilkay Gündogan und, mehr noch, Mats Hummels hinterlassen haben...

Zorc: Er hat große Qualität, die Erfahrung aus mehreren hundert Bundesligaspielen und bereichert uns auch charakterlich. "Gonzo" ist zweifellos einer der besten Bundesligaspieler auf seiner Position.

bundesliga.de: Apropos China: Nicht nur der BVB, sondern auch der FC Schalke 04 und der VfL Wolfsburg waren in diesem Sommer im Reich der Mitte. Wie fällt Ihr Fazit dieser Reise aus?

Zorc:Durchweg positiv. Natürlich bringen solche Reisen klimatische und kulturelle Umstellungen mit sich. Aber sie erweitern auch den persönlichen Horizont und können ein Team zusammenschweißen. Wir haben diese Reise in allen Bereichen für uns genutzt. Wir hatten nie den Eindruck, dass die Mannschaft nicht mit Spaß bei der Sache gewesen wäre. Und vor allem haben wir hohe Umfänge trainieren können.

Video: BVB im Reich der Mitte

bundesliga.de: Der BVB unterhält ein Büro in Singapur ein Auslandsbüro. Welche Bedeutung hat der asiatische Markt für den BVB und für die Bundesliga?

Zorc: Eine sukzessive wachsende. Wir sind Achter der UEFA-Klubrangliste. Uns unter den Top Ten zu etablieren und uns nur auf das Inland zu konzentrieren - das funktioniert in einer globalisierten Welt nicht mehr.

bundesliga.de: Bei Ihrem Amtsantritt 1998 war China in Sachen Fußball noch sehr weit weg. Hat sich Ihre Arbeit auch in anderer Hinsicht verändert, oder haben Sie "nur" mit athletischeren Sportlern und höheren Summen zu tun?

Zorc: Der Fußball in Deutschland hat - insbesondere durch die WM 2006 im eigenen Land - noch einmal massiv an Bedeutung gewonnen und durchdringt längst alle Gesellschaftsschichten. In den vergangenen Jahrzehnten ist alles viel professioneller geworden. Der Fußball. Das Training. Die Vermarktung. Und die Medienwelt ist geradezu explodiert.  

bundesliga.de: Ihr Kollege Christian Heidel hat sich nach 24 Jahren beim 1. FSV Mainz 05 für eine neue Aufgabe entschieden. Sie sind insgesamt, als Aktiver und Sportdirektor, gar 38 Jahre beim BVB. Hat Sie nie eine innere Unruhe befallen, doch einmal etwas anderes zu versuchen?

Zorc: Ich bin Dortmunder, bin hier aufgewachsen und seit 1978 beim BVB. Borussia Dortmund ist nach meiner Familie der bestimmende Teil meines Lebens.

bundesliga.de: Apropos Christian Heidel: Der kommt zwar immer noch als Jürgen Klopp-Freund in den Signal Iduna Park, aber nun auch als Manager von Schalke 04. Wird Schalke dem BVB in Zukunft wieder gefährlicher werden als das in den vergangenen Jahren der Fall war?

Zorc: Schalke hat traditionell immer die Ambition, uns hinter sich zu lassen. In den vergangenen Jahren haben wir das aber ganz gut geregelt bekommen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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