Bundesliga

11.10.2014 - 16:09 Uhr


Der Einfluss der Daten auf den FuSSball

Marcel Daum (l.) beobachtet gemeinsam mit Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner ein Training

Bamba Anderson mit einem Brustgurt, der während des Trainings oder Spiels Daten sammelt und weitergibt

Marcel Daum (r.) gemeinsam mit Mannschaftsarzt Dr. Wulff Schwietzer im Trainingslager der Eintracht

Frankfurt - Ballbesitz, Laufleistung oder die Auswahl von Spielern – Daten werden immer häufiger im Alltag der Bundesligaclubs eingesetzt um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wie die Aufgaben eines Video- und Datenanalysten aussehen erklärt Marcel Daum von Eintracht Frankfurt im Gespräch mit bundesliga.de.

bundesliga.de: Herr Daum, in welchen Bereichen und für wen bei Eintracht Frankfurt spielt ihre Arbeit eine Rolle?

Marcel Daum: Grob lassen sich meine Aufgaben in drei Bereiche aufteilen: Die Analyse der eigenen Spiele und Spieler, die Analyse der Gegner vor jedem Spieltag und eine Einbindung im Bereich Scouting. Wir unterstützen so das Trainerteam (Die Entwicklung der Trainerteams), unsere Spieler individuell und bei Entscheidungen bezüglich der Neuverpflichtungen.

"Es kommt auf die richtige Interpretation an"

bundesliga.de: Sie sind schon mehrere Jahre als Analyst tätig. Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?

Daum: Wir haben inzwischen ganz andere Möglichkeiten auf Bilder und Daten zurückzugreifen. Als ich während meines Studiums im Sportslab in Köln mit dieser Arbeit anfing, haben wir das Videomaterial aus allen Ligen der Welt selbst aufgezeichnet und kategorisiert, ein enormer Aufwand. Tracking- und Scoutingdaten standen uns nicht immer zur Verfügung, wir mussten je nach Bedarf beim Datenproduzenten anfragen bzw. vorbestellen. Heute haben wir Videodatenbanken, die wir nutzen können und alle gewünschten Informationen liefern. Auch das Rohmaterial der Tracking- und Scoutingdaten wird von der DFL zur Verfügung gestellt.

bundesliga.de: Wie sieht Ihr Alltag genau aus? Was gibt es für Aufgaben?

Daum: Grundsätzlich kommt es auf die richtige Interpretation der Daten und Sequenzen an. Durch den täglichen Umgang damit haben wir inzwischen eine Menge Erfahrung und können schnell die wichtigsten Informationen herausarbeiten. Für die Vorbereitung auf ein Bundesligaspiel filtern wir für den Trainer einige Spielszenen des kommenden Gegners, in denen es zum Beispiel um die Grundausrichtung oder das Verhalten bei der Balleroberung geht. So unterstützen wir die Vorbereitung auf jeden Gegner.

bundesliga.de: Welche praktischen Auswirkungen hat die Analyse der Daten auf das Training und die Vorbereitung? Wie nutzt ein Trainer die Daten?

Daum: Wir überwachen die verschiedenen Trainingseinheiten und haben zu jedem unserer Spieler spezifische Daten. Unsere Schlüsse daraus stellen wir dem Trainerteam zur Verfügung. Wie diese Erkenntnisse genutzt und auch interpretiert werden, ist bei jedem Trainer unterschiedlich. Wir geben ihm zusätzliche Informationen zur Bewertung der Mannschaft oder eines Spielers mit auf den Weg. Das alles sind Hilfestellungen, um die Mannschaft insgesamt zu verbessern und individuell auf die Spieler eingehen zu können. Die Spieler kommen teilweise auch direkt zu mir und wollen ihre Werte wissen oder Szenen sehen, um detaillierteres Feedback aus diesem Bereich zu erhalten. Dieses Interesse ist aber bei jedem Spieler unterschiedlich.

"Auch der lauffaulste Spieler kann gut sein"

bundesliga.de: Welche Aussagekraft haben denn die Laufwerte?

Daum: Die absoluten Werte werden häufig überschätzt. Auch der lauffaulste Spieler kann gut gewesen sein und mit einer entscheidenden Aktion zum Erfolg beigetragen haben. Die Daten dienen immer nur als ein Faktor, einen Bestandteil zu sehen und sind kein finales Urteil über die Leistung eines Spielers.

bundesliga.de: Und wie ist der Einfluss der Datenanalyse beim Scouting?

Daum: Wenn wir für eine Position mehrere Kandidaten im Auge haben, dann ziehen wir die Scoutingdaten über die potentiellen Neuzugänge heraus, um Vergleichswerte, auch mit unseren Spielern, zu schaffen. Sie sind aber auch hier nur ein unterstützender Faktor. Die Videosequenzen und Werte eines Spielers haben ebenfalls eine enorme Bedeutung, die Beurteilung des Scouts und zusätzliche Eindrücke aus dem Training sind aber auch äußerst wichtig. Mit unseren Mitteln helfen wir, Fehlerquellen zu minimieren und Entscheidungshilfen zu schaffen. Man sollte den Einfluss der Daten nicht zu hoch hängen, aber es gibt selbstverständlich Situationen, in denen die Datenlage den Ausschlag bei einer Verpflichtung gibt.

bundesliga.de: Auch Daten können fehlerhaft sein. Wie macht sich das bemerkbar?

Daum: Natürlich entstehen bei "Big-Data"-Erhebungen auch Fehler. Das liegt zum einen an der Quantität und zum anderen daran, dass die Daten gelegentlich fehlinterpretiert werden. Durch Erfahrungswerte und zuvor geschaffene Standardisierungen erkennt man diese Irritationen aber sehr schnell. Manche Zahlen können dann einfach nicht stimmen. Aktuell sind wir zusammen mit der DFL und den Datenanbietern deltatre und OPTA auf einem guten Weg mögliche Fehlerquellen zu minimieren.

"Die Bundesliga ist führend"

bundesliga.de: Wie sieht die Zusammenarbeit in der Liga aus? Gibt es viele Geheimnisse und einen großen Konkurrenzkampf?

Daum: Nein, eher das Gegenteil ist der Fall. Der Großteil der Daten steht ja jedem Club zur Verfügung. Da gibt es keine großen Geheimnisse mehr. Der Austausch untereinander ist sogar äußerst wichtig und ich bin sehr froh, dass es dafür regelmäßige Treffen gibt. Die Deutsche Fußball Liga organisiert alle drei Monate die sogenannte "Spieldaten AG".

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Stellung der Bundesliga im europäischen Vergleich?

Daum: Im Bereich der Datenproduktion und Auswertung halte ich uns für führend. Möglichkeiten wie z.B. das für die 1. und 2. Bundesliga extra produzierte Analysebild "Scoutingfeed" und die regelmäßige "Spieldaten AG" heben uns von anderen Ligen nicht nur ab, sondern auch auf ein enorm hohes Niveau. Unser Vorteil ist auch die Solidarität innerhalb der Liga. Wir wollen zusammen weiterkommen und auch die zweite Liga jederzeit mitnehmen.

"Das Thema Live-Kommunikation ist spannend"

bundesliga.de: Welche Entwicklung sehen Sie für die Zukunft? Wo gibt es noch Optimierungen?

Daum: Aktuell stehen wir Analysten im regen Austausch mit DFL und DFB, um unserem Berufsfeld mehr Wertigkeit zu verleihen. Wünschenswert wäre mittelfristig eine Qualifizierung bzw. Lizensierung in unserem Bereich zu formen. Fortbildungen für bestehende Analysten und Scouts, so wie Ausbildungen für angehende Nachwuchskräfte stehen hier im Fokus. Mit einer solchen Qualifizierung könnte man nachhaltig gewährleisten, dass nicht nur Trainer gezwungen sind, sich fortzubilden.

bundesliga.de: Und welche Einflussnahme können Daten in Zukunft auf das Spiel haben?

Daum: Spannend finde ich das Thema Live-Kommunikation. Das bedeutet, dass es eine stärkere und direkte Einflussnahme während des Spiels aus der Interpretation der Daten gibt. Der Fußball ist sehr dynamisch geworden und mit den Daten können schon während des Spiels Erkenntnisse gewonnen werden, die wir dem Trainerteam direkt zur Verfügung stellen können. Eine Intervention während des Spiels wäre durch mehr Kommunikation möglich und vielleicht könnten wir damit noch häufiger zu einem Erfolg beitragen.

Das Interview führte Alexander Dionisius

Weitere Artikel
#BLTippspiel
#Spielplan
Zu- und Abgänge

© 2016 DFL Deutsche Fußball Liga GmbH