Bundesliga

26.01.2017 - 11:10 Uhr


Jan-Aage Fjörtoft: "Lewandowski die perfekte Nummer neun - Aubameyang eine Kanone"

Köln - In Frankfurt war der Kultstürmer Jan Age Fjörtoft einst Publikumsliebling. Heute ist der 50-Jährige, der zwischen 1998 und 2001 in 52 Bundesliga-Spielen für die Eintracht 14 Tore erzielte, ein international geschätzter TV-Fußballexperte. Im Interview mit bundesliga.de spricht der Norweger über die aktuellen Top-Stürmer der Bundesliga und die Klasse von Robert Lewandowski, Pierre-Emerick Aubameyang und Co.

bundesliga.de: Herr Fjörtoft, die Bundesliga-Hinrunde ist absolviert, und in der Torschützenliste haben gleich fünf Stürmer - Pierre-Emerick Aubameyang, Robert Lewandowski, Anthony Modeste, Sandro Wagner und Timo Werner - schon zweistellig getroffen. Kommt das für Sie überraschend?

Jan-Aage Fjörtoft: In Deutschland hat man in den letzten Jahren nicht so viele Stürmer entwickelt. Ich - als ein Vertreter der "Stürmer-Gewerkschaft" - war mit dem Spielsystem mit einer hängenden Spitze nicht so zufrieden. Jetzt sieht es so aus, als würde für die Stürmer wieder eine Renaissance kommen. Das freut mich sehr. Es spricht für die Bundesliga, dass sie fünf solche ganz unterschiedlichen Typen in der Liga hat.

bundesliga.de: Im heißen Kampf um die Torjägerkanone mischen gerade der Dortmunder Aubameyang (16 Tore), Bayern-Star Lewandowski (14 Treffer) und Kölns Modeste (13 Tore) mit. Wer von den Dreien hat Ihrer Ansicht nach die besten Chancen auf die Kanone?

Fjörtoft: Anthony Modeste kenne ich nicht gut genug, um ihn richtig beurteilen zu können. Ihn habe ich noch nicht live im Stadion gesehen. Die anderen beiden habe ich sehr oft gesehen. Für mich ist Lewandowski der Beste. Als ich ein kleiner Junge war, war Marco van Basten mein großes Vorbild. Lewandowski ist fast so gut wie Marco van Basten. Ein größeres Kompliment kann ich einem Stürmer nicht machen. 2011 habe ich bei Sky angefangen, da war er noch neu in Dortmund und hatte fast schon eine "Torallergie". Da habe ich gesagt: "Wenn der mal anfängt, Tore zu machen, ist er absolute Sitze." Ich mag es, wenn ein Spieler nicht nur ein Torjäger der besten Qualität ist, sondern auch im Spielaufbau sehr gut ist. Er macht seine Tore, beherrscht das Aufbauspiel, hat ein super Auge für das Spiel, er bewegt sich clever – er ist die perfekte Nummer Neun. Ich habe ihn oft in der Champions League interviewt und kenne ihn als Supertyp, er ist mit seiner Einstellung ein Riesenbotschafter für Bayern München. Und wenn du für Bayern München spielst, bist du natürlich auch der Favorit auf die Torjägerkanone.

bundesliga.de: Noch liegt er aber zwei Treffer hinter Aubameyang.

Fjörtoft: Ja. Und Pierre-Emerick Aubameyang ist auch ein ganz anderer Typ. Er ist wie eine Kanone und ein Spieler, der explodiert. Er ist sehr stark, kräftig. Es ist beeindruckend, wie er bei seinen Läufen die Muskeln einsetzt. Als er aus Frankreich kam, hat er anfangs auch noch einige Chancen vergeben. Aber inzwischen macht er auch über 20 Tore pro Saison. Er hat sich bei Borussia Dortmund blendend entwickelt. Es ist ein Vergnügen, ihn zu sehen. Man kann froh sein, dass solche Spieler in der Bundesliga spielen.

bundesliga.de: Ist Lewandowski in Ihren Augen der komplettere Spieler?

Fjörtoft: Ich denke schon. Er ist mit der beste Fußballer, er ist mehr im Spiel drin. Aubameyang ist noch ein Rohdiamant. Er spielt seine Stärken so clever aus, er hat sich mit dem Ball verbessert. Er macht weitere Schritte in seiner Entwicklung. Das ist gut für Dortmund, macht aber auch viele Vereine auf ihn aufmerksam.

bundesliga.de: Wie haben Sie Modeste im Fernsehen bisher wahrgenommen, wenn Sie ihn im Stadion noch nicht gesehen haben?

Fjörtoft: Ich bin sehr beeindruckt von dem, was Modeste und der 1. FC Köln leisten. Wenn man ihn mit Stürmern vergleicht, die bei Dortmund und München spielen, ist das schon ein Kompliment. Es ist einfacher, beim BVB oder den Bayern Tore zu schießen als in Köln. Deshalb sind seine Leistungen schon beeindruckend.

Video: Anthony Modeste - Torjäger mit Humor

bundesliga.de: Hinter dem Spitzentrio folgen zwei Deutsche mit jeweils zehn Treffern: Timo Werner von Leipzig und Sandro Wagner von Hoffenheim, die sich am Samstag im direkten Duell treffen.

Fjörtoft: Sandro Wagner war schon bei verschiedenen Vereinen und hat nicht überall Erfolg gehabt. Das zeigt, wie wichtig für einen Stürmer das Selbstvertrauen ist. In seinem Fall kann man sich die Frage stellen: War Hoffenheim das Beste, was Wagner passieren konnte? Oder umgekehrt Wagner das Beste für Hoffenheim? Ähnlich sieht es bei Timo Werner in Leipzig aus. Er hat die Schwalben-Geschichte gut überstanden, das spricht für einen starken Charakter. So etwas kann jedem Stürmer mal passieren. Dann heißt es weitermachen. Für die Bundesliga und den deutschen Fußball ist es gut, dass auch zwei deutsche Stürmer oben mit dabei sind. Und man darf auch einen Mario Gomez nicht vergessen, der zuletzt wieder getroffen hat. In anderen Topligen wie in England oder Spanien dominieren vor allem die Ausländer die Torjägerlisten. In der Bundesliga sind auch ein paar Deutsche dabei, das ist gut so.

bundesliga.de: Abschließend darf eine Frage zu Ihrem Ex-Verein Eintracht Frankfurt nicht fehlen. Wie sehr freuen Sie sich über die positive Entwicklung der Hessen?

Fjörtoft: Die Entwicklung ist fantastisch. In der letzten Saison war ich beim Spiel der Eintracht gegen Hoffenheim (0:2, die Red.). Die TSG hat damals verdient gewonnen. Danach wurde ich gefragt, ob ich noch an den Klassenerhalt glaube. "Natürlich bleiben sie drin", habe ich gesagt. Ich muss im Flieger zurück eine Nase wie Pinocchio gehabt haben. Seitdem haben die Kovac-Brüder eine super Arbeit geleistet. Ich freue mich sehr für die Eintracht-Fans. Bei Typen wie Niko Kovac oder Julian Nagelsmann lacht mein Fußballerherz.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

Weitere Artikel

© 2017 DFL Deutsche Fußball Liga GmbH