Bundesliga

13.10.2014 - 22:49 Uhr


Hecking: "Als Trainer bekommst Du kaum noch Ruhe"

Dieter Hecking und der VfL Wolfsburg stehen mit elf Punkten auf dem 7. Platz

"Im Umfeld und von den Medien wird sehr schnell alles hinterfragt - der Trainer, die Mannschaft, die Transferpolitik. Wenn du dich davon anstecken lässt, bekommst du wirklich ein Problem", sagt Hecking über den Druck im Profifußball

"Wenn wir kontinuierlich punkten, kommt auch die Leichtigkeit, so dass man ein Spiel mal 3:0 gewinnt", ist er zuversichtlich für die nächsten Wochen

Wolfsburg - Mit elf Punkten aus sieben Spielen ist der VfL Wolfsburg ordentlich, aber nicht überragend in die neue Saison gestartet (Startcheck). Im großen Interview mit bundesliga.de spricht Trainer Dieter Hecking über die Schwierigkeiten der ersten Wochen nach der Sommerpause, über die immer größere Konkurrenz in der ausgeglichenen Bundesliga und über zu viel Hektik zu früh in der Saison.

bundesliga.de: Herr Hecking, der VfL ist ordentlich, aber nicht überragend in die Saison gestartet. Haben Sie das so erwartet?

Dieter Hecking: Keine Frage, es geht immer noch besser. Aber man muss berücksichtigen, dass wir sieben und damit die zweitmeisten WM-Fahrer aller Bundesligisten hatten. Auch wenn die Spieler nicht bis zuletzt am Turnier beteiligt waren, so haben sie sich doch vier Wochen in Brasilien aufgehalten und hatten im Anschluss nur drei Wochen Urlaub. Da braucht es einfach Zeit, bis alle ihren Rhythmus gefunden haben.

"Wir haben einige Punkte liegen lassen"

bundesliga.de: Ist das eine Frage nicht nur der körperlichen, sondern auch der geistigen Frische nach einer WM?

Hecking: Absolut. Das Körperliche, das Läuferische, das bekommen die Spieler schnell wieder in den Griff. Man darf aber den mentalen Aspekt nicht unterschätzen. Eine WM, noch dazu in Brasilien, ist für viele der Karriere-Höhepunkt, egal ob man vielleicht schon nach der Gruppenphase oder erst im Achtel- oder Viertelfinale ausscheidet. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass unsere Spieler auch in der abgelaufenen Saison bis zuletzt großen, wenn auch positiven Druck hatten - wir standen im DFB-Pokal-Halbfinale und haben bis zum letzten Spieltag um den Einzug in die Champions League gespielt - muss man verstehen, dass die Jungs nicht gleich wieder bei 100 Prozent sein können.

bundesliga.de: Dazu kommt noch, dass Ihr Team schon in der Vorbereitung mit einigen, auch schweren Verletzungen zu kämpfen hatte...

Hecking: Man kann durchaus von ungeheurem Verletzungspech sprechen: Gleich in den ersten Tagen hatten wir vier schwere Verletzungen zu beklagen, so dass wir in den ersten fünf Wochen der Vorbereitung kein einziges Mal Elf gegen Elf spielen konnten. Wir waren gezwungen, immer wieder zu improvisieren. Und das ist gerade in der Zeit, in der sich eine Mannschaft einspielen und finden soll, sehr problematisch. Das hat sich auch in den Vorbereitungsspielen gezeigt, die zum Teil holperig waren. Zum Glück hat sich dieser Eindruck zum Saisonauftakt in München aber nicht bestätigt.

bundesliga.de: Dort hat der VfL zwar 1:2 verloren, hätte aber einen Punkt verdient gehabt...

Hecking: Diesen einen Punkt hätten wir zweifelsohne mitnehmen können. Oder nehmen wir das 2:2 gegen Frankfurt. In dieser Partie sind wir in der 79. Minute 2:1 in Führung gegangen, da ist ein Unentschieden zu wenig. Wir haben also schon einige Zähler liegen lassen (Wolfsburgs Ergebnisse). Andererseits waren die Punkte, die wir geholt haben, nie glücklich, sondern allesamt verdient, so dass wir mit elf Punkten aus sieben Spielen alles in allem erst einmal einverstanden sind. Immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass wir unter glücklicheren Umständen noch besser hätten starten können.

"Hoffenheim hat die richtigen Schlüsse gezogen"

bundesliga.de: Stichwort Verletzungen: Sind die fast folgerichtig angesichts der hohen Belastungen, denen gerade die Topteams der Liga seit Jahren ausgesetzt sind?

Hecking: Die Vierfach-Belastung aus Liga, Pokal, internationalem Wettbewerb und Nationalmannschaft trifft auf uns für die vergangenen Jahre nicht zu.

bundesliga.de: Aber es ist nicht auffallend, dass gerade Teams wie der FC Bayern, wie Dortmund oder Schalke die meisten Verletzten zu beklagen haben?

Hecking: Wenn wir uns in diesem Augenblick mit Sportmedizinern unterhalten würden, würden sie die hohe Belastung und damit die kürzere Phase der Regeneration bestimmt in Zusammenhang mit häufigeren Verletzungen bringen. Nehmen wir die aktuelle Situation: Während die anderen gerade ein wenig durchatmen können, müssen die Nationalspieler, die in der Regel Stammspieler in ihren Clubs sind, zwei weitere Spiele absolvieren und Reisestrapazen auf sich nehmen. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Es stellt sich die Frage, ob die Vereine, die mit diesem Thema konfrontiert sind, alle Möglichkeiten ausschöpfen, dieser hohen Belastung entgegenzuwirken, oder ob in diesem Bereich noch optimaler gearbeitet werden kann.

bundesliga.de: Können Sie schon Trends erkennen, obwohl erst ein Fünftel der Saison gespielt ist?

Hecking: Selbstverständlich darf man die Tabelle in diesem frühen Stadium der Saison nicht überbewerten. Trotzdem lassen sich gewisse Trends erkennen. Bayern München ist trotz der WM gut in die Saison gekommen; das hatte ich aber auch nicht anders erwartet. Auch die beiden Aufsteiger kommen von Beginn an besser zurecht, als das im vergangenen Jahr der Fall war. Und Hoffenheim bestätigt den guten Eindruck, den ich schon vor der Saison hatte. Ich denke, dass das Team von Markus Gisdol in dieser Saison eine gute Rolle spielen wird. Schon in der vergangenen Spielzeit agierte man ja offensiv sehr überzeugend. Und aus den Problemen, die man defensiv hatte, wurden offensichtlich die richtigen Schlüsse gezogen.

bundesliga.de: Obwohl erst sieben Spieltage absolviert sind, regiert teilweise aber bereits wieder Hektik...

Hecking: Ich halte es für das Allerwichtigste, dass man die nötige Ruhe und Gelassenheit hat bzw. bewahrt. Man darf im Umfeld nach drei, vier Spieltagen nicht gleich schwarzmalen, wie das beim HSV der Fall war und möglicherweise jetzt auch in Bremen geschieht. Im Umfeld und von den Medien wird sehr schnell alles hinterfragt - der Trainer, die Mannschaft, die Transferpolitik. Wenn du dich davon anstecken lässt, bekommst du wirklich ein Problem. Gerade in dieser Situation müssen alle die Ruhe bewahren.

bundesliga.de: Wie empfinden sie den Druck, unter dem Sie als Trainer heutzutage stehen?

Hecking: Als Trainer bekommst Du heute kaum noch Ruhe. Zwei verlorene Spiele, und sofort wird alles hinterfragt. Blicken Sie nach Schalke: Wenn ein Kollege, der unter dem Strich erfolgreich gearbeitet und zweimal in Folge die Champions League erreicht hat, nach sieben Spieltagen bereits hinterfragt wird, ist das sehr bitter. Die Entscheidung sich von Jens Keller zu trennen mag dennoch ein Stück weit verständlich sein, wenn man die Argumentation zugrunde legt, dass man sich nicht länger nach jedem verlorenen Spiel eine Trainerdiskussion aufzwingen lassen wollte. Letztlich würde das der Mannschaft sogar noch ein Alibi geben.

bundesliga.de: Was soll man den Beteiligten raten?

Hecking: Ich denke, dass der faire, respektvolle Umgang nicht verloren gehen darf. Deshalb sollte man jede Trainerentlassung kritisch hinterfragen. Wenn die Ergebnisse über einen längeren Zeitraum nicht stimmen, wird die  Arbeit in Frage gestellt, nicht zuletzt weil von außen der Druck Schritt für Schritt erhöht wird. Irgendwann kommt dann vielleicht auch der Punkt, wo du dich als Trainer selbst fragen musst, ob ein harter Schnitt nicht besser wäre. Ich hatte eine ähnliche Situation in Hannover, wo ich am Ende gesagt habe "Jetzt ist Schluss, es macht keinen Sinn mehr". Wenn der Verein Schaden nimmt, wenn in den Medien über Wochen täglich die Frage gestellt wird, wie lange der Trainer noch bleiben darf, ist der Punkt erreicht, wo du sagst "Bis hierhin und nicht weiter". Für Jens Keller hoffe ich, dass für ihn durch die gute Arbeit auf Schalke wieder eine Tür aufgeht und er beweisen kann, dass er ein guter Trainer ist.

bundesliga.de: Nicht zuletzt um diesen Druck zu minimieren, haben Sie nach dem 5. Platz des VfL im Sommer gewarnt, dass es kaum leichter werden würde in der neuen Saison. Sehen Sie sich bestätigt?

Hecking: Das Erreichte zu bestätigen, ist immer schwierig. Und dazu kommt noch die ungeheure Leistungsdichte in der Bundesliga. Ich bleibe dabei, dass Bayern München und Borussia Dortmund der Konkurrenz noch ein halbe Stufe voraus sind, wenn man alle Mann an Bord hat. Dahinter aber sind es nur Nuancen, die den Unterschied machen können. Es ist die große Qualität der Bundesliga, dass man in jedem Spiel ans Maximum gehen muss. Selbst gegen den Tabellenletzten kann man nicht glauben, man könne mit nur 80 Prozent bestehen. Das wäre ein fataler Irrtum.

bundesliga.de: Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Mannschaft in dem Wissen, fast allen Gegnern an individueller Klasse überlegen zu sein, bisweilen nicht gerade nur mit 80 Prozent ans Werk geht, aber eben doch nur 95 Prozent abruft?

Hecking: Nein. Dass wir elf und nicht mehr Punkte haben, hat andere Gründe. In Berlin etwa haben wir die Partie bestimmt, aber es fehlte die Durchschlagskraft. Und auch zuletzt gegen Augsburg war die erste Halbzeit holperig. Dann aber sind die Spieler aus der Kabine gekommen, und der Schalter war plötzlich umgelegt. Keine Frage, wir können fußballerisch sicher besser agieren, aber die Mannschaft hat dieses Spiel über den unbedingten Willen gewonnen. Ein solcher Arbeitssieg ist enorm wichtig, nicht zuletzt, weil wir damit den Druck auf unsere Konkurrenz erhöhen. Wenn wir kontinuierlich punkten, kommt auch das andere, kommt die Leichtigkeit, so dass man ein Spiel auch mal 3:0 gewinnt. Ich spüre jetzt, dass unsere Leistungsträger ihren Rhythmus wiedergefunden haben.

"Über 34 Spieltage unser Potenzial abrufen"

bundesliga.de: Sie haben Augsburg angesprochen: Vereine wie der FCA oder Mainz drängen nach vorne, Clubs wie der HSV, Stuttgart oder Hannover haben das wirtschaftliche Potenzia,  sich in der oberen Tabellenhälfte zurückzumelden. Spielen demnächst also fünf Sechstel der Liga um die internationalen Plätze und ein Sechstel gegen den Abstieg?

Hecking: Man sieht immer wieder, dass sich plötzlich Vereine weit unten wiederfinden können, die damit niemals gerechnet hätten. Der Hamburger SV ist da das beste Beispiel: Angesichts der Möglichkeiten, die der HSV hat, würde man den Club sicher nicht im unteren Tabellenbereich vermuten wie in der vergangenen Saison. Aber es stimmt schon: Die Leistungsdichte ist so groß, dass man schnell im Kreis der Europa-League-Anwärter auftaucht, wenn man mal sieben Punkte aus drei Spielen holt. Wir sollten nicht den Fehler machen, es als selbstverständlich anzusehen, dass wir zu diesen Vereinen gehören. Wir haben das Potenzial, aber wir müssen es über 34 Spieltage abrufen. Gelingt das, werden wir am Ende der Saison einen der begehrten Plätze im internationalen Geschäft belegen.

bundesliga.de: Diese Ausgeglichenheit macht die Bundesliga zu einer der stärksten Ligen, wenn nicht zur stärksten Liga der Welt. Warum aber tun sich deutsche Clubs in der Europa League seit Jahren eher schwer?

Hecking: Das Ausscheiden von Mainz 05 war ärgerlich, auch für die Bundesliga insgesamt und für die Fünf-Jahres-Wertung. Unser Selbstverständnis sagt uns, dass deutsche Teams mindestens bis ins Halbfinale kommen müssen. Aber die anderen Nationen, auch kleinere Vereine, haben aufgeholt. Unser nächster Gegner ist der FK Krasnodar. Das ist eine richtig gute Truppe, aktuell Sechster in Russland, nur kennt dieses Team hier kaum einer. Oft wird übersehen, dass im russischen Fußball längst auch sehr viel Geld im Umlauf ist und dass die Clubs über große Etats verfügen. Dort spielen Brasilianer, auch Westeuropäer. Diese Teams schlägt man also nicht im Vorbeigehen. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass wir auch in der Europa League unsere Aufgaben lösen können. Das ist auf jeden Fall unser Ziel. Denn uns bereiten diese Spiele am Donnerstagabend immer eine sehr große Freude!

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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