Bundesliga

14.04.2016 - 21:00 Uhr


Kevin Volland: "Wir entscheiden die knappen Spiele - das ist kein Zufall oder Glück"

Sinsheim - Seit dem Wechsel zu Coach Julian Nagelsmann hat die TSG 1899 Hoffenheim eine sensationelle Serie hingelegt und ist wieder voll auf Kurs Klassenerhalt. Entscheidenden Anteil am Aufschwung der Sinsheimer hat Stürmer Kevin Volland. Vor dem Spiel gegen Hertha BSC (zur Vorschau) spricht er im Interview mit bundesliga.de über seinen Coach, zurückgekehrtes Selbstvertrauen und seine Chancen auf die EM.

bundesliga.de: Herr Volland, mit 17 Punkten in neun Spielen liegt die TSG mit dem neuen Trainer Julian Nagelsmann in diesem Zeitraum nur hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Hängt die Nagelsmann-Tabelle in der Kabine?

Kevin Volland (lacht): Ja, klar. Nein, natürlich nicht. Das ist zwar schön zu lesen, aber mehr auch nicht. Das einzig Entscheidende ist, dass wir am Ende der Saison über dem Strich stehen. Wir waren ja schon ziemlich abgeschlagen. Nun haben wir uns rausgekämpft und wollen noch einige Siege einfahren.

bundesliga.de: Sie haben Anfang der Woche wegen Adduktorenproblemen das Mannschaftstraining ausgesetzt. Können Sie gegen Hertha BSC am Samstag spielen?

Volland: Auf jeden Fall, das war eine Vorsichtsmaßnahme. Ich bin körperlich fit, spritzig und Bock habe ich auch.

bundesliga.de: Mit einem Sieg wäre das Abstiegsgespenst fast schon vertrieben, oder?

Volland: Nein, das noch nicht, aber ein Sieg gegen die Hertha wäre natürlich ein ganz großer Schritt auf dem Weg dahin. Wir müssen die Fitness halten, die Konstanz behalten, dann werden wir unser Ziel erreichen.

bundesliga.de: Liegt vielleicht eine Gefahr nach der ganzen Aufholjagd darin, jetzt vielleicht Durchzuatmen und so die Spannung ein bisschen zu verlieren?

Volland: Nein, ich glaube eher an das Gegenteil. Als wir die ersten beiden Spiele gewannen mit Julian Nagelsmann, da hat man gespürt, dass die Mannschaften über uns angefangen haben, zu wackeln. Wir haben diesen Moment schon hinter uns, wir waren schon ganz unten in der Tabelle und sind jetzt auf dem aufsteigenden Ast. Es fühlt sich einfach geil an, wenn du regelmäßig wieder Spiele gewinnst oder Punkte holst. Wir haben auch nach dem 1:5 gegen Stuttgart weiter Spiele gewonnen, das gibt uns Selbstvertrauen. Ich habe in diesem Dreivierteljahr bis Julian kam, viel gelernt. Ich glaube, wenn wir so weitergemacht hätten, dann wäre es ganz schwer geworden.

bundesliga.de: Sie sind ein Spieler, der den Anspruch hat, eine Mannschaft mitzureißen. Das ist Ihnen nicht immer gelungen in dieser Saison. Jetzt, unter dem neuen Trainer Julian Nagelsmann, sieht man diese mitreißende Dynamik wieder in ihrem Spiel, warum?

Volland: Ich will immer alles geben für meinen Verein. Wenn ich das Vertrauen des Trainers spüre, kann ich auch selbst mitreißen. Und das funktioniert bei Julian Nagelsmann richtig gut. 

bundesliga.de: Es war eine schwierige Saison für Sie. Nach der U21-EM hatten Sie wenig Vorbereitungszeit, dann kam der Trainerwechsel von Markus Gisdol zu Huub Stevens, statt Europapokal-Ambitionen geht es auch unter Nagelsmann nur noch um den Klassenerhalt. Sie sind vom Hoffnungsträger zum Gesicht der Krise geworden und nun wieder zum Hoffnungsträger.

Volland: Man muss mit Kritik umgehen können. Die Saison ist nicht einfach, wir wollten ganz woanders hin. Es ging mit einem Pokal-Aus bei 1860 München und zwei Niederlagen gegen Leverkusen und Bayern in der Liga los und dann haben wir in Darmstadt keinen Dreier geholt -  so sind wir in einen Negativstrudel reingekommen. Man muss aber auch sagen, dass wir uns als Mannschaft nicht gefunden, uns nicht weiterentwickelt haben. Dann kam der erste Trainerwechsel, mit dem aber keine Wende eingeleitet werden konnte. Jetzt läuft es mit Julian Nagelsmann richtig rund. Er stellt uns super auf die Gegner ein, fordert uns im Training richtig und hat uns am Anfang den Druck genommen.

bundesliga.de: Wie hat er das gemacht?

Volland: Er hat gesagt, dass wir besser Fußballspielen können. Man hat gemerkt, wie nach und nach einiges an Ballast von uns abfiel.

bundesliga.de: Besonders bei Ihnen hat man das beobachten können…

Volland: Klar, ich habe schlechte Spiele gemacht, aber ich habe mich immer professionell verhalten und alles gegeben. Solche Phasen gibt es. Aber immer wieder gab es Dinge, die mich ausgebremst haben, dann fällt es schwer, auf dein Topniveau zu kommen.

bundesliga.de: Im Moment überwiegt der Eindruck, die Mannschaft hat die Kraft, um sich aus dem Schlamassel zu ziehen. Das war lange nicht der Fall, hat das nur mit dem Trainerwechsel zu tun?

Volland: Auch unter Markus Gisdol haben alle an einem Strang gezogen. Es haben aber die Ergebnisse gefehlt und wir haben nicht mehr den erfrischenden Fußball gespielt, den man von uns kannte. Und jetzt, unter Nagelsmann, haben wir wieder eine Idee, der alle folgen. Der Trainer gibt uns im Spiel nach vorne Freiheiten. Wenn es dann vorne mal nicht so läuft, wie zum Beispiel in Frankfurt (zum Spielbericht), dann haben wir immer noch sieben Spieler, die super hinten verteidigen. Die Ergebnisse kommen nicht von ungefähr.

bundesliga.de: Das Spielglück ist wieder auf Hoffenheimer Seite. Zuletzt gelang Ihnen in der Nachspielzeit der 1:1-Ausgleich gegen Köln, in Frankfurt reichte es trotz einer eher schwachen Leistung zum Sieg.

Volland: Ja, wir entscheiden Spiele, die auf Messers Schneide stehen, Gott sei Dank, jetzt für uns. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist, oder Glück. In Frankfurt hat man in der zweiten Halbzeit gemerkt, dass die Eintracht wackelt, wir aber hinten stabil stehen, auch wenn wir nicht überragend nach vorne gespielt haben. Solche Siege sind die Big Points im Abstiegskampf.

bundesliga.de: Warum sind die Euch vorher nicht gelungen?

Volland: Ich glaube, dass es auch eine Willenssache ist, etwas Mentales. Wenn man mal merkt, dass die Pläne des Trainers aufgehen, dann gibt das Vertrauen und du glaubst wieder an dich. Auch so ein später Ausgleich gegen Köln hilft - man merkt, man bekommt etwas zurück, wenn man nicht aufgibt.

bundesliga.de: Vor der Saison haben Sie Ihren langjährigen Spielpartner Roberto Firmino in der Spitze verloren. War es wichtig, dass in Andrej Kramaric im Winter ein später Ersatz für Firmino gekommen ist?

Volland: Auf jeden Fall. Man sieht ja, wie gefährlich Andrej ist. Er tut uns sehr gut, er fordert die Bälle, er versteckt sich nicht und ist sehr spielstark. Und er hat auch super Laufwege, ich habe ihm, glaube ich, auch schon zwei seiner vier Tore aufgelegt. Er geht in die Tiefe, das ist wichtig.

bundesliga.de: War also Firmino doch ein noch größerer Verlust als angenommen, gerade auch für Sie?

Volland: Roberto kann man nicht Eins-zu-Eins ersetzen. Er hat sich ja über Jahre hinweg in Hoffenheim super entwickelt. Wir haben aber auch schon im Sommer gute Leute bekommen, die erst jetzt so richtig in Fahrt kommen, wie Mark Uth zum Beispiel.

bundesliga.de: In welchen Bereichen versuchen Sie gerade ihr Spiel zu verbessern?

Volland: Man versucht immer, sich in Allem zu verbessern. Ich versuche weiter, meinen rechten Fuß zu verbessern, auch wenn ich mit ihm gegen Köln einen reingegrätscht habe (lacht). Dann gilt es, die Handlungsschnelligkeit auf engstem Raum weiter zu verbessern. Es sind immer Kleinigkeiten und Details: Zum Beispiel auch die Deckungsschatten-Vororientierung.

bundesliga.de: Das heißt?

Volland: Wie bewege ich mich in den Zwischenräumen? Man muss, wenn man zwischen den Ketten des Gegners agiert, ein Gespür entwickeln, zu merken, ob der Innenverteidiger an einem dran ist, oder nicht. Ein Blick über die Schulter zum richtigen Zeitpunkt hilft da sehr.

bundesliga.de: Sie sind jüngst gegen Italien wieder in der A-Nationalmannschaft zum Einsatz gekommen. Wie wichtig war das für Sie im Hinblick auf Ihre EM-Chancen?

Volland: Meine Leistung bei der TSG muss stimmen. Vor der Nominierung habe ich wieder gut gespielt, Tore gemacht und Tore vorbereitet, wir haben Spiele gewonnen. Es freut mich natürlich, dass ich dabei war. Jetzt geht es aber nur darum, den Klassenerhalt zu schaffen. Was dann aus der EM wird, wird man sehen.

Interview: Tobias Schächter

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