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Bundesliga

04.02.2016 - 15:40 Uhr


Gladbachs Neuzugang Martin Hinteregger: "Ich bin selten rundum mit mir zufrieden"

Mönchengladbach - Mit der Verpflichtung von Innenverteidiger Martin Hinteregger hat Borussia Mönchengladbach den notwendigen Umbruch in der Innenverteidigung eingeleitet. Zwar ist der 23-jährige österreichische Nationalspieler zunächst nur bis Saisonende von Red Bull Salzburg ausgeliehen, Borussia besitzt aber eine wohl bereits fest ausgehandelte Kaufoption. Im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Hinteregger, der aus einem kleinen Dorf stammt, über seine Eingewöhnung in Mönchengladbach, über ein ungewöhnliches Hobby und über die Bundesliga im Vergleich zur österreichischen Liga.

bundesliga.de: Herr Hinteregger, wenn man als Winter-Neuzugang schon im zweiten Pflichtspiel in der Startelf steht, könnte man eigentlich zufrieden sein...

Martin Hinteregger: Im Winter ist ein Wechsel wirklich etwas schwieriger. Deshalb ist es in der Tat schön, dass ich bereits im ersten Pflichtspiel eingewechselt wurde und im zweiten sogar in der Startelf gestanden habe. So kann es gerne weitergehen, aber...

bundesliga.de: ...dann bitte mit einem Dreier...

Hinteregger: Genau. Und das am besten bereits Freitagabend gegen Werder Bremen.

bundesliga.de: Hatten Sie kürzlich Kontakt zu Ihrem Landsmann Zlatko Junuzovic, der für Werder spielt?

Hinteregger: Nein. Zuletzt haben wir bei der Nationalmannschaft miteinander gesprochen.

bundesliga.de: Was erwarten Sie sich vom Spiel gegen Werder?

Hinteregger: Ob ich von Anfang an spiele oder vielleicht eingewechselt werde, weiß ich noch nicht. Sollte ich spielen dürfen, wäre das für mich erneut das i-Tüpfelchen. Was Werder betrifft: In der Tabelle stehen die Bremer vielleicht aktuell nicht so gut da, so dass wir wegen des Heimspiels leichter Favorit sind - trotz unserer beiden Auftaktniederlagen. Wie gefährlich Werder aber sein kann, hat man in den beiden bisherigen Spielen gesehen. Der 3:1-Sieg auf Schalke war stark, aber fast noch beeindruckender war die Aufholjagd gegen Hertha, als man zweimal mit zwei Toren zurückgelegen, trotzdem aber noch 3:3 gespielt hat. Deshalb muss unsere Körpersprache den Bremern von der ersten Minute an signalisieren: "Hier gibt es heute nichts zu holen, wir gewinnen diese Partie!"

bundesliga.de: Im DFB-Pokal aber hat Werder kürzlich im Borussia-Park mit 4:3 gewonnen. Ein Spiel, das symptomatisch war für die vergangenen Wochen: Offensiv hui, defensiv pfui. Das muss gerade einem Abwehrspieler doch gehörig auf den Magen schlagen?

Hinteregger: Unser Spielstil ist ohne Frage offensiv ausgerichtet. Das ist, wie ich finde, auch gut so. Ich glaube nicht, dass wir taktisch zuletzt so viel falsch gemacht haben. Auf diesem Niveau entscheiden aber nun einmal Kleinigkeiten darüber, ob man vorne ein Tor schießt oder hinten eins kassiert. Daran, diese Kleinigkeiten in den Griff zu bekommen bzw. abzustellen, müssen wir weiter hart arbeiten.

bundesliga.de: Dieser Stil ist Ihnen durch Ihre Zeit bei Red Bull Salzburg nicht unbekannt.

Hinteregger: Stimmt. Bei Red Bull kannten wir nur eine einzige Richtung: Nach vorne! Trotzdem hat die Abstimmung mit der Defensive gepasst. Bis das aber alles einwandfrei funktionierte, hat es ein bis anderthalb Jahre gedauert. Als wir das aber verinnerlicht hatten, waren über einen langen Zeitraum sehr erfolgreich. Berücksichtigt man nun, dass Borussia heute doch ein etwas anderes System spielt als unter Lucien Favre, sollte man uns diese Zeit auch geben. Borussias Siegesserie im Herbst hat doch gezeigt, wie erfolgreich man mit diesem System sein kann. Dass - wie aktuell - auch einmal schwächere Phasen kommen können, halte ich für ganz normal. Ich bin überzeugt, dass wir eine richtig gute Zeit haben werden, wenn jeder einzelne die Abläufe zu einhundert Prozent verinnerlicht hat.

bundesliga.de: Apropos "Abläufe verinnerlichen": Wie haben Sie sich grundsätzlich eingelebt in Mönchengladbach?

Hinteregger: Sehr gut! Ich bin hier vom ersten Tag an superhappy! Wirklich ungewohnt für jemanden wie mich, der aus einem kleinen Dorf kommt, ist die enorme Verkehrsdichte. Toll ist, dass es hier an jeder Ecke einen Supermarkt gibt. Bei uns muss man schon mal 40 Minuten fahren, wenn man einen größeren Einkauf tätigen will. Menschen sind hier aber auch an jeder Ecke. Überall Menschen und Autos. (lacht) Einen Ort, wo man auch einmal mit sich allein sein kann, habe ich bisher noch nicht gefunden. Das bedeutet für mich zwar eine Umstellung, ist aber kein Problem. Im Gegenteil: Ich habe diese Herausforderung ganz bewusst gesucht und mich regelrecht darauf gefreut, mich hier nicht nur als Fußballer, sondern gerade auch als Mensch weiterentwickeln zu können.

bundesliga.de: Hat Ihnen beim Einleben vor allem auch Ihr Landsmann Martin Stranzl geholfen?

Hinteregger: Keine Frage: Es erleichtert den Einstieg enorm, wenn man "in der Fremde" auf jemanden trifft, der von zuhause das kennt, was man selbst auch erfahren hat. In Bezug auf den Fußball sind meine Ohren ohnehin sperrangelweit offen, sobald Martin auch nur den Mund aufmacht. Er hat schon so viel erlebt, und ich höre ihm wahnsinnig gerne zu, wenn er zum Beispiel von seiner Zeit in Moskau erzählt. Und wenn er mir auf dem Platz etwas sagt, ist meine Aufmerksamkeit noch einmal größer, weil er in seiner Karriere wohl jede für einen Abwehrspieler mögliche Situation schon einmal durchlebt hat.

bundesliga.de: Sie sind zunächst nur ausgeliehen von Red Bull Salzburg. Belastet das, wenn man nicht weiß, wo man im Sommer spielen wird?

Hinteregger: Sie haben Recht. Es kann passieren, dass die ganze Geschichte in drei Monaten bereits wieder vorbei ist. Ich nehme es wie es kommt. Versprechen kann ich aber, dass ich alles für Borussia geben und mich jede Minute voll reinhauen werde. Ich möchte die Menschen in Mönchengladbach von mir überzeugen. Und wenn mir das gelingt, darf ich vielleicht auch bleiben.

bundesliga.de: Was macht Borussia Mönchengladbach - vielleicht auch über den Sommer hinaus - zum richtigen Club für Sie, bzw. was wussten Sie bereits über die Borussia?

Hinteregger: Großen Anteil an meiner Entscheidung für Borussia Mönchengladbach hatten die Gespräche mit Max Eberl und Steffen Korell. Beide haben mir von Beginn an das Gefühl gegeben, dass man mich unbedingt holen möchte, das hat mich vollauf überzeugt. Sehr viel habe ich zuvor nicht über Borussia gewusst, das muss ich ganz ehrlich sagen. Aber seit vergangenem Sommer, als ich Borussias Interesse erstmals gespürt habe, habe ich die Spiele sehr interessiert verfolgt. Zudem kenne ich Borussias Athletik-Trainer Klaus Luisser, der seit vergangenem Sommer hier ist, noch aus unserer gemeinsamen Zeit bei Red Bull. Auch er hat mir nur Positives erzählt.

bundesliga.de: Ihr Weg in die Bundesliga und zur Borussia hat über zwei aktuelle Bundesliga-Trainer geführt...

Hinteregger: Huub Stevens und Roger Schmidt! Beide haben für meinen bisherigen Werdegang eine sehr große Bedeutung. Huub Stevens hat mich in Salzburg zunächst an die erste Mannschaft herangeführt und dann zum Stammspieler gemacht. Roger Schmidt wiederum hat mich ein neues fußballerisches Denken gelehrt und mich als Profi auf ein höheres Level gebracht. Beiden bin ich bis heute sehr dankbar! Roger Schmidt hat mir anlässlich meiner Verpflichtung eine SMS geschickt und mir gratuliert. Das war eine Geste, die mich überaus gefreut hat.

bundesliga.de: Welchen Stellenwert hat die Bundesliga grundsätzlich in Österreich?

Hinteregger: Schon die Tatsache, dass viele österreichische Nationalspieler in der Bundesliga aktiv sind, zeigt die Wertschätzung, die die Bundesliga in Österreich genießt. Klar, dass man da von Österreich aus so oft wie möglich auf diese Spieler und damit auch auf ihre Clubs schaut und sich regelmäßig über die Spiele am Wochenende informiert.

bundesliga.de: Wo steht die österreichische tipico-Bundesliga im Vergleich zur deutschen Bundesliga?

Hinteregger: Der augenscheinlichste Unterschied ist für mich struktureller Natur, denn die österreichische Liga umfasst nur zehn Clubs, so dass man in der Saison gleich viermal gegen jedes Team spielt. Von diesen zehn Mannschaften sind genau genommen nur vier Teams so konkurrenzfähig, dass sie um die Meisterschaft spielen und sich ggf. dann auch international messen können. Letztlich geht es immer darum, sich auch international zeigen und beweisen zu können.

bundesliga.de: Ist es nicht etwas frustrierend, wenn man ständig dieselben Gesichter sieht?

Hinteregger: Das würde ich nicht sagen. Gerade die Spiele gegen die Mitfavoriten auf den Titel sind doch die Herausforderungen, die man sucht. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass Österreich in erster Linie eine Ski-Nation und natürlich auch ein kleines Land ist. Ich glaube nicht, dass mehr als zehn Vereine Sinn machen würden bzw. überhaupt in der Lage wären die erste Liga in Sachen Infrastruktur zu stemmen. So fehlt bei vielen Vereinen z B. die Rasenheizung, obwohl wir ein ausgewiesenes Winterland sind.

bundesliga.de: Umso beeindruckender scheint der Höhenflug der Nationalmannschaft...

Hinteregger: Dass die Nationalmannschaft aktuell mit guten Resultaten vorangeht und mit Platz zehn in der FIFA-Weltrangliste so hoch steht wie nie zuvor, ist in der Tat sehr wichtig. Wir haben eine tolle Truppe beisammen, und die meisten Jungs stehen bei Top-Vereinen unter Vertrag. Jetzt hoffe ich, dass unsere Erst- und Zweitligisten bei Infrastruktur und Ausbildung junger Talente nachziehen. Den jungen Top-Talenten rate ich, sich gut zu überlegen, ob man jedem verlockenden Werben aus dem Ausland sofort nachgibt. Ich habe am eigenen Leib erlebt, dass es gut war, sich erst einmal in der österreichischen Liga zu beweisen und dort Fuß zu fassen. Das würde zudem die Liga weiter aufwerten.

bundesliga.de: Stichwort Ausbildung: Ihr Vater macht sich als Obmann Ihres Heimatclubs SGA Sirnitz seit mehr als zehn Jahren für die Nachwuchsförderung stark...

Hinteregger: Das ist richtig. Insgesamt sind von unserer damaligen Gruppe, die zwölf Leute stark war, fünf in die Akademien, also in die Nachwuchsleistungszentren großer Clubs gewechselt. Aus meinem Jahrgang ist einer zu 1860 München gewechselt, ein anderer zu Red Bull Salzburg, und ich darf nun für Borussia Mönchengladbach spielen. Berücksichtigt man dann noch, wie klein Sirnitz ist, darf man wohl ohne Übertreibung sagen, dass mein Vater fantastische Arbeit leistet. Er versteht es einfach, die Kinder zu fördern, ohne dass dabei der Spaß zu kurz kommen würde. Der Spaß ist das Wichtigste. Spaß muss immer dabei sein, schließlich geht es um Kinder.

bundesliga.de: Ob Vater oder Opa, ob jüngerer Bruder oder Schwester - sie alle waren oder sind aktiv in der SGA Sirnitz. Da war der Weg zum Profi-Fußballer wohl unvermeidlich?

Hinteregger: Ich wollte von klein auf Fußballer werden. Sirnitz hat nicht einmal tausend Einwohner und ist dementsprechend wirklich ein Dorf. Als Kinder haben wir uns immer am Fußballplatz getroffen. Eigentlich trifft sich dort das ganze Dorf. Fast jedes Kind spielt bei uns Fußball, und die Eltern schauen zu. Man tauscht sich aus und quatscht einfach ein bisschen miteinander, und das längst nicht nur über Fußball. Wir sind auch ein Ski-Gebiet sind. Skifahren gehört bei uns einfach dazu, und vielleicht hätte es auch die Möglichkeit gegeben, im Skisport etwas zu erreichen. Und auch Eishockey habe ich sehr gerne gespielt. Irgendwann musste ich mich aber entscheiden, und der Fußball hat den Zuschlag bekommen. (lacht)

bundesliga.de: Der klassische Profi scheinen Sie aber nicht zu sein. Sie sagen auch schon mal Dinge, die nicht jeder Fußballer sagen würde...

Hinteregger: Nicht, dass jetzt jemand denkt, ich würde mir darauf etwas einbilden. Aber wahrscheinlich ist es so, dass sich mein Lebenslauf in manchen Dingen von dem anderer Fußballer stark unterscheidet. Zum einen ist da mein Heimatdorf, zu dem ich nach wie vor einen starken Bezug habe. Ich bin nun mal sehr bodenständig und heimatverbunden. Vielleicht bin ich auch im Umgang mit den Medien etwas anders. Ich bin sehr offen und mache deshalb bisweilen wohl etwas falsch.

bundesliga.de: Und offensichtlich sind Sie auch selbstkritischer als der durchschnittliche Profi...

Hinteregger: Mag sein. Andere sagen vielleicht nach einem Spiel "Martin, heute hast Du es richtig gut gemacht!" Ich selbst bin aber in den seltensten Fällen rundum mit mir zufrieden. Vielleicht, weil ich weiß, dass ich es noch besser kann.

bundesliga.de: Mit der Jagd haben Sie auch noch ein wirklich ungewöhnliches Hobby. Wie kam es dazu?

bundesliga.de: Dass man bei uns auf die Jagd geht ist nichts Ungewöhnliches. Einige meiner Freunde gehen jagen. Mich hat das dann auch interessiert, so dass ich mich entschlossen habe, den Jagdschein zu machen. Etwa ein halbes Jahr muss man für die Ausbildung einplanen und zum Abschluss eine Prüfung absolvieren.

bundesliga.de: Wie sieht so eine Jagd aus, in unserer reglementierten Welt kann man wohl kaum einfach auf die Pirsch gehen?

bundesliga.de: Nein, das geht natürlich nicht. Und eine Möglichkeit zu finden ist gar nicht so einfach. Im vergangenen Jahr durfte ich aber einen Berufsjäger in dessen Revier begleiten - ein tolles Erlebnis. Trotzdem hätte gerne einmal die Chance, eine eigene Pacht zu erwerben. Dann würde ich auf 2000 Meter aufsteigen, mir dort einen schönen Platz zum Rasten suchen und einfach mal an gar nichts denken. Darum geht es mir eigentlich beim Jagen: Dass man in der Natur völlig zur Ruhe kommt und ganz mit sich im Reinen ist. Da könnte ich dann auch stundenlang sitzen.

bundesliga.de: Was passiert mit den Tieren?

Hinteregger: Wenn es genießbar ist, wird das Fleisch gegessen. Es ist etwas völlig anderes, ob man sich ein Stück Fleisch im Supermarkt kauft oder es selbst geschossen hat. Das ist schon etwas ganz Besonderes, und man entwickelt fast eine Bindung zu dem Tier.

bundesliga.de: Das erinnert beinahe an alte indianische Weisheiten...

Hinteregger: Mir ist bewusst, dass das, was ich nun sage, für heutige Ohren etwas seltsam klingen mag. Aber es geht wirklich nicht darum, einfach nur in der Gegend herumzuballern. Wenn wir am Essenstisch sitzen, hält man vor der Mahlzeit einmal inne und erinnert sich an das Tier. Denn gerade, wenn man ein eigenes Revier hat, kennt man das Tier unter Umständen sehr gut und hat es vielleicht schon jahrelang beobachtet. Man verspürt durchaus eine gewisse Wehmut. Dann ist es ein schönes, beruhigendes Gefühl, wenn man weiß, dass das Tier ein gutes Leben am Berg und in den Wäldern hatte.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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