Bundesliga

04.02.2016 - 14:33 Uhr


Nowotny: "Leverkusen kann die Bayern schlagen"

Jens Nowotny war lange Kapitän der Werkself, für die er 233 Bundesliga-Spiele bestritt

Köln - Wenn am Samstagabend Bayer 04 Leverkusen den FC Bayern München zum Topspiel des 20. Spieltages empfängt, wird auch Jens Nowotny wieder ganz genau hinschauen. Zehn Jahre spielte der heute 42-Jährige zwischen 1996 und 2006 als Abwehrchef für die Werkself. Für bundesliga.de bewertet der 48-malige Nationalspieler im Interview die Chancen der Rheinländer und wie Bayer 04 dem Rekordmeister weh tun könnte (zur Vorschau).

bundesliga.de: Herr Nowotny, der FC Bayern hat in der Tabelle 21 Punkte Vorsprung auf Bayer 04 Leverkusen. Kann man da schon von einem Klassenunterschied sprechen? Oder treffen in der BayArena zwei Champions-League-Teilnehmer beinahe auf Augenhöhe aufeinander?

Jens Nowotny: Wenn man sich die Kader der beiden Vereine ansieht, besteht da schon seit vielen Jahren ein Klassenunterschied. Trotzdem gibt es immer wieder Möglichkeiten, diesen Klassenunterschied gerade in einem Spiel auszugleichen. Leverkusen kann die Bayern an den Rand einer Niederlage bringen oder sie sogar schlagen. In der Tabelle ist die Situation eindeutig. Aber das heißt nicht, dass Leverkusen am Samstag nicht gewinnen kann.

"Leverkusen muss im Block verteidigen"

bundesliga.de: Wie sind die Bayern zu packen?

Nowotny: Leverkusen hat die Mittel dazu im Offensivbereich, wenn die Mannschaft versucht, die Bayern unter Druck zu setzen. Sie darf aber nicht blind mit ein oder zwei Spielern gegen eine Überzahl der Münchener anlaufen. Dafür sind die Bayern zu kombinationssicher und zu stark. Wichtig wird sein, dass Bayer 04 ein Block ist. Wenn sie vorne angreifen, muss hinten rausgerückt werden. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Wenn sich die Defensive zurückzieht, muss sich die ganze Mannschaft zurückziehen. Es ist egal, ob man den Gegner vorne oder in der eigenen Hälfte attackiert. Hauptsache, die ganze Mannschaft macht mit.

bundesliga.de: Bei den Bayern herrscht ein bisschen Unruhe, der Verein kämpft mit Verletzungspech. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation in München wahr?

Nowotny: Dazu fällt mir ein Spruch ein: "Die traurigsten Worte, die es gibt, sind: Was wäre gewesen?" Es ist egal, ob man im Vorfeld sagt, dass jetzt genau der richtige Moment gekommen ist. Entscheidend ist, dass man nicht nach dem Spiel lamentiert: "Meine Güte, hätten wir nur ein bisschen mehr gemacht, dann hätten wir sie gehabt." Im Vorfeld kann man sich nur das Beste vornehmen und dann versuchen, es umzusetzen. Es spielt keine Rolle, ob die Bayern viele Verletzte haben, weil der Kader, den sie dann aufbieten, immer noch die Qualität des oberen Tabellendrittels verkörpert.

bundesliga.de: Die Bayern haben mit nur neun Gegentoren die mit Abstand beste Abwehr der Bundesliga. Allerdings fallen jetzt feste Größen wie Jerome Boateng oder Javi Martinez aus. Könnte das die Bayern trotz ihres großen Kaders verunsichern?

Nowotny: Ich schaue bei Spielen mehr auf das Gesamtkonstrukt einer Mannschaft als auf einzelne Spieler. Für mich spielt es keine Rolle, ob ein Boateng spielt oder nicht. Es gibt eine Position, die er bekleidet. Wenn er nicht spielt, kommt ein anderer zum Zug. Die Möglichkeit, ein Spiel zu gewinnen, besteht immer, ganz egal, ob beim Gegner die erste, zweite oder dritte Mannschaft antritt. Man muss seine eigene Leistung abrufen. Wenn man dann nach dem Spiel sagen kann, dass man wirklich alles gegeben hat und es trotzdem nicht gereicht hat, dann ist das eben so.

"Chicharito und Kießling: Das passt"

bundesliga.de: Bei Bayer Leverkusen hat sich zuletzt die Kombination aus Chicharito und Stefan Kießling etabliert (Infografik: Das Duell der Torjäger-Duos). Halten Sie das Sturmduo für die ideale Besetzung?

Nowotny: Aktuell ja. Am Anfang hat es nicht so gepasst, da hieß es von den entscheidenden Stellen, dass es nicht geht. Jetzt funktioniert es. Das zeigt meines Erachtens eine gewisse Klasse. Man muss sich auf den Sturmpartner erst einmal einstellen und man kann das auch. Im Moment passt es. Die Mannschaft hat auch im letzten Spiel über weite Strecken Druck entwickelt und sich Chancen erarbeitet. Der Schlüssel wird sein, sicher als Block zu stehen und sich nicht verleiten zu lassen, in einer guten Phase zu offen zu werden. Die Bayern sind individuell so stark, dass sie kleine Fehler ausnutzen können.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie insgesamt die Entwicklung der Werkself?

Nowotny: Es ist noch etwas durchwachsen. Aber das war es zu meiner Zeit letztendlich auch. Wir hatten auch gute und weniger gute Phasen. Bei Erfolg heißt es, dass man sich toll weiterentwickelt hat, bei Niederlage, dass man noch lernen muss. Es ist ein ständiger Prozess. Die Situation ist augenblicklich wieder gut. Der Club scheint auf Champions-League-Kurs zu sein, wo er mit der Mannschaft auch qualitativ hingehört. Aber es gibt auch noch andere starke Mannschaften. Wichtig ist die Konstanz, Spiele zu gewinnen. Nicht nur gegen die Bayern, sondern auch gegen die anderen Mannschaften.

"Die Bayern können noch stolpern"

bundesliga.de: Das machen die Bayern, die 17 von 19 Bundesliga-Spielen gewonnen haben, vor. Trotzdem liegt Borussia Dortmund "nur" acht Punkte hinter dem Rekordmeister. Könnte der BVB das Titelrennen noch einmal spannend machen?

Nowotny: Die Bayern können noch stolpern. Aber die Frage ist dann, ob die anderen Mannschaften das ausnutzen können. Meistens war das nicht der Fall. Auch die anderen Vereine haben Punkte liegen lassen.

bundesliga.de: Wie lautet Ihr Tipp für Samstag?

Nowotny: Ein Tipp ist schwer. Ich wünsche mir, dass Leverkusen 2:0 gewinnt.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

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