Bundesliga

05.07.2016 - 12:52 Uhr


Gladbachs Christoph Kramer: "Ich übernehme sehr gerne Verantwortung"

Mönchengladbach - Wollte man es biblisch ausdrücken, man würde davon sprechen, dass der verlorene Sohn wieder zuhause ist: Nach einem nur einjährigen Intermezzo bei Bayer 04 Leverkusen ist Christoph Kramer zu Borussia Mönchengladbach zurückgekehrt. Dem Club, bei dem der gebürtige Solinger zum Bundesliga-Stammspieler und schließlich sogar zum Weltmeister wurde. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Kramer über sein "Nach-hause-kommen", über seine Ziele mit der Borussia, seine Rolle als Ansprechpartner für junge Spieler und über den Saisonauftakt gegen Bayer 04.

bundesliga.de: Herr Kramer, vor 15 Monaten haben wir an ebendieser Stelle über Ihren bevorstehenden Abschied von Borussia Mönchengladbach in Richtung Bayer 04 Leverkusen gesprochen. Damals hatten Sie ein weinendes und ein lachendes Auge. Sind daraus recht schnell zwei weinende Augen geworden?

Christoph Kramer: Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man sich gut mit den Kollegen versteht, die man verlässt – und so war es bei mir in Bochum und auch bei Borussia – ist es nie leicht zu gehen. Der Kontakt zur Borussia, zu Max Eberl und zu einigen der Spieler, ist jedenfalls nie abgerissen. Und heute fühlt es sich an, als wäre ich nie weg gewesen.

bundesliga.de: Warum sind Sie in Leverkusen nicht so glücklich geworden, wie Sie sich das wohl erhofft hatten?

Kramer: Ich war dort nicht unglücklich und nicht unzufrieden mit mir und meiner Leistung. Immerhin habe ich wettbewerbsübergreifend 44 Spiele absolviert.

bundesliga.de: Auch Bayer 04 war mit Ihrer Performance zufrieden...

Kramer: Wenn man in ein neues Team mit einem neuen System kommt, bedeutet das immer eine Umstellung und anfangs hapert es vielleicht ein wenig. Deshalb war meine Hinrunde, wie die der gesamten Mannschaft, ein wenig zäh. Mit der Rückrunde aber war ich sehr zufrieden, mit mir selbst und vor allem damit, was wir als Mannschaft geleistet haben. Ich konnte meinen Teil dazu beitragen, dass wir acht Spiele in Folge siegreich waren und am Ende mit Platz drei die Champions League erreicht haben. Die Frage, ob ich mich sportlich in Leverkusen wohl gefühlt habe, hat sich also nie gestellt. Bayer 04 hat eine Top-Mannschaft, und die Art, die Roger Schmidt Fußball spielen lässt, finde ich hoch interessant. Und ich habe immer betont, dass ich mich nicht gegen Leverkusen entscheide, sondern für Borussia.

bundesliga.de: Wie bahnt sich ein solcher Transfer ganz konkret an?

Kramer: Wie gesagt, der Kontakt ist nie abgerissen. Man schreibt sich oder man telefoniert mal. Dann heißt es vielleicht scherzhaft "Fünf Spiele verloren, Du musst unbedingt zurückkommen". Oder man selbst schreibt "3:1 gegen Bayern München - da wäre ich wahnsinnig gerne dabei gewesen." Aber beide Seiten wissen, dass das nur Spaß und nicht wirklich ernst zu nehmen ist.

Video: Kramer bei seiner Vorstellung

bundesliga.de: Und doch ist irgendwann aus Spaß Ernst geworden...

Kramer: Genau! Aus Spaß ist Ernst geworden! (lacht) Man denkt irgendwann intensiver darüber nach, wie toll es war in den beiden Jahren in Gladbach, ohne dass man dieses Gefühl an etwas ganz Bestimmtem fest machen könnte. Ich könnte nicht sagen: "In Leverkusen hat mir dieses und jenes gefehlt, deshalb will ich zurück". Nein. Es war ein Bauchgefühl. Mir gefällt es bei Borussia so gut, dass ich einfach wieder Teil dieses Clubs und dieser Mannschaft sein wollte.

bundesliga.de: War es ein Gefühl von Nach-Hause-kommen, oder ist das eine zu romantische Vorstellung?

Kramer: Überhaupt nicht. Für mich war und ist es ein sehr romantisches Gefühl zurück zu sein. Ich mag die Leute hier wahnsinnig gern, spüre eine große Wertschätzung und viel Wärme und Nähe. Ein Gefühl, dass sich auf mein ganzes Leben auswirkt. Ich bin rundum glücklich und total gelassen.

bundesliga.de: Allerdings sind Sie zu einem Verein zurückgekommen, der nicht mehr ganz derselbe ist wie im Sommer 2015...

Kramer: ...weil mit André Schubert vor allem ein neuer Trainer da ist.

bundesliga.de: Ein Trainer, der einen etwas anderen Fußball spielen lässt als sein Vorgänger Lucien Favre...

Kramer: Ich finde nicht, dass der Fußball brutal anders ist als unter Lucien Favre. Natürlich hat André Schubert an ein paar Stellschrauben gedreht.  Wir verteidigen deutlich höher. Die Grundidee aber – der dominante Fußball – ist dieselbe geblieben. Das passt einfach zum Naturell dieser Spieler und ich mag es sehr, wenn eine Mannschaft so auftritt. Ob man dabei ein bisschen höher oder tiefer verteidigt, ist am Ende wirklich nicht mehr als das Drehen an einem Stellschräubchen.

bundesliga.de: Hat Schubert mit Ihnen bereits darüber gesprochen, wie er Ihre Rolle in diesem System sieht?

Kramer: Zunächst einmal glaube ich, dass mich André Schubert noch einmal auf ein höheres Level bringen kann. Das war bei Roger Schmidt so und wird auch bei Schubert der Fall sein. Grundsätzlich sehe ich meine Rolle aber nicht anders als bisher. Man weiß, was man von mir bekommt, wenn man mich verpflichtet. Ich gebe immer Gas, versuche immer, mich voll reinzuhauen und ich weiß, was ich kann und was nicht.

bundesliga.de: Granit Xhaka, der Borussia in Richtung London verlassen hat, sieht Sie in der Lage diese Mannschaft zu führen. Sehen Sie sich in dieser Rolle?

Kramer: Ich übernehme sehr gern Verantwortung. Das habe ich auf dem Platz schon immer getan. Ich bin niemand, der sich versteckt, wenn es einmal etwas schwieriger wird. Und auch abseits des Platzes vertrete ich meine Meinung, wenn man mich fragt. Grundsätzlich wird der Begriff Verantwortung im Fußball aber ein wenig größer gemacht als er eigentlich ist. Ich denke, dass jeder ein Stück weit Verantwortung für seine Position übernehmen muss, wenn er auf dem Platz steht.

bundesliga.de: Obwohl Sie selbst erst 25 sind, zählen Sie schon zu den Erfahrenen im Team. Wie sehen Sie etwa die Entwicklung von Mo Dahoud?

Kramer: Ich mag es, wenn ich jüngeren Spielern helfen kann. Für mich war in der Vergangenheit Lars Bender ein solcher Typ, der viel mit mir gesprochen und mir geholfen hat. Deshalb ist er ein echtes Vorbild für mich. Über Mo habe ich schon im Sommer 2015 gesagt, dass man den Nachfolger für meine Position längst in den eigenen Reihen hat. Mo ist ein hochbegabter Spieler, aber längst noch nicht am Ende seiner Entwicklung. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist, die guten Leistungen des ersten Bundesliga-Jahres im zweiten zu bestätigen. Die Erwartungshaltung ist einfach eine andere. Wenn Mo jetzt mal ein halbes Jahr lang weniger gut spielen sollte, dann ist das eben so. Das muss man bei einem so jungen Spieler einkalkulieren und akzeptieren. Dann muss man ihn ein wenig aus der Schusslinie nehmen und ihm immer wieder vermitteln, dass er befreit aufspielen soll - so wie er es bisher getan hat.

bundesliga.de: Zum Saisonauftakt trifft Borussia ausgerechnet auf Leverkusen. Was war Ihr erster Gedanke?

Kramer: Zunächst einmal habe ich mich sehr gefreut, dass wir mit einem Heimspiel in die Saison starten dürfen. Ich mag es, wenn man die Saison mit einem Heimspiel beginnen und auch beenden kann. Zudem liegt der Saisonauftakt unmittelbar nach unseren beiden Champions League Play-off-Spielen. Da ist es durchaus ein Vorteil, dass wir am ersten Spieltag nicht auch noch reisen müssen. Dass wir gegen Leverkusen starten, mag für die Medien interessant sein. Für mich aber wird es in dem Moment, in dem ich auf dem Platz stehe, ein Spiel wie jedes andere sein. Das war in der vergangenen Saison nicht anders, als ich mit Bayer 04 auf die Borussia getroffen bin.

bundesliga.de: Wie definieren Sie nun Ihre Ziele, die mit Borussia, aber auch die persönlichen?

Kramer: Persönlich möchte ich der Mannschaft immer für den bestmöglichen Erfolg helfen können. Was die Ziele des Vereins betrifft: Man hat nicht vergessen, woher man kommt und man weiß, dass zum Beispiel Wolfsburg keine Dreifachbelastung hat, dass Schalke richtig angreifen wird, dass Leverkusen ohnehin immer dabei ist, wenn es um die Champions League-Plätze geht, und dass vielleicht Leipzig bereits kommt. So viele Champions League-Plätze, dass alle diese Wünsche erfüllt werden könnten, gibt es bekanntlich aber nicht. Borussia hat in den vergangenen fünf Jahren vier Mal europäisch gespielt. Sollten wir es nun schaffen, zum zweiten Mal Champions League zu spielen, wäre das für mich eine unfassbare Leistung. Aber zu sagen "wir müssen jedes Jahr Champions League spielen" - das wäre vermessen. Deshalb finde ich es klasse, dass der Verein an der realistischen Einschätzung der vergangenen Jahre festhält.

bundesliga.de: Apropos realistische Einschätzung: Wie sieht der Weltmeister von 2014, Christoph Kramer, die Leistungen der deutschen Mannschaft bei der EURO?

Kramer: Was mich ärgert: Nach einem 3:0 gegen Slowakei etwa heißt es "Meine Güte, was waren die Slowaken schlecht!". Klar waren die schlecht, deshalb, weil Deutschland so gut war. Solche Siege kleinzureden, das gibt es bei keiner anderen Nation. Hätte England zum Beispiel 3:0 gegen Island gewonnen, hätte man das Team in der heimischen Presse bereits als Europameister gefeiert. (lacht) Fakt ist, dass Deutschland fast immer so dominant auftritt, dass jeder Gegner schlecht aussehen muss. Für mich ist die deutsche Mannschaft mit großem Abstand die beste des Turniers.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

 

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