Bundesliga

20.05.2016 - 10:41 Uhr


Julian Nagelsmann: "Der Menschenführer ist mehr wert als der Topfachmann"

Sinsheim - Es waren aufregende drei Monate für Julian Nagelsmann: Im Februar wurde der ehemalige Jugendtrainer vorzeitig zum Profitrainer der abstiegsbedrohten TSG Hoffenheim ernannt. So nebenbei absolvierte der mit 28 Jahren jüngste Bundesliga-Cheftrainer aller Zeiten noch seine letzten Prüfungen zum Fußballlehrer, bevor er die TSG mit einer aufsehenerregenden Aufholjagd mit 23 Punkten in 14 Spielen doch noch vor dem Abstieg rettete (zur Tabelle).

Vor der Abfahrt in den Urlaub an Chiemsee und Gardasee sprach Nagelsmann noch einmal über die Rettung der TSG Hoffenheim, warum das Spielglück in Hoffenheim zurückkehrte und wie er eine verunsicherte Mannschaft wieder zu Gewinnern machte.

Julian Nagelsmann über die Gründe der Erfolgsserie:

"Ein entscheidender Faktor war, dass ich in Bremen in meinem ersten Spiel nach zwei Trainingseinheiten eine neue Grundordnung gewählt habe, die die Mannschaft noch nie gespielt hatte. Es hat ein bisschen Mut gebraucht, dies der Mannschaft zu verklickern. Die Spieler haben aber gemerkt, der Trainer ist ein bisschen verrückt und haben in dem Spiel, das 1:1 ausgegangen ist, verstanden, es ist egal, welche Grundordnung man spielt - viel wichtiger ist die Art und Weise, die Einstellung, mit der man eine Aufgabe angeht."

"Ich habe das Team nicht nur so aufgestellt, weil die Formation auf Bremen gepasst hat, sondern auch, um die Sinne der Spieler zu schärfen. Und dadurch gab es offenbar ein Klick im Kopf der Spieler, sie haben gemerkt: Wir können das noch schaffen. Und wenn man dann das nächste Spiel gewinnt, dann kommt das Selbstvertrauen zurück und auch das Vertrauen in den neuen Trainer wächst. Und so entsteht dann ein kleiner Flow."

Nagelsmann über Spielglück:

"Spielglück gehört immer dazu. Aber da sind wir beim berühmten Bayern-Dusel, das ist kein Glück: Immer Glück ist Können. Wenn man, wie wir, vier Mal in der Schlussphase Punkte holt, ist das kein Glück mehr. Das hat man sich erarbeitet. Wenn ich dann lesen muss, Hoffenheim hat sich mit einer Niederlage in Hannover gerettet, ist das natürlich Quatsch."

"Wir sind nicht in der Klasse geblieben, weil wir in Hannover verloren haben, sondern weil wir sieben Spiele vorher gewonnen haben. Wenn wir eine Partie mehr verloren hätten, wären wir abgestiegen. Wir haben viele Punkte geholt, aber viel weniger hätten es auch nicht sein dürfen. Es gleicht sich doch vieles aus über eine Saison. Denn man darf nicht vergessen, dass wir auch viele Punkte in dieser Runde am Ende von Spielen verloren hatten."

Nagelsmann über Unberechenbarkeit:

"Wir haben in 14 Spielen mit der TSG nur drei Mal mit der gleichen Grundordnung gespielt. Immer neue Reize zu setzen, ist wichtig, in Spielen und im Training. Der Fußball ist begrenzt, es gibt eigentlich nur vier Phasen: Wenn man selbst den Ball hat, wenn ihn der Gegner hat und wenn du ihn gewinnst oder verlierst. Das ist im Prinzip der Fußball, mehr gibt es nicht."

"Und jede dieser Phasen kannst du mit tausenden Übungen trainieren, mit neuen Regeln, neuen Spielformen etc.. Natürlich geht es bei den Variationen darum, die Spieler wach und die Freude am Sport hochzuhalten. Natürlich verdienen Fußballprofis viel Geld, aber dennoch machen sie ja oft dasselbe, deshalb muss man die Freude immer auch durch Variabilität in den Mittelpunkt stellen."

Nagelsmann über Empathie und Taktik:

"Der Türöffner für mich bei der Mannschaft war Empathie. Es gibt zwei Möglichkeiten an so eine Situation heranzugehen: Entweder du haust drauf, und sagst den Spielern ständig, wie schlecht sie sind und dass sie jetzt aber endlich gewinnen müssen. Oder du versuchst, sie in ihrer Situation abzuholen, sie zu verstehen. Ich unterstelle mal, es gibt keinen Spieler, der absichtlich schlecht spielt, Spiele verliert und absteigen will. Taktik zum Beispiel ist total untergeordnet der persönlichen Beziehung, als Trainer bist du immer sozial gefragt, fast mehr als Psychologe."

Video: Julian Nagelsmann beginnt seine Aufgabe mit Optimismus

"Die mentale Seite macht sicher 70 Prozent der Arbeit aus, 30 Prozent sind Inhalt. Wenn ein Trainer fachlich top ist, aber sozial ein Idiot, dann wird er niemals große Erfolge haben. Wenn ein Trainer aber eine gute Beziehung zu seinen Spielern aufbauen kann, fachlich jedoch 30 bis 40 Prozent hinter der Weltspitze liegt, kann er trotzdem ins internationale Geschäft kommen. Der Menschenführer ist mehr wert als der Topfachmann."

Nagelsmann über Vorbilder:

"Ein klassisches Vorbild habe ich nicht, ich schaue mir von vielen Trainern Dinge ab. Thomas Tuchel hat mich sehr geprägt, weil er mein Trainer war beim FC Augsburg.  Bei ihm haben mich die extremen Trainingsreize fasziniert, jedes Training war sehr anspruchsvoll. Das war in der Zusammenarbeit sehr anstrengend für die Spieler, weil Thomas positiv nervig war, er wollte immer alles aus dir herausholen. Diese  Zeit war sehr wertvoll für mich. An Pep Guardiola finde ich gut, wie er seine Mannschaften spielen lässt. Ich finde auch die Art und Weise seines Coachings an der Linie gut, er lebt diesen Sport."

"Er versucht, die Stärken und Schwächen der Gegner zu sezieren, obwohl er eine der besten Mannschaften der Welt trainiert. Diese Herangehensweise gefällt mir. Auch Carlo Ancelotti finde ich total interessant, der einen ganz anderen Ansatz verfolgt. Er kommt mehr über das Familiäre, lässt den Spielern mehr Freiheiten im Gegensatz zu Guardiola, der die Spieler schon in Muster hineinpresst. Ancelotti ist eher so der Beziehungstyp. Auch Ottmar Hitzfeld war außergewöhnlich in der Menschenführung. Aktuell gibt es Trainer, die mit total pragmatischem Fußball mehr aus ihren Mannschaften herausgeholt haben, als man gedacht hat. Ralph Hasenhüttl in Ingolstadt zum Beispiel, oder Dirk Schuster in Darmstadt. Man kann sich bei vielen Trainern gute Dinge abschauen."

Nagelsmann über Energie:

"Ich habe grundsätzlich viel Energie, manchmal vielleicht zu viel.  Deshalb bin ich nach dieser intensiven Saison jetzt erst mal ein bisschen müde, aber nicht leer. Vielleicht kommt die Erschöpfung noch nach den ersten Urlaubstagen in Form einer kleinen Grippe. Denn insgesamt ist die Arbeit bei den Profis durch die gestiegene öffentliche  Wahrnehmung schon anstrengend, man wird häufiger abgesprochen."

"Der Ergebnisdruck ist hoch, man wird auch privat ständig angesprochen. Mittlerweile werde ich ja schon im Supermarkt gefragt, was ich mit einer Kiwi mache, die ich gerade in meinen Einkaufskorb lege. Man muss immer lächeln, immer gut drauf sein, diese ständige Beobachtung aber ist schon ein riesiger Unterschied zur Arbeit im Jugendbereich und kostet Energie. Dazu kommt als Trainer im Profibereich dieser absolute Erfolgsdruck."

Nagelsmann über Medien:

"Wenn nicht irgendwo etwas total Interessantes steht, oder mir etwas ganz Wichtiges vorgelegt wird, dann lese ich das nicht. Mich interessieren eher die Zitate der Spieler, die sie den Journalisten direkt nach dem Spiel geben. Denn dort sagen sie öfter andere Dinge als intern. Und was aus den Emotionen heraus nach dem Abpfiff gesagt wird, enthält ja oft auch viel Wahrheit. Und das kann ich wiederum in meine Arbeit einfließen lassen."

Nagelsmann über seinen Umgang mit Ersatzspielern:

"Zu Beginn habe ich den Spielern schon lange erklärt, warum sie nicht eingesetzt werden. Ob ich das jetzt noch tue, hängt stark davon ab, wie der Spieler sich unter der Woche im Training präsentiert. Wenn sich einer voll reinhängt, aber vielleicht aufgrund taktischer Überlegungen nicht spielt, dann suche ich schon das Gespräch. Wenn er jedoch die Woche schlecht trainiert, erwarte ich von dem Spieler, dass er selbst kritisch mit sich umgeht. Aber wie gesagt, wenn es eine enge Entscheidung ist, spreche ich in der Regel mit dem Spieler."

Nagelsmann über die richtige Ansprache:

"Es gibt sehr viel verschiedene Spielertypen.  Man muss schon wissen, mit welchem Spieler man wie redet. Man darf auch nicht alles in Mannschaftskreis ansprechen, weil manche Spieler eine  bestimmte Rhetorik vielleicht gar nicht verstehen. Man muss immer auch Einzelgespräche einstreuen und wechseln zwischen Fachlichkeit und der Sprache der Spieler."

Video: Julian Nagelsmanns Mission in Hoffenheim

"Ein flapsiger Spruch kann in bestimmten Situationen hilfreicher sein als eine fachliche Analyse. Hier viel abzuwechseln hilft, sich nicht zu schnell als Trainer abzunutzen. Die Halbwertzeit eines Trainers ist ja begrenzt - auch bei mir. Aber ich will versuchen, sie durch rhetorische Kniffe herauszögern."

Nagelsmann über das Hoffenheimer Image:

"Ich glaube, viele Vereine würden gerne tauschen mit uns. Wir gehen nun in die neunte Bundesligasaison. Natürlich sind wir noch ein junger Verein im Profibereich und wollen unser Profil schärfen. Die Reputation in der Öffentlichkeit wächst durch sportliche Erfolge, und vielleicht werden wir ja bald nicht mehr als graue Maus wahrgenommen werden. Wobei mir als Trainer relativ egal ist, ob irgendwo über uns steht, graue Maus oder bunter Vogel. Wir können jedenfalls stolz sein, dass wir die Klasse gehalten haben. Ziel ist natürlich jetzt, eine Saison wie die abgelaufene in Zukunft zu vermeiden."

Nagelsmann über junge Feuerwehrmänner:

"Ich habe ja auch eine Ausbildung als Feuerwehrmann (lacht). Nein, das war ein Scherz. Ob junge Trainer künftig mehr Chancen bekommen, weiß ich nicht. Es muss passen. Es muss Vertrauen in den Trainer beim Verein da sein und der Trainer muss in die Situation passen. Ich glaube schon, dass die Wahrscheinlichkeit gestiegen ist, dass Vereine jüngeren Trainern eine Chance geben, weil es hier gut gegangen ist. Aber die Voraussetzungen müssen passen.  Unabhängig vom Alter muss natürlich auch eine gewisse Qualität da sein, die Mannschaftsstruktur muss stimmen, die Spieler den jungen Trainer akzeptieren. Wenn all das zusammenkommt, kann das funktionieren."

Nagelsmann über Titulierungen:

"Als ich angefangen habe bei den Profis hieß es über mich: Trainer-Novize oder Trainer-Bubi - immer begleitet von einem süffisanten Unterton. Ein Trainer-Novize bin ich sicher nicht und mit fast 30 Jahren sicher auch kein Bubi. Denen, die dennoch so dachten, bewiesen zu haben, mit der Mannschaft gut arbeiten zu können und die Klasse zu halten, war mir wichtig."

Nagelsmann über einen möglichen Umbruch im TSG-Kader:

"Die Gefahr nach so einer Saison besteht immer. Spieler gehen, Spieler kommen, ich habe aber noch nie eine Zahl gehört, wann im Fußball definitiv von einem Umbruch zu reden ist. Es gibt immer zwei Seiten, die des Spielers und die des Trainers. Ich lege sehr viel Wert auf die Meinung der Spieler. Gleichzeitig jage ich niemanden weg. Ich bin offen für Gespräche, wenn jemand sich woanders mehr Spielanteile erhofft und wechseln möchte. Bei den umworbenen Spielern, die wir halten wollen, kann ich derzeit nur sagen, dass sie Vertrag haben."

"Wichtig ist, dass sich Spieler weitentwickeln und das geht vor allem über viel Spielpraxis, die für diese Profis bei uns gegeben ist. Bei der Integration von Neuzugängen sehe ich unterdessen den größten Unterschied gegenüber dem Jugendfußball. Neue Spieler müssen bei den Profis sofort funktionieren. In der Jugend bleibt mehr Zeit für die Entwicklung von Spielern. Im der Bundesliga steht man natürlich viel stärker im öffentlichen Fokus, alles wird kritisch beäugt, die Vereine nehmen unter Umständen viel Geld in die Hand. Und dennoch muss vom ersten Spiel im DFB-Pokal an das Gefüge passen."

Nagelsmann über das Profil künftiger Zugänge:

"Ich schließe nichts aus bei Neuverpflichtungen, es gibt zum Beispiel keine Altersbegrenzung bei der Auswahl. Wichtig ist, dass ich ein gutes Gefühl habe im Gespräch mit möglichen Zugängen. Ich spreche vorab mit jedem Kandidaten, um zu sehen, ob es einen Draht gibt. Und wenn er ins Gesamtgefüge passt und wir auf einer Wellenlänge liegen, kann er ruhig auch etwas älter sein."

Tobias Schächter

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