Bundesliga

12.05.2017 - 10:55 Uhr


Leipzig-Coach Ralph Hasenhüttl: "Platz zwei wäre für uns eine gefühlte Meisterschaft"

Köln - Dass RB Leipzig kein klassischer Aufsteiger sein würde, war den meisten wohl klar. Dass die Elf von Trainer Ralph Hasenhüttl aber so souverän durch die Saison marschieren würde und nun sogar kurz vor der Vize-Meisterschaft steht, überrascht selbst ausgewiesene Experten.

Vor dem Gastspiel des FC Bayern München in Leipzig spricht Hasenhüttl im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über seine Art, Fußball spielen zu lassen, über die ganz besonderen Fähigkeiten seiner Mannschaft und darüber, warum überhaupt keine Gefahr besteht, dass der erfolgsverwöhnte Coach demnächst die Bodenhaftung verlieren könnte.

>>> Alle News Deines Club findest Du in der Bundesliga-App

bundesliga.de: Herr Hasenhüttl, herzlichen Glückwunsch zum Einzug in die Champions League! Sogar die Vize-Meisterschaft ist jetzt noch möglich, vorausgesetzt Ihre Spieler sind nach den Feierlichkeiten vom vergangenen Wochenende allesamt wieder aufgetaucht...

Ralph Hasenhüttl: Wir haben heute Nachmittag erstmals seit dem Wochenende Training, deshalb muss ich noch abwarten, ob alle wohlbehalten wieder zurückfinden (das Interview wurde am Mittwochvormittag geführt; d. Red.). Aber davon gehe ich doch aus. (lacht)

bundesliga.de: Wird es am Samstag gegen den FC Bayern im eigenen Stadion und mit den eigenen Fans noch einmal ein großes Fest geben?

Hasenhüttl: Auf jeden Fall! Wir werden diese fantastische Saison nach dem Spiel gemeinsam mit unseren Fans gebührend ausklingen lassen. Schön wäre es natürlich, wenn wir zuvor gegen diesen Top-Gegner noch einmal ein gutes Spiel zeigen könnten. Auf alle Fälle wollen wir es besser machen als im Hinspiel (3:0 für den FC Bayern; d. Red.) und werden uns deshalb sehr gewissenhaft auf diese Partie vorbreiten.

Video: Leipzigs Weg zum Erfolg

bundesliga.de: Ist mit dem Erreichen der Champions League der Erfolgshunger für diese Saison gestillt, oder ist die Vize-Meisterschaft noch ein echtes Ziel?

Hasenhüttl: Wir wollen den zweiten Platz unbedingt behalten! Als Vize-Meister hinter dem FC Bayern über die Ziellinie zu laufen – das käme beinahe einer gefühlten Meisterschaft gleich, weil die Bayern in gewisser Weise in ihrer eigenen Liga spielen. "Best of the Rest" wäre ein Titel, den wir uns nur noch sehr ungerne wegnehmen lassen würden, nachdem wir bereits so lange auf dem zweiten Platz stehen.

>>> Alle Infos zum Spiel Leipzig - Bayern im Matchcenter

bundesliga.de: In fünf Jahren von der Regionalliga Nordost bis in die Champions League: Darf man da von einem Fußball-Wunder sprechen, oder ist dieser Erfolg doch folgerichtig?

Hasenhüttl: Wunder, das ist der Begriff für etwas, das man überhaupt nicht erwartet hätte. Die Entwicklung des Clubs war in dieser Schnelligkeit sicher nicht zu erwarten. Aber es ist auch so, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde in den vergangenen Jahren. Alles ist der Tatsache geschuldet, dass hier Menschen am Werk sind, die nichts dem Zufall überlassen und sehr viel Herzblut in ihre Arbeit gesteckt haben. Im besten Fall – und den haben wir nun – ist dann das möglich, was wir erreicht haben. Mehr als das, was in den vergangenen fünf Jahren geleistet wurde, geht für den Augenblick nicht.

bundesliga.de: Wann haben Sie selbst zum ersten Mal daran geglaubt, dass diese Mannschaft das Zeug hat, bereits in ihrer ersten Bundesliga-Saison Großes zu erreichen?

Hasenhüttl: Nach dem Heimsieg gegen Borussia Dortmund am 2. Spieltag habe ich gesehen, dass wir in der Lage sind, mit dem uns eigenen Fußball selbst solche Mannschaften zu schlagen. Schon damals war zu erkennen, was mit dieser Truppe möglich sein würde – immer vorausgesetzt, dass wir schnell lernen und es schaffen würden, unseren Fußball konstant auf den Platz zu bringen. Erinnert man sich heute an die ersten beiden Spieltage und daran, gegen wen wir damals vier Punkte geholt haben – nämlich gegen Hoffenheim und Dortmund - sieht man, dass diese beiden Teams bis zum Schluss ganz oben mit uns dabeigeblieben sind.

bundesliga.de: Was ist das Besondere an Ihrer Mannschaft, was macht ihren Erfolg aus?

Hasenhüttl: Es mag zunächst unspektakulär klingen, aber wir erarbeiten uns unsere Erfolge mit einer sehr aufopferungsvollen Art Fußball zu spielen. Lauftechnisch sind wir wohl eine der besten Mannschaften der Bundesliga. Aber auch fußballerisch haben wir mit unserem Tempo und unserer Handlungsschnelligkeit und mit den kognitiven Fähigkeiten, über die jeder Spieler verfügt, die Möglichkeit jeden Gegner zu stressen. Und wenn wir im Flow sind und unser Spiel fließt, dann sind wir nicht so einfach zu stoppen.

bundesliga.de: Wie würden Sie den Fußball Ihrer Mannschaft in ein, zwei Sätzen beschreiben?

Hasenhüttl: Im Mittelpunkt des Handelns steht bei uns die Arbeit gegen den Ball. Wenn wir den Ball aber selbst haben, verfügen wir mittlerweile über eine so hohe Qualität, dass es für den Gegner sehr schwer wird, gegen uns zu verteidigen. Ich denke, diese Beschreibung bringt unser Spiel ganz gut auf dem Punkt.

>>> Timo Werner: Leipzigs dynamischer Rekordmann

bundesliga.de: Eine Beschreibung, die nicht unbedingt identisch ist mit dem Fußball, den Sie auf Ihren vorherigen Stationen, wie in Aalen oder beim FC Ingolstadt, haben spielen lassen. Ein Taktik-Dogmatiker sind Sie nicht?

Hasenhüttl: Das ist absolut richtig. Ich habe bisher vier Mannschaften trainiert und habe überall etwas Anderes spielen lassen. Ich bin der Meinung, dass es immer darum gehen muss zu schauen, welche Qualität beziehungsweise welche Spieler zur Verfügung stehen. Wozu sind diese Spieler in der Lage, was passt zu ihrer Mentalität, wofür sind sie geeignet, was ist ihr Antrieb und womit fahren sie am besten? Das sind Fragen, die ich als Trainer für mich beantworten muss.

bundesliga.de: Allerdings zeichnet sich Ihre Arbeit überall durch eine Vorliebe für einen aktiven Fußball aus, der agiert und nicht nur reagiert...

Hasenhüttl: Ja. Denn diese Art Fußball schafft Identität mit dem Publikum. Es geht darum, für die Fans ein Erlebnis zu schaffen. Und ich glaube, dass es immer etwas Besonderes ist, wenn man sieht, dass das Team viel investiert und körperlich hart arbeitet. Dann hat der Zuschauer das Gefühl "die Jungs geben alles". Und das ist ohne Frage ein Erkennungsmerkmal, das bisher bei jeder meiner Mannschaften zu sehen war.

bundesliga.de: Gab es in der Saison eine Phase, in der Sie befürchtet haben, dass das Team vom Weg abkommen könnte, etwa als zwischen dem 19. und dem 25. Spieltag viermal verloren wurde?

Hasenhüttl: Ich hatte nie derartige Befürchtungen. Die Spiele, die wir verloren haben, sind meist sehr unglücklich für uns gelaufen. Der Gegner hat vielleicht einmal aufs Tor geschossen und getroffen, während wir viele Chancen hatten, aber kein Tor erzielen konnten. Aber so etwas passiert nun mal im Fußball. Bereits im Winter prognostizierten manche Stimmen fürs Frühjahr einen kompletten Einbruch. Die anderen Teams hätten den Code geknackt und würden unser Spiel-System mittlerweile kennen, hieß es damals. Und wenn sich die Euphorie der ersten Monate gelegt hätte, wären wir nur noch eine Durchschnittsmannschaft. Ich aber habe immer gewusst, dass wir mittlerweile so viel Qualität hatten, dass das nicht der Fall sein würde. Die zweite Saison-Hälfte hat mir Recht gegeben. Wir treten mittlerweile schon fast wie eine Spitzenmannschaft auf und stehen zurecht dort, wo wir stehen.

bundesliga.de: Die kommende Saison mit der bisher nicht gekannten Dreifachbelastung wird eine neue Herausforderung. Gerade auf internationaler Ebene werden Misserfolge nicht auszuschließen sein. Wird Ihre junge Mannschaft damit dann schon umgehen können?

Hasenhüttl: Ich hoffe es. Wir werden alles daran setzen, diese Doppelbelastung auf mehrere Schultern verteilen zu können. Mit einem breiteren Kader wollen wir dann auch diese Belastung bestehen. Dass das eine weitere Erfahrung und Herausforderung für uns werden wird, ist klar.

bundesliga.de: Das Gesicht dieser jungen Mannschaft wird sich also ein wenig verändern. Muss es älter werden, sprich muss man erfahrene Spieler holen?

Hasenhüttl: Nein. Das muss definitiv nicht der Fall sein. Wir sind gegen alle Unkenrufe, dass man mit U23-Spielern nicht in der Bundesliga bestehen kann, mit unserem Kader bisher sehr gut gefahren. Diese Meinung haben wir Lügen gestraft. Und haben auch in der kommenden Saison nicht vor, ältere beziehungsweise erfahrenere Spieler zu holen, oder nach Niederlagen in Aktionismus zu verfallen. Aktionismus wäre ein Zeichen von Schwäche und Planlosigkeit. Und mit dem Versuch, irgendwelche Reize zu setzen, macht man häufig mehr kaputt, als es helfen würde. Deshalb lehne ich jede Form von Aktionismus ab.

>>> Wähle jetzt Emil Forsberg oder Naby Keita ins Team der Saison

bundesliga.de: Sie sind dem VfR Aalen in die 2. Bundesliga, mit dem FC Ingolstadt in die Bundesliga aufgestiegen. Mit Ingolstadt konnten Sie die Klasse halten, mit Aufsteiger RB haben Sie die Champions League erreicht. Wer oder was bewahrt Sie davor, irgendwann vielleicht zu glauben, demnächst auch über Wasser gehen zu können?

Hasenhüttl: (lacht) Ich brauche niemand, der mich davor bewahren müsste. Ich bin mir sehr bewusst, wie fantastisch die vergangenen Jahre für mich waren, weiß das sehr zu schätzen und bin so demütig, das alles nicht als selbstverständlich zu erachten oder zu glauben, dass das immer so weitergehen würde. Zudem weiß ich sehr genau, dass ich ohne all die Mitarbeiter, die um mich herum sind bzw. waren, es nie geschafft hätte, diesen Erfolg zu haben. Ich nehme mich also gewiss nicht wichtiger als ich es tatsächlich bin, sondern halte es nach Michael Schumacher mit dem Satz "Die Blumen der Sieger gehören in viele Vasen". Und ich bin nur eine davon. Deshalb habe ich bisher auch nie Mitarbeiter von meinem ehemaligen Club zu dem jeweils neuen mitgenommen, sondern habe immer versucht, mich alleine in die neuen Gegebenheiten einzufügen. So laufe ich nie Gefahr, mich selbst zu wichtig zu nehmen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Weitere Artikel

© 2017 DFL Deutsche Fußball Liga GmbH