Bundesliga

18.11.2014 - 16:25 Uhr


Lucien Favre: "Gladbachs Zukunft liegt im Nachwuchs"

Seit Januar 2011 ist Lucien Favre Chefcoach bei Borussia Mönchengladbach. Nach dem Klassenerhalt führte er die Fohlen zwei Mal in die Europa League

Mönchengladbach - Lucien Favre hat Borussia Mönchengladbach vom Fast-Absteiger zum Spitzenteam geformt. Im Interview mit bundesliga.de spricht der Schweizer darüber, wie wichtig die Nachwuchsarbeit für einen Club wie die Borussia ist, er analysiert die Belastungen durch den 3-Tage-Rhythmus für Spieler, aber auch Trainer, und er macht sich Gedanken über Freundschaften im Profifußball.

bundesliga.de: Herr Favre, Sie arbeiten in der fünften Saison bei Borussia Mönchengladbach. Man hat das Gefühl, dass in dieser Zeit, wie bei einem Mosaik, Stück für Stück zu einem großen Ganzen zusammengesetzt wurden.

Lucien Favre: Man muss einen Plan haben und mittelfristig planen, wenn man eine gute Mannschaft aufbauen und entwickeln will. Alle bei Borussia - Vorstand, Sportdirektor, Trainerteam etc. - verfolgen eine gemeinsame Linie, denn alleine schaffst Du gar nichts. Wichtig ist, dass man vernünftig bleibt und die Vergangenheit nicht vergisst. Es wird immer wieder kleinere Rückschritte geben, etwa wenn man gute Spieler an andere Clubs verliert. Umso wichtiger ist die Nachwuchsarbeit. Borussia hat sehr, sehr gute Nachwuchsspieler, von denen einige schon nah dran sind an der ersten Mannschaft. Aber das muss auch in Zukunft der Fall sein. Denn Gladbachs Zukunft liegt vor allem im Nachwuchs.

„Schnelligkeit ist entscheidend“

bundesliga.de: Was erwarten Sie von einem jungen Spieler, der Profi werden will?

Favre: Schnelligkeit ist ganz entscheidend. Auf dem Rasen, aber auch im Kopf. Beidfüßigkeit ist ebenfalls sehr wichtig, aber Schnelligkeit scheint mir beinahe am Wichtigsten. Wobei wir hier nicht von Usain Bolt sprechen. Der ist wahnsinnig schnell, hat bei seinen Weltrekordsprints aber keinen Ball am Fuß. Ich spreche auch nicht von den Spielern im Zentrum, für einen Stürmer oder einen Außen aber wird es ohne diese Schnelligkeit in Zukunft wohl sehr, sehr schwer. Denn nur über Schnelligkeit lässt sich die Abwehr des Gegners destabilisieren - es sei denn man verfügt über besondere Fähigkeiten im Eins gegen Eins. Am besten aber hat man beides. Und selbstverständlich muss man auch mental gesund sein.

bundesliga.de: Noch einmal zum Bild vom Mosaik: wann wäre das für Sie vollendet?

Favre: Ich weiß nicht, ob man ein solches Mosaik im Fußball zu einem Abschluss bringen kann. Schauen Sie doch, mit welchen finanziellen Möglichkeiten sich viele Bundesliga-Clubs im Sommer verstärkt haben – und ich spreche nicht nur vom FC Bayern oder vom BVB, sondern auch von Hertha, von Leverkusen, von Wolfsburg oder vom HSV – dann wird sehr deutlich, wie schwer es für einen Club wie Borussia ist, der im Ranking der Lizenzspieleretats nur auf achter oder neunter Stelle liegt. Wenn wir einen Kevin de Bruyne ausleihen möchten, dann aber Wolfsburg auf den Plan tritt, heißt es für uns leider „Sorry und tschüss!“ Und diese Clubs werden sich im Winter erneut verstärken. Der HSV sucht bereits einen Stürmer, und auch Stuttgart wird etwas machen.

bundesliga.de: Dennoch haben Sportdirektor Max Eberl und Sie in den vergangenen Jahren hervorragende Talente und Spieler zur Borussia holen können. Haben Sie schon einmal über einen so langen Zeitraum so konstruktiv mit einem Sportdirektor zusammenarbeiten können?

Favre: Ich habe eigentlich nur ganz selten Probleme mit anderen Menschen. Wenn ich mit jemand Probleme bekomme, dann können Sie sicher sein, dass dieser „Jemand“ auch mit anderen Menschen viele Probleme hat (lacht).

"Die Zusammenarbeit bei Borussia klappt"

bundesliga.de: Ich darf das so schreiben?

Favre: Das müssen Sie so schreiben! Das ist die Wahrheit (lacht). Aber es besteht kein Zweifel, dass die Zusammenarbeit bei Borussia sehr gut funktioniert. Wir tauschen uns ständig aus, Max, der Vorstand, die Leitung des Nachwuchsbereichs und auch alle Trainer im Jugendbereich. Das ist extrem wichtig und funktioniert hier perfekt.

bundesliga.de: Ist angesichts einer so langjährigen, aber auch intensiven Zusammenarbeit auch eine Freundschaft zwischen Sportdirektor, der Ihr Vorgesetzter ist, und Trainer möglich?

Favre: Ich habe auch beim FC Zürich, in Echallens und in Yverdon jeweils vier Jahre gearbeitet...

bundesliga.de: ...oder lässt dieses Business Freundschaften gar nicht zu?

Favre: Man braucht in diesem Business einerseits Geduld und muss andererseits am Ende jeder Saison die Situation knallhart analysieren. Seit meiner Zeit in Berlin (2007 – 2009; d. Red.) hat die Bundesliga noch einmal enorme Fortschritte gemacht. Die Spieler sind noch einmal viel besser geworden, viele top ausgebildete, junge deutsche Talente sind nachgerückt und hervorragende ausländische Spieler sind gekommen. Wer sich da als Spieler, aber auch als Trainer nicht weiterentwickelt, der ist in kürzester Zeit chancenlos. Und wer glaubt "ich bin doch schon ein Star, ich kann mein Niveau ohne viel Anstrengung halten", macht einen großen Fehler. Sechs Monate, vielleicht ein Jahr – dann ist der Traum von der Bundesliga für denjenigen ausgeträumt. Aber das ist heute in jeder Branche so, das Rad dreht sich nun mal immer schneller. Umso mehr müssen wir aber auch realistisch bleiben.

„Immer vorbereitet, den Koffer packen zu müssen“

bundesliga.de: Um die Frage, ob der Profifußball Freundschaften zulässt, haben Sie sich etwas herumgewunden...

Favre: Respekt und Kollegialität, beides erlebe ich bei Borussia jeden Tag. Das ist enorm wichtig, denn ich verbringe mit dem Sportdirektor, den Co- und den Jugendtrainern wohl mehr Zeit als mit meiner Frau und mit meinen Kindern. Aber jeder Trainer der Welt weiß auch, dass am Ende nur der Erfolg zählt. Als Trainer muss man das verinnerlichen, und du musst immer darauf vorbereitet sein, deinen Koffer packen zu müssen. Man muss fair bleiben: Es kann doch auch sein, dass ein Trainer irgendwann sagt "das waren jetzt fünf, sechs, sieben schöne Jahre, vielleicht ist es nun aber an der Zeit, eine neue Herausforderung zu suchen". Aber das ist jetzt, bei Borussia, ganz sicher nicht mein Wunsch (lacht). Trotzdem muss man sich auch immer wieder fragen, ob die Spieler einem noch folgen. Diese Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist fundamental.

bundesliga.de: Auch mit dem Gladbacher Publikum pflegen Sie eine sehr harmonische Beziehung; kürzlich haben Sie sich dafür bedankt, dass man so viel vom Fußball verstehen würde. Was macht die Borussenfans zu echten Fußballexperten?

Favre: Ich glaube, dass die Fans bis auf den heutigen Tag unsere Situation sehr realistisch beurteilen. Sie sind in der Lage unsere Möglichkeiten im Vergleich zu den anderen Clubs einzuschätzen und wissen, dass wir alles daran setzen, eine gute Mannschaft aufzubauen. Aber sie berücksichtigen bei aller Hoffnung auf Erfolg doch, dass wir vor vier Jahren schon mit anderthalb Beinen in der 2. Bundesliga standen bzw. dass wir auch in der Folge immer wieder wichtige Spieler verloren haben.

„Wir alle sind am Limit“

bundesliga.de: Auch am vergangenen Wochenende, als in Dortmund die Rekordserie von 18 ungeschlagenen Pflichtspielen endete, haben die Fans verständnisvoll reagiert; waren Sie enttäuscht von Ihrer Mannschaft, die zu passiv wirkte?

Favre: Es stimmt, ich war ein wenig enttäuscht. Aber wir wussten immer, dass diese Serie irgendwann reißen würde. Trotzdem war das ganz sicher nicht unsere beste Leistung (lacht). Nein, wir waren weit, weit davon entfernt, was wir zu leisten im Stande sind. Vor allem der Spielaufbau war schlecht, wir hatten zu viele Ballverluste im Mittelfeld und haben zögerlich agiert. Dortmund hat sehr gut gespielt, ein gutes Pressing und diesmal keine Fehler gemacht – wobei wir etwaige Fehler aber auch nicht provoziert haben. Schlussendlich muss man wohl berücksichtigen, dass wir in kurzer Zeit sehr, sehr viele Spiele bestreiten mussten.

bundesliga.de: Kommt Ihnen die aktuelle Länderspielpause ganz Recht?

Favre: Na ja, eine ganze Reihe unserer Spieler ist jetzt bei den Nationalteams, so dass ich gerade einmal mit acht, neun Leuten arbeiten kann. Sehen Sie, es ist doch so: Man kommt beispielsweise erst freitagabends von Zypern (vom Europa League-Spiel gegen Apollon Limassol; d. Red.) zurück, muss aber keine 48 Stunden später schon wieder in Dortmund antreten. Das ist eine große Belastung. Eine Entschuldigung sein soll das aber selbstverständlich nicht für die Leistung in Dortmund. Profis müssen das beherrschen. Und wir wollen ja unbedingt international spielen - wobei es nicht nur aus finanziellen Gründen angenehmer ist Champions League zu spielen.

bundesliga.de: Weil die Ansetzung günstiger ist als in der Europa League?

Favre: Exakt. Wenn man dienstags oder auch mittwochs spielt, erlaubt das trotz des 3-Tage-Rhythmus’ noch einigermaßen vernünftig zu regenerieren und wenigstens ein bisschen zu trainieren. Bei Spielen am Donnerstag aber, von denen man vielleicht sogar erst im Laufe des Freitags zurückkehrt, wird das sehr, sehr schwierig. Aber, wie gesagt, wir müssen das akzeptieren, wenn wir international spielen wollen. Aber es ist mir dennoch wichtig zu betonen, dass wir alle - nicht nur Borussia - am Limit sind. Es ist unmöglich noch mehr Spiele zu absolvieren.

„Konkurrenz ist gut, zu viel Konkurrenz nicht“

bundesliga.de: Hat Borussias Kader schon die Breite, um diese Belastungen über eine ganze Saison auszuhalten?

Favre: Das ist nicht zuletzt eine Frage der Dosierung im Training. Bisher haben wir bis auf die von Granit Xhaka kaum ernsthaftere Verletzungen zu beklagen, so dass ich glaube, dass der Kader das aushalten kann. Wir haben 21 Feldspieler zur Verfügung, das genügt. So gut Konkurrenz auch sein mag, zu viel Konkurrenz ist auch nicht gut. Denn jeder sollte peu à peu seine Chance auf Einsätze bekommen.

bundesliga.de: Bisher ist Ihnen das bestens gelungen; egal, wen Sie ins Team rotiert haben, der Erfolg hat sich – bis auf die Partie beim BVB – immer eingestellt...

Favre: Das hat damit zu tun, dass das allesamt gute Spieler sind (lacht). Vor allem auf den Außenbahnen haben wir ein paar Möglichkeiten. Jeder hat seine ganze eigene Qualität. Hahn ist sehr gut im Abschluss, Herrmann hat große Fortschritte gemacht. Und Hazard und Traoré sind einfach sehr gut. Punkt.

bundesliga.de: Fehlt Ihnen fürs Zentrum aber Ersatz für Kruse?

Favre: Nein. Hrgota kommt. Langsam, aber ganz sicher! Definitiv! Und auch Hazard kann zentral spielen.

bundesliga.de: Wir haben viel über die Belastung der Spieler gesprochen, was aber macht dieser 3-Tage-Rhythmus mit einem Trainer?

Favre: Man spürt es, gar keine Frage. Nicht zuletzt durch die Reisen, die mit den Spielen verbunden sind. Das erfordert Planung und Disziplin, um auch einmal ein wenig Zeit für sich selbst zu gewinnen.

Das Interview führte Andreas Kötter

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