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Bundesliga

25.02.2016 - 15:01 Uhr


Granit Xhaka: "Es wäre gerechtfertigt, die Ziele etwas offensiver zu formulieren"

Mönchengladbach - Mit dem 1:0-Sieg im Rheinischen Derby gegen den 1. FC Kön ist Borussia Mönchengladbach das erste Spiel ohne Gegentor seit mehr als drei Monaten gelungen. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Mannschaftskapitän Granit Xhaka über Borussias neues Defensiv-Verständnis und die bevorstehende, schwere Partie beim FC Augsburg, über Gladbachs begehrenswertes Potenzial an jungen Top-Spielern und über die Europameisterschaft in Frankreich.

bundesliga.de: Herr Xhaka, am Sonntag muss Borussia beim FC Augsburg antreten. Da werden Erinnerungen wach an das Hinrunden-Spiel, die erste Partie nach dem Rücktritt von Lucien Favre...

Granit Xhaka: Das war ein unglaubliches Spiel! Wenn ich mich recht entsinne, lagen wir nach nur rund 25 Minuten bereits mit 4:0 vorne  (Endstand 4:2; Anm. d. Red.). Man muss sich das noch einmal vor Augen führen: Nach den fünf Niederlagen zum Start waren wir wirklich am Boden und zudem geschockt durch den Rücktritt von Lucien Favre. Und dann kommen wir innerhalb von drei Tagen mit einer derartigen Top-Leistung zurück. Unglaublich! Wenn es so etwas gibt wie ein Schlüsselspiel, dann war es diese Begegnung gegen Augsburg. Von diesem Moment an lief plötzlich alles wie von selbst...

bundesliga.de: ...und es folgte eine Serie von zunächst fünf weiteren Siegen. Heute, vier Monate später, muss man aber sagen, dass es in dieser Saison ein rechtes Auf und Ab ist mit Borussia.

Xhaka: Unser Anspruch ist es zu beweisen, dass wir in die Region gehören, in der wir uns zurzeit aufhalten, also auf einem Platz, der für die Teilnahme an der Europa League berechtigt. Aber die Gegner und ihre Trainer sind natürlich nicht dumm. Man weiß jetzt, wie man gegen uns spielen muss. Nehmen wir etwa die Spiele in Mainz (0:1; Anm. d. Red.) und in Hamburg (2:3; Anm. d. Red.): Ich glaube, dass diese beiden Teams in dieser Saison in keinem anderen Spiel so viel gelaufen sind wie gegen uns. Das zeigt mir, welchen Respekt man uns heute entgegenbringt. Trotzdem gebe ich Ihnen Recht: Die Bilanz von zwei Siegen und drei Niederlagen aus den bisherigen fünf Rückrundenspielen ist zwar keine Katastrophe, aber alles andere als wirklich gut. Das Beste daran ist noch, dass wir trotzdem immer noch oben dabei sind.

bundesliga.de: Der 1:0-Erfolg im Derby gegen den 1. FC Köln war das erste Spiel ohne Gegentreffer seit mehr als drei Monaten. Hat Borussia die Balance zwischen Offensive und Defensive jetzt gefunden?

Xhaka: Gegen Köln haben wir es defensiv wie offensiv sehr gut gemacht. Einziges Manko war, dass wir den Sack nicht frühzeitig zugeschnürt haben. Es gibt keine Diskussion darüber, dass wir zuvor schlecht verteidigt haben. Jeweils drei Gegentore gegen Dortmund und gegen den HSV - das war einfach zu viel für eine Mannschaft, die oben mitspielen möchte. Wir mussten wohl erst wieder lernen, dass man kaum in jedem Spiel vier oder fünf Tore erzielen wird, um gewinnen zu können. Das 1:0 gegen Köln hat gezeigt, dass wir es jetzt verstanden haben.

bundesliga.de: Wie hat der Trainer auf die Defensivschwäche taktisch reagiert?

Xhaka: Wir müssen immer auch einen Plan B und gegebenenfalls sogar einen Plan C parat haben. Diese Pläne haben wir uns im Training erarbeitet. Wenn nötig, ziehen wir uns im Spiel jetzt auch einmal etwas mehr zurück und warten geduldig auf die Chance zum Kontern. Unsere Grundausrichtung bleibt es aber, den Gegner frühzeitig zu attackieren und unter Druck zu setzen. Immerhin haben wir so sehr viele Tore erzielt.

bundesliga.de: Was trauen Sie der Mannschaft in den kommenden Wochen zu?

Xhaka: Die großen Aufgaben kommen jetzt erst. Wir müssen u. a. noch gegen Wolfsburg, Leverkusen, Hertha, Schalke und die Bayern antreten. In diesen Spielen gegen direkte Konkurrenten um einen internationalen Platz können wir zeigen, dass wir zu Recht dort oben stehen.

bundesliga.de: Vorausgesetzt, dass man in Spielen wie nun in Augsburg nicht patzt...

Xhaka: Exakt! Ein gefestigtes Team zeichnet aus, dass es gerade in den Begegnungen gegen sehr unangenehm zu spielende Mannschaften wie Augsburg, Ingolstadt oder Darmstadt seinen Mann steht. Willst Du oben mitspielen, musst du diese Spiele gewinnen.

bundesliga.de: Ist es ein Vorteil, dass Augsburg zuvor noch in Liverpool gefordert war, oder steckt eine Profi-Truppe das weg?

Xhaka: Ich glaube schon, dass das ein Vorteil für uns ist. Augsburg hat in Liverpool alles abgerufen. Das hat ohne Frage Kraft gekostet, während wir unter der Woche "nur" trainiert haben. Deshalb müssen wir ab der 50. oder 60. Minute zeigen, dass wir noch mehr Luft haben als die Augsburger. Am liebsten wäre mir aber natürlich, wenn wir das Spiel zu diesem Zeitpunkt bereits für uns entschieden hätten.

bundesliga.de: Apropos Liverpool bzw. Premier League: Das Interesse der Engländer an einigen Borussen soll groß sein: Havard Nordtveit soll  ebenso begehrt sein wie Mo Dahoud oder Sie. Was raten Sie vor allem einem noch so jungen Spieler wie Dahoud?

Xhaka: Für Mo ist es die erste Saison, in der er wirklich zum Zug kommt. Er hat sich super entwickelt, das steht außer Frage. Aber bis dato kennt er nur die schönen Seiten einer Profi-Laufbahn, für ihn geht es bisher immer nur bergauf. Eine Krise musste er noch nicht durchstehen. Ich erinnere mich gut an mein erstes Profijahr. Damals hätte ich den Schritt weg aus der Schweiz und hin in eine andere Liga nicht gewagt. Das ist es, was ich Mo raten kann. Letztlich aber muss jeder natürlich seine eigenen Entscheidungen treffen und seinen eigenen Weg finden.

bundesliga.de: Abseits des Platzes wirkt Dahoud zurückhaltend, fast scheu...

Xhaka: Mo ist sicherlich nicht der Typ wie ich, der auch mal seinen Mund aufmacht und deutlich etwas sagt. Aber auch das wird er lernen.

bundesliga.de: Schüchtern sind Sie in der Tat nicht. Vielleicht vergisst man deshalb bisweilen, dass auch Sie gerade einmal 23 Jahre alt sind?

Xhaka: Wenn ich ein wenig zur Ruhe komme und vielleicht einmal die vergangenen Jahre Revue passieren lasse, bin ich selbst manchmal überrascht, dass ich gerade einmal 23 bin. Mein erstes Spiel als Profi habe ich mit 17 gemacht, aktuell spiele ich also meine sechste Profi-Saison. Mit 23 bereits sechs Profi-Jahre auf dem Buckel - das ist schon etwas. Ich glaube, dass ich schon immer jemand war, der Verantwortung übernehmen wollte. Schon im Kindergartenalter war ich es, nicht mein Jahr älterer Bruder, dem unsere Eltern den Wohnungsschlüssel mitgegeben haben(lacht).

bundesliga.de: Wie weit denkt ein Profi-Fußballer heutzutage überhaupt voraus? Kann man seine Karriere wirklich planen?

Xhaka: Ich bin ein Mensch, der sich immer langfristige Ziele setzt. Ziele, die man nicht von heute auf morgen erreichen kann. Man kann nicht innerhalb von ein paar Monaten lernen Fußball zu spielen wie Cristiano Ronaldo, oder sich eine Technik für den linken Fuß aneignen wie Lionel Messi. Wenn einem das überhaupt gelingt, dann nur, nachdem man sehr lange und sehr hart dafür gearbeitet hat. Mein Ziel wird es immer bleiben, einmal für einen der ganz großen Clubs in Europa zu spielen. Ob dieser Traum wirklich irgendwann in Erfüllung geht oder nicht, das wird man sehen.

bundesliga.de: Denken Sie schon an die Europameisterschaft?

Xhaka:  Nein, eigentlich nicht. Das wird sich aber ändern, wenn im März zum ersten Mal in diesem Jahr die Nationalmannschaft zusammenkommt. Dann wird man mit den Kollegen sicherlich über die Euro sprechen, die ja schon in wenigen Monaten stattfindet.

bundesliga.de: Sie werden dort mit der Schweiz auf Albanien und damit auf Ihren Bruder Taulant treffen. Tränen in der Xhaka-Familie dürften da ein Stück weit vorprogrammiert sein...

Xhaka: Keine Frage, das wird für die Familie Xhaka ein ganz besonderes und auch ein schwieriges Spiel. Ich habe in der Schweiz im Verein zwar schon einmal gegen meinen Bruder gespielt. Aber mit der Nationalmannschaft meines Heimatlandes auf den eigenen Bruder zu treffen, der wiederum für das Heimatland unserer Eltern spielt - das ist noch einmal eine ganz andere Sache. Meine Eltern werden wohl mit der einen Hand für die Schweiz und mit der anderen für Albanien klatschen. Am Ende soll der an diesem Tag Bessere gewinnen. Und das dürfte für die Schweiz schwer genug werden. Die albanische Nationalmannschaft von heute ist nicht mehr zu vergleichen mit der von vor 20, 25 Jahren.  Albanien spielt heute einen klasse Fußball, nicht zuletzt dank einer Reihe von Spielern, die Auslandserfahrung haben. Dieses Spiel wird für uns ganz sicher kein Selbstläufer.

bundesliga.de: Sie spielen bereits seit 2011 für die Schweizer A-Nationalmannschaft, Ihr Bruder trotz zuvor vieler Spiele für die Schweizer U-Nationalmannschaften seit 2014 für Albanien. Konnten Sie ihn nicht überzeugen, sich für die "Nati" zu entscheiden?

Xhaka: Für Taulant war wichtig, dass das Interesse an ihm von Seiten Albaniens weitaus größer war als von Seiten der Schweiz. Zudem hat er schon immer eher dazu tendiert, für Albanien spielen zu wollen. Und als ihm diese Chance geboten wurde, hat er zugegriffen.

bundesliga.de: Schweizer spielen in der Bundesliga und gerade bei Borussia eine immer wichtigere Rolle. Nach Ihnen, Yann Sommer und dem an den HSV ausgeliehenen Josip Drmic macht jetzt auch Nico Elvedi von sich reden. Was trauen Sie ihm noch zu?

Xhaka: Anfangs hat man Nico noch angemerkt, dass er ein wenig Zeit brauchen würde. Das hatte aber überhaupt nichts mit ihm persönlich zu tun. Jeder Spieler, der aus einer anderen Liga kommt, braucht etwas Zeit, um sich an das Tempo in der Bundesliga zu gewöhnen. Zudem spielen wir bei Borussia noch einmal einen anderen Fußball als ihn viele Bundesliga-Clubs praktizieren, so dass man ein paar Monate Eingewöhnungszeit einfach voraussetzen muss. Nico hat schon im Training sehr schnell gelernt und nun gegen Köln erneut ein klasse Spiel abgeliefert. Jetzt ist er auf dem besten Wege, sich zu etablieren. Was einmal mehr zeigt, wie schnell es im Fußball gehen kann.

bundesliga.de: Elvedi, Dahoud, Christensen, Hazard, Xhaka – welches Potenzial hat diese Mannschaft mittelfristig, sollte sie zusammenbleiben?

Xhaka: Das Potenzial ist herausragend. Schon wegen ihrer Altersstruktur sollte diese Mannschaft das Zeug haben, auf mittelfristige Sicht stets oben mitzuspielen. Und ich glaube, dass es in Zukunft durchaus gerechtfertigt wäre, die Ziele etwas offensiver zu formulieren. Bisher sagen wir vor jeder Saison, dass wir am Ende einen einstelligen Tabellenplatz belegen wollen. Nach den sehr guten Leistungen der vergangenen Spielzeiten könnte man meiner Meinung nach durchaus sagen: "Wir wollen regelmäßig um die internationalen Plätze spielen". Borussia hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass man in jeder Hinsicht zu den Top-Vereinen der Bundesliga gehört.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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