Bundesliga

16.11.2015 - 17:47 Uhr


Aogo: "Breitenreiter passt hervorragend zu Schalke"

Dennis Aogo gehört zu den erfahrendsten Spielern im Schalker Kader

Gelsenkirchen - Nach tollem Saisonstart ist der Motor des FC Schalke 04 zuletzt ein wenig ins Stocken geraten. Vor dem Duell gegen den FC Bayern München spricht ein nachdenklicher Dennis Aogo im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de über die Gründe für den Leistungsabfall, über die enorme Klasse der Münchner und über Schwäche-Zeigen im Profi-Fußball.

bundesliga.de: Herr Aogo, der FC Schalke 04 ist sehr gut in die Saison gestartet, zuletzt aber blieben die Erfolgserlebnisse aus. Wie sieht die Mannschaft die Situation?

Dennis Aogo: Wir haben nicht das Gefühl, dass wir in einer Krise stecken. Ich glaube vielmehr, dass es für die aktuelle Situation mehrere Gründe gibt. Wir sind sehr gut in die Saison gestartet, weil der Trainer viel Euphorie mitgebracht und der Mannschaft damit positive Energie vermittelt hat. Nüchtern betrachtet muss man aber eingestehen, dass wir in dem einen oder anderen Spiel auch ein wenig das Glück auf unserer Seite hatten. Verletzungen, Sperren und die im Verlauf der vergangenen Wochen zunehmende Qualität der Gegner haben den guten Start dann etwas relativiert. Ich denke, alle diese Faktoren erklären ein Stück weit den bisherigen Saisonverlauf. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht selbstkritisch wären. Wir wissen sehr genau, dass wieder ein Tick mehr von uns kommen muss, um dorthin zurückzukommen, wo wir vor einigen Wochen schon einmal waren.

"Im Fußball zeigt man keine Schwächen"

bundesliga.de: Die Medien führen die Diskussion um Sportdirektor Horst Heldt als Grund an; kann diese Diskussion hartgesottene Profis tatsächlich beeindrucken?

Aogo: Ich kann selbstverständlich nur für mich, nicht aber für meine Mannschaftskameraden sprechen. Denn im Profifußball ist es so, dass man über Probleme und Dinge, die einen belasten, nicht so gerne mit den Kollegen spricht. Für meine Person kann ich aber sagen, dass mich diese Diskussion nicht belastet. In dem Moment, in dem ich den Platz betrete und den Gegner vor mir und unsere Fans im Rücken habe, ist es mir relativ egal, was im Umfeld passiert.

bundesliga.de: Selbst Teamkollegen, die an einem Strang ziehen, sprechen eher nicht über etwaige Probleme?

Aogo: Ich könnte jetzt etwas anderes erzählen und versuchen, das kleinzureden. Das würde aber nicht den Punkt treffen. Fußball ist ein Sport, bei dem man in der Regel nicht gerne zeigt, dass man vielleicht momentan eine Schwächephase hat oder in irgendeiner Beziehung besonders empfindsam ist. Stattdessen versucht man den Starken zu spielen und etwaige Schwächen zu verbergen. Das ist nun mal so. Nicht zuletzt, weil es immer auch einen Konkurrenzkampf um die Startelfplätze gibt. Man will dem Konkurrenten zeigen, dass bestimmte Dinge einen nicht berühren und dass man mental stark ist. Ich bin aber lange genug dabei, um zu wissen, dass es tief drinnen in dem einen oder anderen manchmal vielleicht doch ganz anders aussieht. Es gibt natürlich  Ausnahmen, zum Beispiel wenn man sich über viele Jahre kennt wie das etwa bei Max Meyer und Leroy Sané der Fall ist, die schon zusammen zur Schule gegangen sind. Sonst aber zeigt man im Fußball anderen gegenüber nur sehr selten Schwäche.

"Ich bin ein sensibler Mensch"

bundesliga.de: Sie sind ein sehr reflektierter, nachdenklicher Typ. Wie ergeht es Ihnen damit?

Aogo: Wenn man so gestrickt ist wie ich - wobei ich anmerken möchte, dass ich so, wie ich bin, gar nicht immer wahrgenommen werde - hat man es nicht unbedingt leichter. Ich halte mich für einen verhältnismäßig sensiblen Menschen, der sich über viele Dinge Gedanken macht. Dinge, über die ich mir vielleicht gar keine Gedanken machen müsste. Das kann einem das Leben schon etwas schwer machen. Deshalb glaube ich, dass derjenige, der etwas einfacher gestrickt ist und sich weniger Gedanken macht, es im Profi-Fußball wahrscheinlich leichter hat.

bundesliga.de: Als es zu Beginn sehr gut lief für Schalke, waren Sie es, der lobende Worte für die soziale Kompetenz des Trainers gefunden hat. Welchen Eindruck haben Sie in der aktuellen Situation von ihm?

Aogo: An meinem sehr guten Eindruck hat sich überhaupt nichts geändert. André Breitenreiter ist ein sehr emotionaler und ehrlicher Trainer. Dass das eine oder andere, das er geäußert hat, auch schon einmal als Bumerang zurückkommen ist, ist dieser offenen und ehrlichen Art geschuldet. Er vertritt seine Meinung direkt und geradeaus und legt sich nicht jeden Satz erst wer weiß wie lange zurecht. Das passt hervorragend zu der Emotionalität der Menschen auf Schalke. Deshalb sollte man es ihm nicht ankreiden, wenn er aus der Emotion heraus vielleicht schon einmal etwas sagt, was vielleicht nicht jedem gefällt. Ich finde, er passt mit seiner Authentizität hervorragend zu Schalke.

"Aktuell sind die Bayern kaum zu schlagen"

bundesliga.de: Schalkes kommender Gegner ist der zurzeit alles überragende FC Bayern München. Was macht Ihnen dennoch Hoffnung?

Aogo: Ich halte mich an das gute alte Bonmot "Wir haben keine Chance, aber die wollen wir nutzen". Der FC Bayern ist fast immer sehr gut, aber aktuell sind die Münchner in einer Verfassung, in der sie kaum zu schlagen sind. Da macht es überhaupt keinen Unterschied, ob sie nun zuhause oder auswärts spielen. Trotzdem werden wir versuchen die Chance, die uns außerhalb von Schalke ohnehin keiner zutraut, zu ergreifen.

bundesliga.de: Sie sind ein sehr erfahrener Profi, der mehr als 270 Bundesligaspiele absolviert hat. Sind Sie dennoch beeindruckt davon, was die Bayern leisten?

Aogo: Absolut. Das besonders Interessante ist, dass die Bayern die einzige Mannschaft sind, bei der auch ich als langjähriger Profi nicht weiß, was der Trainer dort eigentlich treibt. Bei allen anderen Teams erkennt man innerhalb von ein paar Minuten das Spielsystem und den Plan des jeweiligen Trainers. Bei den Bayern aber ertappe ich mich dabei, dass ich vor dem Fernseher sitze und mich frage "was genau hat Guardiola jetzt eigentlich vor?".  Da tauchen Spieler plötzlich auf völlig anderen Positionen als den üblichen auf, oder Laufwege sind völlig untypisch zu denen, die man gemeinhin kennt. Und dann wedelt er an der Seitenlinie auch noch alle zwei Minuten mit den Armen und ruft einen Spieler heran. Da fragt man sich "was erzählt er dem jetzt wohl?". Ganz ehrlich, das bzw. das Resultat ist auch für einen langjährigen Profi sehr beeindruckend.

"Wo ist die Zeit, wo sind die Jahre geblieben?"

bundesliga.de: Sehr beeindruckend ist auch die rasante Entwicklung von Leroy Sané. Worauf muss ein solcher Hoffnungsträger nun achten?

Aogo: Ich glaube, dass ich, wäre ich damals bereits so gut gewesen wie Leroy es heute ist, einen solchen Wirbel um meine Person nicht so gut verkraftet hätte. Ich war aber nicht annähernd so gut, was also könnte ich ihm raten? Vielleicht nur so viel: Ich erlebe Leroy als sehr bodenständigen Jungen, der unbekümmert ist und sich nicht allzu viele Gedanken über seine Situation macht. Aber er ist offen auch für Kritik. Er weiß, dass es wichtig ist, den Hunger sich weiterzuentwickeln nicht zu verlieren. Denn das wird darüber entscheiden, ob er am Ende ganz oben ankommt und auch längerfristig dort bleibt. Was dafür nötig ist und was er dafür braucht, etwa in seinem Umfeld, das kann nur er alleine wissen.

bundesliga.de: Auch Sie galten als großes Talent und leben längst eine veritable Profi-Karriere. Ihr Vertrag läuft noch bis 2017, dann werden Sie 30 sein. Kommt da schon einmal das Gefühl auf, dass einem das Leben zwischen den Fingern zerrinnt?

Aogo: Ja. Wenn ich Leroy betrachte, denke ich manchmal, dass es noch gar nicht so lange her scheint, dass ich dieser junge, aufstrebende Spieler war. Tatsächlich sind es aber eben doch schon elf Jahre seit meinem Bundesliga-Debüt, und damit ist das Karriereende weit näher als der Anfang. Bisweilen empfinde ich das als sehr erschreckend und frage mich "wo ist die Zeit, wo sind diese Jahre geblieben?" Umso mehr denkt man über das eigene Karriereende nach und darüber, was man im zweiten Lebensabschnitt machen könnte - allerdings ohne dass ich deshalb den Fokus und meinen Ehrgeiz als Schalke-Profi verlieren würde.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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