Bundesliga

01.03.2016 - 15:12 Uhr


Hans-Joachim Watzke: “Wir sind sehr stolz, Auba und Lewandowski entdeckt zu haben”

Köln - Wenn Borussia Dortmund am kommenden Samstag den FC Bayern München zum Klassiker empfängt, elektrisiert das nicht nur die Fans in Deutschland. Auch international stößt diese Partie auf ein enormes Interesse. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, über das Engagement des BVB auf den internationalen Märkten, über die Bundesliga und ihre Stehplatz-Kultur als Bewahrer der reinen Fußball-Lehre und über seine ganz persönlichen Empfindungen, kurz bevor im Signal Iduna Park der Ball rollt.

bundesliga.de: Herr Watzke, am Samstag kommt der FC Bayern München zum Klassiker in den Signal Iduna Park. Welches Vorgefühl löst dieses Spiel bei Ihnen aus?

Hans-Joachim Watzke: Wir haben vorher noch das Mittwochsspiel in Darmstadt, auf das wir zunächst den Fokus legen müssen. Aber es steht außer Frage, dass das Spiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München das größte ist, das es in Deutschland gibt. Und selbstverständlich spürt man längst die Vorfreude der Menschen auf dieses Spiel.

bundesliga.de: Es ist nicht erst Ihr erstes, zweites oder drittes Spiel gegen die Bayern als BVB-Boss. Übersteigt die Anspannung dennoch die vor anderen Partien?

Watzke: Nein. Aber ich glaube, dass das nur bei mir so ist. Ich persönlich bin vor einem Spiel etwa gegen Hoffenheim ebenso angespannt und im mentalen Tunnel wie das bei einer Partie gegen Bayern München der Fall ist. Für Fußball-Deutschland ist das Bundesliga-Spiel gegen Bayern aber vielleicht das wichtigste überhaupt. Man merkt hier noch einmal eine ganz besondere Atmosphäre im Signal Iduna Park und spürt förmlich, wie es knistert. Das ist so nur zweimal im Jahr der Fall – gegen die Bayern und im Derby gegen Schalke.

bundesliga.de: Wo halten Sie sich in den letzten 30 Minuten vor dem Anpfiff auf?

Watzke: Meistens bin ich zu diesem Zeitpunkt im Kabinenbereich und spreche noch einmal kurz mit Michael Zorc oder mit unserem Trainer. Manchmal habe ich zudem die Verpflichtung, einen unserer großen Sponsoren zu begrüßen. Etwa fünf, sechs Minuten vor Spielbeginn ist es dann aber mein festes Ritual vom Spielertunnel aus quer über den Rasen zur anderen Stadionseite zu gehen, wo sich mein Sitzplatz befindet.

bundesliga.de: Spüren Sie Gänsehaut, wenn die Mannschaften durch den Spielertunnel ins Stadion einlaufen und von den Fans empfangen werden?

Watzke: Ich verlasse den Spielertunnel meist schon zehn Minuten vor Anpfiff und setze mich, kurz bevor ich den Rasen überquere, noch für einen Augenblick auf die Trainerbank, um drei, vier Minuten lang diese Atmosphäre aufzusaugen, wenn das Stadion mit fast 81.000 Zuschauern längst gefüllt ist. Dieser kurze Moment und das Erleben dieses Fluidums geben mir unglaublich viel Kraft und laden mich immer wieder mit Energie auf. Ein wunderbarer Augenblick!

bundesliga.de: Rund vier Wochen nach dem Top-Duell gegen die Bayern folgt mit dem Revierderby auf Schalke der nächste Knaller. Wie wichtig sind der BVB und Schalke füreinander?

Watzke: Ich glaube, dass die Wichtigkeit nicht mehr ganz so hoch ist wie früher. Denn der Fußball ist internationaler geworden und neben der Bundesliga gibt es heute mit der Champions League ein weiteres außergewöhnliches Produkt. Das Revierderby Dortmund gegen Schalke ist und bleibt von nationaler Bedeutung, während das Spiel Dortmund gegen Bayern auch international die Massen elektrisiert. Das Revierderby wird immer ein sehr wichtiges Spiel für uns und gerade auch für unsere Fans bleiben. Aber es ist nicht mehr der Fixpunkt des Jahres. Zudem gibt es für die Schalker das Problem, dass sie in den vergangenen fünf, sechs Jahren zwar meist sehr ordentlich abgeschnitten haben, der BVB aber mit Ausnahme der vergangenen Saison stets deutlich vor Schalke gelegen hat.

bundesliga.de: Sie sprechen die Fans an. Was macht die Beziehung "Borussia Dortmund – Fans" über das Alleinstellungsmerkmal Südtribüne hinaus besonders?

Watzke: An erster Stelle steht das Thema "Echte Liebe", das exakt das Verhältnis von Club zu Fans und von Fans zu Club beschreibt. Wir leben diese "Echte Liebe", indem wir zum Beispiel 28.000 Stehplätze anbieten und immer in Schwarzgelb spielen, und auch dadurch, dass auf unserem Trainingsgelände alle Mannschaften von Borussia Dortmund versammelt sind, von den Jüngsten bis hin zu den Profis. Als ich vor elf Jahren angefangen habe, hatte der BVB knapp drei Millionen Fans, heute haben wir zehn Millionen. Und ich bin sicher, dass die Menschen das Authentische dieser besonderen Verbindung spüren.

bundesliga.de: Die Südtribüne ist die größte Stehtribüne in Europa. Was bedeutet Ihnen ganz persönlich die Stehplatz-Kultur?

Watzke: Die Stehplatz-Kultur ist für den Fußball extrem wichtig. So demonstrieren wir – etwa auch gegenüber England – dass der Fußball bezahlbar bleiben muss. Und das zeigt sich bei einem Club idealerweise darin, dass er Stehplätze anbietet, die zwischen 11 und 14, an der Tageskasse vielleicht bei 17 Euro liegen. Ich weiß nicht, wie viele Clubs es in Europa gibt, die 28.000 Stehplätze anbieten. Ich vermute aber, dass es außer uns keinen gibt. So schärfen wir das soziale Profil des Vereins. Natürlich will auch der BVB Geld verdienen. Aber es geht immer auch darum, dass der Fußball ein Massenphänomen bleiben muss.

bundesliga.de: Wahrscheinlich müsste man eher einen Mathematiker oder einen Psychologen fragen. Aber vielleicht können auch Sie einen Berechnungsschlüssel dafür nennen, welchen Anteil die Südtribüne am Erfolg des BVB hat?

Watzke: Das kann ich Ihnen so leider nicht sagen (lacht). Das hier aber ein deutlicher Zusammenhang besteht, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Wenn ich unter der Woche schon einmal hinunter auf den Rasen gehe und dann die Südtribüne hinaufschaue, löst das ein Gefühl von großer Demut aus. Natürlich braucht es im Spiel starke Charaktere, die dem Druck standhalten, wenn 28.000 Fans nach einem Fehlpass auch schon einmal aufstöhnen können. Das geht dann durch Mark und Bein.  Wenn aber, wie etwa in den letzten 15 Minuten gegen Hoffenheim (3:1; d. Red.), das gesamte Stadion – wir sollten das nicht nur auf die Südtribüne beschränken – die Mannschaft antreibt, schafft das eine einzigartige Atmosphäre. Dann wächst man als Spieler noch einmal um 20 Zentimeter,  zumindest als BVB-Spieler (lacht).

bundesliga.de: Der BVB hat das größte Stadion in Deutschland, zudem 133.000 Mitglieder und ist sportlich die zweite Kraft im deutschen Fußball - lässt sich das noch weiterentwickeln?

Watzke: Wir müssen das in zweierlei Hinsicht betrachten, national und international. International stehen wir im Ranking der zehn besten Mannschaften Europas. Obwohl wir, was die Wirtschaftskraft betrifft, vielleicht gerade einmal auf Rang 25 liegen. In der Bundesliga sehe ich eine Weiterentwicklung nur in der Hinsicht, dass wir uns wirtschaftlich noch weiter von den Clubs ab Platz drei absetzen. Den FC Bayern München werden wir hier niemals einholen. Wenn wir aber ein gutes Jahr spielen, haben wir zumindest sportlich die Chance einmal heranzukommen. Allerdings wäre dafür die Voraussetzung, dass die Bayern wieder einmal schwächeln. Bloß geschieht das seit einigen Jahren überhaupt nicht mehr. Sollte dieser Fall aber doch einmal eintreten, möchte der BVB da sein.

bundesliga.de: Gibt es Überlegungen, die Kapazität des Stadions zu erhöhen?

Watzke: Darüber denken wir nicht nach. Zum einen wäre das enorm teuer, denn der Grundkörper des Stadions ist bereits sehr alt und datiert aus dem Jahr 1974. Es würde aber auch nichts bringen. Wenn die größten Clubs der Welt Stadien haben, die kleiner sind als der Signal Iduna Park, sollte uns das zu denken geben. Ein Stadion mit einer Kapazität von 90.000 oder 100.000 immer zu füllen, wäre wohl sehr schwierig. Es ist ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal des BVB, dass unser Stadion fast immer ausverkauft ist. Und dieses Alleinstellungsmerkmal sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

bundesliga.de: In Deutschland ist der Bekanntheitsgrad der Marke Borussia Dortmund kaum zu steigern. Welches Potenzial aber hat die Marke über die Grenzen Deutschlands hinaus?

Watzke: Großes Potenzial. Aber man darf sich auch nichts vormachen. Man hat nur über die Champions League eine Chance, international eine ganz große Marke zu werden. Dort haben wir in den vergangenen Jahren Geschichte geschrieben, etwa im Finale 2013 gegen die Bayern oder 2014, als wir im Viertelfinale erneut den späteren Sieger Real Madrid besiegen konnten und kurz vor dem Weiterkommen waren. In der nächsten Saison werden wir hoffentlich wieder auf dieser Bühne vertreten sein. Wir wollen konsequent unseren Weg gehen und haben dabei für uns zwei Kernmärkte identifiziert. In erster Linie ist das gegenwärtig Südostasien, aber auch der amerikanische Markt ist interessant. In diesem Sommer werden wir wahrscheinlich erneut nach Südostasien reisen. Und auch für 2017 ist eine entsprechende Reise geplant.

bundesliga.de: In Singapur unterhält der BVB bereits ein Auslandsbüro. Könnte eines für den amerikanischen folgen?

Watzke: Ja. Allerdings nicht im Augenblick. Es ist wichtig, dass wir mit unseren Ressourcen vernünftig umgehen. Deshalb werden wir zunächst gezielt den südostasiatischen Markt bearbeiten und denken aktuell darüber nach, in China noch etwas zu machen. Erst wenn wir das Gefühl haben, dass wir dort richtig gut positioniert sind, werden wir uns Amerika zuwenden. Die kommenden zwei, drei Jahre aber gilt unsere komplette Aufmerksamkeit Südostasien. Wir haben enorm viele Anfragen für Gastspiele, etwa aus China, Thailand oder Indien, die in einem einzigen Jahr überhaupt nicht zu befriedigen wären.

bundesliga.de: Stichwort "Auslandsvermarktung im eigenen Land": Einige Bundesligisten bekommen zunehmend Besuch von ausländischen Zuschauern. Gibt es diesbezüglich Zahlen für den BVB?

Watzke: Uns besuchen zu jedem Heimspiel etwa 800 bis 1000 Fans aus England. Denn der Flug und das Eintrittsticket sind zusammengenommen häufig immer noch günstiger als der Eintritt für ein einziges Spiel in der Premier League. Zudem kommen viele japanische Fans, nicht zuletzt wegen Shinji Kagawa. Und auch Schweizer Fans spielen eine gewichtige Rolle, weil der BVB traditionell beste Erfahrungen mit Schweizer Spielern gemacht hat, von Stephane Chapuisat über Alex Frei bis nun hin zu Roman Bürki.

bundesliga.de: Macht die Attraktivität für englische Fans nur der günstige Eintrittspreis aus?

Watzke: Das ist nicht das einzige Argument, aber es ist ein sehr gutes. Denn die Tickets in der Premier League sind extrem teuer und zudem oft auch Sponsoren vorbehalten. Bei uns aber spürt der Fan aus England den Fußball so, wie er ihn auf der Insel schon seit zwanzig, dreißig Jahren nicht mehr erleben kann.

bundesliga.de: Auch die Stehplatz-Kultur spielt demnach eine Rolle...

Watzke: Sicherlich. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die Fans in England häufig auch stehen, wenn auch nicht auf ausgewiesenen Stehplätzen, sondern auf ihren Sitzplätzen. (lacht) Es ist insgesamt der echte und authentische Geruch des Fußballs, der die englischen Fans zu uns führt.

bundesliga.de: Und zwei der besten Stürmer Europas bekommen Sie mit Pierre-Emerick Aubameyang und Robert Lewandowski noch gratis dazu...

Watzke: Definitiv. Und wir sind sehr stolz darauf, dass wir beide entdeckt haben. Das zeigt, dass wir auch in diesem Bereich offensichtlich ganz gute Arbeit leisten. Robert ist ein außergewöhnlicher Spieler und ein außergewöhnlicher Mensch. Einer der besten Profis, mit dem ich jemals zusammengearbeitet habe. Pierre-Emerick ist optisch ganz anders, aber auch er ist extrem fokussiert. Und beide gehören definitiv zu den besten Stürmern in Europa.

bundesliga.de: Beschreiben Sie bitte zum Schluss noch Ihre mittel- oder gar langfristige Vision für den BVB...

Watzke: Der BVB muss nachhaltig der zweite Leuchtturm des deutschen Fußballs sein. Auf dem Weg der Umsetzung sind wir bereits recht weit gekommen. Zudem wollen wir immer unter den Top-Clubs in Europa vertreten sein. Das ist nicht unrealistisch, wenn auch sehr mutig für einen Club aus einer mit 600.000 Einwohnern nur mittelgroßen Stadt, die gegen die ganz großen Metropolen Europas antreten muss. Aber diesen Mut haben wir!

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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