Bundesliga

17.02.2017 - 14:00 Uhr


Vestergaard: "Jede Entscheidung, die man nur einen Hauch zu spät trifft, ist eine falsche"

Mönchengladbach - Borussia Mönchengladbach ist hervorragend aus der Winterpause gekommen. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Innenverteidiger Jannik Vestergaard über die Gründe für die wiedergewonnene Stärke der Borussen, über den nächsten Gegner, RB Leipzig, und über Glück und Psychologie.

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bundesliga.de: Herr Vestergaard, bisweilen scheint Profi-Fußball eben doch der simplen Gleichung zu folgen "Neuer Trainer gleich umgehender Erfolg"...

Jannik Vestergaard: Davon abgesehen, dass ich denke, dass wir gerade nicht "nur" auf einer Welle reiten, sondern dass wir tatsächlich Vieles richtig gut machen und bereit sind, das umzusetzen, was der Trainer von uns verlangt, spielt die Psychologie eben doch eine ziemlich große Rolle. Wir sind vor Weihnachten nach und nach in eine Gefühlslage hineingeraten, bei der wir nicht mehr daran geglaubt haben, dass wir ein Spiel gewinnen können...

bundesliga.de:...bis mit Dieter Hecking ein neuer Trainer gekommen ist...

Vestergaard: ...so dass mit einem Mal die alte Energie wieder da ist. Spieler, die zuvor vielleicht weniger im Fokus gestanden haben, sehen plötzlich die Möglichkeit sich aufs Neue zu beweisen. Und die anderen, die zuvor meist gespielt haben, wollen ihren Status bewahren und müssen sich ebenfalls zeigen. Da spielen sich ganz simple psychologische Mechanismen ab, die den nach einem Trainerwechsel häufig schnell einsetzenden Erfolg durchaus erklären können. In unserem speziellen Fall kommt noch dazu, dass wir mit dem neuen Trainer eine komplette Winter-Vorbereitung absolvieren und so intensiv an den Dingen arbeiten konnten, die er von uns sehen möchte.

bundesliga.de: Wie haben Sie persönlich die Wochen vor Weihnachten wahrgenommen?

Vestergaard: In der Hinrunde wollten wir um jeden Preis spielbestimmend und stets in Ballbesitz-Modus sein. Zu Beginn hat das durchaus gut funktioniert, und auch Spiele wie gegen Köln waren noch in Ordnung und hätten eigentlich einen Sieg verdient gehabt. Mit den Negativ-Erlebnissen aber ist das Kollektiv allmählich immer tiefer in den Schlamassel gerutscht. Und plötzlich stimmten nicht mehr nur die Ergebnisse nicht mehr, sondern auch die Leistungen wie in den Spielen gegen Augsburg oder Wolfsburg waren alles andere als atemberaubend. Und wenn du nicht mehr daran glaubst das Ruder herumreißen zu können, wie willst Du ein Spiel dann dominieren?!

bundesliga.de: Abgesehen von einer taktischen Änderung wie der Rückkehr zur Viererkette, was hat Hecking der Mannschaft mit auf den Weg in die Rückrunde gegeben?

Vestergaard: Von Beginn an stand ‚back to basics’ im Vordergrund. Wir haben uns voll darauf konzentriert, wie wir als Mannschaft gegen den Ball arbeiten. Jetzt stehen wir wieder sehr kompakt, und jeder ist bereit für den anderen weite Wege zu machen.

bundesliga.de: Tatsächlich hat sich die durchschnittliche Laufleistung im Vergleich zur Vorrunde deutlich erhöht.

Vestergaard: Eigentlich war ich nie ein Freund von Statistiken. Schaut man etwa auf Barca, sieht man, dass diese absolute Top-Truppe im Schnitt gerade einmal hundert Kilometer läuft. Aber erstens sind wir nicht Barca, und zweitens ist es nicht von der Hand zu weisen, dass wir uns über diese Laufleistung die Sicherheit zurückgeholt haben. Wir bereiten dem Gegner jetzt wieder große Schwierigkeiten, indem wir ihn unablässig bearbeiten. Dass wir vorne enorme Qualität haben, die auch zum Tragen kommt, wenn sich Chancen zum Kontern ergeben, das wissen wir ohnehin. Diese Konsequenz müssen wir nun beibehalten, und müssen von uns gegenseitig verlangen so weiterzuarbeiten. Zu denken "es läuft ja wieder, jetzt können wir einen Gang zurückschalten", das wäre dumm und würde alles aufs Spiel setzen, was wir uns in den vergangenen Wochen erarbeitet haben.

Video: Borussia schlägt Freiburg

bundesliga.de: Auch Sie persönlich scheinen sich wohler zu fühlen, ist das nicht zuletzt der Rückkehr zur Viererkette geschuldet?

Vestergaard: Die Viererkette ist für mich in der Tat so etwas wie der Normalzustand, weil es das ist, was ich schon zehntausendmal erlebt habe. Natürlich habe ich hin und wieder auch Dreierkette gespielt, u. a. mit Andreas (Christensen, d. Red.) in der dänischen Nationalmannschaft. Aber man hat das nicht so tief in sich drin wie die Viererkette. Entscheidungen müssen aber oft in Bruchteilen von Sekunden getroffen werden, und jede Entscheidung, die man nur einen Hauch zu spät trifft, ist eine falsche Entscheidung.

bundesliga.de: Nach dem Top-Start in die zweite Saisonhälfte träumt mancher Fan schon wieder von Europa; ist das in der Mannschaft auch ein Thema?

Vestergaard: Soweit denke zumindest ich nicht. Denn man sollte nicht verschweigen, dass wir nach der Winterpause zwar gute Leistungen gezeigt, die Gegner aber sicher nicht an die Wand gespielt haben. Ob Leverkusen oder Freiburg oder Bremen - es waren allesamt enge Spiele. Deshalb glaube ich, dass das Gerede von Europa und davon, eine sonst vielleicht durchschnittliche Saison noch zu einer gut machen zu können, aktuell einfach nicht angebracht ist. Es mag langweilig klingen. Aber wir sollten tatsächlich nur von Spiel zu Spiel denken. Und es ist ja noch eine ganze Reihe von Spielen, die vor uns liegen. Schließlich sind wir noch in drei Wettbewerben vertreten.

bundesliga.de: Mit RB Leipzig kommt – trotz der 0:3-Heimniederlage gegen HSV - eines der bisher stärksten Teams dieser Saison in den Borussia Park. Sind Sie von der Stärke des Aufsteigers überrascht?

Vestergaard: Ganz ehrlich, wer behauptet, dass er nicht überrascht ist von den herausragenden Leistungen der Leipziger, der sagt wohl nicht ganz die Wahrheit. RB hat schon jetzt etwas ganz Besonderes geschafft, egal, was in den kommenden Spielen noch passieren mag. Allerdings glaube ich, dass man in Leipzig selbst durchaus so große Ambitionen hat, dass sich die Überraschung intern dort in Grenzen hält.

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bundesliga.de: Haben Sie Kontakt zu Ihrem Landmann Yussuf Poulsen?

Vestergaard: Natürlich unterhalten wir uns hin und wieder über die Situation. Zudem kenne ich ja auch Dominik Kaiser, mit dem ich in Hoffenheim, und Davie Selke, mit dem ich in Bremen zusammengespielt habe, gut. Ich weiß, wie man dort tickt und empfinde die Spielweise von RB auch gar nicht als so überraschend. Wenn man ein Spiel von ihnen gesehen hat, weiß man, was auf einen zukommt. Aber sie machen es so gut, dass es wahnsinnig schwer ein Mittel gegen sie zu finden. Sie kommen immer mit hoher Intensität und sehr viel Aggressivität und spielen nach Ballgewinn umgehend nach vorne auf ihre schnellen Leute. Ich bin sicher, dass auch diese Partie eine ganz enge Sache wird.

bundesliga.de: Mit RB Leipzig kommt – trotz der 0:3-Heimniederlage gegen HSV - eines der bisher stärksten Teams dieser Saison in den Borussia Park. Sind Sie von der Stärke des Aufsteigers überrascht?

Vestergaard: Ganz ehrlich, wer behauptet, dass er nicht überrascht ist von den herausragenden Leistungen der Leipziger, der sagt wohl nicht ganz die Wahrheit. RB hat schon jetzt etwas ganz Besonderes geschafft, egal, was in den kommenden Spielen noch passieren mag. Allerdings glaube ich, dass man in Leipzig selbst durchaus so große Ambitionen hat, dass sich die Überraschung intern dort in Grenzen hält.

bundesliga.de: Haben Sie Kontakt zu Ihrem Landmann Yussef Poulsen?

Vestergaard: Natürlich unterhalten wir uns hin und wieder über die Situation. Zudem kenne ich ja auch Dominik Kaiser, mit dem ich in Hoffenheim, und Davie Selke, mit dem ich in Bremen zusammengespielt habe, gut. Ich weiß, wie man dort tickt und empfinde die Spielweise von RB auch gar nicht als so überraschend. Wenn man ein Spiel von ihnen gesehen hat, weiß man, was auf einen zukommt. Aber sie machen es so gut, dass es wahnsinnig schwer ein Mittel gegen sie zu finden. Sie kommen immer mit hoher Intensität und sehr viel Aggressivität und spielen nach Ballgewinn umgehend nach vorne auf ihre schnellen Leute. Ich bin sicher, dass auch diese Partie eine ganz enge Sache wird.

bundesliga.de: Mit Thomas Delaney von Werder Bremen spielt seit der Winterpause ein weiterer Landsmann von Ihnen in der Bundesliga.Hat Delaney vor seinem Wechsel Informationen bei Ihnen über Werder und die Bundesliga eingeholt?

Vestergaard: Thomas und ich kennen uns schon sehr lange, weil wir in der Jugend gemeinsam bei KB Kopenhagen gespielt haben. Und natürlich hat er sich bei mir erkundigt. Ein Wechsel bedeutet ja nicht nur, dass man von einem Verein zu einem anderen wechselt. Auch der Alltag in der neuen Umgebung muss funktionieren, die Freundin oder die Familie müssen sich wohl fühlen. Das ist also eine große Entscheidung. Ich konnte Thomas über die Bundesliga, über Werder und über die Stadt Bremen nur Positives berichten. Die sportliche Situation bei Werder mag im Moment zwar etwas schwierig sein. Ich wünsche allen in Bremen aber, dass man bald wieder dort steht, wo Werder eigentlich hingehört.

bundesliga.de: "Eine große Entscheidung": Sie sind nun ein halbes Jahr bei Borussia. Wie heimisch fühlen Sie sich, sportlich, aber auch persönlich und menschlich?

Vestergaard: Dadurch, dass ich schon eine ganze Reihe von Jahren in Deutschland lebe, fällt die Eingewöhnung natürlich leichter. Ich komme aus dem Zentrum von Kopenhagen und mag es, wenn viele Menschen um mich herum sind, auch wenn ich sie persönlich gar nicht kenne. Das kann mir z. B. auch Düsseldorf bieten, eine Stadt, in der viel passiert. Ich fühle mich in Deutschland, in Mönchengladbach oder in Düsseldorf sehr wohl, und die Tatsache, dass in Krefeld ein Teil meiner Familie mütterlicherseits lebt, macht alles noch einfacher und schafft ein echtes Heimatgefühl.

bundesliga.de: "Ich bin wie jeder Mensch auf der Suche nach dem Glück und bin froh es gefunden zu haben", haben Sie kürzlich in einem Interview gesagt. Was genau macht Glück für Sie aus?

Vestergaard: Dass man Menschen um sich hat, die man liebt und die einen hoffentlich auch lieben. Ich betrachte die Karriere als Profi-Fußballer wie ein großes Abenteuer und darf heute den Traum leben, den ich bereits als kleines Kind auf dem Bolzplatz geträumt habe. Viele Jungs träumen diesen Traum, nur die wenigsten aber dürfen ihn später wirklich leben. Das ist ein ungeheures Privileg. Profis dürfen verschiedene Länder, Kulturen, Sprachen und Städte kennenlernen und haben die Möglichkeit viel von der Welt zu sehen. Und in meinem Fall darf ich das alles noch mit meiner Verlobten teilen. Das ist für mich Glück.

bundesliga.de: Hat jemand wie Sie, der durch seinen Job privilegiert ist, dennoch Angst, dass ihm dieses Glück zwischen den Fingern zerrinnen könnte?

Vestergaard: Ich bin eher Optimist, weiß aber natürlich einzuschätzen, ob etwas, was ich tue oder lasse, dumm sein und Folgen nach sich ziehen könnte, die ich bereuen würde. Ich möchte hier zwar nicht alles romantisch reden, versuche aber mein Glück so unbeschwert wie möglich zu leben. Natürlich gibt es Dinge, gerade auch im Fußball, die mich frustrieren. Aber ein Pessimist oder ein Zweifler bin ich nicht. Und ich habe als Fußballer auch dann nie an mir gezweifelt habe, wenn es alles andere als danach aussah, dass ich der der große Durchstarter werden könnte. Irgendwie habe ich mir, ganz naiv, immer den Glauben daran bewahrt, dass ich es schaffen kann als Profi.

bundesliga.de: Wären Selbstzweifel mit dem Job als Fußball-Profi überhaupt vereinbar?

Vestergaard: Ich glaube, das wäre tödlich. Wenn ich auf den Platz gehe und daran zweifele, dass ich meine Pässe an den eigenen Mann bringe, wird genau das passieren – die Pässe werden nicht ankommen. Gehe ich aber raus und sage "Ich bringe meine Pässe an den Mann", wird mir das zwar nicht in jedem einzelnen Fall gelingen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass acht von zehn ankommen, ist doch weit höher als wenn ich nicht daran glauben würde. Das heißt allerdings nicht, dass man nicht selbstkritisch sein darf bzw. sogar sein muss. Fehlende Selbstkritik wäre ebenso fatal wie große Selbstzweifel. Es ist ein Balance-Akt, der nicht ganz einfach ist. Man muss reflektieren können, wann man etwas ändern muss. Meiner Meinung nach wird dieser Faktor, der mentale Bereich, im Fußball immer noch ein wenig unterschätzt. Das Körperliche ist weitgehend ausgereizt, da bewegen wir uns wohl längst am Limit. Mental aber ist noch einiges möglich. Nur wenn ich weiß, wie ich ein schlechtes Spiel verarbeiten kann, werde ich dieses Spiel nicht mitnehmen in die nächste Partie.

bundesliga.de: Arbeiten Sie in diese Richtung?

Vestergaard: Ich tausche mich viel mit meinem Vater aus und habe auch Kontakt zu einem Sportpsychologen, den ich bisweilen um Rat frage. Da muss es gar nicht um revolutionäre Dinge gehen. Schon die bloße Tatsache, dass man erkennt, dass man das, was sich im Kopf abspielt, nicht ignorieren sollte, kann bereits eine große Hilfe sein.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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