Bundesliga

20.04.2016 - 22:30 Uhr


Karim Bellarabi über Bayer 04: "Wir haben eine Phase, in der alles ganz gut passt"

Leverkusen - Rechtzeitig zum großen Saisonfinale und die Entscheidung um die Champions League-Teilnahme haben Bayer 04 Leverkusen und Karim Bellarabi zu alter Leistungsstärke zurück gefunden. Vor der Partie bei Mitkonkurrent Schalke (zur Vorschau) spricht der Nationalspieler im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für Bayers fulminanten Endspurt, über seine eigene Entwicklung und über seinen Teamkollegen Chicharito.

bundesliga.de: Herr Bellarabi, als Sie gegen Frankfurt mit einem unnachahmlichen Sprint das 2:0 vorbereiteten, konnte man nicht anders als zu denken "Unglaublich, wie schnell der Bellarabi ist". Es wirkt, als wäre eine Zentnerlast von Ihnen abgefallen...

Karim Bellarabi: Ich glaube, dass es im Fußball immer wieder Phasen gibt, in denen alles funktioniert, aber auch welche, in denen es mal nicht ganz rund läuft. Das geht allen Vereinen so, mit Ausnahme vielleicht von den Bayern, die nahezu alle ihre Spiele gewinnen. Da müssen wir sicher noch etwas dazu lernen. Aktuell aber haben auch wir eine der Phasen, in der alles ganz gut passt (schmunzelt).

bundesliga.de: Woher nimmt man spät in der Saison die mentale Stärke, diesen Negativ-Trend umzudrehen?

Bellarabi: Auch in der vergangenen Saison hatten wir eine Phase, in der wir einige Spiele verloren haben. Am Ende aber haben wir Platz vier und später auch die Champions League erreicht. Deshalb wussten wir auch diesmal, dass es uns gelingt diesen Trend zu stoppen. In den vergangenen Wochen haben wir gemerkt, wie gut es der Mannschaft tut, dass wir jetzt weniger Spiele haben. Man darf nicht vergessen, dass wir viele englische Wochen und noch dazu viele Verletzte zu beklagen hatten. Phasenweise haben uns sieben Stammspieler gefehlt, so dass die jungen Spieler gefordert waren, die sich zunächst in diese Situation hineinfinden mussten. Jetzt sieht man, wie gut sich die Jungen entwickelt haben.

bundesliga.de: Wie Julian Brandt, der gegen Stuttgart, Wolfsburg und Köln jeweils das wichtige 1:0 erzielt hat...

Bellarabi: Genau! Julian war in den vergangenen Wochen sehr wichtig für die Mannschaft.

bundesliga.de: In der vergangenen Saison waren Sie der Shooting Star bei Bayer 04. Haben Sie in dieser Hinrunde, als es nicht so gut lief, an sich gezweifelt, oder verbieten sich Selbstzweifel im Profi-Fußball?

Bellarabi: In den englischen Wochen, in denen an jedem dritten Tag ein Spiel ist, bleibt keine Zeit für Zweifel. Man muss einfach immer weiter hart arbeiten und Gas geben. Das haben wir getan und haben immer an uns geglaubt. Und ich denke, dass wir das auch in den letzten Spielen zeigen konnten.

bundesliga.de: Ihre bisherige Karriere hat mehrfach gezeigt, dass ein vermeintlicher Rückschritt tatsächlich ein Schritt vorwärts sein kann. So wechselten Sie 2004 als Jugendspieler von Werder Bremen zum FC Oberneuland...

Bellarabi: Richtig. Und später, 2013, habe ich mich als Profi von Bayer 04 nach Braunschweig ausleihen lassen.

bundesliga.de: War das ein kalkuliertes Risiko oder eher eine Bauchentscheidung?

Bellarabi: Ich war nach meinem Wechsel zu Bayer 04 nahezu ein Jahr verletzt, und es hat gedauert, bis ich wieder richtig fit war. Natürlich wollte ich spielen, habe tatsächlich aber nur wenige Einsätze bekommen. Deshalb habe ich mit Bayer 04 besprochen, dass eine Ausleihe in meiner Situation Sinn machen würde. Einige Vereine hatten damals Interesse, für mich war aber klar, dass ich nur nach Braunschweig gehen würde.

bundesliga.de: Dort hatten Sie bereits von 2009 bis 2011 gespielt...

Bellarabi: Die Eintracht war damals gerade in die Bundesliga aufgestiegen, und mit Torsten Lieberknecht war noch mein alter Trainer im Amt. Und ich wusste, dass ich dort meine Spiele machen würde. Deshalb war Braunschweig für mich nie ein Rückschritt, sondern eine absolut positive Entscheidung. Ich konnte spielen und meine Erfahrungen in der Bundesliga sammeln. Es war traurig, dass wir am Ende absteigen mussten. Dennoch war es ein Jahr, das sehr viel Spaß gemacht hat und für mich und meine Entwicklung sehr wichtig war.

bundesliga.de: Hätten Sie sich gegebenenfalls noch einmal ausleihen lassen?

Bellarabi: Das war zunächst Thema bei meiner Rückkehr. Ich habe dann aber Gas gegeben und Trainer Roger Schmidt hat mir gesagt, dass er mich gerne hier behalten möchte. Dieser Vertrauensbeweis hat mich zum Bleiben bewogen.

bundesliga.de: Und sie bleiben auch noch länger hier und haben erklärt keinen Gebrauch von Ihrer Ausstiegsklausel zu machen und auch in der nächsten Saison für Bayer 04 spielen zu wollen. Was sind Ihre Beweggründe?

Bellarabi: Ich habe hier in Leverkusen alles, was ich brauche: Einen super Verein, eine super Mannschaft und einen super Trainer. Ich fühle mich hier also sehr wohl. Warum sollte ich dann gehen?!

bundesliga.de: Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie für diese Mannschaft, aber auch für sich selbst?

Bellarabi: Für die nächste Saison wünsche ich mir zunächst einmal einen besseren Start als in der aktuellen Spielzeit. Wir hatten wirklich großes Verletzungspech. Wenn bei uns aber von Beginn an alle gesund und fit sind und Gas geben können, bin ich überzeugt, dass hier etwas Großes entstehen kann.

bundesliga.de: Zumindest was das Fußballerische betrifft, gibt es nur wenig Teams, die talentierter sind als Bayer?

Bellarabi: Ich denke, man hat in den vergangenen Wochen gesehen, dass wir einen richtig guten Fußball spielen. Selbstverständlich gab und gibt es immer Dinge, die man verbessern kann. So haben wir in der Phase im März hinten eigentlich immer ganz gut gestanden, vorne aber zu viel rum gespielt und den Ball nicht ins Tor bekommen. Zuletzt aber war das zum Glück wieder anders. Wir haben also wieder einen kleinen Schritt nach vorne gemacht und uns weiterentwickelt.

bundesliga.de: Der nächste wäre die Absicherung von Platz drei am Samstag auf Schalke, gegen einen direkten Konkurrenten. Ein so genanntes Sechs-Punkte-Spiel?

Bellarabi: Auf jeden Fall! Ich sehe Schalke auch aktuell immer noch als direkten Konkurrenten. Deshalb wollen wir die drei Punkte unbedingt mitnehmen und den dritten Platz sichern. Es wäre traumhaft, wenn uns das wirklich gelingen würde (zur Tabelle).

bundesliga.de: Gegen Hertha BSC und in Mönchengladbach geht es in den dann verbleibenden drei Partien noch zweimal gegen Mitkonkurrenten. Ein Vorteil, weil man alles in der eigenen Hand hat, oder eher ein Nachteil, weil der Druck stetig steigt?

Bellarabi: Keine Frage, das sind schwierige Gegner, die auf uns warten. Trotzdem sehe ich das positiv. Denn wir haben es jetzt in der eigenen Hand, uns von den Mitkonkurrenten abzusetzen. Dafür werden wir alles tun und uns hundertprozentig auf die Aufgabe konzentrieren. Dann glaube ich, dass wir punkten werden und unseren dritten Platz beschützen können.

bundesliga.de: Wie steht es um den Einsatz von Chicharito auf Schalke?

Bellarabi: Er konnte in dieser Woche auf jeden Fall trainieren, so dass ich hoffe, dass er einsatzfähig ist.

bundesliga.de: Beschreiben Sie bitte den Fußballer Chicharito. Bellarabi: Man freut sich natürlich, wenn man mit einem Profi zusammen spielen darf, der in den vergangenen Jahren bei Top-Clubs wie Manchester United oder Real Madrid gespielt hat. Dort hat er es nicht immer einfach gehabt, umso mehr aber große Erfahrung gewinnen können. Er ist für uns und für unsere Art Fußball zu spielen enorm wichtig. Nicht zuletzt durch seine Tore stehen wir dort, wo wir aktuell stehen. Mir macht es immer großen Spaß mit ihm zusammen Fußball zu spielen.

bundesliga.de: Betonung auf spielen - das kommt Ihnen sehr gelegen...

Bellarabi: Na klar. Ich denke, dass unsere gesamte Offensive richtig guten Fußball spielt. Das sieht man auch daran, wie wir vorne zusammen arbeiten und die Tore herausspielen. Und so soll es in den nächsten Wochen auch bleiben.

bundesliga.de: Nach Saisonende geht es für Sie noch weiter?

Bellarabi: (schmunzelt) Ich hoffe, dass ich bei der Europameisterschaft in Frankreich dabei sein darf.

bundesliga.de: Also kommen Ihre Top-Leistungen gerade zur rechten Zeit...

Bellarabi: Es wäre schön, wenn ich mich damit beim Bundestrainer anbieten könnte. Voraussetzung ist, dass ich in den kommenden Wochen hoffentlich fit bleibe. Bei der EM dabei zu sein, das ist mein großer Traum. Und Urlaub habe ich ohnehin noch keinen geplant.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die deutsche Gruppe und die Titelchancen der deutschen Elf?

Bellarabi: Ich glaube, dass bei dieser EM viele gute Mannschaften mit noch jungen Spielern antreten. Deutschland hat mit Polen einen schwierigen Gegner in der Gruppe. Nichtsdestotrotz ist die deutsche Mannschaft für mich Top-Favorit auf den Gruppensieg, ganz klar! Alles Weitere wird man sehen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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