Bundesliga

03.02.2017 - 08:30 Uhr


Halstenberg: "Welches Potenzial dieses Team hat, dürfte mittlerweile jedem klar sein"

Leipzig - Man durfte RB Leipzig vor dem Saisonstart sicherlich einiges zutrauen. Dass der Aufsteiger nach 18 Spielen aber die einzige Mannschaft ist, die dem FC Bayern noch folgen kann, damit war nicht zu rechnen. Einer der Leistungsträger ist Marcel Halstenberg, der als linker Außenverteidiger bisher in jedem Spiel zur Startelf gehörte. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der 25-jährige über den kommenden Gegner Borussia Dortmund, über seine persönliche Entwicklung und über seine faire Spielweise.

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bundesliga.de: Herr Halstenberg, einige Experten sagen, dass RB als erster Bayern-Verfolger keine Überraschung ist. Andere betonen zwar ebenfalls, dass RB kein normaler Aufsteiger ist, die bisher überragende Saison sei aber keinesfalls zu erwarten gewesen. Wie sehen Sie und Ihre Teamkollegen diesen Erfolg?

Marcel Halstenberg: Der war in dieser Form selbstverständlich nicht zu erwarten. Natürlich stimmt es, dass wir "der etwas andere Aufsteiger" sind, wie man auch immer wieder lesen kann. Welches Potenzial diese Mannschaft sowie der gesamte Verein aufweisen, wird mittlerweile immer deutlicher. Wir haben super Bedingungen und können uns stets voll und ganz auf den nächsten Gegner konzentrieren. Das ist die Voraussetzung, um Optimales aus sich heraus zu holen. Trotzdem: Dass wir nach 18 Spielen Tabellenzweiter sind, das hätte zu Saisonbeginn bei uns niemand gedacht.

bundesliga.de: Verblüffend ist, wie schnell sich Ihre sehr junge Mannschaft die Bundesliga-Reife erworben hat. Woher nehmen Sie und Ihre Kollegen diese Abgeklärtheit?

Halstenberg: Wir schauen möglichst nur von Spiel zu Spiel und sind in jeder einzelnen Partie hungrig. Wir laufen unglaublich viel und versuchen so den Gegner müde und mürbe zu machen. Das Gegenpressing in der gegnerischen Hälfte funktioniert auf diese Weise sehr gut. Wir zeigen eine gute Balleroberung, so dass wir schnell zustechen und Tore schießen können. Und dazu kommt noch der spielerische Aspekt. Ich denke, dass wir auch in dieser Hinsicht keine schlechte Mannschaft sind und uns weiterentwickelt haben.

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bundesliga.de: Noch im September haben Sie in einem Interview gesagt: "Wir sind Aufsteiger, also sind wir in jedem Spiel der Underdog". Jetzt aber steht der kommende Gegner, der BVB, elf Punkte hinter Ihrem Team. Ist RB nun der Favorit?

Halstenberg: (lacht) Nein, ganz bestimmt nicht, das sehe ich wirklich nicht so. Wir liegen zwar diese elf Punkte vor Borussia Dortmund, das bedeutet aber nicht, dass wir nicht sehr genau um die hohe Qualität und die große Erfahrung dieser Mannschaft wüssten. Ich selbst komme zum Beispiel bisher gerade einmal auf 18 Bundesliga-Einsätze. Ähnliches gilt für die allermeisten meiner Team-Kollegen. Viele von uns werden nun zum ersten Mal im Signal Iduna Park spielen. Und mit der "gelben Wand" muss man als Gästeteam erst einmal klarkommen. Es ist also keine Frage, der Underdog sind nach wie vor wir.

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bundesliga.de: Haben Sie aber das Gefühl, dass die Gegner jetzt deutlich mehr Respekt haben als es vielleicht zu Saisonbeginn der Fall war?

Halstenberg: Es mag sein, dass uns in der Hinrunde der eine oder andere Gegner noch ein wenig unterschätzt hat. Mittlerweile hat aber wohl jeder erkannt, was wir zu leisten imstande sind. Man nimmt uns ernst. Das bedeutet aber auch, dass wir uns in dieser Rückrunde wohl auf mehr Gegenwind einstellen müssen.

bundesliga.de: Starken Gegenwind hat auch der BVB in dieser Saison...

Halstenberg: Es läuft zurzeit vielleicht etwas unrund bei Borussia Dortmund, und es wird viel diskutiert über Trainer und Mannschaft. Nichtsdestotrotz finde ich, dass der BVB einfach ein geiler Verein ist. Das Potenzial dieser Truppe mit den vielen jungen, talentierten Spielern ist sehr groß. Noch greift aber nicht alles, ein Umbruch wie im vergangenen Sommer benötigt einfach etwas Zeit. Wir fahren jedenfalls nicht nach Dortmund, um uns dort nur das Stadion anzusehen. Wir wollen versuchen zu punkten.

bundesliga.de: Sie kennen den BVB bestens, da sie von 2011 bis 2013 für die zweite Mannschaft gespielt haben. Gibt es noch Kontakt?

Halstenberg: Ja, allerdings nur zu einigen ehemaligen Borussen, wie Florian Hübner, der nun bei Hannover 96 spielt. Noch engeren Kontakt habe ich aber zu Jonas Hofmann, der heute bei Borussia Mönchengladbach unter Vertrag steht.

bundesliga.de: Sie haben in jedem der bisherigen 18 Spiele in der Startelf gestanden und wurden überhaupt nur ein einziges Mal ausgewechselt. Größeres Vertrauen kann Ihnen Trainer Ralph Hasenhüttl kaum entgegenbringen...

Halstenberg: Mir ist bewusst, dass ich in dieser Mannschaft eine wichtige Rolle spiele. Ich versuche dem Trainer in jedem Spiel zu zeigen, dass er immer auf mich setzen kann. Selbstverständlich bin ich ihm sehr dankbar und hole immer alles, was möglich ist, aus mir raus. Ich habe mich bei RB Leipzig noch mal deutlich weiterentwickelt.

bundesliga.de: Dem Trainer dürfte auch gefallen, dass Sie gerade einmal zwei gelbe Karten bekommen haben. Das ist ungewöhnlich wenig für einen Defensivspieler...

Halstenberg: Ich versuche stets fair zu spielen. Mir ist aber auch bewusst, dass es ein-, zweimal im Spiel zu Situationen kommen kann, in denen man hart dagegenhalten muss. Zum Glück bin ich noch nicht in die Verlegenheit gekommen, taktische Fouls begehen zu müssen. Dass es nur zwei gelbe Karten sind, ist ohne Frage eine schöne Sache. Vielleicht habe ich das eine oder andere Mal aber auch etwas Glück mit den Schiedsrichtern gehabt. (lacht)

bundesliga.de: Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann hat davon gesprochen, dass RB in Sachen Verteidigung zu den Top-Teams Europas gehört...

Halstenberg: Das ist ein sehr schönes Kompliment. Hoch verteidigen, Gegenpressing und den Gegner immer zu Fehlern zwingen, das ist unsere Philosophie. Und wenn Julian Nagelsmann so etwas sagt, zeugt das von Anerkennung unserer Leistung.

bundesliga.de: Sie können aber nicht nur verteidigen, sondern sind auch sehr schussstark. Jetzt fehlt eigentlich nur Ihr erstes Bundesliga-Tor, wobei Sie gegen Frankfurt schon sehr nah dran waren...

Halstenberg: Na ja, entscheidend ist zunächst einmal immer die Teamleistung. Die steht über allem. Selbstverständlich habe ich mich aber auch über meine beiden Assists gegen Frankfurt sehr gefreut. Und ich hätte nichts dagegen, auch mal ein eigenes Tor feiern zu können. Das wäre bestimmt ein wunderbares Gefühl.

bundesliga.de: Ihre Karriere hat Sie Schritt für Schritt nach oben gebracht, von der Regionalliga, über die 3. Liga und 2. Bundesliga jetzt in die Bundesliga. War das bisweilen auch ein steiniger Weg?

Halstenberg: Ich möchte es mal so ausdrücken: Ich habe viele Facetten des deutschen Fußballs kennengelernt. Die Regionalliga ist damals super gelaufen, weil wir (Borussia Dortmund II; d. Red.) in die 3. Liga aufgestiegen sind. Ich erinnere mich, dass dort häufig mit langen Bällen operiert wurde. Zudem standen Robustheit und Kampfbereitschaft ganz oben auf der Agenda. Dass ich damals auch mal bei der ersten Mannschaft des BVB mittrainieren konnte, war eine tolle Sache. Da habe ich für meinen weiteren Weg einiges mitnehmen können. Das gilt auch für die Zeit in der 2. Bundesliga beim FC St. Pauli und später bei RB. Natürlich war der Aufstieg in die Bundesliga mit RB das bisherige Highlight meiner Karriere. Jetzt gilt es weiter so zu schuften wie bisher, damit wir nicht nur in der Bundesliga bleiben, sondern dort auch eine gute Rolle spielen.

bundesliga.de: Der nächste Schritt wäre für Sie wohl die Nationalmannschaft. Waren Sie nervös als Sie gehört haben, dass Bundestrainer Joachim Löw gegen Hoffenheim zu Gast in der Red Bull Arena war?

Halstenberg: Nein. Ich wollte einfach nur mein Ding durchziehen, und ich denke mal, dass mir das auch ganz gut gelungen ist. Selbstverständlich wäre die Nationalmannschaft ein Traum. Aber im Augenblick geht es erst einmal nur um RB und meine Leistung und Entwicklung im Verein.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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